Autorenseite

 << zurück weiter >> 

15

»Sind Sie bereit, ein Geständnis anzuhören?«

Magdas Augen wurden groß und von Angst umflort. Sie legte ihre Hand auf den Unterarm Frau Thiessens, der auf dem Tisch lag, und drückte in besinnungsloser Sorge ihre Finger hinein. »Bitte, erschrecken Sie mich nicht!«

»Haben Sie keine Angst, liebes Kind, es betrifft weder Sie, noch bedeutet es für irgend jemand Schlimmes. Sie haben meinen Sohn gepflegt, er hat ein Auge verloren, das wissen Sie. Sie haben ihn getröstet, sie haben seinen Jammer in Ihren lieben Händen gehalten. Sie haben getan, was ein Mensch nur irgend konnte. Auch Eggebrecht hat das getan. Sie wußten: mein Sohn hat durch Unbedachtsamkeit sich selbst verwundet; er mußte seinen Leichtsinn büßen. Sie sollen es heute anders wissen. Der ihm das Auge verletzte, war Eggebrecht. Er hatte sich die Waffe gekauft und zeigte sie Herbert. Er war der Leichtfertige, nicht mein Sohn. Der Schuß löste sich in seiner Hand, und mein Sohn büßt fremden Leichtsinn mit seinem Lebensglück. Um die gerichtliche Strafe abzuwehren und die Existenz des Freundes zu retten, nahm mein Sohn die Schuld auf sich: er hatte mit der Waffe hantiert und sich selbst verwundet. Er ging noch weiter: er gelobte dem Erschütterten mit seinem Manneswort, zu schweigen, wenigstens so lange zu schweigen, als Eggebrecht lebte oder ihm selbst das Wort zurückgab. Er hat sein Wort gehalten; er hat geschwiegen, das wissen Sie selbst am besten. Die Zeit ist vorüber; Sie sind die erste und einzige, die die Wahrheit weiß.«

Magda preßte die Hände ineinander und sagte nichts als:

»O Gott, wie grausam ist die Welt!«

Die Frauen schwiegen. Aber durch die Stille fühlten sie, wie das Schweigen sie einander näherbrachte, als Worte es getan hätten. Dann fuhr Frau Thiessen fort, still vor sich hinsprechend, fast, als wäre sie allein und ließe an ihrer Seele die Vergangenheit vorüberziehen:

»Eggebrecht behandelte ihn, er hat es gewiß in der Angst seiner Seele getan. Als auch das rechte Auge in Gefahr war, verloren zu werden – oh, ich möchte nicht in die Seele dieses Mannes gesehen haben, als Herbert in seiner grausamen Angst aufstöhnte und hilflos wie ein wundes Tier sein Leiden trug! Ich möchte nicht so mit fremdem Schicksal belastet durchs Leben gehen. Was Eggebrecht nicht vermochte, tat Ihre liebe Hand: sie tröstete und brachte ihm Hoffnung, und in dieser Hoffnung genas er.«

»Warum habe ich es nicht gewußt!«

»Sie durften es nicht wissen, Kind. Sie hatten tiefes Mitleid mit dem Armen, aber Sie bewunderten den Arzt, der ihm selbstlos half. Sie durften es nicht wissen, denn es wäre grausam für Sie gewesen. Als die Natur ihr Wunder vollbracht hatte und der Kranke heimkehrte, blieb Ihnen der Mann zurück, der Großes an ihm getan hatte und mit dem Sie die gemeinsame Sorge um den Geblendeten vereint hatte. Sie durften es nicht wissen, denn – Sie liebten Eggebrecht.«

Frau Thiessen hatte ganz schlicht und mit großer Wärme gesprochen, und Magda hörte es ruhig an. Nein, sie fuhr nicht auf, zeigte sich nicht einmal erstaunt; gegen dieses milde Wort aus dem Mutterherzen gab es keinen Widerspruch. Sie senkte die Augen und neigte den Kopf wie eine Beichtende.

»Ich weiß nicht, was der Doktor für Sie tat, aber er verließ Hamburg. Er verließ es ohne Sie. Warum sind Sie ihm nachgereist? Die Liebe einer Frau ist kein Kleid, das man von sich tut; ich weiß es. Hat er Sie gerufen?«

»Nein, er hat mich nicht gerufen.«

»Sie folgten ihm doch. Und nun hat man ihn Ihnen doch genommen. Wer hat das getan?«

Sie antwortete ruhig und fest:

»Eine andere Frau.«

»Und Sie sind frei, Magda. Wissen Sie nun, weshalb ich gekommen bin? Nicht um Eggebrechts, ich bin um meines Sohnes willen zu Ihnen gekommen. Wollen Sie mir noch ein paar Minuten zuhören und mir versprechen, mir nicht zu zürnen? Herbert ist einsam. Er hat sein Leid überwunden; aber er braucht einen Menschen, der leidgestählt ist wie er und mit ihm den Rest des Guten, der ihm verblieben ist, bewußt und fromm genießt. Ich sehe seine Seele verkümmern; ich habe ihn herzlich gebeten, sich eine Frau zu suchen, die sein Leid tragen hilft und von der ungeschmälerten Sonne ihres Lebens ihm abgibt. Er wehrt traurig ab, und ich wage nicht, nach seinen Gründen zu fragen. Ach Gott, ich kenne sie ja! Eine Mutter steht mit schärferen Augen, als so ein Junge denkt. Ich wußte es, er liebt die, deren linde Hand seine Wunde wusch und deren Wort ihm die Hoffnung zum Leben wiedergegeben hat. Und dann hat er es mir gestanden. Ich habe mich aufgemacht, Sie zu suchen, und ich bin glücklich, daß ich Sie gefunden habe. Er weiß nichts davon. Ich bin eine Mutter der Schmerzen ... Was werden Sie mir antworten?«

Frau Thiessen sah, wie im Gesicht der Schwester allmählich alle Beherrschtheit wich, wie sie schwer kämpfte, ihre Tränen zu bezwingen. Sie sah, wie sie die Arme auf den Tisch warf und den Kopf darauf bettete, sah die zuckenden Schultern und hörte aus bitterem Schluchzen mühsam die Worte:

»Ich kann nicht.«

»Sie können nicht, Magda? Ich weiß: weil sie ihn noch lieben. Der Tod löscht bei einer Frau, wie Sie sind, die Liebe nicht aus. Sie meinen, nicht zu dürfen; Sie glauben, jedem anderen Glück aus dem Wege gehen zu müssen. Sie sind ein ernster Mensch, Sie halten das für Ihre Pflicht.«

Magda hob den Kopf und hatte große, von Trauer beschattete Augen:

»Nein, Mutter, das ist es nicht.«

»Das ist es nicht? Sie wollen es nicht sagen, weil es zu grausam klingt: einen solchen Mann heiratet man nicht! An einen solchen Mann verliert man nicht sein junges sehnsüchtiges Leben! Der Amputierte kann seinen Jammer verbergen, aber ein solcher schreit es ja den Menschen ins Gesicht mit seinem toten Auge und dem schwarzen, häßlichen Pflaster darüber. Und Sie sind noch jung und sind hübsch – darum können Sie nicht!«

Magda antwortete nicht. Sie preßte die gefalteten Hände ineinander und sah blicklos ins Weite. Ein paar einzelne große Tränen fielen heiß auf ihre Hand.

Frau Thiessen begann noch einmal:

»Ach, Magda, was hat eine törichte Mutter sich alles gedacht! Was hat sie sich so schön ausgemalt! Sie haben den Doktor geliebt, und der Doktor hat eine große Schuld an den Sohn dieser Mutter. Er kann die Schuld nicht mehr tilgen, denn er ist tot. Aber er hinterläßt die Pflicht zu sühnen seinem Erben, und sein Erbe ist die, die ihn geliebt hat. Vielleicht ist das nur eine schöne Rede, und ich habe den Gedanken vielleicht auch gar nicht ernstlich zu Ende gedacht; es ist eben nur ein Traum, aber es wäre ein schöner Traum gewesen.«

Magdas Augen starren noch immer in den Raum, die stumme Gebärde ist wie ein Flehen. Frau Thiessen, fern jeder Zudringlichkeit, steht leise auf.

»Ich will Sie nicht quälen, mein Kind. Sie wissen am besten, was Sie wollen, und ich achte alle Ihre Gründe. Vielleicht denken Sie auch einmal anders; lassen Sie mich nicht ganz ohne diese Hoffnung gehen. Vielleicht auch wird inzwischen die Tat gesühnt. Das bringt Ihnen zwar den Toten nicht wieder und macht Sie auch nicht freier vor den Menschen, weil Sie schon jetzt alle Freiheit für Ihr Handeln haben; aber es nimmt doch eine Last von Ihnen, die Sie heute noch schwer bedrückt. Man müßte blind sein, wenn man das nicht sähe.«

Ihre Stimme bebt in dunkler Zärtlichkeit. Sie fühlt die heißen Finger des Mädchens in ihrer Hand, sieht in Augen, die wie im Fieber glühen und hinter denen ein zerbrochenes Leben steht. Armes Kind, denkt sie, was muß sie gelitten haben!

Dann ist Magda allein. War es ein Traum oder doch Wirklichkeit, was da alles über sie kam? Sie horcht nach verhallenden Schritten – nein, in diesem Hause ist alles gedämpft, alles Schweigen. Sie starrt nach der Tür, die sich leise geschlossen hat. Dann wirft sie sich auf das Bett und drückt den Kopf in die Kissen und schluchzt zum Herzzerbrechen.


 << zurück weiter >>