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17

Thiessen empfand das wohltuend. Er war an einem Punkt angelangt, wo Form und Inhalt seines Berichts schwierig wurden. Durfte er in gewohnter Weise seine Erzählung fortsetzen? Hier an Gerichtsstelle und einem Manne gegenüber, der ihn in amtlicher Eigenschaft befragte und noch dazu in einem Mordprozeß? Aber die Art des Richters ließ ihn den Eindruck gewinnen, daß seine Erzählung doch nur eine unbedeutende Episode sei, und er sagte sich zudem, daß er ja nicht vereidigt sei und auch nachträglich auf seine gesamte Aussage niemals den Eid leisten werde. So fuhr er, sich selbst beruhigend, fort:

»Ich bin während des Krieges nur Armierungssoldat gewesen und nicht mit der Waffe ausgebildet worden. Ich hatte nie ein solches Ding in der Hand gehabt. Eggebrecht erklärte mir den Mechanismus und zeigte mir die Handhabung. Er forderte mich natürlich zur Vorsicht auf, ich nahm meine Waffe in die Hand – und das Unglück war geschehen. Ich wurde trotz meiner starken Natur ohnmächtig und fand mich erst in der Klinik in den Armen meiner todunglücklichen Mutter wieder. Da haben Sie meine Geschichte.«

Nein, dem Richter war es nicht um die Geschichte irgendeines Mannes zu tun, wie er sie jetzt erfahren hatte, wenn sie auch noch so interessant und zudem menschlich ergreifend war. Er war auch kein mitfühlender Zuhörer gewesen, sondern nur der Untersuchungsrichter in der Mordsache Eggebrecht, Beauftragter der verletzten Gerechtigkeit, der eigens nach Hamburg gekommen war, eine Spur, und sei es auch die unscheinbarste, des geheimnisvollen Täters aufzuspüren. War diese Spur nun entdeckt? Begann das Dunkel um die Existenz der zwei gleichen Waffen sich zu lichten? Zwei Waffen, und aus jeder ein abgegebener Schuß? Der eine hatte diesen Mann ums Auge gebracht, und der andere? Dieser andere mußte es gewesen sein, der Doktor Eggebrecht getötet hatte.

Karsten griff nach der Ledermappe, die er neben sich auf der Platte des Schreibtischs liegen hatte.

»Würden Sie die Waffe wiedererkennen?« fragte er plötzlich.

»Ich denke doch. Ich habe zwar, wie ich andeutete, kein Verständnis für Pistolen, und es mag auch viele ähnliche oder gleiche Fabrikate geben, aber ich glaube doch –«

»Im Schreibtisch Doktor Eggebrechts wurde dieser Browning gefunden. Bitte ihn nicht zu berühren, er ist scharf geladen.«

Er hatte der Mappe ein Kästchen entnommen und es geöffnet. Die Schußwaffe lag in Samt eingebettet vor ihren Augen.

»Ich glaube sie wiederzuerkennen«, sagte Thiessen, nachdem sein Blick eine Weile darauf gelegen hatte, »die Größe – die Bauart – Form und Farbe des Schafts – ich glaube bestimmt, mich nicht zu irren.«

Der Richter ließ das Kästchen noch eine Weile in seiner Hand spielen, dann schloß er es wieder. »Es ist also keine kühne Kombination, wenn wir sie als die Waffe Doktor Eggebrechts ansprechen. Sie ist mit fünf Schuß geladen. Wie erklären Sie es, daß die sechste Patrone fehlt?«

Thiessen wurde durch diese Frage sichtlich überrascht – lauerte Gefahr dahinter? Dem Richter entging es nicht. Er sah es wie ein ganz leichtes Aufzucken über die Gestalt des Mannes gehen und las auf seiner Stirn eine kleine Besorgnis. Doch der andere hatte sich schnell wieder in der Gewalt und sagte recht kühl:

»Das zu erklären ist nicht meine Sache. Was soll es auch Besonderes zu bedeuten haben?«

»Es bedeutet nichts weniger, als daß offenbar ein Schuß aus dieser Waffe abgegeben worden ist. Nach Ihrer Darstellung ist aber an jenem Tage aus der Ihrigen geschossen worden. Das ist ein Widerspruch, der der Aufklärung bedarf. Es muß sich übrigens auch Nachweisen lassen – Sie besitzen Ihren Browning noch?«

Die Antwort kann nur verneinend ausfallen, denkt der Richter dabei. Wenn seine Theorie richtig ist, befinden sich beide in den Händen des Gerichts. Er ist deshalb nicht überrascht, nein, er ist befriedigt, als er die Antwort hört. »Nein«, lautet sie.

»Und wo befindet sie sich?«

»Ich habe sie verschenkt.«

»Ein seltsames Geschenk, eine geladene Waffe!« lächelt der Richter wie harmlos. »An wen?«

Thiessen zögerte diesmal nicht mit der Antwort.

»Es mag allerdings seltsam klingen, wenn es so bündig ausgesprochen wird: an eine Krankenschwester. Die Sache verhielt sich so: Ich war wiederhergestellt, das heißt, bis auf meinen Denkzettel, den ich zeitlebens tragen werde. Eggebrecht hatte meinen Browning an sich genommen; er fragte mich jetzt, ob ich ihn zurückhaben wolle. Ich lehnte dankend ab, mein Bedarf an Schießzeug war gedeckt. Ich sagte ihm, er solle das Ding in den Hafen schmeißen, dort, wo er am dreckigsten sei. Das hörte die Krankenschwester, die mich gepflegt hatte, und sie bat mich, die Waffe, statt sie zu vernichten, ihr zu schenken. Wenn Männer in dieser Zeit eine Waffe nötig hätten, so doch wohl erst recht eine Frau. Das klingt doch ganz natürlich. Ich war ihr ohnehin zu Dank verpflichtet. So habe ich sie ihr eben geschenkt.«

»Wie hieß die Schwester?«

Der Richter griff nach seinem Bleistift und rückte sich Papier zurecht. Aber er schrieb den Namen nicht. Er hatte ihn schon hundertmal gelesen und hundertmal selber ausgesprochen, er war unzähligemal durch seine Gedanken gegangen, und er würde ihn wohl niemals vergessen können.

»Schwester Magda, mit ihrem bürgerlichen Namen Magdalene Fromann«, sagte Herbert Thiessen.

Es war das viertemal, sagte sich Karsten, daß ihm auf eine Frage dieser Name geantwortet wurde. Schwester Magda, diese herbe, aber zweifellos charakterfeste Frau, die wie ein Schatten durch die ganze Untersuchung geisterte – welche Ausblicke ergab das, welche neuen Fragen warf es auf?

Diese Frau kam, woher Doktor Eggebrecht gekommen war! Sie war mit seinen letzten Erlebnissen seltsam verkettet! Sie hatten dieselben Bekannten, dieselben freundschaftlichen Beziehungen, sie war zuletzt seine Arbeitsgefährtin gewesen wie schon früher. Das war das, was er wußte, und was mochte ihm alles noch unbekannt sein? Und warum hatte sie darüber vor ihm geschwiegen?

Auch auf Thiessen muß die Person ihren Einfluß erstreckt haben. Der sonst gehaltene Mann wird lebhafter, als er jetzt von ihr spricht. Karsten hat ihn nicht weiter gefragt, aber er erzählt ganz gegen seine bisherige Gepflogenheit von selbst, erzählt von ihrer Pflege, ihrer Aufopferung, ihrem tröstenden Wort und überhaupt von dem guten Einfluß, den sie auf den Verlauf seines Leidens ausgeübt hat. So spricht man über diejenigen, die einem wertvoll geworden sind; so spricht ein Mann von einer Frau, wenn er – sie liebt.

Das kann Karsten juristisch nicht nachweisen, aber er fühlt es. Er unterbricht den Sprecher nicht, er hört ihm gern zu und nickt dann und wann Bestätigung. Plötzlich fragt er:

»In welchem Verhältnis stand die Schwester Fromann zu Ihrem Freund?«

Da horcht Thiessen auf. »Ich verstehe nicht recht, was Sie meinen. Er war doch ihr Vorgesetzter. Ich habe nie anderes beobachtet, als daß das Verhältnis auf dieser Basis stand und völlig korrekt gewesen ist.«

So ähnlich war Karsten schon einmal beschieden worden. Er ging über die Antwort hinweg, obgleich ihm dieser Punkt sehr wichtig schien. Er fragte nur noch:

»Wie kam es dann, daß beide, wenn auch zu verschiedenen Zeitpunkten, ihre Stellungen in Hamburg aufgaben und nach dem gleichen Orte, ja, nach derselben Anstalt übersiedelten?«

Die große Zurückhaltung in der Antwort fiel ihm auf: »Darüber weiß ich nichts. Von der neuen Stellung der Schwester habe ich übrigens erst in letzter Zeit erfahren.«

Der Richter machte sich ein paar Notizen. »Sie wissen«, sagte er dann, »daß Sie an Gerichtsstelle ausgesagt haben. Ich habe gewisse Formalitäten vermieden, ich habe auch nicht die Absicht, Sie auf Ihre Aussagen hin zu vereidigen. Das würde diesen Aussagen, auch den scheinbar nebensächlichen, eine schwerwiegende Bedeutung geben. Wenn es zu einer Hauptverhandlung kommt und Ihre Aussagen dazu nötig sind, werden Sie unter Eid stehen.«

Herbert Thiessen ist von den Worten seltsam berührt. Das ist ein verteufelter Kerl, denkt er, dem man nicht leicht etwas vormachen kann, vor dem man sich wie aus Glas vorkommt. Was weiß er von dem Schuß? Warum ist er so versessen auf die Geschichte mit den Waffen? Weshalb geht er von der Schwester nicht weg? Und das mit dem Eid ... Warum fragt er nicht geradezu: Haben Sie den Doktor Eggebrecht erschossen?

Nein, Karsten fragte das nicht, aber er hätte noch vieles fragen können. Warum fehlte in Eggebrechts Pistole ein Schuß – aus der Waffe war ja nicht geschossen worden? Und wieviel war sechs minus zwei? Aus Ihrer Pistole, Herr Thiessen, traf Sie selbst ein Schuß, und der zweite steckte in Eggebrechts Schädeldecke! Darüber konnte wohl kein Zweifel mehr sein, daß diese Waffe über die Fromann von Hamburg nach dem Tatort gewandert war. Aber warum enthielt sie noch fünf Patronen und nicht vier –?

Nein, der Richter fragte das nicht. Denn es war auch hier nicht gut, sich allzusehr in die Karten sehen zu lassen. Das schärfte die Sinne der Gegner, und wenn seine Beobachtungen richtig waren, hatte er verbündete Gegner vor sich.

Als er Thiessen entlassen hatte, saß er noch lange an seinem Schreibtisch, ordnete seine Gedanken, schrieb und stellte diese Fragen an sich selber.

Aber er konnte keine befriedigende Antwort finden.


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