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13

»Was bringen Sie Neues, Karsten?« Der Oberstaatsanwalt begrüßte den Untersuchungsrichter in Erwartung des Berichts über das erste Verhör Leo Hermsdörffers. Er hatte den Wunsch ausgesprochen, über den Stand der Untersuchung in der Sache Eggebrecht auf dem laufenden gehalten zu werden, noch ehe ihm die Akten von Amts wegen übergeben würden.

»Allerhand«, sagte Karsten. »Ob es freilich der hohen Staatsanwaltschaft in allem genehm ist, möchte ich nicht entscheiden.«

Der Staatsanwalt horchte auf.

»Hohen?« fragte er. »So sind Sie mit dem Haftbefehl der Staatsanwaltschaft nicht einverstanden?«

»Das möchte ich in dieser bedingungslosen Form nicht behaupten, wenn ich auch zugeben muß, daß mir der Zugriff ein wenig plötzlich erscheint.«

»Schnell handeln«, entgegnete der Staatsanwalt, »ist in solchen Fällen die erste Bedingung zum Erfolg. Die Gefahr der Verdunkelung ist groß. Es besteht auch bei dem mit mancherlei Hilfsmitteln ausgestatteten Verdächtigen begründeter Fluchtverdacht. Das Gesetz schreibt für diesen Fall die Inhaftierung vor. Wir würden schwere Verantwortung auf uns laden, wenn wir sie unterließen.«

»Ich möchte auch durchaus nicht formell protestieren, frage mich aber doch, ob die Indizien wirklich lückenlos sind. Das schmerzlich gesuchte Motiv ist ja gefunden: Eifersucht. Ein tadelloses Motiv. Einwandfrei, daß man seine Freude daran haben könnte – wenn die Sache mit der Waffe nicht wäre! Der Mörder hat sie weggeworfen, nicht weit vom Tatort, in den Garten des Nachbars. Ist das nicht ein wenig naiv? Ist das eines anständigen Mörders würdig? Man sagt ja, der Täter habe eine Scheu vor dem häßlichen Ding, er wolle es nicht wiedersehen, wolle es los sein, und das so schnell wie möglich, weil es ein unbequemer Mahner und ein gefährlicher Verräter ist. Gibt es dazu keine andere Gelegenheit, als es einen Armwurf weit von sich zu schleudern, wobei auch das kleinste Kind einsehen muß, daß es unbedingt gefunden wird?«

»Zugegeben«, sagte der Staatsanwalt, »das ist eben Künstlerpech. Auch dem gerissenen Mörder unterläuft eine Dummheit, die ihn ans Messer liefert. Übrigens haben wir's ja durchaus nicht mit einem Berufsverbrecher zu tun. Nehmen Sie unseren Fall an: unser Mann fährt im Affekt fort, so unbeherrscht, daß er beinah einen Menschen über den Haufen rennt; er stürzt auf das Haus zu, trifft den gerade heimkehrenden Doktor, schleudert ihm eine Beleidigung ins Gesicht und knallt in der Wut einfach drauflos. Dann sieht er mit Schrecken den Toten vor sich liegen, sieht auf einmal klar, wozu er sich hat hinreißen lassen, alle Vernunft verläßt ihn – nur fort von hier und weg mit der Waffe, solange sie noch niemand in seiner Hand gesehen hat! Später ist natürlich keine Gelegenheit mehr, die Dummheit wiedergutzumachen.«

»So kann es sein, und ich habe es mir so ähnlich selber konstruiert, bis –«

»Ja freilich, mein Lieber, bis – das glaube ich Ihnen. Unser Mann ist selbstverständlich unschuldig. Unser Mann hat sein Alibi, hat sich bei Kunden sehen lassen, natürlich nur ganz flüchtig und ohne geschäftliche Aktionen, so daß es heute unkontrollierbar ist, hat sich irgendwo Zigarren gekauft, mit Arbeitern beim Straßenbau gesprochen, einem Kind Schokolade geschenkt ... wer soll sich drei Wochen später an solche flüchtigen Begegnungen erinnern!«

»Hermsdörffer hat kein Alibi.«

»Sehen Sie an! Er macht eben so was zum ersten Male. Ich sagte es ja: kein sogenannter Berufsverbrecher. Er hat also gestanden?«

»Bewahre, und es klingt nicht einmal dumm, was er zu erzählen hat. Er gibt zu, er hat den Doktor mit Mißtrauen in dem Herweghschen Haus auftauchen gesehen, hat die allmählichen Veränderungen an Irene Herwegh bemerkt, hat für seine Pläne und sein Glück zu fürchten begonnen und den Eindringling bald ehrlich gehaßt. Als Frau Herwegh gesund war und die Besuche des Doktors nicht mehr nötig gewesen wären, sind ihm dessen Absichten deutlich geworden. Er hat Irenes Entfremdung feststellen müssen und beschlossen, Klarheit zu schaffen und den Mann zu einer Erklärung unter vier Augen zu zwingen. Er fährt diesmal ohne Schofför, denn er will für diese Fahrt keinen Zeugen haben. Er ist am Nachmittag des siebzehnten in der Villa gewesen und hat von der Haushälterin die bewußte Erklärung erhalten, ist dann abends aufs neue vorgefahren. Er gibt zu, daß er sehr erregt gewesen ist in Erwartung einer Aussprache, deren Verlauf an seine Selbstbeherrschung voraussichtlich große Anforderungen stellen würde. Er weiß auch, daß er in seinem Zustand vorschriftswidrig gefahren ist, und hat mit dem üblichen Strafmandat über fünfzig Mark gerechnet.

Als er gegen einhalb sieben Uhr vor der Villa hielt, sah er die Fenster unerleuchtet. Nur im Hausflur war Licht. Er schloß daraus, daß der Doktor noch nicht nach Hause gekommen sei, schämte sich, vor der Frau wieder als Abgewiesener stehen zu müssen, und fuhr, kaum daß er ein paar Sekunden gehalten hatte, schnell wieder davon.

Von einer Pistole weiß er nichts. Er besitzt einen Armeerevolver, den er bei der Demobilisierung erworben hat und worüber er Quittung besitzt. Man wird ihn bei seinen Sachen finden. Aus ihm ist, solange er ihn in Händen hat, noch kein Schuß abgegeben worden. Er hat ihn übrigens gar nicht bei sich getragen, denn es war nicht seine Absicht, mit der Waffe in der Hand sein Recht zu erzwingen. – Das ist sein Bericht. Über diesen hinaus wird er schweigen.«

»Schön«, sagte der Staatsanwalt, »ich danke Ihnen. Die Geschichte hört sich nicht uneben an. Aber wenn er so engelrein ist, weshalb hat er dann geschwiegen? Er wußte doch, daß man eifrig nach allen Umständen zur Zeit der Tat forschte. Macht ihn das, ganz abgesehen vom Motiv, nicht schon verdächtig?«

»Danach habe ich ihn auch gefragt. Er erklärt es mit der natürlichen Scheu, auch nur von fern mit einer Sache in Berührung zu kommen, die für ihn peinlich und schmerzvoll genug gewesen sei.«

»Bequem, aber nicht überzeugend. Was ist die Wahrheit? Wissen Sie, was Wahrheit ist? Ein unentdeckter Irrtum! hat einmal ein Philosoph gesagt. Wir brauchen das nicht zu glauben. Was meinen Sie?«

»Das kann einem den Appetit gründlich verderben.«

»Nein, nein, Ihnen nicht. Sie werden es schaffen, lieber Karsten. Sie haben noch mehr?«

Karsten griff nach seiner Mappe und holte das dicke Aktenstück »Eggebrecht« hervor. Er blätterte darin. »Ich habe noch mehr, allerdings. Nach der Weisheit Ihres Philosophen wäre es allerdings besser, man hätte das Porto gespart. Belieben Sie sich in die Zeit zurückzuversetzen, wo wir von diesem Hermsdörffer noch nichts wußten. Uns fehlten Motiv und Gegner. Hier konnten wir keinen Interessenten an des Doktors Tod auftreiben; also folgte ich, daß dieser anderswo existieren müsse. Ich schloß auf Hamburg, von wo Eggebrecht zu uns kam. Ich erinnerte mich, daß unter den Papieren des Getöteten ein paar an sich bedeutungslose Postkarten waren, und setzte an dieser schwachen Spur ein. Ich ersuchte den Fahndungsdienst Hamburg, nach diesem Herbert Th. zu forschen. Hier ist der Bescheid. Herbert Thiessen ist Oberingenieur in einem Hamburger Elektrizitätswerk. Ich habe seine Adresse. Man fand seine Spur, weil er im Sommer vorigen Jahres ein paar Wochen im Krankenhaus gelegen hatte und von Doktor Eggebrecht behandelt wurde. Die beiden sollen Jugendfreunde sein, weshalb Eggebrecht, obwohl in der Frauenabteilung beschäftigt, seine Behandlung übernahm. Es betraf eine schwere Augenverletzung. Thiessen hatte sich bei ungeschickter Handhabung mit seiner Browningpistole verletzt, Streifschuß ins linke Auge. Das linke ging verloren, das rechte rettete ihm der Doktor. Die von mir vorgelegten Postkarten stammen, wie festgestellt wurde, von Thiessens Hand. Soweit Hamburg.«

»Das ist alles? Was folgern Sie daraus?«

Karsten schloß das Aktenstück, das er eigentlich gar nicht benutzt hatte, wieder in seine Ledermappe und schlug mit der flachen Hand darauf. »Zunächst nichts«, antwortete er ruhig. »Aber sagen Sie: Ist Ihnen dabei nicht etwas aufgefallen?«

»Meinetwegen, aber mit Vorsicht: wieder ein Browning.«

»Ganz recht, und wenn Sie erlauben: ein Schuß ins linke Auge. Ist das nicht seltsam?«

»Es wäre interessanter, wenn wir diesen Hermsdörffer nicht hätten. Bis jetzt, muß ich gestehen, ist mir unser Mann weit lieber. Nun sagen Sie, was gedenken Sie zu tun?«

Der Untersuchungsrichter nahm seine Mappe vom Tisch und klemmte sie unter den Arm, eine Bewegung, die auf Verabschiedung deutete.

»Ich werde diesen Korrespondenten in Hamburg kommissarisch vernehmen lassen.«

»Worüber?«

»Über seine Beziehungen zu Eggebrecht. Was hat der Mann übrigens mit einer Pistole zu tun?«

»Wenn er keinen Waffenschein besitzt, allerdings nichts. Wollen Sie ihm eine Ordnungsstrafe verschaffen? Die dürfte dabei sicher herauskommen.«

»Ich erwarte mehr.«

»Und was inzwischen mit Hermsdörffer?«

»Nichts. Die Herren von der Zivilkammer sagen ja immer: Wir im Strafrecht haben nichts zu tun, die Indizien fliegen uns von selber zu, und wenn einer nicht gesteht, lassen wir ihn einfach brummen, bis er mürbe wird. Dem Mann ist zunächst nicht zu helfen.«

Der Staatsanwalt stand auf und reichte ihm die Hand.

»Wissen Sie was, lieber Karsten? Fahren Sie doch selbst! Die Sache ist bei Ihnen am besten aufgehoben. Was soll eine fremde Hand darin? Wenn ich persönlich auch nicht viel Hoffnung habe, so ist mir doch klar, daß, wenn etwas herauszuholen ist, es nur durch Sie geschehen kann.«

Karsten antwortete, schon an der Tür:

»Ich danke für die gute Meinung. Ich werde Herbert Thiessen persönlich vornehmen.«


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