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Das Gericht hatte eine Durchsuchung der Hinterlassenschaft Doktor Eggebrechts angeordnet, um unter den Papieren Hinweise auf etwaige Verwandte finden zu können und um Aufschlüsse über Personen zu erhalten, die zu dem Ermordeten in näherer Beziehung gestanden hatten.

Es war beinahe so: niemand kannte diesen Mann näher.

Wem die Natur ein phantasiebegabtes Gemüt beschert hat, sagte sich Landgerichtsrat Karsten, der kann auf die Aufrollung einer romantischen Geschichte von Abenteurern mit entwendeten Papieren, gefälschten Zeugnissen und hochstaplerisch gespielten Rollen hoffen, auf die Geschichte des Frisörgehilfen, der den Frauenarzt spielt, und auf manch andere reizvolle Unterschiebung. Für ihn selbst kam dieser phantastische Ausblick nicht in Betracht. Die ruhige Prüfung der Tatsachen, der Zeugnisse und sonstigen Legitimationen ließ eine Mystifikation ausgeschlossen erscheinen.

Die von der Polizei durchgeführte Haussuchung in der Villa ergab folgendes:

Es herrschte überall musterhafte Ordnung. Es war kein überflüssiger Hauskram vorhanden, der die Nachsuche erschwerte. Das hing wohl mit dem Junggesellenstand zusammen und dem Einstellen auf die Möglichkeit, gegebenenfalls einen Umzug rasch und mühelos vorzunehmen. Im Schreibtisch lagen die Papiere. Es waren die Originalzeugnisse, Urkunden, die sich auf die verstorbenen Eltern bezogen, wie Trauschein, Totenschein, Testamente und dergleichen, dazu Legitimationen der eigenen Person. Briefschaften und Hinweise auf schriftlichen Verkehr mit anderen fehlten so gut wie ganz. Ein paar Postkarten belanglosen Inhalts aus Hamburg, einfach mit Herbert oder Herbert Th. unterzeichnet, das war alles. Das besagte nach Karstens Auffassung nicht gerade, daß ein anderer Verkehr überhaupt nie bestanden habe, sondern daß die Belege dafür, Briefe und anderes, beim Umzug als belanglos und hinderlich einfach vernichtet worden waren.

Dasselbe galt offenbar von Rechnungen und anderen geschäftlichen Papieren, die wohlgeordnet ein Fach füllten, aber alle nur aus der Zeit des hiesigen Aufenthaltes stammten.

Nur bei einem Funde horchte man auf. In einem Sonderfach des Schreibtischs lag eine Browningpistole. Es war nach dem Urteil des Schießsachverständigen eine Waffe desselben Typs, woraus der tödliche Schuß auf den Doktor gefallen war. Es war dasselbe Kaliber; in der Kammer steckte ein Rahmen für sechs Patronen. Es waren noch fünf, eine davon war abgefeuert. Der Lauf war nach dem Schusse gereinigt worden. Die Geschosse waren dieselben wie das in der Schädeldecke des Toten gefundene Geschoß.

Karsten saß vor dem polizeilichen Protokoll, das ihm übergeben worden war. Was bedeutete das? Hieß es, daß der Schuß aus dieser Waffe abgegeben worden war, da die Kugel als sechste im Rahmen fehlte? War das überhaupt möglich? Dann hätte die Waffe vom Täter nach dem Schuß sofort an diesen Ort gebracht werden müssen. Er hätte die Hausschlüssel des Toten an sich nehmen oder Nachschlüssel besitzen müssen. Er mußte ins Haus und in die Wohnung gegangen sein und hätte dabei von Frau Milan bemerkt werden müssen. Frau Milan aber hatte nichts davon gesagt. Der Täter hätte auch, wenn er keinen Nachschlüssel besaß, die Schlüssel dem Toten wieder in die Tasche stecken müssen. Und, was nicht übersehen werden durfte: er hätte sich Zeit nehmen müssen, die Waffe zu reinigen, eine umständliche, gefährliche Verzögerung, die ihm überdies gar keinen Vorteil sicherte. War das möglich? Es ist vieles möglich, und es ist in der Kriminalistik schon viel und Seltsames geschehen, dachte der Richter – lassen wir es also nicht ganz außer Betracht.

Noch einfacher wäre es freilich, sagte er sich dann, eine zweite, völlig gleiche Waffe anzunehmen, deren es natürlich zahlreiche gab, und die Tatsache des abgefeuerten Schusses und der fehlenden sechsten Patrone als rein zufälliges Zusammentreffen anzunehmen.

Der Richter saß in seinem Dienstzimmer Nummer 48 des großen Landgerichtsgebäudes; er hatte manche Viertelstunde, zurückgelehnt in den großen Schreibtischstuhl, ohne äußerlich sichtbare Arbeit verbracht. Alles bisher Entdeckte wollte nichts besagen. Daß dieser Doktor so merkwürdig allein stand, war keinesfalls außergewöhnlich genug, um zu folgenschweren Schlüssen zu berechtigen. Daß keinerlei Privatkorrespondenz aufzufinden war, erklärte sich hinreichend aus dem Umstand, daß er ohne Familienanhang und offenbar überhaupt ohne nähere Verwandte war und daß er anscheinend bestrebt gewesen war, alles, was seine Freizügigkeit irgendwie beeinträchtigen konnte, sich vom Halse zu schaffen. Dagegen war einfach nichts zu sagen und also zunächst auch nichts daraus zu folgern. Es hatte nicht mehr Beweiskraft als der zu früh bejubelte Waffenfund.

Nein, das ist nicht der Weg, der zum Täter führt. Man muß einen anderen suchen. Weshalb morden die Menschen einander? Sie töten sich mit Leidenschaft aus Rache – aber man wußte nichts von Feinden des Doktors und kannte keinen, der ihm je gedroht hatte. Und sie schlagen einander tot um das Geld – Eggebrecht hatte keines. Was er an sich trug, Uhr, Ring und ein schöner Betrag an barem Geld, war ihm nicht geraubt worden. Der Doktor war nicht reich, und er war nicht arm. Er bezog ein gutes Gehalt. Auf der Bank, wo es eingezahlt wurde und durch die er seine Ausgaben erledigen ließ, lagen um zweitausend Reichsmark unter seinem Namen. Von allem, was er besaß, fehlte nichts, und es war auch kein Versuch gemacht worden, von dem Bankguthaben etwas abzuheben.

Das Geld also schied aus – so blieb, worum sonst Blut fließt und geflossen ist, seitdem Menschen die Erde bewohnen: die Liebe. Cherchez la femme – vielleicht blieb Karsten nur dieser eine Weg.


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