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Am elften April war vor dem großen Schwurgericht die Hauptverhandlung angesetzt »gegen die Pflegeschwester Magdalene Irma Fromann aus Frankfurt wegen Tötung des Assistenzarztes Doktor Eggebrecht«.

Das wirbelte die Sache wieder auf.

Das Interesse an der »Krankenhausgeschichte« war allmählich in anderen Ereignissen untergetaucht. Die Presse hatte nichts wieder darüber gebracht. Die Erörterungen waren vom Gericht im stillen geführt worden, man hatte keine Nachrichten an die Zeitungen gegeben, da man einer Mitwirkung der Öffentlichkeit nicht bedurfte.

Im engeren Kreise wartete man natürlich mit Spannung auf den Ausgang.

Nun sollte das Schlußwort gesprochen werden. Da großer Andrang zur Schwurgerichtssitzung zu erwarten war, wurden Karten für den Zuhörerraum ausgegeben. Ein Ansehen der Person gab es dabei nicht. Die Karten waren sofort vergriffen.

Der Vorsitzende dieser Schwurgerichtsperiode war ein älterer Richter von sympathischem Äußeren und jovialem Wesen, mit grauem, kurzem Spitzbart und Augen, die hinter goldumränderten Brillengläsern klug hervorsahen. Die Staatsanwaltschaft vertrat ein etwas jüngerer Herr, bartlos, im Gesicht mit einem Schmiß und mit sarkastischem Mund.

Die Reihe der Zeugen war im Vergleich mit ähnlichen Prozessen nicht besonders groß: es waren einige von der Krankenanstalt, die Haushälterin des Doktors, Oberingenieur Thiessen, der Gerichtsarzt und zwei Sachverständige. Denn die Beweisaufnahme würde voraussichtlich nicht auf Schwierigkeiten stoßen, da das Geständnis der Angeklagten vorlag.

Magda betrat an der Seite des Verteidigers den Saal, der bis auf den letzten Platz gefüllt war. Sie trug ein schwarzes, am Halse hochgeschlossenes Kleid, das sie sehr schlank machte und im Zusammenwirken mit Gang und Haltung sie fast vornehm erscheinen ließ. Zur Anlegung der Schwesterntracht glaubte sie sich nicht berechtigt, denn sie hatte dienstlichen Bescheid erhalten, daß sie bis zur Beendigung des Strafverfahrens von ihrem Amte suspendiert sei.

In dem großen Saal war nur gedämpftes Licht. Die Fenster hatten bunte Verglasung, die die Tageshelle milderte. Nur der lange Tisch der Richter und die Plätze der Geschworenen lagen im Hellen.

Das störte nicht. Wer durch diesen Saal schreiten mußte, von der Tür bis zum Platz des Angeklagten, hielt meist den Blick nach innen gerichtet und verspürte keine Neigung, sich prüfend umzusehen. So frivol waren wenige, daß sie die Neugier zur Musterung derer aufbrachten, die aus ihrem Unglück ein Schaustück machten, und daß sie unbekümmert ihr Gesicht der Sensationslust und Kritik preisgaben.

Auch Magda sah niemand an. Sie blickte starr geradeaus und ging sicheren Schrittes nach ihrem Platz.

Als sie eingetreten war, verstummte das leichte Stimmengewirr, das im Zuschauerraum eine tönende, unsichtbare Wolke bildete, mit einem Male, und alles sah nach ihr hin. Man konnte eine Nadel fallen hören. »Eine stolze Puppe!« sagte eine leise Stimme. »Beinahe vornehm!« flüsterte eine andere. Aber die meisten waren von der Bedeutung der Stunde ergriffen und hielten sich still.

Doktor Hiller übersah den Raum. Er sah prüfend auf die Geschworenen hin, die ihre Plätze bereits eingenommen hatten. Dort lag das Schicksal dieses Tages. Ein paar intelligente Gesichter, Lehrer, Fabrikanten oder dergleichen, ein paar Männer mit hageren, verarbeiteten Zügen, offenbar aus dem Arbeiterstande, wach, ernst, pflichtbewußt; dort ein Handwerksmeister, er kannte ihn persönlich, und, was er mit Befriedigung feststellte: eine Frau.

Er beugte sich zu Magda herab, die sich eben gesetzt hatte, und flüsterte es ihr zu.

Aber sie blieb ohne jede Teilnahme; sie antwortete nicht und deutete nicht einmal durch leises Kopfnicken an, daß sie verstanden habe. Doktor Hiller buchte es bei den mancherlei Absonderlichkeiten dieses Prozesses.


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