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20

Sie antwortete nichts. Stark bleiben, dachte sie, in dieser Stunde, vor diesem überlegenen Mann, der sie so herzlos fragte und mit der Schärfe seines Denkens nur verwunden und nichts gutmachen konnte, weil er nicht wußte, daß hinter dem stärksten Geist ein großes Herz und eine große Güte stehen muß.

»Ich vermisse in Ihrer Aussage«, fuhr Karsten fort und blätterte scheinbar suchend in den Akten, die vor ihm lagen, »auch den Namen des Hamburger Oberingenieurs Herbert Thiessen. Es hätte zur restlosen, wahrheitsgetreuen Darstellung Ihrer Beziehungen zu Doktor Eggebrecht unbedingt gehört, daß die Vorfälle, die mit diesem Namen zusammenhängen, zur Sprache gekommen wären. Sie haben es vorgezogen, darüber zu schweigen; Sie sind sich doch wohl bewußt, daß das zu Ihrem Nachteil ausgelegt werden muß?«

Magda sah erschüttert auf. Was war das? Was wußte dieser Mann? War er in alle Geheimnisse eingedrungen, selbst in die, die in der letzten Kammer ihres Herzens verwahrt lagen und ihr selber kaum deutlich bewußt waren?

Schon hörte sie sich wieder angesprochen: »Wollen Sie jetzt Aufschluß geben, warum Sie diese Tatsachen verschwiegen haben?«

Sie sagte ruhig und ohne Bedrücktheit: »Weil ich nicht annahm, daß es in irgendeinem Zusammenhang mit der Angelegenheit stehen könnte.«

»Das nahmen Sie an? Sie sahen keinen Zusammenhang? Auch in der Tatsache sahen Sie keinen, daß Sie – im Besitz einer Schußwaffe waren, die Ihnen Thiessen auf Ihren besonderen Wunsch geschenkt hatte?«

Er beobachtete die Wirkung, sah aber, daß sie keinerlei Überraschung zeigte. »Das war doch eine rein persönliche Angelegenheit.«

»Auch dann, wenn es sich um Befragung in einem Mordprozeß handelt?«

»Ich habe es auch dann dafür gehalten.«

»Auch die Tatsache, daß Sie mit einer Schußwaffe von Hamburg nach hier kamen und daß diese Waffe mit scharfen Patronen geladen war?«

»Das ist doch nicht erwiesen.«

»Ich will Ihnen sagen, was erwiesen ist. Aus dieser Waffe stammt das Geschoß, das Doktor Eggebrecht tötete. Diese Waffe hat der Täter nach der Tat von sich geworfen, und sie ist später gefunden worden.«

Karsten weiß recht gut, daß seine Darstellung eine Lücke aufweist, mindestens, daß noch eine Unklarheit in bezug auf die beiden Waffen vorhanden ist. Er geht mit Absicht darüber hinweg: mag sie es merken; dann wird sie vielleicht die Blöße ausnützen und unfreiwillige Aufschlüsse geben.

Aber sie tat es nicht. Sie saß nur in Abwehr, seiner Fragen gewärtig und bereit, alles von sich zu weisen, was nicht ihrem eigenen Willen zum Geständnis entsprang.

»Was taten Sie mit der Waffe?«

»Ich? Ich habe von keiner Waffe gesprochen.«

»... deren Besitz nach Ihren eigenen Worten eine ›rein persönliche Angelegenheit‹ war?«

Sie fühlte mit Beschämung, daß sie sich verfangen hatte. Doch Karsten ließ ihr nicht zu langer Besinnung Zeit, sondern fuhr schnell fort:

»Haben Sie sie an jemand anderen weitergegeben?«

»Nein.«

»Hat man sie Ihnen entwendet?«

»N – nein.«

»Sie besitzen sie demnach noch?«

Quälend waren diese Fragen, und es war ihnen nicht auszuweichen, wenn sie nicht lügen wollte. Aber das wollte sie nicht. Es hatte keinen Zweck mehr. Sonst hätte sie ja diesen furchtbaren Weg hierher nicht zu gehen brauchen. Er wäre sinnlos gewesen – wie diese ganze törichte Komödie hier.

»Warum fragen Sie nicht weiter?« rief sie plötzlich, unfähig, an sich zu halten. »Wozu dieses Versteckspiel? Warum fragen Sie nicht gleich: Haben Sie Doktor Eggebrecht getötet? Fragen Sie doch – ich werde Ihnen die Antwort nicht schuldig bleiben!«

»Und wenn ich Sie fragen würde?«

»Dann würde ich Ihnen antworten: Ja, ich habe es getan!«

Karsten nahm es ruhig hin. Er war nicht überrascht und brauchte sich nicht zu beherrschen. Mit nichts anderem hatte er sich auf der Fahrt von Hamburg hierher und während der zwei Stunden, die er in der Nacht schlaflos gelegen hatte, beschäftigt. Er hatte Glied an Glied gefügt, es fehlte dieses und jenes, aber das Schlußglied der Kette glaubte er vor sich zu sehen. Es konnte auch anders sein, er hatte sich mit seiner Meinung durchaus noch nicht festgefahren. Hatte man nicht schon wunderliche Überraschungen erlebt? Aber dieses Ende war ihm die offensichtlichste Lösung. Nein, er war nicht im geringsten bestürzt über die Antwort. Deshalb fragte er nur ganz ruhig, als wäre das alles selbstverständlich und als handelte es sich um die einfachste Feststellung:

»Warum haben Sie das nicht früher gesagt? Sie hätten sich manche schlimme Stunde erspart, die Sie gewiß hinter sich haben, und dem Gericht zeitraubende Arbeit.«

Was war das? War das noch das in allem so beherrschte Mädchen, das sich kühn bei ihm hatte melden lassen und eben noch so selbstsicher vor ihm saß? Sie war zusammengesunken, der Kopf war auf die Brust gefallen, das Gesicht hielt sie in beide Hände gedrückt, und sie stöhnte dumpf.

»Warum?« schluchzte sie. »Ich habe es nicht getan. Hat man das getan, was man nicht wollte? Ich habe es ja nicht gewollt!«

Er mußte sie stützen, sie hing wie leblos in ihrem Stuhl.

Er läutete nach dem Gerichtsdiener.

Die Untersuchungshaft über Leo Hermsdörffer wurde an diesem Tage aufgehoben. Über die Pflegeschwester Magdalene Fromann wurde sie ausgesprochen.

Der Richter hatte ihr, als sie nach dem Bekenntnis wieder zu sich gekommen war und sich einigermaßen beherrschte, eröffnet, daß es ihm leid tue, sie in Untersuchungshaft nehmen zu müssen. Das war nicht die übliche Phrase gewesen. Er hatte ein tiefes Bedauern empfunden mit dieser Frau, die er mit seinem Kennerblick achten mußte und hinter deren verschlossenem Wesen er einen Menschen vermutete, wie er an dieser Stätte nicht alltäglich war. Es würde nicht leicht sein, sagte er sich, diesen inneren Menschen freizulegen. Er würde sich schamvoll verbergen hinter ihrem verwundeten Frauentum, vielleicht auch hinter Verbissenheit und Trotz. Verbrecher und Bösewichter sind im letzten Grunde ihres Herzens feige. Diese feinbesaitete Frau würde den kalten, inquisitorischen Fragen widerstehen und mehr auf Hütung ihrer Innerlichkeit bedacht sein als auf Verteidigung und persönlichen Vorteil.

Aber Magda konnte nicht in Haft genommen werden. Der Gerichtsarzt stellte einen völligen Nervenzusammenbruch fest und Haftunfähigkeit.

Sie kam in die Krankenabteilung des Frauengefängnisses, Abteilung für Untersuchungsgefangene.

Dort lag sie schwerkrank, teilnahmslos, fast ohne Bewußtsein und durchaus nicht vernehmungsfähig.


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