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Wenn es nötig war, alle zu vernehmen, die mit Doktor Eggebrecht in den letzten Tagen seines Lebens in Berührung gekommen waren, so mußte dies auch mit der Familie Herwegh geschehen. Die Familie wohnte in einem Villenviertel an der Parkstraße, ziemlich weit entfernt von der städtischen Klinik. Da für Besorgungen und Besuche oder andere Wege stets Automobil und Schofför bereitstanden, hatte die Lage der Behausung keinerlei Nachteile.

Felix Herwegh war Hauptaktionär der Hecowerke, wie sich die Firma Herwegh und Co. nannte. Die Produktion war modern, Büro- und Buchungsmaschinen und ähnliches, was ins Fach schlug, der Betrieb war auf der Höhe, die Geschäftslage günstig. Gebäude und Erzeugung waren erweiterungsfähig und die Konkurrenz groß.

Die letzten Jahre hatten einen Aufstieg gebracht. Felix Herwegh hatte sich eine Villa gebaut, mit allen Neuerungen eines gepflegten Wohnstils; ihm fehlte, wie er gelegentlich äußerte, nichts als ein Sohn, der später das Erbe in Empfang nahm. Wenn es damit auch noch Zeit hatte – er war ein guter Fünfziger –, so war vorgesorgt doch besser. Irene war jetzt sechsundzwanzig, eine feingliedrige Gestalt, blond, mit einem Goldschein auf dem Haar, herb, sportgestählt, aber mit einem mädchenhaft weichen Zug um den Mund.

Die Sorge um die Gattin und Mutter hatte die Familie in letzter Zeit auf einen ernsten Ton gestimmt; dazu hatte der Mord an dem Freund des Hauses alle erschüttert. Irene war mehr von dem Schlage getroffen worden, als sie sich merken ließ.

Die Familie wunderte sich nicht wenig, als Irene »in Sachen Eggebrecht« eine Vorladung vor den Untersuchungsrichter erhielt.

Karsten war lange mit sich zu Rate gegangen, wen er vorladen sollte. Frau Herwegh kam ihres Gesundheitszustandes wegen nicht in Betracht, und das Nächstliegende wäre gewesen, Herrn Herwegh zu laden. Aber der Hausherr war, wie sich hatte feststellen lassen, bei den Besuchen des Doktors im Hause sehr oft nicht anwesend gewesen, da die in Frage kommenden Stunden ihn geschäftlich in Anspruch nahmen. Auch im Krankenhaus war die Tochter während der täglichen Besuche bei der Mutter häufiger mit dem Arzt ins Gespräch gekommen.

Ausschlaggebend aber war die Behauptung der Schwester Magda.

Irene war von der Vorladung peinlich berührt. Sie hatte zwar nicht die Scheu der kleinen Leute vor dem Gericht; bei dem großen Geschäftsbetrieb des Vaters war »auf dem Gericht zu tun haben« keine Seltenheit. Aber es war doch ein recht empfindlicher Unterschied, ob man wegen ein paar armseliger Mark, auch wenn es schließlich einmal Hunderte waren, »zu tun« oder in einer Mordsache Zeugnis abzulegen hatte.

Dazu sagte noch der Vater:

»Bist ja auch nicht ganz schuldlos: hättest es eben doch nicht so weit kommen lassen sollen.«

»Wie weit, Vater?«

»So weit, wie es eben gekommen ist, bis er sich glücklich hat umbringen lassen.«

»Habe ich es vielleicht getan? Das klingt, als stünde der Mord mit seinem Verkehr bei uns im Zusammenhang.«

»Das will ich durchaus nicht sagen, aber wer kennt denn alle Zusammenhänge? Sagen wir also, wir hätten es nicht so lange treiben dürfen.«

»Wir sind Doktor Eggebrecht zu viel Dank verpflichtet, das hast auch du anerkannt. Es wäre niedrig gewesen, es mit der bezahlten Rechnung abgetan sein zu lassen.«

»Davon spricht kein Mensch. Ich will der letzte sein, der ihm nicht dankbar ist.«

»Also, da wären wir ja einig, Vater.«

»Ich glaube nicht. Du bist heute etwas schwerhörig, mein Kind. Wollen wir also das Versteckspiel aufgeben und das Kind beim richtigen Namen nennen. Die Sache liegt doch so: wenn dieser Doktor nicht gekommen wäre, so wärst du jetzt Frau Hermsdörffer – jawohl, das wäre so gekommen. Ich hätte nicht viel dazu zu tun brauchen. Ich hätte dich nicht zur Romanheldin zu machen brauchen, die auf Befehl des tyrannischen Vaters den ungeliebten Mann heiratet, um die blind gewordene Geschäftsfirma neu zu vergolden. Erstens brauche ich kein fremdes Geld, denn ich habe zur Zeit noch selber welches, und zweitens hätte ich dich niemals dazu zu zwingen versucht. Aber es wäre gar nicht nötig gewesen. Der Mann gefiel dir ja selber gar nicht so übel. Nein, nein, laß mich zu Ende reden! Ich wollte durchaus nicht behaupten, daß du ihn schon liebtest; zu romantischer Liebe bist du wohl auch schon zu reif an Jahren. Kurzum, die Sache hätte sich gemacht, denn die notwendigen Grundlagen für eine vernünftige Ehe waren vorhanden. Beiderseits, jawohl. Es ist schon recht gut, wenn einer nicht als Bettler kommt.«

»Ich habe immer geglaubt, daß zum Heiraten mehr gehört.«

»Das glaubst du jetzt. Ehe der Doktor kam, schienst du nicht so fest davon überzeugt gewesen zu sein. Ich sah und habe es auch gern gesehen, daß du Hermsdörffer entgegenkamst.«

Irene bekam ein nervöses Gesicht. »Bitte, quäl mich nicht, Papa!« Sie tupfte mit ihrem Spitzentaschentuch die Augen. »Ich denke jetzt nicht ans Heiraten; ich habe nur noch den einen Wunsch, daß man den Mörder findet, und darüber hinaus wünsche ich, daß man ihn mir ausliefert, damit ich« – sie machte die Hand zu Krallen – »jawohl, das möchte ich.«

Der Vater lächelte.

»Übrigens besitzt Hermsdörffer großen Takt«, schloß Herwegh die Unterhaltung. »Er hat sich nie aufgedrängt, er hat sich die Wochen her nicht sehen lassen und dir Zeit für deine Trauer gegeben. Ich hoffe, daß du das bemerkt hast. Gestern fragte er mich, ob uns seine Aufwartung angenehm wäre. Was wünschest du, daß ich ihm antworte?«

»Bitte, Vater, antworte ihm, was du willst.«

»Das habe ich auch getan«, sagte er.


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