Joseph Roth
Die Geschichte von der 1002. Nacht
Joseph Roth

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XXXIII

Nach alter Gewohnheit ließ der Schah am Morgen den Obereunuchen rufen.

Die Majestät schlürfte den gewohnten Karluma-Tee. Die Pfeife lehnte am Tisch, lang wie ein Wanderstab; sie schien von selbst zu rauchen.

»Gestern hast du die Welt gesehn!« begann der Schah. »Was meinst du? Ist sie verändert seit dem letztenmal, da wir hier waren?«

»Alles verändert sich, Herr«, antwortete der Eunuch. »Und alles bleibt sich dennoch gleich. Dies ist meine Meinung!«

»Hast du alte Bekannte vom letzten Besuch her wiedergesehen?«

»Nur einen, Herr, eine Frau!«

»Was für eine?«

»Herr, sie war deine Geliebte, eine Nacht. Und ich hatte die unermeßliche Ehre, ihr dein Geschenk zu überbringen.«

»Denkt sie noch an mich? Hat sie von mir gesprochen?«

»Ich weiß es nicht, Herr! Sie hat nicht von dir gesprochen.«

»Was hast du ihr damals geschenkt?«

»Die schönsten Perlen, die ich in den Kisten gefunden habe. Es war ein würdiges Geschenk. Aber ...«

»Aber?«

»Sie hat es nicht behalten. Ich habe die Perlen gestern im Schaufenster eines Ladens gesehn. Ich habe sie zurückgekauft.«

»Und wie ist die Frau?«

»Herr, sie ist nicht wert, daß von ihr gesprochen werde.«

»Und damals? War sie damals mehr wert?«

»Damals, mein Herr, war es anders. Eure Majestät waren jünger, auch damals sah ich, wer sie war. Ein armes Mädchen. Nach den Sitten des Westens eine käufliche Ware.«

»Sie hat mir aber damals gefallen!«

»Herr, es war nicht dieselbe; es war nur eine ähnliche!«

»So bin ich also blind?«

»Wir sind alle blind«, sagte der Obereunuch.

Dem Schah ward es unbehaglich. Er schob den Honig, die Butter, die Früchte beiseite. Er dachte nach, das heißt, er gab sich den Anschein, als dächte er nach, aber sein Kopf war leer, ein ausgehöhlter Kürbis.

»So, also, so!« sagte er. Und dann: »Sie hat mir dennoch Freuden gegeben!«

»Wohl, wohl, das ist so!« bestätigte der Eunuch.

»Sag mir noch«, begann der Schah wieder, »sag's mir aufrichtig: glaubst du, ich irre mich, ich irre – in andern – wichtigeren Dingen auch?«

»Herr, wenn ich aufrichtig sein muß: es ist gewiß! Du irrst, denn du bist ein Mensch!«

»Wo gibt es Sicherheit?« fragte der Schah.

»Drüben!« sagte der Obereunuch, »drüben, wenn man tot ist.«

»Hast du Angst vor dem Tod?«

»Ich erwarte ihn, lange schon. Ich wundere mich, daß ich noch lebe!«

»Geh!« sagte der Schah, rief aber im nächsten Augenblick: »Bring mir die Perlen zurück!«

Der Eunuch verneigte sich und glitt hinaus, ein behäbiger Schatten.


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