Joseph Roth
Die Geschichte von der 1002. Nacht
Joseph Roth

 << zurück weiter >> 

XVI

Auch zwei Tage noch nach dem Prozeß hatte die Frau Matzner reichlich Gelegenheit, sich an ihrem plötzlichen Ruhm zu delektieren. Noch war sie halb betäubt von den Tagen, die sie im Gerichtssaal des Landesgerichts verbracht hatte, von dem Verhör, von ihrer Aussage und von ihrem großartigen und großherzigen Appell an die Gnade der Richter, und schon begann sie, in allerhand verworrenen, aber tröstlichen Vorstellungen von ihrer eigenen Zukunft zu schwelgen. Nur knappe zwei Tage nach der Beendigung des Prozesses durfte die Frau Matzner in diesem seligen Reich des Rausches und der Träume verweilen, gerade so lange, wie die Zeitungen Lust hatten, der Sensation Nachrufe zu widmen, in immer kleineren Artikelchen allerdings. Frau Matzner scheute keine Kosten, sie kaufte alle Blätter. Aber auch Nachbarn und Bekannte brachten ihr Ausschnitte. Am dritten Tage aber erstarb, wie durch einen bösen Zauber, die Rede von den Brüsseler Spitzen, und soviel Zeitungen die Frau Matzner auch an diesem Tage kaufte, nirgends fand sich auch nur ein Wort, das nur von ferne an den Prozeß hätte erinnern können. Es war der Frau Matzner, als wäre sie in eine entsetzlich starre Stille eingetreten, wie sie auf Friedhöfen in der Nacht herrschen mochte und in den Katakomben. Nein! nicht einfach eingetreten war sie in diese makabre Stille, hineingestoßen hatte man sie. Sie erlitt die grausamen und bitteren Gefühle aller Verlassenen und Verratenen, das verblüffte Staunen zuerst, die verständnislose Verwunderung, die trügerische Hoffnung, daß man selber nur träume, die schmerzliche Erkenntnis, daß man dennoch wache, die Verbitterung, die Ohnmacht und schließlich die Rachsucht. Sie versteckte die schnöden Zeitungen, in denen nichts enthalten war, damit sie keines ihrer Mädchen in die Hand bekäme. Sie ging hinunter in die Gasse, blieb eine Weile noch vor dem Haustor stehn, um sich ihre Haltung wiederzugeben, die sie in all den Wochen getragen hatte, denn es schien ihr, daß sie gebrochen und verkümmert aussehe. Vor allem sollte man es ihr nicht ansehn. Sie ging in verschiedenen Läden einkaufen, obwohl sie gar nichts nötig hatte. Aber es trieb sie, die Leute zu sehen und zu erforschen, ob auch sie schon etwas von der tödlichen und gehässigen Stille ausströmten, die in den Zeitungen waltete. Sie brauchte keine Brezeln – längst war ihr Appetit erloschen, und sie glaubte, sie würde niemals mehr im Leben einen Bissen nötig haben. Sie brauchte die Hafteln nicht – sie dachte nicht daran, alte Kleider auszubessern. Sie brauchte keinen Schuhknöpfer, kein neues Miederband, keinen Steckkamm und keine Haselnüsse. Aber sie kaufte alle diese Sachen ein, sie errichtete geradezu Barrikaden aus Paketen in Zeitungspapier rings um sich, aus diesem gesinnungslosen, verräterischen Zeitungspapier. Ihr Blick fiel auf das Stanitzl, in dem die Nüsse eingepackt waren: Da stand es fett gedruckt: »Der Prozeß um die Brüsseler Spitzen«. Drei Tage war es her – und schon packte man Haselnüsse in jene Blätter! Nicht auszudenken, welches andere Schicksal noch diesen Blättern vorbehalten war! In gleichförmige Rechtecke geschnitten, hingen sie bündelweise an Nägeln in den Toiletten der Schenken und der Cafés.

Frau Matzner bemühte sich noch, mit den Händlern in ihrem gewohnten, herablassenden Hochmut zu sprechen. Allein es schien ihr, daß sie nicht den großartigen Eindruck mehr machte wie bisher. Eine gewisse Familiarität in der Ausdrucksweise aller Leute war nicht zu verkennen. Dank ihrer geübten und gepflegten Empfindlichkeit gab sie sich Rechenschaft darüber; und schon begann sie zu fürchten, sie sei sogar noch weniger geworden, als sie vorher gewesen war.

»Nun, Sie haben ja alles erreicht«, sagte Efrussi zu ihr. »Alles erreicht«, sagte der Mann. Er dachte offenbar nur an das Geld ...

Ein paar Wochen später beschloß sie zu resignieren. Das Haus war nicht mehr aufrechtzuerhalten. Sie kaufte den Sekt nicht mehr beim Hoflieferanten Weinberger, sondern bei Baumann in Mariahilf. Wozu auch? Wie spärlich waren jetzt noch die alten, guten Kunden. Und selbst diese erschienen ihr verwandelt, geradezu verkümmert. Sie waren nur noch vergilbte und verblaßte Abbilder ihrer selbst. Die Gäste waren erbleicht, die Körper und Gesichter der ältlichen Mädchen verfielen zusehends, der Frack des Klavierspielers wurde grünlich, die Tapeten schälten sich langsam von den Wänden, das Sofa seufzte, wenn man sich nur hinsetzte, auf dem Spiegel häuften sich die blinden Flecke, und sogar die Putzfrau Clementine Wastl hatte schon die Gicht. Es war nichts mehr zu machen. Frau Matzner unterwarf sich dem grausamen Gebot der Zeit. Sie verkaufte das Haus. Es wurde eine billige Filiale des mondänen Hauses in der Zollamtsstraße.

Der Abschied machte sie nicht einmal wehmütig. In einer Abendstunde, im herbstlichen Halbdunkel, innerhalb der knappen Zeitspanne, die zwischen dem Erlöschen des Tages und dem Aufleuchten der Laternen lag, rollte sie im Fiaker davon. Sie sah sich nicht mehr um. Die Mädchen gehörten ihr nicht mehr. Sie unterstanden bereits der Zollamtsstraße.


Es schien zuerst der Frau Matzner, daß sie bereits mit dem Leben abgeschlossen habe, aber sie täuschte sich und fühlte selbst, daß sie sich getäuscht hatte. Denn anstatt, wie es ihre Absicht gewesen war, sich in den Schutz der weltfremden Stille zurückzuziehen, irgendwohin in eine Provinz, wo kein Mensch sie kannte, beschloß sie plötzlich, in Wien zu bleiben, und zwar mitten in Wien, in der innern Stadt. Auf eine natürliche Weise vermengten sich in ihr Geiz und Geldsucht mit der Furcht, sie wäre, abgesondert von der Welt, dem Tod und dem Alter noch schneller ausgeliefert; und jener: sie könnte die Heimstätte ihres Kapitals verlieren. Es schien ihr, daß sie einen Verrat an ihrem Geld beginge, wenn sie es verließe; es würde verwaist bleiben, ein hilfloses Kind. Nein, sie wollte nicht weg! Sie mietete sich im Gegenteil im Herzen der Stadt ein, in der Jasomirgottgasse.

Sie war ein wenig heimatlos in den ersten Tagen, und obwohl sie die innere Stadt seit ihrer Jugend sehr wohl kannte, kam es ihr zuweilen vor, sie sei gar nicht in Wien. Die Läden waren anders, die Schilder anders. Selbst die Tiere, die Pferde, die Hunde, die Katzen und die Vögel unterschieden sich von den Tieren der Wieden. Es war, als könnte es einer Amsel aus dem ersten Bezirk gar niemals einfallen, ihre Nahrung im vierten zu suchen. Auch hatte sie ein wenig Angst vor ihren zwei Zimmern, die ihr viel zu geräumig und viel zu kostspielig eingerichtet erschienen. Kein einziger Gegenstand in dieser Wohnung kam ihr nahe und vertraut genug vor. Beim Anblick eines jeden Möbelstücks mußte sie daran denken, daß sie für alles die sogenannte Abnützungsgebühr zahlte, und obwohl die Höhe dieser Gebühr von vornherein ausgemacht war, überfiel sie immer von neuem die Angst, die Möbelstücke nützten sich bei jeder Berührung nicht nur viel zu wenig ab, sondern die Gebühr steige auch noch, dank einer unerklärlichen Tücke des Mietvertrags. Um sich in der fremden Umgebung ein bißchen heimischer zu fühlen, holte sie sich fünfhundert Gulden in bar vom Bankhaus Efrussi ab, die Hälfte in Gold, die Hälfte in Banknoten. So wußte sie wenigstens, daß etwas Gutes sie erwartete, wenn sie am Abend nach langen und nutzlosen Wanderungen durch die Straßen, nach schläfrigen Stunden, die sie im Stadtpark oder im Rathauspark auf einer Bank verbracht hatte, nach Hause zurückkehrte. Eine Majorswitwe, die zu ihrem Schwiegersohn nach Graz übersiedelt war, hatte ihr die Wohnung vermietet. Frau Matzner erbte etwas von dem sozialen Ansehn, das die Besitzerin der Wohnung bei dem Hausmeister und bei den Parteien und deren Dienstboten genossen hatte. Sie war zwar laut Meldezettel eine »Ledige« – aber auch eine »Private«. Wohlhabend sah sie aus. Niemand kannte sie. Sie hatte freundliche Manieren, ein halbes Dutzend guter Kleider und drei Hutschachteln und eine brave Leibwäsche aus gutem Leinen. Die Hausmeisterin hielt die Zimmer in Ordnung. Sie suchte manchmal in den Schubladen nach Briefen oder Papieren. Nicht einmal eine Photographie fand sich, auch kein Sparkassenbuch. Man gab schließlich das Suchen auf und beschloß, die neue Mieterin für eine alleinstehende, vermögende, diskrete Person zu halten, über die man schon eines Tages etwas Näheres erfahren würde.

In dem alten Koffer, den sie von ihren Eltern geerbt hatte, einem soliden, eisenbeschlagenen Koffer auf Rädern, bewahrte Frau Matzner das Geld auf, die Banknoten in einer Brieftasche, die Goldstücke in einem silbernen Netzbeutel. Wenn sie heimkam, zog sie den Schlüssel aus dem Retikül, öffnete das Vorhängeschloß, schob die eiserne Stange aus den Ösen und klappte den schweren Kofferdeckel auf. Sie öffnete die Brieftasche, dann den Silberbeutel, atmete auf, grämte sich dann, daß es zu wenig sei, überlegte hierauf, daß es ja eigentlich nur ein geringer Bruchteil ihres Vermögens sei, und atmete wieder erleichtert. Sie legte den Hut ab, klappte den Koffer zu, verschloß ihn und ging hinunter zur Hausmeisterin, die ihr jeden Abend das Kleid aufzuknöpfeln pflegte. Dann, die seidene Pelerine umgehängt, ging sie wieder in den ersten Stock. Es fiel ihr regelmäßig noch auf der Treppe ein, daß sie eigentlich viel zu leichtsinnig war, wenn sie das ganze Geld in der Bank liegen ließ. Man hätte mehr nach Hause nehmen können. Sie beschloß, morgen wieder bei Efrussi vorzusprechen. Aber dazu bedurfte es eines außergewöhnlichen Mutes. Regelmäßig kehrte sie wieder um und bestellte durch die Hausmeisterin ein Krügl Lager, Okocimer oder Pilsner – zum Einschlafen, wie sie sagte; in Wirklichkeit, um sich heute schon Mut für morgen anzutrinken.

Am nächsten Vormittag saß sie im Kontor Efrussi. Aber sie hatte keinen Mut mehr. Die sanfte, kluge Stimme Efrussis, der hoch über ihr auf seinem Drehstuhl hockte, fiel sachte auf ihren großen Hut. Sie hatte auch gar kein Mißtrauen mehr. Und gar keine Angst mehr um ihr Geld. »Wenn Sie hundertundzwanzig alt werden, Frau Matzner«, pflegte Efrussi zu sagen, »werden Sie auch nicht verhungern und noch eine anständige feine Leich' haben, mit vier Rappen und Bespann, wenn Sie wollen, und vererben können Sie auch noch was!«

»Dank' schön! Dank' für die Auskunft!« sagte dann Frau Matzner. »Empfehl' mich, Herr Kaiserlicher Rat!« Sie näherte sich seinem Drehstuhl und reichte ihm aus der Tiefe die Hand hinauf. Sie ging, wenn es warm war, in den Stadtpark zum Rondell und setzte sich neben das Barometerhäuschen. An solch tröstlichen Tagen begab sie sich später in die Schwemme des Gasthauses Kriegl in der Wipplingerstraße.

Der Herbst dieses Jahres blieb lange warm, gütig und silbern. Im Restaurant des Volksgartens spielte am Nachmittag die Regimentskapelle der Hoch- und Deutschmeister. Die Kapelle begann um fünf Uhr pünktlich zu »konzertieren«. Aber wenn man eine Viertelstunde früher kam und den Kaffee mit Schlag bestellte, bezahlte man nicht den Aufschlag von fünf Kreuzern für die Musik, sondern nur dreißig Kreuzer und fünfzehn für ein Stück Gugelhupf. Es war erträglich, wenn auch eine Art Verschwendung. Aber diese Militärkapelle vermittelte der Frau Matzner dafür auch eine unbezahlbare Wollust: die Wollust der Wehmut. Es waren gleichsam die dichterischen Stunden im Leben der Frau Josephine Matzner, das heißt jene, in denen sie die schrecklichen und gütigen Schauer der Traurigkeit fühlte, einen wohltätigen Schmerz, eine tröstliche und zugleich schauderhafte Gewißheit, daß alles vorbei sei. Sie konnte alle Bitternis genießen. Sie konnte in aller Bitternis schwelgen. Die Musik spielte längstvergessene Melodien, Polkas, Mazurkas, aus der Zeit, in der Josephine Matzner noch ein Backfisch, noch ein junges Mädchen gewesen war, noch gehofft hatte, die Frau des Stationsvorstands Anger zu werden. Sie liebte ihn nicht mehr, seit langem nicht mehr, wie sollte sie auch! Aber ihre Jugend liebte sie und selbst noch die Art, in der sie diese ihre Jugend vergeudet hatte. Alle anderen Mädchen, die sie später bei der Jenny Lakatos in Budapest bei der »Arbeit« kennengelernt hatte, waren irgendwo untergegangen. Auch an alle diese Mädchen dachte sie mit Wehmut. Sie allein war imstande gewesen, sich eine »Existenz« zu schaffen. Sie »war wer« und sie »konnte was«. Und jetzt? – Ach, die Musik der Hoch- und Deutschmeister weckte süße und zarte Vergangenheiten, machte das Alter milde, die Bitternis lieblich, vergoldete den Kummer, und wenn sie zu Ende war und die uniformierten Musikanten Pulte, Noten, Instrumente zusammenpackten, blieb immer noch die Musik, die sie gespielt hatten, eine lange Weile in der Luft, als hätten sie die Melodien in den Wolken gelassen, und die Bäume im Volksgarten, mit welken goldenen Blättern schon, rauschten im Einvernehmen mit den innern Stimmen der Frau Matzner, in brüderlicher, tröstlicher Ratlosigkeit: Und jetzt? Und jetzt?

Eines späten Nachmittags, als sich Frau Matzner dem Genuß des Kaffees, des Gugelhupfs und der Musik auslieferte, hörte sie plötzlich eine Stimme: »Grüß Gott, Tante Fini!« – Die näselnde, hochmütige Stimme eines Herrn aus guter Gesellschaft, stellte sie fest, mitten in ihrer Verträumtheit. Sie sah auf. Ja, es war ein Herr, ein wohlbekanntes Gesicht, sie konnte sich zuerst nicht erinnern, wem es gehörte. Sie erhob sich jäh, die Erinnerung riß sie hoch, sie erhob sich so, als wäre sie noch in ihrem Salon oder an der Kassa gesessen. Ja, ja, das war er: es war der Baron Taittinger – allerdings in Zivil. Sein grünes Jägerhütchen hatte er nicht abgenommen. Er lächelte nur. Die Zähne blinkten noch wie ehemals. Aber just an diesem unveränderten Blinken erkannte Frau Matzner, daß sich etwas verändert hatte; eine Sekunde später wußte sie es auch: Der Schnurrbart des Rittmeisters war fast grau geworden; meliert konnte man sagen ...

Die Frau Matzner blieb stehen, aus altem Respekt vor dem Rittmeister, aber auch aus einer Art Ehrfurcht vor dem verwandelten Schnurrbart. Der Baron sah sich schnell um, und da er in der näheren Umgebung kein bekanntes Gesicht sah, sagte er: »Ist's erlaubt, Frau Matzner?« und setzte sich. Er nahm das grüne Hütchen ab, und jetzt sah Frau Matzner, daß der Kopf des Barons noch grauer war als der Schnurrbart – beinahe weiß. Sie setzte sich noch immer nicht, jetzt mehr aus Verblüffung als aus Respekt. Gingen die Jahre so schnell? Oder gingen die Jahre des einen schneller als die des anderen? Oder war der Baron krank oder unglücklich? »Nehmen S' doch Platz!« sagte er, und sie setzte sich, steif und behutsam, auf den Stuhlrand und stützte sich mit den Ellenbogen am kleinen Tisch. Dies erschien ihr damenhaft und den Umständen angemessen.

»Nun, ist's immer noch lustig bei Ihnen?« begann der Rittmeister.

»Bei mir? Das Haus ist verkauft, Herr Baron, ich bin nicht mehr die alte Tante Fini, ich bin auch die ›Frau Matzner‹ nicht! Ich bin wieder das Fräulein Matzner wie vor zwanzig Jahren! Ich wohne in der Jasomirgottgasse und bin eine Ledige und Private, und kein Hahn kräht nach mir. Ach, Herr Baron, die alten Zeiten! Was? Und jetzt die Einsamkeit!«

Sie machte eine Pause und seufzte.

»Reden S' nur! Reden S' nur!« sagte der Rittmeister munter, als erwarte er nach dieser Einleitung lauter heitere Geschichten.

Frau Matzner erzählte in exakter Reihenfolge. Sie erstattete beinahe einen militärischen Bericht. Als sie die Geschichte von den Spitzen erzählte, stockte sie ein paarmal. »Mizzi Schinagl, Herr Baron wissen ja –«, sagte sie und schwieg wieder eine Weile.

Ja, ja! Der Name Mizzi Schinagl erweckte allerhand unbehagliche Gefühle im Rittmeister.

»Ich hab' noch das hohe Gericht um Gnade gebeten«, erzählte die Matzner weiter. Sie erwartete ein wenig Bewunderung, ein wenig Anerkennung nur, ein kleines, armes Wort, einen zustimmenden Blick. Aber der Rittmeister hatte offenbar diesen wichtigen Satz überhört. Er starrte plötzlich hinauf in die vergilbten Baumkronen. Als hätte er es mit einem Blick herabgeholt, wirbelte leicht und langsam ein breites Kastanienblatt aus dürrem Gold nieder und blieb auf dem breiten Hutrand der Matzner liegen. Er betrachtete das gelbe Blatt auf dem violetten Samt. Warum kam ihm jetzt Kagran in den Sinn? Warum plötzlich Kagran?

»Jetzt sitzt sie!« sagte die Matzner und seufzte wieder.

Ja, er erinnerte sich. Es war ein paar Wochen her, da hatte er in der Kanzlei einen Zettel unterschreiben müssen. Es war ein rekommandierter Brief, eine wohlbekannte Schrift, und ein roter Stempel auf dem Kuvert sagte: »Gelesen, passiert!« Dieser Stempel roch nach einer »langweiligen Geschichte«, viel intensiver noch als die Schrift. Es war ein blaugrünes, häßlich billiges Kuvert, es erinnerte an Armut und Gesetz zugleich. Der Rittmeister hatte unterschrieben, zerstreut den Brief geöffnet und nur einen Blick auf den Aufdruck am Kopfrand des Blattes geworfen. »Weibliche Strafanstalt Kagran« stand darauf. Er war weiter nicht neugierig. Er war nie im Leben besonders neugierig gewesen. Solch ein Brief, mit solch einer lächerlichen, erbärmlichen und vor allem langweiligen Aufschrift gehörte zu den unerklärlichen Erscheinungen, die den Baron Taittinger von Zeit zu Zeit verfolgten, wie zum Beispiel die Briefe seines Ökonomen Brandl, die Rechnungen des Oberkellners Reitmayer, irgendwelche überflüssigen Mitteilungen des Bürgermeisters aus Oberndorf, wo sich sein Gut befand. Es waren beinahe okkulte Erscheinungen. Sie hatten nichts mit der Liebe zu tun, nichts mit der Wiener Gesellschaft, nichts mit dem Dienst, nichts mit den Pferden. All dies war gar nicht mehr langweilig: es war schon »ennuyeux«! – der höchste Grad von Langeweile.

»Reden S' nur, reden S' nur!« sagte er, fest entschlossen, nicht mehr zuzuhören. Er hatte sich nach langen Wochen wieder einmal aufgerafft, nach Wien zu fahren. Wieder einmal, wie so oft seit der fatalen Affäre mit dem Schah und seiner brüsken Rückversetzung zum Regiment, hatte ihn das starke, gefährliche und rätselhafte Weh gepackt, für das er keinen Namen wußte. Es war eine ungewöhnliche Mischung aus Schmerz, Scham, Sehnsucht, Liebe und Verlorenheit. In solchen Momenten bekam der Rittmeister eine deutliche Vorstellung von seiner Leichtfertigkeit, und die Reue nagte an ihm; fast fühlte er körperlich ihre scharfen Zähne. Vergeblich fragte er sich, warum er dies getan im Leben, jenes unterlassen oder versäumt hatte. Sinnlos erschien ihm alles, was er seit seiner Ausmusterung erlebt hatte. Er versuchte, seine Erinnerungen gewaltsam in die Kadettenschule, zur Mutter, zum Vater zurückzulenken, aber sie gehorchten ihm nicht, rannten vorwärts und stockten immer vor der Gräfin W., dem Schah, dem charmanten Kirilida Pajidzani und dem grauslichen Sedlacek mit dem Zylinder, stockten zuerst und kreisten hierauf um diese vier Menschen. Diese schmähliche Geschichte war längst begraben, kein Mensch kannte sie, der Oberst nicht und nicht die Kameraden. Aber was nutzte es Taittinger selbst? Es gab eine Episode in seinem Leben, von der er zu keinem Menschen jemals sprechen durfte. Sie kreiste im Blut wie irgendein Fremdkörper, kam von Zeit zu Zeit in die Gegend des Herzens, drückte es, stach es, bohrte darin. In solchen Stunden gab es nur drei Auswege: Entweder man floh nach Wien, an die Stätte des Glanzes und den Geburtsort der Schande; oder man betrank sich; oder – oder: Man erschoß sich. Krieg wäre ein Ausweg gewesen. Weit und breit aber herrschte ein satter, behäbiger, übermütiger Frieden in der Welt ...

Ja, jetzt wußte er's: Nun hatte ihm also die Mizzi aus dem Gefängnis geschrieben – ihm – aus dem Gefängnis – es war ähnlich wie damals der familiäre Gruß des ekelhaften Geheimen Sedlacek. Es konnte sich jeden Moment eine solche Peinlichkeit wiederholen. Und wie sie verhüten? Sowenig der arme Taittinger auch von den Gesetzen der zivilen Welt verstehen mochte, soviel wußte er doch, daß es einem Gefangenen erlaubt war, Briefe in die freie Welt hinauszusenden. Der Gefängnisdirektor las sie. Er hatte auch den letzten Brief der Schinagl gelesen. Taittinger betrachtete immer noch das heruntergewirbelte goldgelbe Blatt auf dem violetten Hutrand der Matzner. Ach, er neigte keineswegs zu poetischen Empfindungen. Jetzt in dieser Sekunde aber begann er, irgendeine merkwürdige, lächerliche Zärtlichkeit für das armselige Blättchen zu empfinden. Es kündete den Herbst, gewiß! Wie oft hatte er schon welke Blätter den Herbst künden gesehn! Dieses Blatt aber, dieses besondere, kündigte ihm, speziell ihm, dem Taittinger, seinen speziellen Herbst an. Ihn fröstelte.

Er hörte plötzlich Säbelklirren, bekam Angst, daß ihn bekannte Kameraden am Tisch der Matzner sehen könnten, zog die Uhr und sagte unvermittelt, mitten in das von Seufzen begleitete, unermüdliche Reden der Matzner hinein: »Ich muß gehn. Wir treffen uns morgen um diese Zeit – aber wo?« Er überlegte eine Weile – wo war man still und ungesehen? – Ja, ja, er erinnerte sich und sagte: »Bei Grützner! Ist Ihnen recht, Frau Matzner?« – »Ganz wie Herr Baron belieben«, antwortete sie. Er rief: »Zahlen!« und setzte das Hütchen auf. Er zahlte auch für die Matzner, und sie beobachtete mit kummervollem Entsetzen, daß der Kellner die fünf Kreuzer Aufschlag berechnete, wo sie doch eine Viertelstunde vor der Musik gekommen war!

Taittinger reichte ihr lässig vier Fingerspitzen. Sie erhob sich mit einer Verbeugung: Da fiel das Blatt vom Hut auf den Tisch.

Dann verschwand der Baron im Dunkel des Volksgartens.


 << zurück weiter >>