Joseph Roth
Die Geschichte von der 1002. Nacht
Joseph Roth

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XI

Ein gütiger blauer Morgenhimmel wölbte sich über der Stadt. Der Tau in den Gärten verströmte einen frischen, munteren Duft, der sich mit dem warmen und herben der jungen, neugeborenen Brote und Semmeln in den Körben der Bäckerjungen vermischte.

Es war ein Frühlingsmorgen von strahlender Lieblichkeit. Der arme Schah sah nichts davon. Er rollte, eher bewacht als begleitet von zwei aufmerksamen Herren seiner Suite, in einem geschlossenen Wagen durch die lächelnden Straßen. Er war schlechter Laune. Das Abenteuer der letzten Nacht hinterließ in ihm zwar eine angenehme Erinnerung, aber er hatte in seiner gesunden Einfalt an ein feierlich-großes Erlebnis gedacht; geradezu eine Veränderung seines Herzens; seiner Art, zu sehen, zu hören und zu fühlen. Es war, die Wahrheit zu sagen: die Enttäuschung seines Lebens. Er hatte sich eine Art großartiger Feier vorgestellt, und es war nur ein kleines Fest gewesen. Was wußte er jetzt mehr von der europäischen Liebe als vorher? Er liebte die Stadt nicht mehr, wie noch gestern abend. Überhaupt erschien ihm der vergangene Abend wie ein glänzendes Blendwerk. Je länger die Fahrt dauerte, je strahlender der Tag heranreifte, desto stärker verdüsterte sich die Seele der Majestät, und desto größer wurde ihre Bitterkeit. Er erinnerte sich an die weisen Worte seines Obereunuchen, der ihm gesagt hatte, daß die Lust und die Neugier nur Täuschung seien. Er hatte sehr viel Bitterkeit im Herzen und auch eine Art Sehnsucht nach Reue. Es ist ihm ähnlich zumute wie einem Knaben, der vor einer Stunde sein neuestes Spielzeug zerbrochen hat.

Zu seinen Begleitern sprach er kein Wort. Wenn überhaupt irgend etwas, so hätte er am liebsten sagen mögen, daß zum Beispiel die Welt, die vor einigen Stunden noch so reich gewesen war, jetzt plötzlich leer geworden sei. Aber schickte sich das für ihn, den Herrn und den Schah?

Den Obereunuchen ließ er – kaum war er angekommen – zu sich rufen. Wie es ihm hier gefalle, fragte der Schah, während er gemächlich eine halbe Orange auslöffelte. Es war ein warmer, heimischer, fast konnte man sagen, persischer Geruch im Zimmer, von dem starken Kaffee, den die Majestät eine Weile vorher getrunken hatte. Man kochte ihn auf einem kleinen, lieblichen, offenen Flämmchen, in einer besonderen tönernen Schale. Das Feuerchen brannte noch; es sah aus wie ein Opferfeuer.

Der Obereunuch sagte, ihm gefalle es hier, wie überall, wenn er nur in der Nähe seines Herrn sein könne. Alter Lügner, dachte der Schah. Es tat ihm dennoch wohl, Schmeicheleien zu hören. Er sagte: »Ich hätte Lust, dir zur Strafe für deine Lügen von nun ab das Leben zu verbittern.« – »Der Herr ist immer gnädig«, sagte der Eunuch, »auch seine Strafe verbittert mir das Leben nicht!« – »Wie befinden sich meine Frauen?« fragte der Schah. »Herr«, antwortete der Eunuch, »sie essen gut, sind gesund, schlafen bequem, in geräumigen und bequemen Betten. Nur eines macht sie unglücklich: daß ihr Gebieter sie nicht besucht!« – »Ich will keine Frau mehr sehn, ein Jahr nicht mehr. Ich bin auch mit der Europäerin nicht glücklich geworden. Du allein hast es vorausgesagt. Muß man verschnitten sein, um klug zu werden?« – »Herr«, erwiderte der Verschnittene, »ich kenne auch törichte Eunuchen und weise normale Männer.« Es war eine Beleidigung, der Schah spürte es wohl. »Was tätest du, wenn du enttäuscht wärest?« fragte die Majestät. »Ich würde mich kränken, und ich würde zahlen, Herr. Enttäuschungen sind kostspielig.«

»Gewiß, ja!« sagte die Majestät und ließ sich die Wasserpfeife geben und blieb eine lange Weile still.

Innerhalb dieser langen Weile hatte er sich schon entschlossen, wieder heimzureisen. Es paßte ihm nicht mehr. Er fühlte sich durch das Abendland gekränkt. Es hielt nicht, was er sich davon versprochen hatte. Düsterkeit breitete sich über sein weiches gelbliches Gesicht, und es erschien, eine Sekunde lang, greisenhaft, trotz der jugendlich glänzenden Schwärze des Barts.

»Wenn du nicht verschnitten wärest, hätte ich vielleicht mit dir tauschen mögen«, sagt der Schah. Der Eunuch verneigte sich tief. »Du kannst gehen!« sagte der Herrscher; rief aber gleich darauf: »Nein, bleiben.«

»Bleib!« wiederholte er noch einmal, als fürchtete er, selbst sein Verschnittener könnte ihm entgleiten. Dieser allein und kein anderer aus der Suite des Schahs war fähig, die delikateste und zugleich prächtigste aller Auszeichnungen zu verleihen. Eunuchen sind ritterlich.

»Dir obliegt es«, sagte der Schah, »der Dame dieser Nacht ein Geschenk zu überbringen. Achte darauf, daß es würdig sei unserer Majestät, aber auch deines bewährten Geschmacks. Achte darauf, daß keiner von unserer Begleitung dich sieht. Das Haus und den Namen mußt du ausfindig machen. Ich will nichts mehr von der Sache wissen. Ich verlasse mich auf dich!«

»Mein Herr darf es!« sagte der Obereunuch.

Er hatte schon delikatere und diffizilere Dinge in seinem Leben vollbracht. Seit seiner Ankunft lebte er in gutem Einvernehmen mit Dienern und Lakaien, und längst wußte er zwischen Geldsüchtigen und Bestechlichen, Klugen und Brauchbaren und Dummen zu unterscheiden. Er kannte die Sprache des Landes nicht, aber alle Welt verstand seine Sprache: Es war die Sprache des Goldes und die der Zeichen. Man verstand den Obereunuchen vortrefflich.

Es war einfach, den Weg zu Mizzi Schinagl zu finden. Alle Leute vom Gesinde wußten, wo der Schah die Nacht zugebracht hatte. Schwieriger aber war es, ein Geschenk zu finden, das, wie dem Obereunuchen befohlen war, würdig sein sollte der Macht des Herrschers und seines eigenen Geschmacks. Er überlegte lange. Er kannte die Dame nicht. Nach seinen Vorstellungen mußte sie einen hohen Rang haben. Er entschloß sich für drei schwere Perlenketten. Ihr Wert schien ihm angemessen als Preis. In Begleitung des Hoflakaien Stephan Lackner fuhr er am nächsten Nachmittag vor das Haus der Matzner.

Man war hier auf diesen Besuch nicht vorbereitet. Frau Matzner selbst war noch im Schlafrock und der Klavierspieler Pollak in langen, flauschigen Unterhosen und Pantoffeln. Der Obereunuch, im europäischen Anzug, dunkelblau und dermaßen zurückhaltend gekleidet, daß seine Diskretion schon beinahe aussah wie ein Versuch sich zu verbergen, war keineswegs töricht genug, um nicht sofort zu erkennen, wo er sich befinde. Es bedurfte weder europäischer Erfahrungen noch auch eines ausgesprochenen Geschlechts, um das Gewerbe der Frau Matzner zu erkennen. Es tat ihm leid um die köstlichen Perlen in der silbernen Kassette.

Man holte die Mizzi. Sie kam, noch unfrisiert, mit flüchtig aufgestecktem Haar, das wie zerfranst aussah, das Gesicht stark gepudert und schon im flüchtig angezogenen roten Kleid. Ein paar Hafteln rückwärts standen offen. Das veranlaßte sie, hart an der Tür zu stehn, durch die sie eingetreten war; wie ein Verurteilter stand sie da, der die erlösenden Schüsse erwartet.

In dieser Haltung nahm sie den Orchideenstrauß entgegen, die silberne Kassette und den langen, unverständlichen Spruch des dicken dunkelblauen Herrn. Sie nickte, sie schluckte ein paarmal. Nicht einmal die Matzner war da, deren Blick sie vielleicht ermuntert hätte. Frau Josephine wollte sich schnell umziehn. Als sie endlich eintrat, gewappnet und zu allen Abenteuern bereit, war die ganze Zeremonie leider schon beendet, der dunkelblaue Herr bereits im Rückzug begriffen. Er erkannte Josephine Matzner trotz ihrer Verwandlung sofort, und er zog seine Börse und reichte sie mit einer leichten Verneigung der Hausfrau. Die Börse wog leicht. Kein Wunder: sie enthielt lediglich Goldmünzen.

Als der Obereunuch am nächsten Tage seinem Herrn den Vollzug des Befehls meldete, fragte der Schah, ob die Dame etwas gesagt habe. »Herr«, erwiderte der Diener, »sie wird Euch nie vergessen. Dies war ersichtlich, obwohl ich ihre Sprache nicht verstanden habe.«


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