Joseph Roth
Die Geschichte von der 1002. Nacht
Joseph Roth

 << zurück weiter >> 

XVIII

Auch am nächsten Tag setzte die Matzner ihr gewohntes Leben fort. Sie erwachte nicht ohne Munterkeit. Eine Zeitung las sie nicht mehr, seit dem Tage, an dem sie endgültig eingesehen hatte, daß ihr das Interesse der Welt nicht mehr galt. Die zwiefache Begegnung mit dem Baron gewährte ihr heute noch einigen Trost. Die wichtigsten Neuigkeiten aus der »Kronen-Zeitung« und aus dem »Neuigkeits-Weltblatt« brachte ihr die Hausmeisterin, die gegen neun Uhr morgens aufräumen kam. Obwohl sie nur spärliche Trinkgelder gab und als ledig gemeldet war, nannte sie die Hausmeisterin doch Gnädige Frau. (Meist vermied sie die Anrede.)

Dieser Tag also unterschied sich vorläufig noch nicht von allen verflossenen. Die hellen, gütigen, herbstlichen Tage hielten immer noch an. Die Matzner machte, während ihr die Hausmeisterin das Kleid zuhaftelte, den Stundenplan. Zuerst wollte sie zur Bank Efrussi, hierauf zum Notar und schließlich in die Polizeidirektion, um wieder einmal den Inspektor Sedlacek zu sehn. Es war ihrer Meinung nach wichtig, dem Sedlacek mitzuteilen, daß sie mit dem Baron Taittinger zusammengekommen war.

Auf der Straße aber, als sie der milde, silberne und hoffnungsreiche Atem dieses gnädigen Herbstes umfing, erschien ihr Sedlacek immer wichtiger. Dringlicher wurde auch ihr Wunsch, sich der Zusammenkunft mit dem Baron vor irgend jemandem rühmen zu können, der so etwas zu schätzen wußte. Und sie lenkte ihren entschlossenen Schritt zum Schottenring ins Café Wirzl, wo Inspektor Sedlacek mit den Polizeireportern von elf bis eins Tarock zu spielen pflegte. Wer kann genau wissen? Alles ist möglich. Es kann sein, daß der Baron in einer wichtigen Angelegenheit nach Wien gekommen ist; in Zivil: Warum war er in Zivil? Es kann sein, daß Sedlacek schon etwas Näheres weiß. Es kann auch sein, daß es für ihn wichtig ist, etwas zu erfahren. Oft genug ist er in das Haus der Matzner gekommen, um sich zu erkundigen, wer von den Herrschaften gestern nacht dagewesen war. Die Herren Redakteure saßen auch im Café, Lazik unter ihnen. Es konnte sein, daß auch die Zeitungen Gefallen oder Interesse an der Geschichte der Matzner finden würden.

Im Café Wirzl war Pause zwischen zwei Partien. Sedlacek und seine Tischgenossen aßen Prager Würstl mit Kren und tranken einen Schnitt Extra. Man begrüßte Frau Matzner mit einem herzlich-lauten »Lang nicht gesehn, Tante Fini!« Sie bekam einen Schale Gold mit Mohnkipfel und begann, während sie den knusprigen Kipfel mit hörbarem Genuß im Munde zersplitterte, ihre Geschichte mit den Worten: »Also, Herr Sedlacek, staunen werden S'! Sitz' ich da unschuldig im Volksgarten – wer kommt da auf einmal? Die Musik spielt grad: ›Droben wo die Wölklein stehn‹ – wer kommt da daher? ...«

»Schau, schau!« sagte der Inspektor immer wieder. Der Redakteur Lazik notierte das Datum der Abreise Taittingers auf der Manschette, für alle Fälle. »Dank' Ihnen sehr!« sagte Sedlacek. Die Matzner erhob sich. Sie glich einem Ballon, der soeben Ballast abgeworfen hat und stolz und frei in die höheren Regionen steigen darf. Sie schwebte zur Tür hinaus. Sie ging zu Efrussi.

Aber der Kaiserliche Rat war heute nicht im Geschäft, zum erstenmal seit dreißig Jahren. Der Buchhalter, ein veränderter, beinahe fremd aussehender Mann heute, empfing die Frau Matzner. Er teilte der Matzner mit, daß der Kaiserliche Rat gestern nacht plötzlich in die Klinik gebracht worden sei, eben operiert werde, der Blinddarm sei es und eine Sache von Tod und Leben.

»Und was geschieht mit dem Geld?« rief die Matzner.

»Welches Geld?« fragte der Buchhalter.

»Meins, meins!« schrie sie und fiel in den Sessel, wuchtig, als hätte sie plötzlich ein doppeltes Gewicht bekommen.

»Ruhe, beruhigen Sie sich«, sagte der Buchhalter. »Die Bank bleibt die Bank, Frau Matzner, auch im schlimmsten Fall, was Gott verhüten möge! Ihr Geld bleibt Ihr Geld!«

»Ich werd' lieber selbst in die Klinik fahren«, sagte sie. »Ich werd' mich erkundigen.« Sie hatte schon Tränen in der Stimme und ein zusammengepreßtes Herz. Ein wüster Nebel wallte vor ihren Augen.

»Die Adresse, die Adresse!« rief sie. Man gab ihr die Adresse. Sie war, obwohl die Füße zitterten, das Herz gewaltig pochte, wie durch ein Wunder in einem Nu draußen, schon winkte sie dem Fiaker, »Klinik Haselmeyer«, schrie sie schrill, als riefe sie: »Feuer!«

Sie kam knapp eine Viertelstunde, nachdem der Kaiserliche Rat Efrussi an den Folgen der Blinddarmoperation gestorben war. Man sagte es ihr, kalt und geschäftlich, wie es die Art ist in Kliniken.

Ohnmacht überfiel sie. Sie erwachte im Inspektionszimmer, im bitterscharfen Wind des Ammoniaksalzes. Sie wankte am Arm der Schwester die Treppe hinunter. Ihre Füße fühlten noch den Boden, ihre rechte Hand noch den Schirmgriff, ihre linke noch das Retikül. Aber ihre Gedanken hatten gar keinen Halt mehr. Wie ein Schwarm wildgewordener Vögel stoben sie durcheinander, in einer Art von lautlosem Lärm, stießen gegeneinander mit Köpfen und Flügeln, verschwanden plötzlich und kehrten wieder, in erneuter Verwirrung. Das Herz klopfte nicht mehr, es wuchtete, es schaukelte, auf und nieder, auf und nieder. Jemand fragte die Matzner nach ihrer Adresse. Jemand setzte sie in einen Wagen. Jemand übergab sie der Hausmeisterin. Man führte sie in die Wohnung, legte sie auf das Sofa. Sie hatte noch Geistesgegenwart genug zu sagen: »Lassen S' mich allein, ich will schlafen!« Man ließ sie allein. Sie ging zum Koffer und sah nach dem Geld. Sie nahm es an sich, das Portefeuille und die silberne Netzbörse. Sie steckte beides in den Strumpf. Das silberne Beutelchen fühlte sie angenehm, es glitt von der Wade zum Knöchel hinunter, ein liebes Tierchen. Sie ließ sich in den Lehnstuhl fallen. Sie schlief ein mit dem innigen Wunsch, eine Woche, einen Monat, ein ganzes Jahr zu schlafen.

Aber sie erwachte am Abend des gleichen Tages, die Sonne war noch nicht untergegangen. Ihre Stirn brannte, ihre Schläfen waren taub und bleiern. Ein kalter Schauer nach dem andern durchjagte ihren Körper. Sie erhob sich, keuchte zur Tür, machte sie auf, nahm alle Kraft zusammen und rief: »Frau Smelik, Frau Smelik!« und wunderte sich noch selbst, daß sie noch eine Stimme hatte. Die Hausmeisterin kam, löste die Miederbänder, und alsbald glich der Körper der Frau Matzner einer formlosen, in weißes Leinen gefaßten, überquellenden Masse aus unbestimmter Substanz. Die Strümpfe ließ sie nicht anrühren.

Es schien der Frau Smelik, daß es an der Zeit sei, den Doktor zu rufen. Sie sagte es auch der Matzner, obwohl sie erkannt zu haben glaubte, daß die Kranke gar nichts mehr richtig begreifen konnte. Sie irrte sich. Die Matzner fragte nur: »Was kostet eine Visite?« – »Einen halben Gulden!« sagte die Hausmeisterin, »das weiß ich vom letztenmal, wie er bei der Frau Majorin gewesen ist.« – »Meinetwegen, holen S' ihn!« sagte die Matzner. Sie dachte nur noch daran, die Strümpfe mit dem Geld ohne Zeugen auszuziehn und im Bett zu verstecken, unter dem Kissen.

Der Doktor kam. Die Matzner lag schon ausgekleidet im Bett, sie fühlte nur noch kaum den Strumpf mit dem Geld unter dem Kissen. Es schien ihr, daß sie schon eine unglaublich lange Zeit dalag und auf irgend etwas wartete. Ihr Gesicht brannte, zeitweilig hatte sie die Empfindung, daß ihr Kopf nicht mehr zu ihrem Körper gehörte: denn dieser war kalt, ein Eisklumpen. Endlich hörte sie den Schlüssel, dachte eine Weile nach, wen sie eigentlich erwartet hatte und wer jetzt kommen könnte, und vermochte nicht, sich daran zu erinnern. Sie sah wohl, daß die Hausmeisterin mit einem fremden Herrn eintrat, und wußte wohl, daß es die Hausmeisterin war und ein fremder Herr – aber es schien ihr zugleich auch, daß Mizzi Schinagl eintrete und hinter ihr der Baron Taittinger. Welch eine veränderte Welt! Zu zweit und zu dritt gar kamen jetzt die Leute an, und man kannte sich nicht mehr aus. Der Doktor – oder war es der Baron Taittinger – winkte der Hausmeisterin – oder war es die Mizzi? – hinauszugehen und näherte sich dem Bett und zog ein glänzendes Ding aus der Westentasche. Die Matzner schrie auf. Alsbald beruhigte sie sich, wie eingeschläfert vom Geruch von Zigarren und Karbol, den der Doktor ausströmte.

Er tastete an ihr herum, klopfte, horchte, griff nach ihrer Hand. Seine Berührungen waren ebenso peinlich wie wohltuend, ebenso angenehm wie beschämend, sie beruhigten und besänftigten das Gemüt der Matzner zu gleicher Zeit. Der Doktor entfernte sich. Wie ein dunkler Nebelfleck stand er irgendwo über dem Waschbecken und plätscherte kindisch im Wasser. Noch einmal ging die Tür, die Hausmeisterin erschien wieder, und diesmal war sie es wirklich und nicht eine zweifelhafte, verwandelte Mizzi. Und der Doktor war auch der Doktor und hatte nichts mit dem Baron Taittinger zu tun. Und die Matzner hörte klar und deutlich, was der Doktor zur Hausmeisterin sagte: nämlich dieses: »Rippenfellentzündung! Sie hat hohes Fieber. Ich schicke eine Schwester. Sie wird in einer halben Stunde etwa dasein. Können Sie so lange hierbleiben?« – »Ja, Herr Doktor!« sagte die Hausmeisterin. Sie blieb da. Sie setzte sich ans Bett, hart neben die Matzner. Das Gesicht der Hausmeisterin zerfloß, verschwamm, zerrann in einem grauen Brei. Als die Schwester schließlich eintraf, wußte die Matzner gar nichts mehr. Sie erzählte kindische Ereignisse aus ihrer Kindheit.

Am nächsten Morgen ging es ihr besser. Sie ließ dem Doktor gar keine Zweifel darüber: Sie fragte ihn sofort, wieviel sein Besuch koste. »Einen halben Gulden!« sagte er. Nun – meinte sie – wenn er glaube, daß er noch häufiger wiederkommen müsse, so wäre es besser, man würde gleich akkordieren. Und um ihn weicher zu stimmen, erzählte sie auch, daß der jähe Tod ihres Bankiers Efrussi sie in Gefahr bringe, »das Letzte« zu verlieren. Ja, sagte der Doktor sanft, er würde nur noch ein paarmal wiederkommen müssen und den Priester brauchte man auch nicht zu holen. Akkordieren würde man besser nach der völligen Gesundung.

Solange der Doktor im Zimmer war, blieb die Matzner heiter. Als er aber gegangen war, behielt sie von allem, was er gesagt hatte, nicht mehr in Erinnerung als ein Wort vom Priester. Und plötzlich erschien ihr der brave Doktor falsch und verlogen, tückisch und ein Künder des nahen Todes. Ein Geistlicher! Seit vielen, vielen Jahren hatte sie nicht daran gedacht. Ein Geistlicher! Sie erinnerte sich an ihre erste Kommunion. »Jessas!« hatte sie oft im Leben gerufen und auch: »Jessas – Mariaundjosef« – ohne sich etwas dabei zu denken. Weshalb hatte der Doktor vom Priester gesprochen? Weshalb hatte er gesagt, man brauchte noch nicht an ihn zu denken? Und wenn er es gesagt hatte, war es nicht ein Beweis dafür, daß es umgekehrt just an der Zeit sei, an ihn zu denken? – Der Tod? war er nahe? – Was war der Tod? – Eine Art Kommunion, aber in Schwarz wahrscheinlich statt in Weiß.

Die Matzner aß nur ein wenig Graupensuppe, schlief ein, träumte von ihrer Kommunion, von ihren Eltern und hierauf vom Prozeß, vom Richter, vom Staatsanwalt, von den Advokaten, von den Geschworenen. Laut rief sie ein paarmal: »Ich bitte um Gnade.« – Am Abend stieg das Fieber. Kurz vor Mitternacht bat sie um den Priester. Es war ein einfacher Mann. Mitten aus dem Schlaf geweckt, war er noch simpler als am Tage. Er hatte seit langem nicht mehr Sterbende versehen, insbesondere nicht fiebernde Kranke. Er begriff nicht alles, was ihm die Matzner sagte.

So fragte sie ihn zum Beispiel, ob er glaubte, daß der Beruf, den sie ihr Lebtag ausgeübt habe, sie zur Hölle verdamme. Und als er sie fragte, was für einen Beruf sie denn ausgeübt habe, sagte sie, sie sei Besitzerin des Hauses Matzner auf der Wieden gewesen. Er verstand nicht und sagte, Hausbesitz sei keine Sünde. Sie sagte ihm ferner, daß sie ledig sei. Auch das war keine Sünde, in seinen Augen. Sie wurde müde und schloß die Augen, und es schien dem Pfarrer, daß sie eingeschlafen sei. Sie aber war wach, und trotz ihrem Fieber konnte sie auch klar denken. Die ungeheure Furcht vor dem Tode verjagte ihre Wirrnisse. Die Furcht vor dem Jenseits klärte ihr Gehirn, heiterte ihre Seele auf. In der kümmerlichen und trostlosen Vorstellung, die sie zeit ihres Lebens vom Gewicht der Schuld gehabt hatte und von den Möglichkeiten, es abzuwälzen oder auch nur ein wenig zu erleichtern, war Geld eines der ersten Mittel, mit deren Hilfe man sühnen konnte. Während sie die Augen also geschlossen hielt, überlegte sie nüchtern, daß man Sünden durch Gaben ablösen könne. Das ganze sündhafte Leben, das Freudenhaus und den Prozeß, durch den Mizzi Schinagl ins Gefängnis geraten war, die kleinen tückischen, ungerechtfertigten Abzüge, die sie dann und wann ihren Pensionärinnen aufgerechnet hatte, und was es sonst für Sünden geben mochte, die im Katechismus verzeichnet standen, einfache Sünden, wie üble Nachrede zum Beispiel und gotteslästerliche Äußerungen, von denen es in ihrem Leben nur so wimmelte. Sie war auch schon entschlossen, dem Hochwürdigen Herrn zu sagen, daß sie ihr Geld für wohltätige Zwecke hinterlassen wolle und einen Teil, zur Wiedergutmachung, für die Mizzi Schinagl, die doch alles verloren haben mußte. Ja, alles Geld! Obwohl der Bankier Efrussi schon tot war – sie gedachte, ihn droben irgendwo wieder aufzusuchen – und trotz ihrem Mißtrauen gegen den doppelten Buchhalter, mußte ja etwas noch in der Bank geblieben sein! Etwas, nicht viel! Fürs Begräbnis mußte freilich etwas bleiben. Es soll ein schönes Leichenbegräbnis werden, dachte sie und setzte sich in den Kissen auf. Sehr schnell und fließend, als rezitierte sie etwas seit langem auswendig Gelerntes, erzählte sie dem Hochwürdigen Herrn, daß sie ein Drittel ihres Geldes den Armen, ein Drittel der Kirche, ein Drittel der Mizzi Schinagl hinterlassen wolle. Morgen wollte sie ihren Notar kommen lassen, gleich in der Früh. Der Pfarrer nickte. Sie fragte ihn mit einem verborgenen Mißtrauen in der Stimme, was seiner Meinung nach ein Leichenbegängnis erster Klasse koste, mit vier Rappen. Das müßte, sagte der Hochwürdige Herr, die »Pietas« wissen, das Leichenbestattungsunternehmen, und es wäre leicht, es zu erfahren. Er bekäme jedenfalls nicht mehr als einen Gulden für die Totenmesse, es wäre eine Gebühr. Nun war sie auch bereit zu sterben, und der Pfarrer begann sein Werk. »In Reue und Demut beichte ich meine Sünden«, sagte die Matzner mit klingender Stimme wie ein Schulmädchen.

Sie fiel wieder in die Kissen und schlief sofort ein. Sie schlief ruhig und traumlos die ganze Nacht. Am Morgen erwachte sie mit geringem Fieber, munter wie einst in ihren gesunden Tagen und von Tatkraft erfüllt. Sie ließ sofort den Notar kommen, es sollte kein Geld gespart werden, die Hausmeisterin durfte einen Fiaker nehmen. Es war, als bereitete sich die Matzner zum Tod so vor wie andere zu größeren »Transaktionen«. Sie ließ sich eine blaue Nachthaube reichen und das Nachtkamisol mit der blaßblauen Borte. So empfing sie den Notar.

Sie fragte ihn zuerst, was mit dem Geld geschehen sein möge, das in der Bank des seligen Efrussi gesteckt hatte – und der Notar beruhigte sie: Es gab gar keine Gefahr. Das Geld war sicher. Die Matzner verlangte nun, daß der Notar ein Testament aufsetze, und sie machte die Angaben, dem Versprechen getreu, das sie gestern nacht dem Pfarrer gegeben hatte. Der Notar notierte auf ein Blatt Papier, zog Tinte und Feder aus seiner Ledertasche und setzte sich an den Tisch. Er schrieb zuerst die üblichen Formeln mit seiner langsamen, bedächtigen wie gestochenen Schrift. Als er zu den Ziffern kam, wandte er sich um und fragte die Frau Matzner: »Ist es Ihnen auch klar, wie groß Ihr Vermögen ist?« Sie wußte es nicht. »Es sind genau«, sagte der Notar und blätterte noch einmal in den Papieren, »zweiunddreißigtausend Gulden und fünfundachtzig Kreuzer. Tausend Gulden haben Sie vor zwei Wochen bei Efrussi abgehoben!« – »Wieviel?« fragte die Matzner. »Zweiunddreißigtausendfünfundachtzig!« wiederholte der Notar.

So viel Geld – und sie mußte sterben! Warum war sie überhaupt krank geworden? War die ganze Krankheit nicht nur ein wüster Traum? Was wissen schon die Doktoren? War es nicht lediglich ein grauenhafter Schrecken infolge des Todes Efrussis? Wer sagte, daß sie überhaupt sterben müßte? Wo stand es geschrieben? Und wenn sie noch zwanzig oder sagen wir nur noch zehn Jahre zu leben hatte – war da noch nicht Zeit genug, ein Testament zu machen? »Sind Sie sicher, Herr Notar?« fragte sie. »Ganz sicher«, bestätigte er. – Sie lehnte sich in den Kissen zurück und dachte eine Weile nach, eine sehr, sehr lange Weile, während der Notar die gezückte Feder einen Zentimeter über dem Papier hielt.

Sie hatte sich endlich entschlossen. Sie stützte sich auf und sagte, ein bißchen verschämt: »Ich möchte nur die tausend Gulden hinterlassen, die ich hier im Hause habe, vorläufig! Wenn's nötig ist, werd' ich Sie nochmals bitten lassen. Zu drei teilen, Herr Notar! 300 für die Armen, 300 für die Kirche, 300 für die Mizzi Schinagl. 100 bleiben für allerhand Kosten.« Sie wußte nicht, was »allerhand Kosten« sein mochten, sie sagte es so hin. Es schien ihr, daß sie damit den Eindruck einer gewissen Großzügigkeit erweckte. »Allerhand Kosten!« sagte der Notar, »das muß man spezifizieren.« – Und er schlug vor: »Leichenbegängnis und Grabstein!« Zwei Worte, die der Matzner, der eben noch Todbereiten, in diesem Augenblick fürchterlich klangen.

Und schon schrieb er, der Notar, langsam, aber auch unerbittlich. Undurchsichtig war sein Körper, sein Kopf, sein Angesicht. Er mochte sich allerhand denken – oder auch gar nichts. Er war ein Beamter, er war ein versperrtes Amt. Was weiß man, was alles in einem verschlossenen Amt vorgeht, in einem kaiser-königlichen Notariat?

Die Matzner hielt den Atem an. Sie kostete die ganze Feierlichkeit des Vorgangs aus – und zugleich ihre heimliche Gewißheit, daß sie noch für längere Zeit zu leben hatte. Sie machte sozusagen ein Probesterben. Alle Welt – der Hochwürdige Herr von gestern mit inbegriffen – freute sich schon auf ihren Tod. Sie allein wußte, daß sie noch am Leben bleiben würde. Und was sollte das für ein Leben werden! Das Leben einer Neugeborenen, aus dem Jenseits Heimgekehrten!

»Und der Rest Ihres Vermögens?« fragte der Notar.

»Darüber sprechen wir noch!« sagte die Matzner. Sie unterschrieb mit der Feder, die ihr der Notar hinhielt. Er packte das Papier umständlich in ein dickes, leinengefüttertes Kuvert. Dieses versiegelte er. Kerze und Siegellack holte er aus der Aktentasche. Vor der brennenden Kerze, die an Tod erinnerte, schloß die Matzner die Augen. Sie öffnete sie erst, als sie den Notar pusten hörte. »Auf Wiedersehn!« sagte der Notar. Sie lächelte ihm zu.

Sie aß eine Graupensuppe, mit starkem Appetit, und verlangte selbst nach etwas Festerem. Ein großes Verlangen nach einem Gulasch und einem Krügl Okocimer überkam sie. Sie war nicht krank, gar nicht krank. Sie gedachte nur noch eine Weile, ein, zwei Tage noch, eine Kranke zu spielen. Am Abend aber, als der Doktor wiederkam, erkannte sie ihn nicht. Schweiß stand in dicken Perlen auf ihrer Stirn. Die Haube drückte mit dem strammen Gummiband. Sie hatte das Gefühl, als trüge sie eine Krone, und bat flehentlich: »Nehmt mir die Krone ab!« – und in der verschwommenen Erinnerung an die gestrige Absolution fügte sie hinzu: »Die Dornenkrone!« – Aber man hatte nicht acht auf das, was sie sagte. Das Thermometer zeigte 40 Grad. Plötzlich schrie sie auf. Sie fühlte einen schneidenden Schmerz im Rücken, als wenn man ihr ein Schwert, doppelt geschliffen, durch die Rippen gestoßen hätte. Sie öffnete weit den Mund, der Atem ging ihr aus, sie wollte etwas rufen: Luft oder Fenster – aber sie vergaß es sofort. Es wurde ihr sehr heiß, eine unnennbare Furcht ergriff sie, sie trommelte mit den Fingern auf der Bettdecke. Sie verdrehte die Augen. Der Doktor schickte die Schwester nach Sauerstoff in die Apotheke, er bereitete die Morphiumspritze vor. Die Schwester kam mit den Ballons. In diesem Augenblick erhob sich die Matzner im Bett und fiel sofort wieder zurück. Ein leichtes Zucken bewegte ihre Augenlider, und auch ihre Finger flatterten auf der Bettdecke. Dann fiel ihre rechte Hand über die Lehne. Der Friede kam über die Josephine Matzner.

Man begrub sie an einem der ersten regnerischen Tage dieses Herbstes. Es war ein Leichenbegängnis dritter Klasse, zwei Rappen ohne galonierte Diener. Den Vorschriften gemäß veröffentlichte der Notar in den Zeitungen die übliche Notiz: »Erben gesucht!«

Es meldete sich zwei Monate später ein Neffe der Matzner, Hopfenbauer in Saaz, wohlhabend und ohne jedes Gefühl der Dankbarkeit gegen das Schicksal wie gegen die Tante.

Die Weibliche Strafanstalt in Kagran bekam die Mitteilung, daß der Häftling Mizzi Schinagl als Erbin der verstorbenen Ledigen Josephine Matzner in den Besitz von dreihundert Gulden gekommen sei.

Die Notiz in den Zeitungen las der Polizeireporter Lazik. In seinem einfallsreichen Gehirn formte sich ein ganz bestimmter Plan. Er sprach darüber mit seinem Freund, dem Oberinspektor Sedlacek, am Schottenring im Café Wirzl.


 << zurück weiter >>