Joseph Roth
Die Geschichte von der 1002. Nacht
Joseph Roth

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XII

Viele Menschen dachten noch lange an den Schah, Glückliche und Unzufriedene. Denn er hatte seine Orden und Geschenke nach eigener Willkür verteilt, ohne auf den Gesandten zu hören und ohne auf den Rang und die Würde der Beschenkten und Ausgezeichneten zu achten. Der einzige wirklich Unglückliche war der Rittmeister Taittinger. Er wurde nämlich einen Tag nach der Abreise des hohen Gastes von der »besonderen Verwendung« dispensiert und zu seinem Regiment zurückbeordert.

Die ganze fatale Geschichte versank in der Vergessenheit; das heißt: in den Geheimarchiven der Polizei. Es wird also niemals mehr zu erfahren sein, warum der arme Taittinger so schnell in seine Garnison zurückmußte.

In der kleinen schlesischen Garnison blieb dem Baron nichts anderes übrig, als über seine fatale Geschichte nachzudenken. Er hatte Einsicht genug: er kam sozusagen zu einer Art oberflächlicher Einkehr und fällte über sich ein, seiner Meinung nach, äußerst hartes Urteil: er fand, daß er durchaus nicht mehr »charmant« war.

Von nun ab begann er auch zu trinken. Er dachte ein paarmal daran, der Gräfin W. zu schreiben und sie um Verzeihung zu bitten, weil er sie dem Perser verraten hatte. Aber er zerriß den ersten, den zweiten, den dritten Brief. Hierauf trank er noch mehr.

Sehr oft träumte er von jener Stunde, in der er die Stiege hinuntergegangen und dem Spitzel mit dem gelüfteten Zylinder begegnet war. Zugleich sah er sich auch die glatte, steinerne Rampe hinuntergleiten. Die Frauen freuten ihn nicht mehr, der Dienst langweilte ihn, die Kameraden liebte er nicht, der Oberst war fad. Die Stadt war fad, das Leben war noch schlimmer als fad. Es gab im Vokabular Taittingers dafür keinen Ausdruck.

Er glitt und sank. Er fühlte sich auch gleiten und sinken. Er hätte gerne mit jemandem darüber gesprochen, mit Mizzi Schinagl zum Beispiel, von der er auch manchmal träumte. Aber es war ihm, als sei er zu stumm und zu stumpf, um das Richtige und Wahre sagen zu können. Er schwieg also. Und er trank.

Indessen dauerte der große Rausch der Mizzi Schinagl kaum drei Wochen. Berauscht war übrigens auch das ganze Haus der Frau Josephine Matzner. Berauscht war ganz Sievering, als es vom alten Pfeifenhändler Schinagl erfuhr, daß seine Tochter zum Gefolge des Schahs von Persien nunmehr gehörte und nach Teheran zu fahren gedenke. Denn dermaßen umgeformt kam die Kunde von dem morgenländischen Abenteuer der Mizzi nach Sievering. Der Zwischenträger und Gerüchteträger gab es viele. Die erste Nachricht brachte der Friseur Xandl. Zuerst glaubte man ihm nicht; er kränkte sich darüber so sehr, daß er die Mizzi anflehte, selber zu ihrem Vater zu gehn. Sie tat es endlich. Sie fuhr im Zweispänner vor. Als sie einstieg, setzte sich der Friseur Xandl an ihre Seite, und er blieb auch längere Zeit auf seinem Platze. Aber als sie sich Sievering näherten, wechselte er den Platz: Er setzte sich Mizzi gegenüber auf den Rücksitz.

Das Wiedersehen war herzlich, ja herzerschütternd. Der alte Schinagl weinte. Es waren kaum sechs Monate seit dem Tage vergangen, an dem er ganz Sievering versichert hatte, daß er seine Tochter verstoßen habe und daß er entschlossen sei, sie nie mehr im Leben wiederzusehn. Aber was kann der Mensch gegen die Gewalt des Goldes? Man sah den alten Schinagl die verstoßene Tochter umarmen.

Als Mizzi Schinagl den Laden ihres Vaters verließ, bildeten die Leute draußen eine kleine Gasse. Die Schinagl war lieblich und rührend anzusehn, in ihrem dunkelgrauen Kostüm, mit ihrem großen Hut aus blauem Tuch und dem hellgrauen Sonnenschirm in der Hand. Keine andere Herrscherin hätten die Leute aus Sievering dem befreundeten persischen Lande wünschen können. Sie lächelte, sie grüßte, sie stieg ein, und ihr gegenüber nahm wieder der Friseur Xandl auf dem Rücksitz Platz. Die Peitsche des Kutschers knallte diskret und munter. Dahin, dahin, in die Stadt zurück rollte der Fiaker, und Mizzi winkte mit einem weißen Handschuh. Der alte Schinagl stand vor der Tür und weinte.

Das war keineswegs die einzige erhebende Stunde im neuen Leben der Mizzi Schinagl. Es gab deren viele. Die Tage bestanden aus lauter erhabenen und erhebenden Stunden.

Die Perlen lagen in der Bank Efrussi, sie machten anscheinend keine Sorgen. Wenn aber das Glück über ein armes, hilfloses Mädchen mit einer Gewalt hereinbricht, mit der sonst nur Katastrophen zu kommen pflegen, wieviel muß so ein armer Mensch nachdenken! Man muß ein neues Leben einrichten. Man muß den kleinen Xandl in ein Internat geben, damit einmal ein rechter Mensch aus ihm werde – ein nobler Herr soll er werden! Wie kann man die Matzner entlohnen? Wie den Bräutigam Xandl? Sollte man in Wien bleiben? Soll man nicht lieber in eine andere Stadt? Ins Ausland vielleicht? Von Monte Carlo hörte man, las gelegentlich in der »Kronen-Zeitung«, von Ostende, von Nizza, von Ischl, von Zoppot, von Baden-Baden, von Franzensbad, von Capri, von Meran! Ach, wie groß war die Welt! Die Schinagl wußte zwar nicht, wo alle diese Orte lagen, wohl aber wußte sie, daß es in ihrer Macht lag, sie alle zu erreichen. Ihr plötzlicher Reichtum regte alle anderen auf; sie selbst aber erschütterte er. Wirre Vorstellungen von Kurorten, Möbeln, Häusern, Schlössern, Lakaien, Pferden, Theatern, noblen Herren, Hunden, Gartenzäunen, Wettrennen, Lottonummern, Kleidern und Schneidern erfüllten die Nächte, wenn sie wachte, und ihre Träume, wenn sie schlief. Die Kunden bediente sie längst nicht mehr. Josephine Matzner gab ihr Ratschläge, obwohl sie selbst von dem allzu gewaltsamen Glück betäubt war, das ihre Pensionärin getroffen hatte. Immerhin hatte sie noch genug Vernunft behalten, um Mizzi die besten Ratschläge zu geben.

»Heirate den Xandl«, so riet Frau Matzner, »er wird einen großen Laden, einen Salon, in der innern Stadt eröffnen. Einen Teil steckst du in die Pfaidlerei. Einen Teil in mein Unternehmen. Alles notariell. Deinen Sohn gibst du zum Stift in Graz. Und wenn dich der Xandl langweilt, nimmst dir einen Liebhaber! Geld hast du wie Heu, wenn du's richtig anstellst. Sonst gibst du's aus, weg ist es in zwei Jahren. Laß dir raten, ich will dir gut!«

Mizzi Schinagl aber war keineswegs in der Lage, vernünftigem Rat zu folgen. Sie dachte manchmal an einen Mann, es war der unerreichbare Rittmeister Taittinger. Sie stellte sich gerne vor, daß er den Dienst quittieren könnte und sie heiraten, jetzt, wo sie so reich war.

Der Juwelier Gwendl schätzte den Wert der Perlen auf ungefähr fünfzigtausend Gulden. Das Bankhaus Efrussi hatte zehntausend darauf geliehen. Auch dieses Konto erschreckte und betäubte die arme Schinagl. Tausend Gulden in Banknoten trug sie immer im Strumpf. Hundert Gulden hatte sie in zehn Goldstücken im Täschchen. Hundert weitere Gulden in Silber verwahrte die Frau Matzner.

Eines Tages schien es der Mizzi, daß sie Taittinger sehen müsse. Dieser Gedanke kam mit solcher Gewalt, daß sie einen Fiaker nahm, zu Grünberg am Graben fuhr und vier Kleider auf der Stelle kaufte. Drei ließ sie sich nach Hause schicken und jenes, das ihr am schönsten dünkte, zog sie an. Sie fuhr in die Herrengasse, in das wohlbekannte, liebe Haus. Sie erfuhr, daß der Rittmeister zu seinem Regiment zurückversetzt worden war. Eine noch größere Verwirrung erfüllte sie. Es schien ihr, daß sie ohne den berauschenden und betäubenden Glückssturm des Goldes den Geliebten ihres Herzens, den einzigen geliebten Mann behalten hätte.

Nunmehr beschäftigte sie der Gedanke, daß sie in die Garnison Taittingers müsse. Sie sagte der Frau Matzner, daß sie fahren müsse. »Erst wirst du ihm schreiben«, sagte die Matzner. »Man fällt nicht so mit der Tür ins Haus. Man wirft sich auch nicht einem so mir nix, dir nix an den Hals, jetzt, wo du mehr bist als er.«

Mizzi Schinagl schrieb, daß sie reich geworden sei und daß sie Heimweh nach Taittinger habe; und wann sie kommen könne.

Der Baron Taittinger erhielt diesen Brief in der Regimentskanzlei. Die Schrift kam ihm bekannt vor; aber seit einigen Wochen empfand er just gegen die bekannten Schriftzüge einen Widerwillen. Er steckte den ungeöffneten Brief in die Tasche. Er beschloß, ihn am Abend zu lesen.

Aber er kam erst gegen drei Uhr morgens ins Bett, geradewegs aus dem Café Bielinger. Und er fand den Brief erst zwei Tage später wieder – und auch nur, weil ihm der Bursche die Taschen geleert hatte. Dem Baron schien es allzu fatal, Mizzi Schinagl wiederzubegegnen. Sie erinnerte ihn an seine leichtsinnige Missetat. Am liebsten hätte er die ganze Episode einfach aus seinem Leben gelöscht. Aber kann man Geschichten aus dem Leben wegradieren?

Der Rittmeister Taittinger sagte also dem Rechnungsunteroffizier Zenower – es war einer der wenigen »Charmanten« im Regiment –, er möchte sozusagen dienstlich dem Fräulein Mizzi Schinagl per Adresse Matzner mitteilen, daß der Herr Rittmeister aus Gesundheitsgründen in Urlaub gegangen sei und erst in sechs Monaten wieder zum Regiment einrücken würde.

Mizzi Schinagl weinte lange und ausführlich, als sie diesen Brief erhielt. Es schien ihr, daß ihr Leben endgültig ausgelöscht sei – und just in dem Augenblick, in dem es erst hätte anfangen sollen. Sie beschloß, ihren Sohn zu holen und ihn vorläufig auch zu behalten. Er war vielleicht ein Trost.

Und sie zog nach Baden. Sie mietete ein Haus in der Schenkgasse für zwei Jahre. Die Perlen kaufte der Juwelier Gwendl. Das Geld verwaltete der Notar Sachs. Fünfhundert Gulden bekam der alte Schinagl. Fünfhundert Gulden bekam die Frau Matzner. Fünfhundert Gulden bekam der Friseur Xandl. Tausend Gulden erhielt der Schneider Grünberg am Graben. Alle Welt war zufrieden: ausgenommen die Mizzi Schinagl selbst.


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