Joseph Roth
Die Geschichte von der 1002. Nacht
Joseph Roth

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XXIV

Sie saßen die ganze Nacht bei Sedlak, Taittinger und der Rechnungsunteroffizier Zenower. Auch er, Zenower, war betäubt von der Schnelligkeit des Schicksals. Auch er, das Kind der Köchin, war ein Kind der Armee. Auch er, obwohl er das wahre Leid der Welt außerhalb der Kasernen kannte, war nicht imstande, den Schmerz Taittingers geringzuschätzen; und er war auch betrübt, wie heute alle, vom Obersten bis zu den Rekruten. Es gab gewiß viel Unglück auf Erden. Aber hier war ein sichtbares, ein greifbares Unglück der Kaserne, in der man schlief und aß und lebte. Gestern noch hatte er dem Rittmeister etwas sagen, raten, helfen können. Heute war er stumm. Taittinger war stumm. Manchmal sagte er nur: »Denken Sie doch, Zenower! ...« Aber er wußte nicht, was Zenower eigentlich zu denken hatte. Die Wanduhr tickte, ihre schwarzen Zeiger drehten sich unermüdlich, gleichmäßig glitten sie an den Ziffern vorbei und hielten sich nicht auf, als wären's nur Minutenstriche, und beide Männer blickten oft gleichzeitig nach der Uhr, und beide empfanden mit der gleichen Deutlichkeit beim Anblick der unveränderlichen Zeitgesetze die menschliche Ohnmacht, auch allen andern Gesetzen gegenüber, den bekannten und den unbekannten. Die Stunden gingen, Teile des Lebens. Eine, zwei, drei oder auch zehn Stunden seines Lebens hatte Taittinger vertan oder verraten; es war nichts mehr zu reparieren.

Die letzten Gäste gingen, das Petroleum im gläsernen Rundbrenner verringerte sich zusehends. Sie ließen Kerzen bringen und Wein und blieben sitzen. Man sah, als die Lampe vollends erlosch, den silbernen Schimmer des Schnees vor den Fenstern. Der frostige Wind sang dünn und hell durch die Nacht, und die Scheiben klirrten leise. Obwohl sie einander nichts Bestimmtes gesagt hatten, wußten sie doch beide, daß es galt, das erste Morgengrauen abzuwarten. Mitten in der Nacht konnte keiner den andern verlassen. Sie warteten.

»Ich werde Sie begleiten, Herr Baron«, begann endlich Zenower. »Sie werden morgen Urlaub nehmen. Ich werde mit Ihnen nach Wien fahren. Ich hätte sowieso längst zu meinem Freund müssen, dem Oberrechnungsrat. Ich glaube, daß ich im Januar noch die Prüfung machen kann.« – »Ja, gewiß!« sagte Taittinger.

Der Wirt Sedlak schlief hinter der Theke. Manchmal sprach er etwas Undeutliches aus dem Schlaf. Zenower sagte: »Der hat einen gesegneten Schlaf!« Aber Taittinger, der gar nicht zugehört hatte, antwortete: »Ja, er hat einen ganz guten Vöslauer!« – »Am liebsten trink' ich ja ein gutes Bier!« sagte Zenower. Dann war es wieder still. Vergeblich blieben ihre Bemühungen, in ein gleichgültiges Gespräch zu flüchten. Sie dachten nicht an das, was sie sagten, sie sprachen nur so, um die Uhr nicht zu hören, es waren sinnlose Beschwörungen, zusammenhanglose Phrasen, törichte, kleine Verlogenheiten. Die zwei Kerzen waren schon bis zum letzten Drittel abgebrannt, als draußen, vor den Fenstern, der Schnee bläulich zu werden begann, der Gesang des Frostes heftiger, der Himmel blasser. Zenower ging an die Theke, weckte Sedlak, zahlte.

Sie gingen langsam der Stadt zu, in die Kaserne. »Morgen bin ich in Zivil, für immer!« sagte Taittinger, als sie in die Kaserne eintraten und der Posten salutierte. »Zum letztenmal salutiert er!« sprach er weiter. Was ist es schon viel Großes! dachte Zenower, wenn man nicht mehr salutiert wird! – Aber er fühlte auch zugleich, daß es eine ungerechte Überlegung war. Es war ein Leben, das hier zu Ende ging. Wie ein Sterbender den Körper ablegt, so zieht ein Soldat die Uniform aus. Zivil, Zivil: das war ein unbekanntes, vielleicht ein schreckliches Jenseits.

Um neun Uhr war Offiziersrapport. Den »Urlaub aus Gesundheitsgründen« bekam Taittinger sofort. Der Dienstzettel des Regimentsarztes Doktor Kallir verkündete ausdrücklich eine gefährliche Nervenzerrüttung. Sie enthob Taittinger auch der Pflicht, sich vom Regiment zu verabschieden. Um zwei Uhr vierzig am Nachmittag stieg er in den Zug, in Zivil, mit Zenower. Um sechs Uhr kamen sie an. Zenower schrieb das Abschiedsgesuch. Im Schreibzimmer des Hotels Prinz Eugen schrieb Taittinger es ab, mit seiner dienstlichen, steilen Schrift, vier Finger Abstand von oben, drei Finger Abstand vom Rand. Er unterschrieb sehr langsam: »Alois Franz Baron von Taittinger, Rittmeister.« Es glich gar nicht seiner gewohnten Unterschrift, so langsam und vorsichtig hingemalt waren seine Buchstaben. Es war ihm, als wäre es gar nicht sein Name. Einen fremden Namen unterschrieb er.

In der Halle wartete Zenower. Er nahm das Gesuch, suchte lange darin zu lesen und den Anschein zu erwecken, als müßte er es vorsichtig prüfen, nur, um nicht den Rittmeister bald wieder ansehn zu müssen. Schließlich faltete er es zusammen.

Taittinger sagte: »Jetzt bin ich kein Vorgesetzter mehr, Zenower!« Er zog die Uhr aus der Westentasche, eine goldene Uhr, sie stammte aus dem Juwelierladen des Kommerzialrats Gwendl, auf der Rückseite eingraviert waren die Initialen Taittingers und die seines Onkels. Es war ein Geschenk des Onkels, anläßlich der Ausmusterung in Mährisch-Weißkirchen. »Nehmen Sie die Uhr!« sagte Taittinger. Zum erstenmal schenkte er etwas her – außer Geld und Blumen hatte er noch niemals etwas hergegeben. Zenower sah ihn lange an, zog seine eigene, eine umfangreiche silberne, und sagte: »Nehmen Sie diese, Herr Baron!«

Dann, als er sah, daß Taittinger wartete, die silberne Uhr in der flachen Hand, fügte er hinzu: »Wenn Sie einen Freund brauchen – – –«

»Ich fahre heute noch aufs Gut!« sagte Taittinger. Er ließ die Uhr in die Westentasche gleiten. Er tat sehr geschäftig. »Nicht wahr? Sie erledigen das Gesuch! Verkaufen Sie beide Pferde. Ich mag sie nicht. Schreiben Sie bald. Danke Ihnen sehr, lieber Zenower! Meine Adresse haben Sie ja!«

»Gute Reise!« sagte Zenower und erhob sich.

»Mein Gepäck!« rief der Baron. Er fuhr zur Ostbahn.


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