Joseph Roth
Die Geschichte von der 1002. Nacht
Joseph Roth

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XV

Neue Kräfte strömten der Frau Josephine Matzner in den folgenden Wochen zu. Diese Kräfte machten sie zwar keineswegs jünger, sondern verstärkten umgekehrt die äußeren Zeichen ihres rapide heranstürmenden Alters. Sie selbst aber merkte es nicht und fühlte sich leicht, gesund, vergnügt und verjüngt. Es schien ihr, daß sie eine wichtige Aufgabe zu erfüllen habe, die Aufgabe nämlich, ihr Geld zu retten oder, was ihr noch besser gefiel, obwohl es sie zugleich schmerzte, dieses verlorene Geld zu rächen. Ein großartiger, gehässiger Elan erfüllte sie, wärmte sie, heizte sie geradezu. Ein kochender Zorn trieb sie. Ihre Tage, ihre Nächte waren verändert, der alte gutmütig, harmlos und sinnlos schludrige Rhythmus ihres Lebens verwandelt. Sie schlief gut und traumlos einen gesunden Schlaf, sie erwachte neu gestärkt an jedem Morgen und zu allerhand Taten bereit. Sie offenbarte eine erstaunliche Fähigkeit, Gesetze zu begreifen, auszulegen, mit Advokaten zu sprechen und sie genau zu verstehen. Sie hatte jetzt deren zwei, der Sicherheit halber: den Hof- und Gerichtsadvokaten Doktor Egon Silberer und den nebensächlichen Doktor Gollitzer, der eine Art Winkeladvokat war und den sie eigentlich weniger des Prozesses selbst wegen brauchte als zu lustvollem und zugleich lehrsamem Zeitvertreib. Denn der Hof- und Gerichtsadvokat Doktor Silberer hatte kaum eine halbe Stunde für sie – dreimal in der Woche –, und der Gollitzer stand ihr täglich lange zur Verfügung. Eigentlich hielt sie sich diesen Gollitzer aus Mißtrauen gegen Silberer. Der Gollitzer war es, der sie aufklärte, wie man große und angesehene Advokaten zu behandeln habe. Er war es, der sie über das Privatleben der Richter aufklärte, über die Chancen, die das Gesetz bot, und über die geheimen Tücken, die es enthielt. In seiner düsteren Kanzlei, in der Wasagasse 43 im dritten Stock, begann sie allmählich sich zu einer Art juristischer Kanaille heranzubilden. Lüste erlebte sie da, wie sie keine je gekannt hatte.

Der verbotenen und selbst verpönten Lüste hatte sie bereits viele kennengelernt, aber die wahre Wollust lernte sie jetzt erst kennen, in der Wasagasse, als sie erfuhr, daß eben jene Gesetze, die sie instinktiv zeit ihres Lebens gefürchtet hatte, ihr gefügig werden konnten wie gezähmte Hunde. Zeit ihres Lebens hatte sie in der falschen Vorstellung gelebt, daß Frauen ihresgleichen außerhalb der Gesetze lebten, ausgeliefert auf Gedeih und Verderb dem Wohlwollen oder der üblen Laune jedes beliebigen Polizeikommissärs. Auf dem Grund ihrer Seele hatte immer schon das Heimweh nach einer legalen Existenz geschlummert. Lange Jahre schon hatte sie gehofft, einmal, wenn sie Geld haben würde, im wohltätigen, bürgerlichen Schatten der Gesetze leben zu können; irgendwo weit weg von ihrem Hause, das sie günstig, im günstigen Augenblick zu verkaufen gedacht hatte; zu leben als die »Private« Josephine Matzner, ohne Beruf, ohne Gefahr und mit sehr viel Geld ausgestattet. Aber jetzt war Gefahr, daß kein Geld bleiben würde. Kein Geld! Nach einem ganzen langen Leben jenseits der Gesetze! Welch ein entsetzlicher Zustand für eine alternde Frau, die gehofft hatte, endlich im Alter in den geschützten Bezirk der Bürgerlichkeit eintreten zu können! – Nun, und trotzdem: die Gesetze sprachen für sie, beide Advokaten waren dessen sicher. Nicht mehr als eine abseitige oder ausgestoßene Person verkehrte die Frau Josephine Matzner mit den Gesetzen: sondern als ihre Herrin und Nutznießerin sozusagen.

Außer dem Winkeladvokaten Gollitzer stand ihr auch ihr alter Freund, der Geheime Sedlacek, zur Seite. Oh, sie verkehrte längst nicht mehr mit ihm so wie früher; nicht mehr als eine vogelfreie Person gewissermaßen, sondern als eine beinahe gleichberechtigte. Viele Stunden verbrachte sie mit Sedlacek in seinem Büro auf dem Schottenring. Indessen liefen seine Leute herum, in der Stadt, im Reich. Eine große Geschichte: gefälschte Brüsseler Spitzen; in Wien hergestellt, von hier nach Triest geschickt; von dort nach Antwerpen; von dort nach Wien zurück. Auch Sedlacek war alt geworden und müde. Seine »mondäne« Beschäftigung behagte ihm nicht mehr. Seine drei Kinder – lauter Buben – wuchsen mit unheimlicher Schnelligkeit. Mit unheimlicher Schnelligkeit alterte seine Frau. Mit unheimlicher Schnelligkeit alterte auch er selbst, er selbst. Er brauchte eine »fette Affär'«, um befördert zu werden und endlich stillsitzen zu können, in der Polizeidirektion Graz, Innsbruck, Linz, Brünn, Prag oder Olmütz. Er war in Koslowitz geboren, und obwohl er so lange schon in Wien gelebt hatte und von Berufs wegen in die höchsten Sphären vorgestoßen war, erschien ihm jetzt, da er alterte, Olmütz wieder als eine glückliche, große, aber auch nicht allzu große Stadt: grad' so eine, wie er sie brauchte. Als Oberinspektor wollte er pensioniert werden.

Es war eine Geschichte, durchaus geeignet, aufgebauscht zu werden, und das Schicksal selbst, so schien es dem Geheimen Sedlacek, hatte ihm von Anfang an diese Affäre zugewiesen. Wie lange war es her! Der Schah von Persien (von dem auch Sedlacek einen Orden bekommen hatte, auf Vorschlag des Polizeipräsidenten, für seine Verdienste um die persönliche Sicherheit des hohen Gastes) bereitete sich schon für eine zweite Reise nach Wien vor, so sagten die Zeitungen. Der Polizeireporter Lazik von der »Kronen-Zeitung«, ein intimer Freund Sedlaceks, fand, daß es gerade jetzt angebracht und auch im Interesse des Polizisten angebracht sei, die Geschichte zu einer Art Skandalaffäre ausarten zu lassen. Diese Geschichte enthielt alle Elemente, die zu einer Skandalaffäre notwendig waren: das Milieu, die märchenhafte Herkunft des Vermögens, die man allerdings nur andeutungsweise, aber immerhin reizvoll genug erklären konnte; die glänzenden paar Jahre der Mizzi Schinagl und nunmehr ihren Untergang; die abenteuerliche Persönlichkeit Lissauers; die Bedeutung der Brüsseler Spitzen im allgemeinen; Enthüllungen über den seit langen Jahren von der Triestiner Firma betriebenen Schwindel; schließlich die geniale Wachsamkeit der Wiener Polizei, beziehungsweise des Inspektors Sedlacek. Übergenug Stoff für den Polizeireporter Lazik! ...

Es herrschte damals tiefer und übermütiger Frieden in der Welt. In den Zeitungen der Monarchie las man Hof- und Personalnachrichten, Berichte über die Vorbereitungen zum nächsten Fiakerball, Feuilletons über den Kahlenberg, über die Katakomben der Stephanskirche, über ländliche Feste in Agram, Aussichten für die Tabaksernte der braven Schwaben im Banat, Manöverberichte aus der Umgebung von Lemberg, Schilderungen eines Kinderfestes im Prater unter dem Protektorat einer Kaiserlichen Hoheit, von Kegelvereinsfesten der Schlachtermeister, Tischler, Schuster; und was dergleichen mehr an friedlichen, heiteren, sinnlosen Ereignissen in der nahen Welt und in der weiten vorkommen mochte. Gerichts- und Kriminalaffären von Bedeutung kamen in jener Zeit selten vor, und die Polizeireporter saßen in Grinzing beim Schopfner häufiger als im Café am Schottenring neben der Polizeidirektion. Die Geschichte von den Brüsseler Spitzen, in bruchstückhaften Fortsetzungen jeden Tag mitgeteilt, aufgeputzt, aufgefrischt, in niedlichen Glossen kommentiert, wurde eine echte Sensation.

Der Prozeß dauerte allerdings nur zwei Tage. Es war Anfang September, der klare Sommer ging brüderlich in einen klaren Herbst über. Im Gerichtssaal herrschte noch eine bedeutende Hitze. Der Zuhörer gab es viele. Aus der Untersuchungshaft wurde nur einer der Angeklagten vorgeführt: Franz Lissauer. Sein Triestiner Auftraggeber war verschwunden. Auf freiem Fuß belassen hatte man Fräulein Mizzi Schinagl. Sie kam, begleitet von ihrem Anwalt. Die berühmte Firma Seidmann, die seit vielen Jahren mit echten Brüsseler Spitzen handelte und sich geschädigt fühlte, erhob Anspruch auf Schadenersatz. Auch diese Firma, ebenso wie die Frau Matzner, vertrat der Hof- und Gerichtsadvokat Doktor Silberer. Es bestand alle Aussicht, daß Mizzi Schinagl den Rest ihres Vermögens verlieren würde. Der Verteidiger Lissauers bemühte sich nachzuweisen, daß die Schinagl dank ihrer weiblichen Dämonie ihren leichtsinnigen Geliebten verführt hatte.

Dunkel war ihre Vergangenheit. Durch einen märchenhaft-orientalischen Glücksfall zu einer reichen Frau geworden, hatte sie innerhalb weniger Jahre in verbrecherischer Verschwendung den größten Teil ihres Vermögens verbraucht, ihr Kind – ein uneheliches natürlich – fast verkommen lassen, nur einmal jährlich flüchtig besucht, und schließlich, wie es ja nicht anders möglich ist, einen verliebten Mann zu einem Werkzeug degradiert und zum Verbrechen verführt.

Mizzi Schinagl begriff sehr wenig von den Vorgängen und Reden im Gerichtssaal. Zuweilen kam ihr alles sogar harmlos vor, harmloser noch als dereinst in der Schule. Sie erinnerte sich, so ähnlich war es auch einst in der Klasse gewesen, in der Volksschule. Man stand auf, wenn man gefragt wurde, und man wußte nicht auf alle Fragen zu antworten, nur auf einige. Bei besonders schwierigen flüchtete man in sich selbst hinein. Ein Knäuel steckte im Hals, Tränen kamen in die Augen, man mußte sich schneuzen, die Augenlider taten weh vom scharfen Salz der Tränen. Alles wiederholte sich hier. Sie weinte, schwieg oft, sagte aus Verlegenheit und Verzweiflung »Ja!«, wenn der Staatsanwalt sie hereinlegen wollte, und »Nein!«, wenn ihr Verteidiger sie retten wollte. Sie wunderte sich nur über die grausame Unerbittlichkeit der Männer, dieses rätselhaften männlichen Geschlechts überhaupt, das sie ja eigentlich längst zu kennen glaubte, wenn überhaupt Erfahrungen Kenntnis verleihen. Aber diese Männer trugen ja auch Roben, und sie sahen seltsam aus, wie Kapläne manchmal und auch wie feierliche Zwitter. Ganz anders gekleidet, waren sie einst in den Salon der Matzner gekommen.

Der Verteidiger Lissauers fragte seinen Klienten: »Wie oft hat die Mizzi Schinagl größere Summen angefordert?« – »Mindestens jede Woche einmal!« sagte er prompt. »Und warum mußten Sie es herschaffen?« Lissauer schwieg und senkte den Kopf. »Haben Sie keine falsche Scham!« rief der Anwalt. »Die Schinagl hätte sich Ihnen sonst verweigert!« Lissauer seufzte. »Es ist nicht wahr!« schrie Mizzi Schinagl schrill. Aber die Verzweiflung hat keine angenehme Stimme. Sie klingt wie die Stimme der Verlogenheit.

Es war der wichtigste Tag im Leben der Frau Josephine Matzner. Auf die Frage nach Stand und Beruf antwortete sie: ledig, Kassiererin. »Eingetragen als Besitzerin eines Freudenhauses auf der Wieden«, verbesserte der Vorsitzende. Undank hätte sie erlebt, lauter Undank – sagte Frau Matzner. Alle Mädchen hätte sie immer gut behandelt. Sie begann zu weinen. Sie verlangte vom hohen Gerichtshof nichts mehr als ihr Geld. Sie bat um Milde. Ihre Pleureusen, violett und heute von einem lila Papagei am Hutrand festgehalten, schwankten dennoch wie in einem starken Sturm. Rechts und links starrten zwei scharfe Hutnadelspitzen, blitzten bedrohlich. Wuchtig und geschwollen hing das Retikül aus blaßblauer Seide am linken Arm. Diamanten funkelten an den Ohrläppchen.

»Sie können gehn!« sagte der Vorsitzende. Er hatte sie mitten im Satz unterbrochen. Sie war noch betäubt vom Widerhall ihrer eigenen Worte. Sie verstand nicht sofort. »Es ist genug! Sie können gehen!« wiederholte der Präsident. Sie begriff endlich, verneigte sich tief, erhob sich wieder und rief: »Ich bitte um Gnade!«

Ohne sich umzusehen, ging sie hinaus.

Inspektor Sedlacek wurde diskret darauf hingewiesen, daß er dienstlich verpflichtet sei, über den Ursprung des Schinaglschen Geldes zu schweigen. Er berichtete – und sein Herz erwärmte sich dabei ein wenig –, daß er beruflich die Angeklagte seit langem zu beobachten gezwungen sei. Er traue ihr nur Leichtsinn zu, kein bewußtes Verbrechen.

Die Ansprüche auf Schadenersatz beliefen sich, alles in allem, auf rund vierundzwanzigtausend Gulden. Mizzi Schinagls Anwalt erklärte, daß seine Klientin mit den fünfzehntausend, über die sie noch verfügte, gutstehe. Er rettete ihr auf diese Weise fünftausend, von denen sie nach Abzug seines Honorars noch leben konnte.

Sie wurde dennoch verurteilt. Lissauer bekam drei Jahre Zuchthaus, die Schinagl sechzehn Monate Gefängnis.

Sie weinte nur. Sechs Monate, ein Jahr, zehn Jahre oder lebenslänglich, das war ihr in diesem Augenblick gleichgültig.

Ihr Verteidiger versprach ihr, alles zu tun, damit sie früher frei werde. »Ich will ja gar nicht!« sagte sie.

Sie weinte nicht mehr, auf der ganzen langen Fahrt vom Landesgericht bis zur Strafanstalt. Es roch nach feuchter, schmutziger Wäsche und nach Spülwasser und Suppenresten im Korridor. Man zog sie aus, in einem kleinen Zimmer, stellte sie auf eine Waage und unter ein Zentimetermaß. Die Barmherzige Schwester brachte ihr den blauen Kittel. Sie zog sich an. Sie sah gleichgültig, wie eine andere Nonne das schöne dunkelblaue englische Straßenkostüm, die hohen Knöpfelschuhe mit den Lackspitzen und das rosa Retikül in eine Pappschachtel packte und daran eine Blechmarke hängte. Sie mußte sich hinsetzen, mit dem Rücken zur Tür. Sie hörte die Tür aufgehen, sie wagte nicht sich umzusehn. Etwas Metallenes, Klapperndes, Klirrendes kam von hinten an sie heran, kaltes Eisen und eine warme Hand rührten gleichzeitig an ihren Kopf.

Sie stieß einen grellen Schrei aus. Die Nonne nahm ihre beiden Hände. Ringsum fielen ihre aschblonden, jungen Haare in Büscheln und Flocken nieder. Es wurde kühl an der Kopfhaut. Kämme und Nadeln räumte die Schwester auf.

Man brachte ihr eine blaue Haube, die mußte sie anziehn. Sie sah sich nach einem Spiegel um. Nirgends ein Spiegel. Dies verwunderte sie. Man hieß sie aufstehen. Sie erhob sich. Am Arm der Schwester hing sie, ihre Sandalen klapperten auf dem Stein des Korridors. Schlüssel klirrten. Graues Licht sickerte aus seltenen, hoch angebrachten Luken, man hörte irgendwo in der Welt einen Vogel zwitschern.

Die Zelle 23 war leer, obwohl zwei Betten dastanden. »Wählen Sie, Kind!« sagte die Schwester, sie hatte keinen anderen Trost zu bieten als die Freiheit der Wahl zwischen der rechten und der linken Pritsche. Mizzi Schinagl fiel auf die linke hin. Sie schlief sofort ein.

Eine Stunde später weckte sie jemand. Es war der weibliche Häftling Magdalene Kreutzer, ehemals Seilakrobatin, derzeit Karussellbesitzerin im Prater, wie Mizzi Schinagl bald erfahren sollte.


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