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Dreizehntes Kapitel.
Vaterfreuden

Als der Meister mit seinen Kindern in seine Behausung zurückkehrte, war die Kienfackel längst erloschen. Der blöde Großvater, der die Dunkelheit nicht ertragen konnte, hatte sich, laut jammernd, auf das Bett seiner kranken Tochter geflüchtet; sie hielt seinen Kopf in Händen und redete ihm mit leiser Stimme zu, wie einem Kinde. So endlich war er eingeschlafen – und so fanden die Zurückkehrenden die Gruppe.

Margareth nahm Abschied von den Ihren; dann, quer über den Flur, begab sie sich in ihre eigne Wohnung.

Ihr Mann war noch wach; mit starken Schritten auf- und niederschreitend, maß er die kleine Stube. Schon vor der Thür hörte Margareth ihn laut vor sich hin murren und knurren; so wie sie eintrat, überschüttete er sie mit einer Fluth von Schmähreden und Vorwürfen.

So müsse es kommen, meinte er zornig, und das habe ihnen gerade noch gefehlt zu ihrem Elend, daß der Meister sich jetzt gar einfallen lasse, ihn, seinen eignen Schwiegersohn, einen freien und selbständigen Mann, auszuputzen wie einen Schulknaben, öffentlich vor aller Welt. Ob sie es denn nicht schon längst gemerkt habe, daß ihr Vater von Verstande sei, so gut wie ihr Großvater? und ob es nicht genug sei, daß des Meisters eigene Wirtschaft zu Grunde gehe über seinen Grillen und Launen? ob er dafür, daß er so thöricht gewesen, in eine solche Familie zu heirathen, auch angesteckt sein müsse von ihrem Unglück und der Teufel müsse ihn holen, wie sie? Denn daraus könne sie sich verlassen: die heutige Nacht bräche dem Meister den Hals; er kenne den Sandmoll, wenn der es nicht dahin brächte, daß der Meister krumm geschlossen würde, Zeit seines Lebens, so wolle er nie wieder aus geraden Füßen stehen. Und wenn sie nun ebenfalls verhungerten, ob der Meister wohl der Mann sei, ihnen zu helfen? ja woher der ganze Aerger entstanden sei, als nur davon, weil der Meister sich habe Geld von ihnen borgen wollen und sie hätten selbst keins gehabt? Eine schöne Wirthschaft das, höhnte er, wo Einer betteln gehe beim Andern; eine saubre Verwandtschaft, wo der Schwiegervater Schulden machen wolle beim Eidam!

Aber es ist mein Vater! wimmerte das unglückliche Weib …

Gut, schrie Konrad: es ist dein Vater – aber ich bin dein Mann! Freilich wohl, ich weiß recht gut, daß dein Herz noch immer hängt an der Sippschaft da drüben und über dem lieben Vater und dem charmanten Bruder und der vortrefflichen Tante und dem kostbaren Kerl, dem tollen Großvater, könnte ich, dein Mann, zehnmal sterben und du sähst dich noch nicht um nach mir. Aber gib Acht, ich änder's! ich änder's, sag' ich dir!! Hast du deinen Vater lieber als deinen Mann, gut, heirath' ihn; aber so lange du mein Weib noch bist, sollst du auch merken, daß ich dein Mann. Was Versprechen, was Eid! Wem das Messer an der Kehle sitzt, der bricht wohl zehn Eide – und dies war ja gar kein rechter Eid, sondern der pure Wahnwitz war dies – und ich selbst, daß ich mich dazu betölpeln ließ, war der Wahnwitzigste von Allen! Morgen am Tage geh' ich zum Commerzienrath und melde dich an zur Arbeit! morgen am Tage, schrie er, und sollt' ich dich mit meinen eignen Händen an die Maschine reißen! Ich will doch sehn, setzte er trotzig hinzu, wer eigentlich Herr in meinem Hause ist, dein Vater oder ich.

Du bist mein Herr, sagte Margareth. Aber dies wirst du nicht von mir verlangen: denn es wäre, weißt du, meines Vaters Tod.

Konrad theilte die üble Gewohnheit vieler Männer: war er einmal in Zorn, so redete er sich selbst, je länger er sprach, immer tiefer hinein; Widerspruch oder Schweigen, es wirkte alsdann Alles gleich schlimm auf ihn; ja er fand ein grausames Vergnügen daran in solchen Fällen, sich noch schlechter und wüthiger zu stellen als er war. – Und diesmal reizte das geheime Bewußtsein seines Unrechts und wie strafbar er gegen seine Frau gehandelt, seine Wuth noch immer mehr.

Ah, höhnte er, pfeift es aus dem Ton? Ei ja wohl, wo denk' ich auch hin? Ich habe ja auch eine Meisterstochter geheirathet, eine Prinzessin, die mir eine Million mitgebracht hat, eine ganze Million! Die kann nicht arbeiten, wie Andere, das versteht sich; die darf sich die Schleppe nicht schmutzig machen in der Fabrik, ei bewahre, das ist ein Goldkrönchen, der ihre zuckrige Schönheit könnte auseinander schmelzen, die zarten Ohren könnten ihr springen und die delikaten Aeugelchen verfärbten sich, wenn sie hören und sehen müßte, was nicht schön ist, das sag' ich nicht – aber hundert andere Weiber sehen und hören es auch, die so ehrlich sind wie du, und fallen auch nicht in Ohnmacht davon! Ich will auch nicht länger der Narr der Familie sein und will mich zu Schanden arbeiten in der stinkigen Fabrik, derweile du dem alten Großvater Märchen erzählst und schöne blaue Blümchen pflanzest oder Mücken fängst vor langer Weile …

Konrad wußte sehr wohl, daß das Alles gar nicht so war, wie er sagte und daß im Gegentheil Margareth durch ihre häusliche Arbeit mehr leistete und mehr zusammenhielt, als sie durch die Arbeit in der Fabrik jemals hatte erwerben können. Aber er war nun einmal in der Laune so und wär' ihm eingefallen, daß irgend einmal irgend eine Frau ihren Mann todt geschlagen, Margareth, hätte er behauptet, hätte das auch gethan – oder würde es doch thun mit Nächstem.

Margareth kannte ihn darin. Du bist gut, sprach sie, du sprichst das heut nur so; laß uns schlafen gehn, morgen ist wieder ein Tag.

Aber gerade darüber ereiferte Konrad sich immer heftiger. So? schrie er: also so weit sind wir schon, daß es dir einerlei ist, was ich sage oder nicht, du denkst, es wird doch nichts daraus?! Nun gut, gut: ich bleibe gleich auf, der Tag dämmert so schon, mit dem ersten Glockenläuten geh' ich hinüber und melde dich – du mußt mit! rief er, auf der Stelle mit! ich lasse dich gleich anstellen, das lass' ich, in dem allerschlechtesten Saal, bei den allerschmutzigsten Weibern, das sollst du!

Margareth zauderte; sie setzte mehrmals an, wollte etwas sagen – ihre Augen schwammen in Thränen, aber sie zwang sich zum Lächeln.

Sie stellte sich dicht vor ihn, streckte beide treue Arme auf seine Schultern, ihre Augen hafteten auf der Erde …

Konrad, sagte sie mit ganz leiser, lieblicher Stimme, guter Konrad – und wenn ich es auch wollte, es ginge jetzt doch nicht – jetzt nicht …

Aber Konrad merkte nicht darauf. Wir werden es sehn, rief er, wir werden! Zieh dich an, auf der Stelle, binde die Haare …

Denn während sie ihren Vater in den Armen gehalten hatte, war ihr das Kopftuch aufgegangen und die prächtige Fülle ihres Haares ergoß sich frei in langen schwarzen Locken.

Margareth blinzelte verschämt in die Höhe. Es geht doch nicht, guter Konrad, ganz gewiß nicht – Aber laß gut sein, brach sie ab, es ist etwas Schönes, etwas sehr Schönes, Konrad, was ich dir zu sagen habe – o um Gottes Willen, rief sie und brach in helle Thränen aus, ich möchte dir das ja nicht sagen, während du bös auf mich bist, nie! nie!

Und nun gerade will ich es wissen, sprichst du? sprichst du?! schrie Konrad und zerrte sie an der Hand.

Margareth sah ihn schmerzlich an mit ihren dunkeln, treuen Augen – und doch wieder mußte sie lächeln. Ach Ihr Männer, sagte sie schalkhaft, was Ihr auch dumm seid! Merkst du denn nichts, guter Konrad? Ich wollt' es dir schon lange sagen, aber ich hatte das Herz nicht – es ist so was gar Schönes vom lieben Gott, da müssen wir recht fromm dabei sein …

Konrad verstummte und sah sie forschend an. Margareth hing an seinem Halse. Ich tauge nichts mehr in die Fabrik, guter Konrad, flüsterte sie: ich muß zu Hause bleiben, Windeln nähen, guter Konrad, und Hemdchen, ganz kleine Hemdchen, Konrad …

Das arme Weib wußte nicht mehr, sollte sie lachen oder weinen.

Aber mit Konrad ging eine entsetzliche Veränderung vor sich. Er machte sich los von seinem Weibe – zwei Minuten war er ganz still – er war leichenblaß und seine Glieder zitterten – dann auf einmal, mit einem fürchterlichen Fluche:

Nun, rief er, so wollt' ich doch, daß die Erde mich hinunterschlänge klaftertief! Was? auch noch Kinder?! wissen wir nicht, wovon wir selbst leben sollen – und auch noch Kinder?! O, o, rief er und schlug sich verzweiflungsvoll vor die Stirn, ich bin ein ruinirter Mann!

Das hatte die Unglückliche nicht erwartet. Mit offnem Munde, fliegendem Athem, starrte sie ihren Gatten an: Aber, Konrad, stammelte sie, wie oft in frühem Jahren haben wir uns gesehnt danach! wie oft hast du gesagt, du könntest nicht glücklich sein ohne Kinder – Ich dachte dir eine Freude damit zu machen, schrie sie auf, und Alles würde gut werden – und nun!!

Ja, sagte Konrad mit entsetzlicher Kälte, das war auch ehedem, mein Kind, da wir noch zu leben hatten; jetzt wo wir verhungern, was sollen wir mit Kindern? Kinder, mein Schatz, sind nur für Leute, die Geld haben, für unsereins ist es ein Unglück, ein recht bittres Unglück – Ich muß ins Wasser gehn, setzte er gleichgiltig hinzu, reinweg ins Wasser.

Die unseligste aller Mütter war in die Knie gesunken, ihre Stirn schlug gegen die Erde – Nein, nein, stöhnte sie, ich will's ja thun! lebe, lebe du – wir wollen ins Wasser gehn, ich und mein armes ungeborenes Kind! …

Konrad war in die Ecke des Zimmers gegangen; er preßte den Kopf gegen die kalte Wand.

Auf einmal drehte er sich um – die Haare strich er sich aus der Stirn, sein ganzes Gesicht war ein Lächeln …

Und ist's denn wirklich wahr? sagte er: ein Kind? ein ordentliches lebendiges kleines Kind sollen wir haben? ein Kind, das man auf dem Arm tragen kann und das lernt Vater sagen? ein Kind von meiner Margareth?! Hei, schrie er und tanzte vor Vergnügen durch die Stube: ein Kind! Wem Gott Kinder gibt, dem gibt er Segen – bis Gottwillkommen, mein liebes Kind!

Er richtete das schluchzende Weib in die Höhe:

Weine nicht mehr, sagte er, das war ich nicht, der vorhin sprach, das war der Teufel – vergiß es! und habe deinen kleinen Mann lieb! Mann! Vater! der rothe Konrad ein Vater! es ist zu pudelnärrisch, rief er und lachte, daß ihm das Wasser in die Augen trat.

Ach was du gut bist, lieber Mann, stammelte Margareth, ich danke dir auch recht sehr, daß du nicht mehr bös bist auf mich …

Konrad nahm ihren Kopf zwischen die Hände. Er sah sie lange an. Du hast einen bösen Mann, sagte er dann, mit verhaltner Stimme: Aber du sollst sehn, Margareth, ich will mich auch bessern! ganz gewiß will ich mich bessern! ein guter Mensch will ich werden, ich schwör' es dir bei dem Leben unsers Kindes! Hei, hei, rief er wieder und drehte sich auf einem Fuß: ein Kind! ein wirkliches lebendiges kleines Kind! Jetzt will ich dir's nur gestehn, Margareth, schwatzte er vertraulich weiter, es hat mich lang gewurmt, daß wir ohne Kinder waren, und ich habe viel Neckerei deshalb aushalten müssen von den Andern. Was es wol sein wird? ein Junge? oder ein Mädchen? Ein Mädchen, Margareth, ein Mädchen wünsch' ich: denn es soll sein, wie du, rief er, indem er plötzlich in bittere Thränen ausbrach: du bist fromm, meine Margareth, ich aber bin ein schlechter Mensch, der gar kein Kind werth ist …

Gott wird helfen, theurer Mann, sagte Margareth und umschlang ihn zärtlich.

Ich hoff' es, sagte Konrad unter Schluchzen, Gott wird es. Und arbeiten will ich, meine Margareth, arbeiten, daß mir das Blut aus den Nägeln spritzt. Ah wir sind noch nicht so verloren, wie du denkst, wenn ich nur will, ich kann's schon – Hemden mußt du nähen, das versteht sich, Windeln, Tücher – es darf unserm Kinde an nichts fehlen, nichts, Alles muß da sein, wie sich's gehört – Und eine Taufe soll es haben, na wartet, eine Taufe, der Tisch soll sich biegen!

Und so schwatzte er weiter, in kindischer, seliger Vaterfreude. –

Es ist eine wahre Geschichte, eine Geschichte aus dem Volk, die wir hier erzählen: und so dürfen wir uns keine Ausschmückung oder Auslassung gestatten, selbst da nicht, wo wir in Gefahr sind, durch die nackte Treue des Historikers das Gefühl unserer Leser zu verletzen.

Konrad, dem es nach der durchschwärmten Nacht, in der frostigen Morgenkühle und nach den wechselnden Empfindungen, die seine Brust durchtobt hatten, ein wenig unbehaglich zu werden anfing, sah sich endlich gähnend um …

Mich hungert, sagte er: gib mir etwas zu essen, Frau, nur eine Rinde Brod – und dann wollen wir noch eine Stunde schlafen.

Unsere Leser werden das, wie gesagt, sehr unästhetisch finden; wie kann man essen wollen auf solche Scene?!

Ganz gewiß, schöne Leserin: hätte bei Ihnen, nach einem ähnlichen Vorgang, die Schwäche der Natur sich gemeldet (wiewohl schon das im Grunde eine Beleidigung ist gegen Ihre Bildung), allen Respect vor Ihrer Zartheit, Sie hätten sie unterdrückt, ja nicht sich selber hätten Sie eingestanden, daß Sie hungert. Aber die schlechte Gesellschaft, in welche dieses Buch Sie nun einmal geführt hat, besitzt diese Regards nicht –: Konrad fühlte, daß ihn hungerte und so sagte er's.

Margareth erschrak. Zu essen? Gerechter Gott, auch die Rinde Brod, nach der ihren Mann verlangte – seit zwei Tagen war sie nicht mehr im Hause!

Konrad errieth ihre Verlegenheit. Laß gut sein, sagte er, es ist verdrießlich, hungrig zu Bett zu gehn. Aber es thut nichts und ich denke schon nicht mehr daran.

Aber Margareth war ein Gedanke durch den Kopf geschossen –

Zudem Gebirg, wo diese Geschichte sich zuträgt, wie in vielen andern Gegenden Deutschlands, ist es ein alter Hochzeitgebrauch, den Neuvermählten am Tage der Trauung ein Laib Brod unter die Schwelle der Wohnung zu legen: frommes Symbol, daß es dem jungen Paare niemals an Brod fehlen möge im Hause und daß ihr Fuß stets über Segen wandle!

Auch bei Margareth's Trauung war diese Sitte bewahrt worden; unter der Schwelle des Zimmers, in einem reinlich ausgeklebten Nischchen, seit Jahren unberührt, lag der Laib Brod, den ihr Vater einst, unter Thränen und Segenssprüchen, da versenkt hatte.

Sie kniete nieder, reichte das Brod hervor. Auch Konrad kniete neben sie.

Theurer Mann, sagte sie und gemeinsame Thränen aus diesen Augenpaaren, die sich schon so lange nicht mehr in gegenseitiger Liebe angelächelt hatten, tropften nieder auf die harte Rinde: drei Jahre sind es, seit mein Vater dies Brod unter der Schwelle barg, drei Jahre sind vergangen voll Noth und Jammer und unsere Herzen haben sich oft von einander entfernt. Ach theurer Mann, als sie das Brod hier versenkten unter Blumen und Segenssprüchen, da dachten wir nicht, daß es so kommen sollte mit uns .… Ich klage nicht, geliebter Mann, ich bin dein ehrliches, treues Weib, bis in den Tod, und fest wie damals. Aber nun, da durch die Gnade Gottes ein neues Leben aufblüht zwischen uns, o mein Geliebter, laß uns unsere Hände legen auf dies harte Brod und laß uns zum Zeugen anrufen diesen stillen, stummen Wächter unseres Hauses –: wir wollen gut sein, theurer Mann, Einer mit dem Andern, wollen Geduld und Nachsicht üben, und was auch komme, es soll sich nichts mehr, nichts zwischen unsere Herzen drängen – um unseres armen Kindes willen! rief sie und überdeckte die harte Hand ihres Mannes mit heißen Küssen.

Konrad nahm ein Krümchen von der harten Rinde – und er gedachte dabei, wie er als Knabe einmal das Abendmahl genommen, so heilig war es ihm.

Er hob sein Weib auf und küßte sie ehrfurchtsvoll auf die klare, reine Stirn. Du bist heilig, sagte er.

Dann suchten beide das späte, ärmliche Lager; Arm in Arm entschliefen sie …

Und der Engel des Friedens, so lange verscheucht von dieser Stätte, breitete noch einmal seine Schwingen segnend über sie.



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