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Achtes Kapitel.
Der Hausfreund

Wenige Monate später schritt Herr Wolston zu einer zweiten Ehe; er müsse, sagte er, für Gesellschaft und Pflege sorgen für seinen geliebten Julian, der in seiner jetzigen Einsamkeit immer düstrer, immer hinfälliger ward – und welche Gesellschaft tröstender, welche Pflege sorgsamer sei, als die einer Mutter?

Hatte Herr Wolston wirklich nur dies Motiv gehabt, so konnte die Wahl, die er bei dieser zweiten Ehe traf, allerdings nicht umhin, einige Verwunderung zu erregen. – Die Dame war ehedem eine der gefeiertsten Schönen des Landes gewesen und konnte noch jetzt für eine stattliche, sogar eine angenehme Erscheinung passiren. Von ihrer Häuslichkeit jedoch und ihren wirthschaftlichen Tugenden wußte Niemand zu rühmen. Im Gegentheil, sie hatte ein nicht unbeträchtliches Erbtheil auf ziemlich leichtsinnige Weise verthan und nur der Umstand, daß sie eine Cousine war des Ministers, des allvermögenden, hatte sie vor ernstern Verlegenheiten bewahrt. Ihre Freundschaft war zahlreich, ihre Bekanntschaft war ausgebreitet, aber ihrer Tugend, meinte man, wäre es vortheilhafter gewesen, sie hätte der Freunde und Bekannten weniger gehabt; ihr Stammbaum der älteste und ohne Makel, aber desto makelvoller ihr Ruf; wenn sie in neuester Zeit fromm geworden war, so hatte das, wie der Volksmund behauptete, seinen guten altbekannten Grund.

Dieser Dame also bot Herr Wolston seine Hand: und wenn man den Reichthum in Erwägung zog, den der Commerzienrath täglich üppiger und in einem Maße entfaltete, der sogar mit dem anerkannt blühenden Betriebe seiner Fabrik nicht mehr ganz in Verhältniß stand, so daß man auf neue, unbekannte, vermuthlich überseeische Erwerbsquellen zu schließen anfing, sowie die precaire Lage, in welcher das Fräulein selbst sich befand: so war es das natürlichste Ding von der Welt, daß sie den Antrag des bejahrten, aber steinreichen, bürgerlichen, aber angesehenen Mannes nicht ausschlug.

Auch war diese zweite Ehe des Herrn Wolston, so viel man merken konnte, vollkommen glücklich. Die Commerzienräthin repräsentirte mit unvergleichlichem Anstand und machte das traurige, öde Kloster bald zum Mittelpunkt der ausgesuchtesten Geselligkeit von nah und fern. Herrn Wolston schien dies zu genügen: wiewohl er, seiner ganzen Natur nach, an diesen geselligen Vergnügungen nur höchst sparsamen Antheil nahm, sogar, in der Ueberlegenheit des reichen Mannes, dem man dergleichen denn schon passiren ließ, sich meist nur ironisch dagegen verhielt.

Um den Sohn Julian dagegen kümmerte die neue Stiefmutter sich wenig, beinahe gar nicht. Und wer wollte sie darum tadeln, da der (wie es sich nun auf einmal herausstellte) eigensinnige, verzogene Knabe ihre zärtlichsten Annäherungen auf die standhafteste, ja ungeziemendste Weise zurückgewiesen hatte? Gegen seine verstorbene Mutter hatte er nur Abneigung, nur Kälte gezeigt, sein Benehmen gegen sie, wie gegen Herrn Wolston selbst, war nur ablehnend, nur gleichgiltig gewesen; gegen seine Stiefmutter dahingegen zeigte er offene Widersetzlichkeit und unzweideutigen, unkindlichen Haß.

Ein Ereigniß ganz besonders schien diesen Haß hervorgerufen zu haben, eines der ersten, durch welches die Baronesse ihren Eintritt in das Haus des Fabrikanten bezeichnet hatte: sie hatte ihren Gemahl aufmerksam gemacht auf das Verwunderliche, sogar Unziemliche, daß die Erziehung eines so talentvollen, so viel versprechenden Kindes, wie Julian, eines Kindes von einer so glänzenden Zukunft, Erbe eines so außerordentlichen Vermögens, in die Hände gelegt sei eines bloßen einfachen Dorfschulmeisters. Ob ihr Gemahl allein nicht wisse, was doch übrigens kein Geheimniß sei, nämlich daß Leonhard (dies war der Name des Schulmeisters) unausgesetzt den genauesten Verkehr unterhalte mit der ihm selbst so verhaßten Familie des Meisters? Die Gründe dieses Hasses kenne sie nicht, trage auch kein Verlangen, sie kennen zu lernen, da Personen und Verhältnisse dieser untergeordneten Gattung sie überhaupt nicht zu interessiren vermöchten. Sei es indeß einmal sein Wille so und habe ihr Gemahl sich einmal entschlossen, keine Verbindung mehr zwischen seinem und dem Hause des Meisters zu dulden, so begreife sie auch nicht, wie er die Anwesenheit dieses Mannes noch länger gestatten könne, des offenkundigen Zwischenträgers zwischen Julian und den Angehörigen des Meisters. Nicht undeutlich gab sie zu verstehen, daß diese seltsame Gehässigkeit, welche Julian gegen sie bezeige, die sie jedoch übrigens, dem Vater gegenüber, auf alle Weise zu entschuldigen suchte, ihren Ursprung lediglich in dem Einfluß dieses Lehrers habe und den Einflüsterungen aus dem Hause des Meisters, welche Julian durch diesen Kanal zugetragen würden. Ja so weit ging sie in ihrem Eifer, daß sie Julian's ganzen Trübsinn, seine Menschenscheu, selbst seine Kränklichkeit nur diesem Verhältniß zuschrieb; es komme nur darauf an, diesen einen verhängnißvollen Faden zu lösen – und Julian's von Haus aus so gesunde, so fügsame Natur, diesem verderblichen Einfluß entrückt, würde sich nach allen Seiten hin frei und glücklich, in liebenswürdiger Eintracht, entfalten.

Herr Wolston, der selbst schon seit Längerem ähnliche Gedanken bei sich genährt hatte, fand diese Vorstellungen höchst beachtenswerth, um so beachtenswerther, als er darin zugleich einen Beweis erblickte von der mütterlichen Sorgfalt, welche die Baronesse seinem Sohn bei alledem widmete. Die Besorgniß indeß, durch die Entfernung des geliebten Lehrers das empfindliche, ohnedies schon so mannichfach gereizte Gemüth seines Sohnes allzu tief zu verletzen, hatte ihn noch immer zurückgehalten von der Ausführung eines Schrittes, der ihm selbst gleichwohl mit jedem Tage nöthiger erschien.

Der Zufall kam seiner Unschlüssigkeit zu Hilfe. Der Prediger des Orts, ein bejahrter Mann von altem Schlage, der sich um seine Pfarrkinder herzlich wenig gekümmert hatte, desto mehr dagegen um seine Aecker, seine Bienen und sein tägliches Tarockspiel, starb. Frau Wolston, von deren frömmelnder Richtung wir bereits gesprochen haben, setzte es ohne große Mühe bei ihrem Vetter, dem Minister, durch, daß die erledigte Stelle einem Geistlichen derselben strengen Richtung übertragen ward.

Es war ein noch außerordentlich junger Mann, dieser Geistliche: aber durch seine exemplarische Frömmigkeit und seine glänzende Rednergabe hatte er gleichwohl schon als Candidat die Aufmerksamkeit der Hauptstadt, wo er bisher gelebt hatte, auf sich gezogen. Vielleicht auch war seine anmuthige Persönlichkeit dabei nicht ohne Einfluß geblieben, zumal auf die weibliche Zuhörerschaft, die ja bei dem Ruf eines Predigers bekanntermaßen allemal eine entscheidende Stimme hat: Herr Waller galt für einen schönen Mann – und auch wer sein Aeußeres etwa zu glatt, zu weichlich gefunden hätte, mußte ihm doch zugestehen, daß er ein Mann war von den angenehmsten Sitten und einer Tournure, deren kein Cavalier sich hätte zu schämen brauchen. –

Der Commerzienrath, der sehr weit davon entfernt war, die religiöse Richtung seiner Gemahlin zu theilen, der es sogar liebte, sie gelinde damit aufzuziehen, besonders bei Gelegenheit der glänzenden Routs, der Feste und Lustbarkeiten, welche sie veranstaltete, war mit dieser Ernennung Anfangs nicht ganz einverstanden gewesen. Die Baronesse wußte ihm jedoch mit solcher Beredsamkeit auseinanderzusetzen, wie nöthig ein Geistlicher von dieser strengen Richtung wäre, gerade nach einer Amtsführung, wie diejenige seines Vorgängers, und für eine Bevölkerung, so verwahrlost, so sitten- und glaubenlos, wie diese Fabrikarbeiter: daß Herr Wolston schwieg – schwieg, nicht beistimmte, und nur mit einem Lächeln, noch kälter, noch sarkastischer, als er es gewöhnlich zeigte, seine schwere goldene Dose auf- und zuklappte.

Allein auch dieses Vorurtheil verstand Herr Waller zu widerlegen. So geschickt war sein Auftreten im Hause des Commerzienraths, so zurückhaltend bei so viel Theilnahme, so abgemessen bei so viel warmer Ergebenheit, religiöse Angelegenheiten hielt er von der täglichen Unterhaltung so fern und hatte über Gegenstände des praktischen Lebens ein so vielseitiges, so duldsames, so besonnenes Urtheil, den Enthusiasmus selbst, den die Baronesse ihm entgegengetragen, lehnte er so leise ab, führte ihn so vorsichtig, mit so guter Manier, in die Schranken einer alltäglichen, nüchternen Freundschaft zurück: daß der Commerzienrath selbst, der sich gefaßt gemacht hatte in seinen Gedanken auf einen wüsten, unverträglichen Eiferer oder einen unleidlich süßen, verhimmelnden Schwärmer, seine angenehmste Ueberraschung nicht verbergen konnte.

Auch in den eigentlichen Angelegenheiten seines Amtes zeigte er sich ganz anders und weit nachgiebiger, als der Ruf ihn bezeichnet hatte. Die Gemeinde, sagte er, sei freilich ein wenig verwildert und eine strengere Kirchenzucht thue dringend Noth; Herr Wolston werde den Vortheil davon schon in seiner Fabrik verspüren. Aber das lasse sich nicht auf einmal und nicht gewaltsam erreichen, sondern allmälig nur, durch gütliche Einwirkung und indem man den Leuten, durch persönlichen Verkehr und unmittelbaren Beistand, die Ueberzeugung beibringe, daß man es wirklich gut mit ihnen meine und daß, mit der Verwandlung und Besserung ihres innern Menschen, sie auch für ihre gedrückten äußeren Verhältnisse Abhilfe und Besserung finden würden.

Dieser Ansicht gemäß richtete Herr Waller auch sein persönliches Verhalten zur Gemeinde ein. Für die fast täglich vorfallenden öffentlichen Scandale schien er kein Auge zu haben, oder wo sie unmittelbar an ihn gebracht wurden, antwortete er nur mit Seufzen und Achselzucken. Dagegen fing er an die Wohnungen der einzelnen Familien zu besuchen, erkundigte sich nach ihren persönlichen Angelegenheiten, nahm Theil an ihren häuslichen Sorgen und Kümmernissen. Anfangs, da dies Verfahren hier etwas ganz Neues und Unerhörtes war, hatte er viel Unannehmlichkeiten deshalb zu bestehen; sogar persönliche Beleidigungen blieben, bei dem rohen Sinn dieser Bevölkerung, nicht aus. Allein auch dies ertrug Herr Waller mit so guter Manier und wußte sich auch diesen Leuten so angenehm zu machen, besonders auch durch gelegentliche Almosen und Geschenke, mit denen er seine Rathschläge unterstützte, daß man sich seinen Besuch bald nicht nur gefallen ließ, sondern selbst eine Ehre darin setzte, vornämlich die Weiber, die nicht genug bewundern und rühmen konnten, wie theilnehmend und freundlich der neue Herr Pfarrer sei; Alles könne man ihm erzählen, die kleinsten Dinge, von Mann und Kind, von Feld und Vieh, er höre Alles freundlich an und habe für Alles eine theilnehmende und begütigende Antwort.

Nur seine Predigten allerdings athmeten eine außerordentlich strenge kirchliche Gesinnung. Der junge Mann, sowie er die Kanzel beschritt, schien mit dem weltlichen Kleide auch jede weltliche Berechnung, jede weltliche Nachgiebigkeit und Milde abgelegt zu haben; sein bleiches, bebendes Antlitz, die verzückten brennenden Augen, die schwarzen flatternden Haare, die lebhafte, bis an die äußerste Grenze des Zulässigen gesteigerte Action, und zu dem Allen der gewaltige, jetzt rauschende, donnernde, zerschmetternde, jetzt die Gemüther zu tiefster Rührung zerschmelzende Fluß seiner Beredsamkeit ließ ihn in solchen Augenblicken erscheinen wie einen jener Bußprediger des Mittelalters, von denen die Legenden uns erzählen: und selbst die harten Herzen seiner Zuhörerschaft fühlten sich, wenigstens so lange er sprach, wundersam davon ergriffen.

Da indeß der Fabrikherr die Kirche grundsätzlich nur einmal alle Vierteljahre besuchte, so bekümmerte ihn das wenig; er hörte den begeisterten, schwungvollen, zerknirschenden Vortrag des neuen Predigers mit derselben kalten, höflichen Aufmerksamkeit an, wie ehedem den nüchternen, schleppenden seines Vorgängers. Sogar im Gegentheil, er könne es leiden, meinte er, mit Bezug auf die Waller'schen Reden, wenn ein Jeder, was einmal sein Beruf sei und wofür er bezahlt werde, mit Eifer treibe und so, daß man ihm selbst die Lust dazu anmerke.

Auf diese Weise kam es denn, daß Herr Waller in kürzester Frist der erklärte Vertraute und Günstling im Schlosse war. Und das nicht blos bei der Baronesse und auch nicht blos in geistlichen Dingen: sondern auch Herr Wolston selbst fing an, den gewandten, wohlerfahrenen Mann gelegentlich in sein Vertrauen zu ziehen.

Und da der junge Geistliche sich diesem Vertrauen niemals aufdrängte, wohl aber, wo es ihm erwiesen ward, diese Auszeichnung jederzeit aufs Dankbarste zu empfinden schien, so war es höchst natürlich, daß dies gute Verhältniß mit jedem Tage zunahm und sich befestigte.

So wurde ihm denn auch die Angelegenheit wegen Julian's und seines Lehrers zu vertraulicher Berathung vorgelegt.

Allein mit großer Lebhaftigkeit erklärte Herr Waller sich gegen jede Aenderung. Er wolle, sagte er, sein Urtheil nicht übereilen, und ein liebloses würde sich gerade für ihn und seinen Stand am Wenigsten geziemen. Aber die Familie des Meisters, nach Allem, was er von ihr gesehen und gehört, scheine ihm die üble Meinung, in welcher sie im Dorfe stehe (es war eigentlich nur im Schlosse, bei Herrn Wolston: aber Herr Waller, der das natürlich noch nicht so genau unterscheiden konnte, sagte im Dorf), allerdings zu verdienen; schon ihr scheues heimliches Wesen, ihre Einsamkeit und Absonderung, die sich, zu seinem großen Schmerz, selbst bis in die Kirche erstrecke und mit der sie auch, fast die einzige im Dorf, seine theilnehmenden Besuche standhaft zurückgewiesen, ließen auf ein böses Gewissen schließen und vielleicht auf noch bösere Absichten.

Das Alles jedoch, fuhr Herr Waller fort, habe nichts zu sagen bei der anerkannten und erprobten Tüchtigkeit des Schulmeister Leonhard. Er selbst freilich, der Prediger, kenne ihn aus eigener Prüfung noch nicht. Aber unmöglich könne er etwas Unrechtes vermuthen von einem Manne, der bei seinem Amtsvorgänger in so außerordentlicher Gunst gestanden und dem (was eigentlich allein schon entscheidend sei) ein so scharfer Menschenkenner, wie der Commerzienrath, schon seit so viel Jahren in einer so wichtigen Angelegenheit, wie die Erziehung seines einzigen Kindes, ein so schmeichelhaftes Vertrauen geschenkt habe. Zwar was seine öffentliche Amtsführung in der Schule anbetreffe, so scheine der gute Leonhard (er sage, setzte Herr Waller hinzu, dies nur ganz im Vertrauen und weil er wisse, daß der Commerzienrath keinen Gebrauch davon machen werde) ihm nicht völlig der Mann, als welcher er im Allgemeinen gelte; er scheine es sich da mitunter etwas bequem zu machen, der gute Leonhard, bequemer, als mit einer geregelten Schulzucht verträglich sei und der wohlverstandene Vortheil der Gemeinde es gestatte. Allein sehr wahrscheinlich rühre dies nur von dem Eifer her, mit welchem Leonhard sich seinem Nebenamt, der Erziehung Julian's, widme – und wer ihm das verdenken möchte, da an diesem Einen hochbegabten, zur glänzendsten Zukunft berufenen Knaben allerdings unendlich mehr gelegen sei, als an der ganzen, verwahrlosten Jugend des Dorfs?

Vor Allem aber widerrieth er jede Aenderung aus Rücksicht auf den Knaben selbst. Julian's sogenannte Kränklichkeit und Reizbarkeit sei allerdings, wie Herr Wolston selbst das sehr richtig einsehe, nichts weiter als eine erhöhte Nerventhätigkeit, in Folge der ungewöhnlich raschen und glücklichen Entwicklung seiner geistigen Fähigkeiten. Aber eben diese Thätigkeit dürfe nicht gehemmt, diese Entwicklung nicht unterbrochen werden; Julian habe sich einmal an Leonhard gewöhnt, die unbewußte Herrschaft, welche der geistreiche Knabe über den wohlmeinenden, aber freilich einigermaßen beschränkten Leonhard übe, trage nur dazu bei, seinen Geist zu zeitigen und ihm jenes gediegene, männliche Wesen zu verschaffen, das der Vater noch zuweilen an ihm vermisse: so daß sogar der Schade, welchen Leonhard's Erziehung ihm schlimmsten Falls zufügen könne, unbedeutend sei gegen die Gefahr, welche eine plötzliche, gewaltsame Entfernung desselben für Julian selbst mit sich führen müsse. – Der Prediger unterstützte diese Ansicht mit so viel praktischen Belegen und entwickelte, indem er von dem Sohn des Fabrikherrn sprach, eine so tiefe Ehrerbietung für Beide, den Sohn sowohl wie den Vater, daß endlich auch die Baronesse sich überwunden erklären mußte. Herr Wolston selbst aber, mit einem eigenthümlichen, wohlgefälligen Schmunzeln, pflegte ihn von da nicht anders zu nennen als »seinen« Prediger.

Wenige Wochen waren seit dieser Unterredung vergangen, als Herr Waller eines Tags mit tiefbekümmerter Miene beim Commerzienrath eintrat. Lange wollte er mit der Sprache nicht heraus, zuletzt jedoch, unter allen Zeichen einer innigen und schmerzlichen Theilnahme, erklärte er sich folgendermaßen.

Der Commerzienrath, sagte er, werde von der Revision gehört haben, welche das Ministerium in Betreff der hiesigen Kirchen- und Schulangelegenheiten kürzlich verordnet habe. Die Herren in der Residenz, setzte er mit gelindem Lächeln hinzu, schienen einige Besorgniß zu haben wegen der Fabrikbevölkerung, sie hätten vermuthlich keine Ahnung von der geistigen Ueberlegenheit und der wahrhaft imperatorischen Gewalt, durch welche Herr Wolston diese rohe Genossenschaft in Ordnung erhalte, und mühten sich daher ab mit Projekten und Vorschlägen, wie dem Dinge anderweitig entgegenzuarbeiten sei. Bei dieser Revision nun habe sich, zu seinem größten Schrecken, herausgestellt, daß der gute Leonhard seine Pflichten schon seit Langem aufs Gröblichste vernachlässigt. Einige Unregelmäßigkeit habe er freilich ebenfalls vermuthet, so arg jedoch habe er sich die Sache nicht vorgestellt. Ja man könne eigentlich gar nicht mehr sagen vernachlässigt: sondern wenn Leonhard (dies nämlich werde ihm Schuld gegeben: aber hoffentlich nur aus Misverstand und einseitiger, vielleicht gar böswilliger Auffassung) … wenn Leonhard, sagte der Prediger, schon seit Jahren die vorgeschriebene christliche Norm und Grundlage des Unterrichts gänzlich bei Seite gesetzt, wenn er die Religionsstunden selbst mit offenbarer Gleichgiltigkeit abgehalten, ja sie misbraucht habe, die jungen, ungebildeten Gemüther durch allerlei gefährliche freidenkerische Lehren aufzuregen und in Verwirrung zu setzen: so scheine das, die Richtigkeit der Thatsache angenommen, bei ihm nicht mehr Nachlässigkeit oder Leichtsinn, sondern Grundsatz und Absicht scheine es bei ihm zu sein.

Nun freilich, fuhr Herr Waller fort, sei es mit dem christlichen Glauben ein köstliches, aber auch ein eignes Ding. So sehr er selbst durchdrungen sei von der einzigen, durch nichts zu ersetzenden Beseligung desselben und so sehr er, aus der Tiefe seines Herzens, Allen, die er lieb habe und verehre, die Stunde herbeiwünsche, wo diese Beseligung auch ihnen aufgehn möge (und indem der Prediger dies sagte, sah er Herrn Wolston an, mit einem so festen und doch so bescheidenen, so ehrerbietigen Blick, daß dieser das Lächeln, mit welchem er dergleichen Aeußerungen hinzunehmen pflegte, diesmal unwillkürlich zurückhielt) –: so bescheide er sich doch auch in Demuth, daß die Wege, welche zum Himmel führten, nach der Weisheit Gottes, mannichfacher Art seien. Wenn daher der gute Leonhard sich zu jenen Ansichten und Grundsätzen aus aufrichtigem Gewissen und wirklicher, ehrlicher Ueberzeugung bekenne, wer alsdann verwegen genug sein wolle, den ersten Stein auf ihn zu schleudern?!

Nur dies scheine ihm außer Zweifel und auch der Commerzienrath werde ihm darin beistimmen, daß, wer ein gewisses Amt einmal aus gewisse Bedingungen und Vorschriften hin übernommen, diese Bedingungen und Vorschriften auch erfüllen müsse – oder aber das Amt selbst aufgeben. Zu diesem Sinne und aus freundschaftlichster Absicht habe er eine vertrauliche Unterredung mit dem Schulmeister gesucht. Allein der liebe Mann, gereizt vielleicht durch den ganzen Vorgang, vielleicht auch (und dies hoffe er am Meisten) in dem gerechten Stolz der Unschuld, habe jede vertrauliche Auslassung verweigert und sich mit Heftigkeit auf eine ordentliche, gerichtliche Untersuchung berufen. Unter diesen Umständen und um Leonhard's eigenem Verlangen zu genügen, habe der Prediger denn freilich nicht anders können, als dem Ministerium von der ganzen Lage der Sache vorschriftmäßigen Bericht erstatten. Und ebenso habe das Ministerium nicht anders können, als Leonhard einstweilen von seinem Amte suspendiren: womit denn natürlich, als weitere Consequenz, auch seine einstweilige Entfernung aus dem Hause des Commerzienraths bedingt sei.

Der Commerzienrath verspürte, begreiflicher Weise, nicht die mindeste Lust, sich dieser Consequenz zu widersetzen. Leonhard wurde entlassen: und Herr Waller selbst trat an seine Stelle.

Den Schmerz Julian's bei diesem Wechsel zu schildern, verzichten wir. Herr Waller that alles Mögliche, sich die Neigung seines neuen Zöglings zu erwerben; er wurde nicht müde, ihm Gutes von Leonhard zu sprechen, täglich brachte er dem Knaben Grüße von ihm (wiewohl, die Wahrheit zu sagen, er ihn fast niemals sah, indem Leonhard sich geflissentlich jedem Verkehr mit dem Prediger entzogen hatte) und vertröstete ihn auf seine Rückkunft. Aber das Mistrauen Julian's vermochte er mit alledem nicht zu besiegen. War Herr Waller nicht der Freund seines Vaters? der Günstling seiner Stiefmutter? Schon dies war hinreichend, ihn unempfindlich zu machen gegen alle noch so freundlichen Bemühungen des Predigers. Der Knabe versank, geistig und körperlich, in einen Trübsinn, eine Schwermuth, die fast an Gefühllosigkeit grenzte. Mit Leonhard's Entfernung hatte sich für ihn das letzte gemüthliche Band, das letzte Band von Freundschaft, Anhänglichkeit und Liebe gelöst und ein entsetzliches Gefühl von Vereinsamung, Bangigkeit und Leerheit überkam ihn, so heftig, so verzehrend, wie ein jugendliches Herz, in so frühen Jahren, in einer äußerlich so glänzenden Umgebung, wohl noch niemals empfunden hat.

Denn auch der Briefwechsel mit Angelica, welche, trotz ihrer wiederholten Bitten, durch den ausdrücklichen Willen ihres Stiefvaters noch immer in der Residenz zurückgehalten ward, konnte ihm keinen Ersatz bieten. Der Commerzienrath hatte der Abneigung, welche er gegen das junge Mädchen empfand und daß er sie am Liebsten gar nicht wieder in seinem Hause gesehen hätte, kein Hehl; sie habe, behauptete er, zu viel in sich von dem unruhigen, schweren Blute ihrer Mutter; auch sei es eine Rücksicht, die er der Baronesse und seinem eigenen häuslichen Frieden schulde, zu dem Stiefsohn nicht noch eine erwachsene, anspruchsvolle Stieftochter ins Haus zu nehmen. Aber damit nicht zufrieden und als ob schon Angelica's Briefe den Bruder anstecken könnten mit den Fehlern, deren Herr Wolston sie beschuldigte, hielt er auch den schriftlichen Verkehr der beiden Geschwister unter einer höchst peinlichen Aufsicht; keinen Brief konnte Julian absenden, keinen von Angelica empfangen, der nicht durch die Hände seines Vaters gegangen wäre. Nicht einmal der Trost, schriftlich ihr Herz gegen einander ausschütten zu können, war den Geschwistern geblieben: sondern bis in ihre Briefe hinein erstreckte sich dieser Zwang und diese frostige, ängstliche Beklommenheit, die in dem Schloß des Commerzienraths einmal zu Hause waren und die auch die geräuschvolle Geselligkeit der Baronesse wohl für fremde Augen verdecken, nicht aber daraus verbannen konnte, ja auch gar nicht daraus verbannen wollte, schon darum nicht, weil sie dieselbe überhaupt gar nicht verspürte.

Auch im Dorf erregte Leonhard's Entfernung, aus seinem Amt sowohl wie aus dem Schloß, großes Aufsehen. Zwar von der Theilnahme, der Ehrfurcht sogar, welche einem Lehrer der Jugend unter allen Umständen gebührt und deren Mangel, so oft wir ihn auch heutzutage zu beklagen haben, allemal ein trauriges Zeichen ist, entweder für die Gemeinde oder auch für den Lehrer selbst, konnte bei dieser Bevölkerung natürlich keine Rede sein. Aber als die Untersuchung gegen Leonhard sich nun, nach Art solcher Proteste, endlos hindehnte; als er das Schulhaus verlassen mußte, in dem er so lange Jahre gewaltet hatte und wo schon mehr als ein Geschlecht herangewachsen war unter seinen Augen; als er Abschied nehmen mußte von diesen Räumen, wo so manche stille Freude und mancher noch stillere Schmerz für ihn hindurchgeschritten war, Abschied von diesen Blumen, die er so sorgsam gepflegt, diesen Obstbäumen, die er so trefflich gewartet hatte; hinaus, weit vors Dorf, in das allerletzte Haus, das ehemalige Hirtenhaus der Gemeinde, das aber seitdem als eine Art Zufluchtstätte für Waisenkinder und Dorfarme benutzt ward; als Noth und Elend, in ihrer schreckhaftesten Gestalt, den armen Verfolgten überkam (denn in Folge der Suspension war ihm der größere Theil seines ohnehin sehr dürftigen Gehaltes entzogen, das beträchtliche Geldgeschenk aber, mit dem der Commerzienrath ihm die Entfernung aus seinem Hause versüßen wollen, hatte er hartnäckig ausgeschlagen und ebenso auch die Unterstützung, welche der Prediger ihm angeboten); als sein Antlitz immer bleicher, seine Haltung immer gebückter, seine Stimme immer leiser ward; als man ihn sitzen sah, ganze Tage auf einem Fleck, mit gerötheten Augen vor sich hinstarrend, oder auch in weitem Bogen umschlich er das Schulhaus, wo jetzt ein neuer Lehrer waltete, ein sehr eifriger und sehr frommer, den Herr Waller direct hatte aus der Hauptstadt kommen lassen, und vor jedem Kinde, das ihm begegnete, stand er still und grüßte es mit Namen und legte ihm die Hand auf den Kopf – es war wunderlich genug: so lange er im Amt gewesen, hatten die Leute rechtschaffen auf ihn geschimpft und jeden Schabernack und jedes gebrannte Herzeleid, das sie ihm anthun konnten, das hatten sie ihm mit Vergnügen gethan – weshalb? ei was, es war ja blos der Schulmeister, den sie plagten, wie er ihre Kinder plagte – jetzt dagegen, seit er im Unglück war, gewannen sie ordentlich Respect vor ihm und betrachteten ihn mit einer Theilnahme, die nicht blos Neugier war.

Wiewohl es auch an der nicht fehlte. Denn auch Leonhard's Schicksal, so einfach und natürlich es war, schmückte die Phantasie der Masse aus mit irgend welchen geheimnißvollen Beziehungen, vornämlich deshalb, weil er der vertrauteste, ja der einzige Freund des Meisters war; wie man des Verwunderns nicht satt bekommen und sich schier den Kopf zerbrochen hatte, als er, der simple Dorfschulmeister, derselbe, der sich mit ihren eigenen unartigen Buben plagen mußte, nicht zu schlecht befunden ward, die Erziehung des jungen gnädigen Herrn zu übernehmen, ebenso wunderte man sich jetzt über diese gewaltsame und plötzliche Lösung dieses Verhältnisses. Dem Prediger Waller schrieb man dabei keinen Antheil zu oder doch nur den unvermeidlichen, den sein Amt mit sich gebracht hatte. Vielmehr für die eigentliche Urheberin des Ganzen galt, in der Meinung des Dorfs, die Baronesse.

Wie diese denn überhaupt sehr wenig beliebt war, ja beinahe schon gehaßt. Herr Wolston war hart, es ließ sich nicht leugnen, aber er war es gegen Jedermann; er behandelte seine Arbeiter, als wären sie Stücke seiner Maschinen, ohne die geringste persönliche Neigung oder Mitgefühl, aber auch ohne Jähzorn und Ueberhebung.

Beides dagegen gab man der Baronesse schuld; die Gleichgiltigkeit des Fabrikherrn wurde nicht empfunden, desto mehr die ekle Geringschätzung, welche die Baronin allerdings an den Tag legte, sowie die Art und Weise, mit der sie den Reichthum ihres Gemahls zur Schau trug, besonders, wenn man sich dabei der Mildthätigkeit ihrer Vorgängerin erinnerte. Auch wegen ihrer Frömmigkeit mußte sie manch böses Wort über sich ergehen lassen; tagtäglich, von hundert Zungen, wurden die lockern Abenteuer ihrer Jugend frisch aufgewärmt, keine Erfindung war so albern, kein Märchen so toll, auf ihren Namen wurde es geglaubt. – Wie viel die gesellige Stellung des Commerzienraths durch seine zweite Ehe also auch übrigens gewonnen haben mochte: sein Verhältniß zu seinen eigenen Arbeitern war dadurch nicht verbessert worden. –

Ueber diesen Veränderungen und Neuigkeiten im Schlosse jedoch war der Bevölkerung des Dorfes das kleine arme Haus des Meisters keineswegs aus dem Gedächtniß gekommen. Schon die Hartnäckigkeit, mit der der Meister auf seinem einmal eingeschlagenen Wege beharrte, imponirte der Menge; schon als Ueberrest und einziger standhafter Zeuge einer Gewerbthätigkeit, welche seit Errichtung der Fabrik in dieser Gegend längst nur noch zur Fabel gehörte, interessirte er sie: aber sie bewunderte ihn, als ein geheimnißvolles, übernatürliches Wesen, um des Muthes willen, mit dem er, der Einzelne, Arme, Machtlose, den Kampf aufzunehmen wagte mit dem reichen, großen, mächtigen Fabrikherrn. – Man wußte (oder wollte doch wissen), daß der Commerzienrath einen hohen Preis darauf gesetzt hatte, den Stolz des Meisters zu brechen; er müsse weggebracht werden von seinem Webstuhl, hatte der Commerzienrath gesagt, heran an dieselbe Maschine, als unterster Handlanger, gegen die er, in freventlicher Thorheit, durch unüberlegte, unsinnige Reden die Menge aufstachle. Sogar, man behauptete, Herr Wolston habe deshalb schon einmal Anzeige gegen ihn beim Gericht gemacht: und als das Gericht die Klage, als unbegründet, zurückgewiesen, habe er ihm Geld bieten lassen unter der Hand, diese Gegend nur überhaupt zu räumen.

Aber vergebene Müh'! Gegen Drohungen wie Bestechungen, der Meister blieb unbeweglich. Noch entschiedener, als früher, hatte er seit der geheimnißvollen Katastrophe mit dem Commerzienrath allen Umgang mit der übrigen Bevölkerung des Dorfes, den Fabrikarbeitern, abgebrochen, – natürlich nicht, ohne eben durch diese Absonderung noch um so mehr der Gegenstand ihrer Aufmerksamkeit zu werden.

Auch war diese Standhaftigkeit in der That um so bewundernswerther, als nicht nur die Armuth des Meisters mit jedem Tage zunahm: sondern auch das häusliche Verhältniß zu seinen Kindern, aus dem er bis dahin noch so süßen Trost geschöpft, hatte angefangen sich zu trüben. Reinhold, seitdem er das Haus des Commerzienraths hatte meiden müssen, war wie umgetauscht. Zwar in Anstrengung und Arbeit stand er dem Vater bei, unverdrossen und mit einem Gehorsam, einer Aufopferung, die nicht größer gedacht werden konnten. Aber sei es Sehnsucht nach dem Freunde, aus dessen Umgang er verbannt war, sei es, daß das Wohlleben und jene feinern, geistigen Genüsse, die er im Schlosse gehabt hatte, ihn erst jetzt beunruhigten, da er für immer davon abgeschnitten war und da nur noch seine Phantasie zurückkehren durfte in jene behaglichen, hohen Gemächer, zu jenen ergötzlichen und lehrreichen Bildern, zu dem ganzen so angenehmen, so beglückenden Verkehr mit jenen wohlgebildeten, liebenswürdigen Genossen – genug, seine ganze alte Freudigkeit war dahin. Er arbeitete wohl, und auch kein Seufzer sagte, wie schwer es ihm innerlich ward und wie seine ganze Seele sich dagegen sträubte, so Tag für Tag, Nacht für Nacht, immer nur am Webstuhl zu sitzen: aber das Auge des Vaters errieth ihn doch. Jede Minute, die er erübrigen konnte, brachte er über seinen Heften zu, das ehemals Gelernte zu wiederholen und durch Nachdenken zu erweitern. Namentlich seine Leidenschaft zur Mathematik war mit außerordentlicher Heftigkeit zurückgekehrt; mehr als einmal hatte der Vater ihn betroffen, wie er die kärgliche Nachtruhe opferte, heimlich, bei Mondenschein, mit einem armen Stückchen Kohle, seltsam verwickelte Zeichnungen, lange Zahlenreihen und Chiffern zu entwerfen. Auch Modelle entwarf er, schnitzte Räder, Stangen, Kolben, in künstlicher Zusammensetzung; es war sichtbar, daß sein Geist nur eigentlich unter diesen Zahlen und Zeichen, Winkeln und Strichen lebte und daß, was dem Vater gegenüber, träumerisch, schweigsam, am Webstuhl saß, nur sein Körper war.

Der Meister empfand diese Veränderung mit tiefem Kummer. Wäre Leonhard nicht seitdem selbst so tief ins Unglück gerathen, er hätte ihm gewiß Vorwürfe gemacht, durch diese Erziehung über seinen Stand hinaus die klare Seele seines Sohnes, wie er meinte, in Verwirrung und Unruhe gesetzt zu haben. So begnügte er sich, nur sich selber anzuklagen, daß er, seiner besseren Einsicht zum Trotz, diesen thörichten Unterricht dennoch zugelassen. – Reinhold seinerseits wurde durch das Bewußtsein, die geheime Unzufriedenheit seines Vaters auf sich gezogen zu haben und nicht so zu sein, wie der Vater ihn doch wünschte, aufs Aeußerste beängstigt und gequält. Er fühlte selbst die Wandelung, die mit ihm vorgegangen; er betrachtete es als seine nächste und erste Pflicht, widerspruchlos, in Allem sich dem Vater zu fügen; er klagte sich mit Thränen an, noch mehr des Leids zu häufen auf ein Haupt, das ihm so verehrungswerth und ach, schon so gebeugt von Kummer war – und fühlte bei alledem doch keine Kraft in sich, diese seltsame Spaltung seines Wesens abzuschütteln und wieder zu werden, unbefangen, zufrieden mit seinem Schicksal, der er sonst gewesen! – So lastete auch zwischen diesen beiden so edeln, so gefühlvollen, in Liebe und Hingebung so wetteifernden Herzen eine Wolke geheimen Misverständnisses, die sie wechselweis peinigte und ihre freudenlosen Tage nur noch immer ärmer machte.

Auch an seiner Tochter, der schwarzäugigen Margareth, hatte der Meister einen tiefen Kummer zu erleben. Der rothe Konrad, einer der jungen Leute, die ehedem als Gesellen bei ihm gearbeitet hatten, der aber seitdem, wie so Viele, Fabrikarbeiter geworden war bei Herrn Wolston, hatte die Neigung des jungen Mädchens gewonnen und sie zur Ehe begehrt. Konrad war ursprünglich ein wackrer Mensch, von seltner Anstelligkeit, ein fleißiger und geschickter Arbeiter; erst das Elend, in das er im Verlauf der Ehe gerieth und die schlechte Gesellschaft in der Fabrik weckten jene Dämonen in ihm, unter deren furchtbarer Herrschaft wir ihn vorhin, in der Scene im Wirthshaus, gesehen haben.

Dennoch hatte der Meister sich lange Zeit heftig geweigert, aus keinem andern Grunde, als weil er seine Tochter keinem Fabrikarbeiter geben, Konrad dagegen (was ihm freilich auch nicht zu verdenken war: denn was sonst sollte er beginnen?) die Fabrik nicht verlassen wollte. Und auch nachdem die Thränen der Tochter und das eidliche Gelöbniß Konrad's, weder seine Frau noch seine etwaigen Kinder jemals mit zur Fabrikarbeit anzuhalten, ihm die Einwilligung endlich abgerungen, hielt er mit seinem Schwiegersohn doch fast gar keinen Verkehr. Er hatte den jungen Leuten die Hälfte seines Hauses eingeräumt, diejenige, wo der verdorrende Rosenstrauch stand – nur ein schmaler Gang trennte die beiden Haushaltungen –: seine Tochter sah der Meister täglich, zu jeder Stunde, Konrad, der überdies den größeren Theil des Tages in der Fabrik und den Rest in der Schenke zubrachte, fast nie.

Was aber im Kreise der Dorfbewohner das meiste Aufsehen machte, das war, daß dieser Meister, so ehrwürdig in jedem Betracht, so rein von Sitten, so erhaben über jede leiseste Verdächtigung des Rufes, Umgang hielt mit einem so allgemein gefürchteten, allgemein verworfenen Wesen, wie der Sandmoll.

Zwar man konnte nicht eigentlich sagen Umgang hielt: aber doch er gestattete ihm den Zutritt zu seinem Haus, er litt doch, daß dieses Ungeheuer, verpestet durch Verbrechen und gezeichnet gleichsam schon von außen durch die Hand Gottes, sich setzen durfte in seine reine Nähe, seine Füße strecken unter seinen armen, aber ehrlichen Tisch …

Da nun der Alte gleichzeitig, seit er im Dorfe war, zu der unmittelbarsten Dienerschaft des Commerzienraths sowohl wie seiner Gemahlin gehörte und ganz öffentlich ihr Agent und Vertrauter war in den schwierigsten Besorgungen: so wurde die öffentliche Neugier durch dies Doppelverhältniß begreiflicher Weise nur erhöht.

Und da ebenso begreiflich eine Bevölkerung, so schlaff, so verwahrlost, so abgenutzt, wie diese, keinen Begriff hatte von dem ehrenhaften Stolz eines Mannes, wie der Meister, noch von der unerschütterlichen Festigkeit, die er, allem Elend zum Trotz, aus dem Bewußtsein seiner Unschuld schöpfte, so griff dieselbe, zur Erklärung so unerklärbarer Verhältnisse, mit Vorliebe zu den seltsamsten und ungeheuerlichsten Auslegungen. Die Scene, wie der Meister unter dem Portal des Schlosses gestanden hatte, seinen Sohn an der Hand und den stummen Fluch auf der bebenden Lippe, war unvergessen geblieben. Der Meister, raunte man sich zu, besitze ein Geheimniß, welches im Stande sei, die unermüdlichen Maschinen des Commerzienraths auf einmal zu lähmen, seinen ganzen stolzen Reichthum in Asche zu verwandeln, ihn selbst zum Elendesten zu machen aller Sterblichen.

Dieses Geheimniß zu bewachen und seine Verbreitung zu hindern, sei der Sandmoll von Herrn Wolston beauftragt.


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