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Sechstes Kapitel.
Feierabendgedanken

Der Alte blickte dem Reiter nach, bis er ihm völlig aus dem Gesicht verschwunden, ja bis auch der letzte Hufschlag seines Pferdes, das letzte Klaffen des Hundes in der Stille der Nacht verklungen war.

Dann, einen entsetzlichen Fluch ausstoßend, wandte er sich um und, die langen Arme gespenstig, gleich Mühlflügeln, in die Höhe werfend, in wahnsinniger Wuth:

Ah, ah! stöhnte er, was hab' ich wiederum ausstehn müssen von diesem Buben! Daß ich ihn hätte zwischen diesen Händen! mit diesen Fingern, wie wollt' ich ihn würgen! ihn zerreißen mit diesen Nägeln!

Er ist – fuhr er fort, indem er mit einer Schnelligkeit, die man den verkrüppelten Beinen kaum zugetraut hätte, den steilen Weg hinunterschlurfte – mir zum Hohn und Unglück geboren, ich weiß es, von der ersten Stunde an. Thor, der ich war, ihm nicht den Schädel einzudrücken, damals, als ich die Macht dazu hatte! als sein Leben in meine Hand gegeben war! als er vor mir lag, ein wimmernder Säugling, und streckte die kleinen Arme nach mir und sah mich an mit denselben falschen schönen Augen …!

Aber es thut nichts, es thut nichts! setzte er nach einer kleinen Weile hinzu und gurgelte vor Vergnügen: ich habe doch meinen Spaß daran gehabt, lange Jahre, und hab' ihn noch! und bin doch noch jetzt jeden Augenblick im Stande, ein Herz damit zu brechen, ein armes, frommes, kindliches Herz! Gib Acht, gib Acht, schönes Herrchen! Wer zuletzt lacht, lacht am Besten; ich habe schon Manchen gesehen, der saß noch stolzer zu Roß als du – und hernach lag er am Wege, mit abgestürztem Genick, und die Hunde fraßen von seinem Fleisch. Es kommt – meinen alten Kopf wette ich gegen deinen jungen Adel – es kommt, gib Acht! doch noch eine Zeit, wo du weinst, während ich lache!

Dieser Gedanke schien außerordentlich viel Beruhigendes für den Alten zu haben, so daß er sich mit Wohlgefallen darin vertiefte. Er schnalzte mit den langen Fingern, daß sie knackten, wie Nüsse im Feuer; zugleich bewegte er sich mit einer Schnelligkeit, die lahmen Füße drehten sich wie Walzen, dergestalt, daß der Weg förmlich vor ihm zu verschwinden schien.

Der Mond war inzwischen aus den Wolken getreten und warf sein helles, grelles Licht weit über das Gebirge. Es war ein seltsamer Anblick: auf der hellbeschienenen Straße, auf der sich im Uebrigen weit und breit kein Fußtritt rührte, die Unform des Alten, im langen grauen Rock, geisterhaft dahinwalzend, von Minute zu Minute sein kurzes trocknes Hüsteln oder auch jenes widerwärtige polternde Lachen herausstoßend …

Auf ein Mal, an eine der zahlreichen Brücken gekommen, über welche die Straße sich dahinwölbte, stand er still, holte kurz Athem und sagte, unwillkürlich auffahrend, wie Jemand, dem eine längere, wohlgeordnete Gedankenreihe plötzlich durch einen unerwarteten Einwand unterbrochen wird:

Wegen des Schmuggelns käme er hieher? Pah, so dumm bin ich noch lange nicht, um das zu glauben. So ein bischen Schmuggeln, was will das sagen? Darum kommt so ein großer Herr noch lange nicht so weit her. – Nein, nein, es muß etwas Anderes sein, murmelte er, etwas Anderes! und ich muß es, muß es wissen, oder die Angst, wie ein hänfner Strick, würgt mir die Kehle zu!

Er zitterte bei diesen Worten an allen Gliedern, weniger vor Angst als vor Wuth; wäre es ihm bei der elenden Beschaffenheit seiner Gliedmaßen möglich gewesen, kein Zweifel, er hätte mit den Füßen in die Erde gestampft. So jedoch mußte er sich begnügen, dem Mond, der ihn still und friedlich anlächelte, eine fürchterliche Fratze zu schneiden und mit den ausgereckten knöchernen Fingern gen Himmel zu drohen.

So stand er einige Secunden; dann mit satanischer Freude:

Ich hab' es! ich hab' es! rief er und schnellte sich, der Himmel mag wissen wie, vor Entzücken eine ganze Hand hoch über den Erdboden: Hat er nach dem tollen Heiner gefragt? Er hat nach dem tollen Heiner gefragt! Und der Commerzienrath …? Und das Engelchen, das aus der Stadt kommt …? Ah, ah! …

Aber diesmal war es nicht das gewöhnliche Ah, das kurz aus der Kehle hervorkam: dies quoll aus der tiefsten Brust, langgedehnt und weich wie ein Flötenton – das heißt natürlich, wie ein sehr verstimmter. Weil er irgend etwas haben mußte, seine Freude daran auszulassen (eine Freude übrigens, die sich bei ihm in denselben Merkmalen offenbarte, wie bei anderen Leuten die äußerste Wuth), so riß er, unbesorgt um die Nachtluft, den grauen Quäker vom Kopf und stieß und drückte und knüllte ihn mit den langen Fingern in die wundersamsten Formen, wobei er jenes Ah, ah! immer länger, immer schriller wiederholte.

Endlich mochte der Freudensturm sich gelegt haben; der Alte wurde ruhiger, setzte den Hut tief in die Stirn, zog den kleinen Kragen nach Möglichkeit ins Gesicht und watschelte mit verdoppelter Schnelligkeit davon. – Bald war er am Eingang des Dorfes, das, von wenig kümmerlichen Lichtern spärlich erhellt, in dichten schwarzen Massen vor ihm lag. Den tiefsten Schatten aufsuchend, drückte er sich, auf den entlegensten Wegen, Häuser und Zäune behutsam entlang; sein Tritt, für gewöhnlich schwerfällig und lärmend, war jetzt ganz leise, kaum hörbar geworden. Jeden Stein, der im Wege lag (und, die Wahrheit zu sagen, es lagen außerordentlich viele im Wege), wußte er vorsichtig zu vermeiden; die zahlreichen Uebergänge über den Bach, welcher, fast von Haus zu Haus von großen, rohen Steinplatten überbrückt, das Dorf in eigensinnigen Krümmungen mitten durchfloß, traf er jedesmal mit erstaunlicher Sicherheit.

Es war, wie erwähnt, ein Sonnabend Abend: eine Tageszeit also, die sich fast überall durch ein eigenthümliches Gepräge des Friedens, eine gewisse feierliche Stille auszuzeichnen pflegt, am Meisten auf dem Lande, wo der Gang des Lebens noch einfacher und regelmäßiger ist und wo daher auch die kleinen Abschnitte desselben noch merklicher hervortreten.

Wie schön, wie herzerquickend diese Feierabendstille auf dem Lande, zumal in der schönen und fruchtbaren Jahreszeit, in welcher diese Geschichte sich begibt! – Die Felder, von Segen prangend, schimmern im Abendgold; zwischen ihnen, den Rain entlang, von der Arbeit heimkehrend, sein Geräth auf der Schulter, wandelt der Landmann. Er steht oft still, bald die Schwere der Aehren, bald die gelbliche Farbe des Halms zu prüfen, bald unter einem jungen Obstbaum, dessen Zweige zu brechen drohen, so reichlich trägt er zu, eine Stütze fester zu rücken; fertig mit seiner Arbeit, findet er doch überall noch etwas zu thun: und zwar thut er dies mit einer Umständlichkeit, einem gemüthlich freudigen Behagen, wie er es die lange saure Woche über nicht gekannt hat. – Wo sich Zwei begegnen, rufen sie einander schon von Weitem zu und bieten sich Feierabend. Näher gekommen, stehen sie still und plaudern, länger als sonst: von der nahen Ernte, von dem reichen Segen, der auf den Feldern wächst, und wie es sich heuer so gut macht mit dem Wetter. – Nun, vom nächsten Kirchenthurm, erhebt ein Glöcklein seine Stimme, leise, schüchternen Klanges; ein zweites antwortet; nun ein drittes, ein viertes: bald, wohin du horchst, aus allen Himmelsgegenden, mit jedem leisesten Luftzug, quillt lieblicher Wohllaut dir entgegen.

Im Dorfe selbst, unter der Linde, wo der Brunnen rauscht, steht das junge Volk, Mägde und Bursche, bei einander. Sie sprechen wenig, mit halblauter Stimme, einzelne, abgebrochene Reden; schon so müßig bei einander stehen, schon so die Hände einmal in den Schooß legen zu dürfen, ohne Furcht, dafür ausgeschmählt zu werden vom Großknecht oder gar vom Herrn Inspector selbst, schon dies ist diesen einfachen Leuten genug zu Genuß und Unterhaltung. – Nur wo zwei Liebende zusammenstehen, da ist das Gespräch, wenn auch nicht lauter, doch eifriger: vom morgenden Sonntag, vom Mieder, mit welchem das Mädchen, vom Hutband, mit dem der Bursche sich schmücken will; wie sie sich treffen wollen auf dem Plan und dann abseit vom Tanz sich in den Erlenbusch verlieren – süße, bethörende Gespräche, die mehr mit den Augen geführt werden, mit Fuß und Knie und Ellenbogen, als mit Worten!

Andere wieder, halbwüchsige Mädchen, denen noch nicht verstattet ist, an den abendlichen Zusammenkünften unter der Linde theilzunehmen, wandeln, Arm in Arm verschränkt, in langer Reihe die Dorfgasse auf und nieder; die dünnen jugendlichen Stimmen klingen in einfachen Liederweisen zusammen oder wispern und flüstern kleine, läppische Heimlichkeiten von Ohr zu Ohr. Nur wo sie sich dem Pfarrhofe nähern, unter dem Giebel, wo der Herr Prediger seine Studirstube hat und wo jetzt noch die Astrallampe, die einzige im Dorf und darum das Wunder der neugierigen Jugend, mit magischem Glanz durch die Gardine schimmert, da verstummt ihr leiser Gesang, da schleichen sie auf den Zehen, halb voll Ehrfurcht, halb voll Muthwillen, und stoßen eine die andere in die Seite und kichern, den Finger zwischen den Zähnen beißend, über den Schatten des Predigers, wie er, an seiner morgenden Predigt studirend, auf und nieder wandelt im Zimmer, indem hier ein Arm, dort eine Hand, hier ein riesig vergrößerter Kopf, deklamirend, gestikulirend, sich abmalt auf der Gardine. Jetzt hat der Prediger ihr Kichern gehört, die Gardine verschiebt, das Fenster öffnet sich – husch! wie gescheuchte Rehe, die Röcke hochgeschürzt, über Stock und Stein, platzen sie auseinander!

Aber nun auf einmal, was stutzt das ganze Dorf, horcht auf und lauscht – und plötzlich, aus allen Ecken, summt es wie ein Bienenschwarm? Der alte Stelzfuß, drüben im finstern Häuschen, der Walzerkönig des Dorfs, stimmt seine Geige und übt die Melodieen, mit denen er morgen die jungen Füße beflügeln wird. Ja gewiß wird er sie beflügeln! Denn schon heut, bei dieser Probe schon, zucken sie unwillkürlich, die Bursche stampfen den Takt, hier und dort faßt Einer sein Mädchen, Gejauchz und Jubel weithin durch die Nacht …

Der Herr Prediger aber, halb verdrießlich, halb lachend, klappt die schwere Postille zu: für solch leichtfertiges Gesindel, was soll er sich noch lange quälen? Sie werden ja hoffentlich auch ohnedies schon in den Himmel kommen … Vor den Thüren indeß sitzen die Alten, Greise und Weiber, mit den Kindern. Die Kinder spielen im Dämmerlicht mit Glasscherben und Stecknadeln oder erzählen sich Märchen oder schauen verwundert aufwärts nach den Sternen. Die Alten aber, leise murmelnd, sprechen von dem und jenem: von dem harten Winter und was sie für Noth ausgestanden und wie sie schier nicht geglaubt haben, daß sie sich würden durchbringen bis zum Frühjahr; wie nun aber die liebe Gottesfrucht so schön im Felde steht, und wenn nur kein Hagelschlag mehr kommt und kein Regen während der Ernte, und wenn nur die großen Herren aus der Stadt, die Getreidehändler, die Preise nicht zu sehr herunterdrücken, und die Herrschaft den rückständigen Zins nur nicht gar zu streng eintreibt: so, meinen sie, könne es mit Gottes Hilfe wohl schon sein, daß das Ding noch eine Weile ginge, ja vielleicht sogar, wenn das Glück gut ist, brauchen sie alsdann diesen Winter etwas weniger zu hungern, als den letzten?!

Allmälig jedoch versiegen auch diese Unterhaltungen; eine Gruppe nach der andern löst sich auf, eine Thür nach der andern klappt zu. Der alte Geiger liegt schon längst auf seiner Streu und spricht im Schlaf und träumt von Schlachten, die er mit geschlagen, von Auszeichnungen, welche ihm nicht zu Theil geworden. Der Prediger, zwischen den Daunenwolken des Ehebettes, träumt ebenfalls: von schweren fetten Zinshühnern, welche die Bauern bringen, von Stipendien für seine Jungen, von Belobungsschreiben und Gehaltszulagen; ja, im schönsten Moment des Traumes sieht er sich in die Stadt versetzt, hört seine Frau im schwarzen Taftkleid rauschen und hört sich selbst Herr Consistorialassessor tituliren! – Jetzt endlich huscht auch das letzte Liebespaar vom Brunnen – Gute Nacht – Noch nicht – Auf morgen – Die Hunde schlagen an – leise..! vorsichtig …!

Und nun ist Alles still, so still ..

Auf allen Augen Schlaf! in allen Herzen Friede! nichts regt sich! kein Laut weit und breit, als das Plätschern des Brunnens und hie und da, aus einem geöffneten Fenster, die tiefen, gleichmäßigen Athemzüge der Schlafenden …

O wahrlich, man braucht eben kein Kopfhänger zu sein, noch den Empfindsamen zu spielen, oder überhaupt einen besondern Werth zu legen auf den Sonntag, wie ihn die Kirche feiert, um dennoch in tiefster Seele sich ergriffen zu fühlen von einem solchen ländlichen Feierabend! um auch hier, in dieser wohlthätigen Stille, dieser ächten, wahren Sabbathruhe, in der das laute, lärmende Leben sich hier erholt, in diesen dürftigen Freuden, ärmlichen Genüssen, denen diese harten, gepreßten Herzen sich hier so bereitwillig erschließen, ein wahrhaftiges, sichtliches Niedersteigen eines göttlichen Geistes, einen wahren Tag des Herren zu verspüren!


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