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Sechster Kapitel.
Das Haus des Meisters

»Zum Hause des Meisters« … Es ist nicht das erste Mal, daß wir diesen Ausruf vernehmen – welche geheimnißvolle Bedeutung hat er? was meint dieses seltsame Gemisch von Ehrfurcht und Grauen, von Neugier und Bestürzung, mit dem er vorgebracht wird?

Als Lore den alten Sandmoll auf seiner nächtlichen Wanderung belauschte, als sie sah, wie er, der hell erleuchteten Schenke vorüber, auf eine Hütte zuging, die sich seitab, in bescheidenem Dunkel, verbarg, was war es da, was lag in diesem an sich so einfachen, so unverfänglichen Worte, daß selbst die harte, herzlose Stimme dieses Frauenzimmers zu zittern schien und schien zu stocken für einen Augenblick, indem sie es aussprach –: Zum Hause des Meisters, richtig, ich dacht' es mir?!

Und als jetzt derselbe Ruf sich durch die Schenke verbreitete, wie kam es, was bedeutete dies, daß der Lärm auf einmal verstummte, die Trinker aufsprangen vom halbgeleerten Glase und: Fort, fort, zum Hause des Meisters, raunte Einer dem Andern zu?! –

Nun immerhin, im Aeußern des Hauses konnte es zum Wenigsten nicht liegen. Denn das unterschied sich durch nichts von dem Aussehn aller übrigen im Dorfe – oder doch nur durch sehr wenig.

Es war eine der ältesten Hütten und darum auch eine der unscheinbarsten: von übereinandergelegten Baumstämmen roh aufgezimmert, wie man im Gebirg zu bauen pflegt; das Dach überspringend, steil, mit Holzschindeln gedeckt und hie und da mit großen, schweren Steinen belastet, damit der Sturm das leichte Sparrwerk nicht von dannen führe. Aber so sorgsam waren die Fugen zwischen den Balken mit gelblichem Moos verstopft, die dünnen Holzstreben, welche das Dach stützten, waren so glatt behauen, sogar mit kunstfertigem Messer so zierlich ausgeschnitzt, das klein gespaltene Holz, das, nach der Gewohnheit jener Gegend, am Giebel emporgestapelt lag, war so sauber geschichtet, die Fenster, wiewohl klein und niedrig und zum Theil mit zersprungenen Scheiben, waren dennoch so reinlich und hell gehalten, daß das Haus dadurch allerdings vor den übrigen auffallen mußte – nämlich wenn von Allen, die täglich daran vorübergingen, irgend Einer für Unterschiede dieser Art ein Auge gehabt hätte.

Aber wodurch es sich am Meisten unterschied und weshalb auch wohl die Nachbarn gelegentlich davor stehen blieben, das war der kleine Garten, der sich, zu beiden Seiten der Hausthür, unter den Fenstern dahinzog –

Garten, sag' ich? Ei nicht doch, ein Beet zum Höchsten war es zu nennen: ein Streifen Landes, kaum zehn Schritte lang und so schmal – ein Kind von acht Jahren konnte mit Bequemlichkeit darüber hinsteigen. Aber dieses dürftige Stückchen Land, wie sorgfältig war es gehalten! wie sinnig benutzt! wie zierlich eingefaßt, mit handhohen grauen Weidenstäbchen, kreuzweis gesteckt! Auf den Beeten blühten arme, bescheidene Wiesen- und Heideblümchen, lauter einfache und gemeine Sorten: aber sie waren verständig zusammengestellt, und gewährten, in ihrem sinnreichen Farbenwechsel, bei aller Einfachheit einen überraschend wohlthätigen Anblick. – Der Thür zunächst prahlte eine Sonnenblume; die Fenster rechter Hand waren mit wildem Wein bezogen, bis an das Dach. Auf der andern Seite stand ein Rosenstock, ein prächtiges, hochstämmiges Gewächs. Allein der strenge Frost in den letzten Wintern mußte ihm Schaden gethan haben; er kränkelte seit einigen Jahren und die Knospen, die er trug, fielen ab, bevor sie sich noch entfaltet …

Dies also die Stätte, die unter den Dorfbewohnern, weit und breit, als das »Haus des Meisters« bekannt war – sie konnte nicht einfacher sein, nicht wahr? Und Niemand, der an diesem geringfügigen Fleckchen Erde vorüberging, hätte vermuthet, daß es gerade dies sei, was so oft und mit so vielem Nachdruck im Munde der Leute genannt ward?!

Und doch war es so! und doch gerade diese anspruchlose, stille Hütte, mit ihren noch anspruchloseren Bewohnern, war ein Gegenstand der öffentlichen Aufmerksamkeit, seit langen Jahren, für die ganze Gegend! Und doch an dieses arme, niedere Dach, diese dürftige, geräuschlose Schwelle knüpften sich Erzählungen, hingen sich Gerüchte, die geradewegs hinüberleiteten zu dem großen, stolzen Schloß und seine prächtigen Säle, seine glänzenden Zimmer, seine stolzen Bewohner in geheimnißvollen Zusammenhang brachten mit dem kleinen, elenden »Hause des Meisters!« –

Das ganze Fabrikdorf, wie es da lag, war eine sehr junge Anlage; bei Weitem die Mehrzahl seiner Bewohner war erst in den letzten Jahren, angelockt durch die immer wachsende Ausdehnung des Fabrikgeschäftes und seinen immer steigenden Bedarf an Arbeitern, eingewandert. Und zwar meist aus weiter Entfernung und den verschiedensten Himmelsstrichen. Ein Theil verließ das Dorf ebenso schnell, wie sie gekommen, um ihr Glück an einer andern Stelle besser zu versuchen: so daß die Bevölkerung, unter fortwährendem Ab- und Zufluten, sich in stetem Wechsel befand, und wer zwei Jahre aus dem Dorf entfernt gewesen war, fand im dritten die alten Nachbarn schwerlich wieder.

Vermuthlich war es durch diese Umstände geschehen, daß die Erzählungen vom »Hause des Meisters« sich so seltsam gestaltet hatten, und daß Begebenheiten, welche, nach aller Berechnung, kaum nur vor Jahrzehnten sich konnten zugetragen haben, nach so kurzer Zeit schon im Munde des Volks zu Mythen und Märchen geworden waren. Es hielt schwer jetzt und bedurfte schon einer genauer« Kritik, als das Publicum wohl anzuwenden liebt, zumal ein so neugieriges, so leichtgläubiges, wie dieses, um aus dem wunderlichen Gewirr von Gerüchten, Uebertreibungen und Entstellungen nur noch einen leidlich vernünftigen Kern geschichtlicher Thatsachen herzustellen. Das Wichtigste, was auf diese Weise erhellte, mochte etwa Folgendes sein.

Lange, bevor die Fabrik hier entstanden, ja seit Uralters schon war der Betrieb der Weberei in diesem Gebirge heimisch gewesen. Wiewohl in ganz anderer Art als jetzt. Nämlich ein jeder dieser kleinen Eigenthümer, wie sie damals im Gebirg zerstreut umherwohnten, hatte zu seinem Fleckchen Land und neben seinem sonstigen Gewerbe noch einen Webstuhl aufgeschlagen, auch wohl nach Gelegenheit, wie erwachsene Söhne oder Vettern im Hause waren, ihrer zwei und mehr.

Jeder dieser Stuhlbesitzer hieß Meister. Denn Niemand (so wollte es das Herkommen dieser Gegend, an dem festgehalten ward, wie an einem unverbrüchlichen Gesetz) durfte selbständig einen Stuhl aufschlagen noch Andere dazu anstellen, als wer eine gewisse Reihe von Jahren bei einem ältern Meister gelernt und endlich, vor versammeltem Meisterrath, gewisse Proben seiner Geschicklichkeit abgelegt hatte.

Mit andern Worten also eine Innung, wie dieselben sonst nur bei städtischen Handwerkern üblich waren: mit dem Unterschiede jedoch, daß, bei der Sparsamkeit dieser Bevölkerung und ihren einfachen, schlichten Sitten, der kleine gehässige Neid und die thörichten Bocksbeuteleien, welche das Innungswesen anderwärts entstellten, hier keinen Platz greifen konnten.

In derselben naiven, ursprünglichen Weise wurde das ganze Geschäft damals getrieben. Die Weiber spannen, die Alten hechelten, die Kinder schlichteten das Garn: aber das Alles geschah nur gleichsam beiher, nur zur Ausfüllung der Mußestunden, während Landbau und Viehzucht die eigentliche Grundlage der Existenz bildeten. Alljährlich einmal, zum Herbst, kamen die Kaufleute aus dem Flachland herauf und kauften, zu angemessenen, durch lange Gewohnheit fast unveränderlich gewordenen Preisen, die fertige Waare. Oder auch die Gesammtheit der Meister, die mit großer Sorgsamkeit, Einer um den Andern, die Gediegenheit der Waare, die Richtigkeit des Maßes, wie auch die Gleichmäßigkeit der Preise überwachten, schickte Einige aus ihrer Mitte mit dem angesammelten Vorrath ins Thal herunter, auf Jahrmärkte und Messen: worauf der gewonnene Erlös dann gewissenhaft vertheilt ward.

Und da, wie gesagt, die Waare preiswerth, die Arbeit gut und tüchtig, die Muster vielleicht etwas veraltet, aber geschmackvoll und kunstreich waren, endlich da auch Niemand mehr arbeitete noch arbeiten ließ, als er, nach dem Durchschnitt einer jahrelangen Erfahrung, gewiß war an den Mann zu bringen, so fehlte es auch an Absatz nicht: und die ganze Gegend zog aus diesem Gewerbe einen zwar nur sehr mäßigen, aber sichern und stetigen Gewinn.

Aber diese bescheidene Blüte ward geknickt, als die langen Kriegsjahre über das Land hereinbrachen. Die Kaufleute verarmten und blieben aus, die Jahrmärkte hörten auf. Ein Theil der Männer wurde ausgehoben zum Kriegsdienst; Andere, der ewigen Plackereien, der Durchmärsche und Plünderungen müde, machten sich heimlich davon. Die Webstühle standen still, die muntern Räder verstummten. Selbst die Felder blieben unbestellt, das Vieh war weggetrieben, die Häuser verfielen; Noth und Elend, in wenig Jahren, verwandelte die noch vor Kurzem so muntre, so thätige Gegend in eine traurige Wüstenei.

Und was etwa ja vom alten Fleiß und der alten Betriebsamkeit noch übrig geblieben wäre, das wurde bald darauf durch die Umwandlung, welche, vor vielen andern, gerade dieser Gewerbszweig erfahren und gegen die der naive Geschäftsbetrieb dieser Gebirgsbewohner nicht Stand halten konnte, völlig vernichtet. Große Fabriken wurden eingerichtet: Fabriken, deren bloße Anlage größere Kapitalien erforderte, als alles Geld zusammengenommen, das seit Jahrhunderten jemals in diesen Gegenden cursirt hatte, die dafür aber auch, mit ihren kunstreichen Maschinen, ihren unermüdlichen eisernen Armen, mehr leisteten und eine ungleich billigere Waare herstellten, als Hunderte der fleißigen Hände jemals vermocht hätten. Was that es, daß die neue Waare leicht, unhaltbar, ja zum Theil verfälscht war? Das Publicum gewöhnte sich an die leichte, aber augenfällige, unhaltbare, aber billige und bequeme Waare; es fand es seinem Vortheil ganz angemessen, zweimal mit wenigem Gelde zu kaufen, was es ehedem in derselben Zeit nur einmal gekauft hatte, aber doppelt, ja dreifach so theuer.

Dazu kam die sittliche Verwilderung, welche, im Geleit der Kriegsjahre und mit der wachsenden Verarmung, auch in diese entlegene Gegend sich eingeschlichen hatte. Die alte patriarchalische Satzung war in Vergessenheit gerathen. Die jungen Leute fanden es widersinnig, erst eine Reihe von Lehrjahren durchmachen, eine Reihe von Probestücken und Prüfungen bestehen zu müssen, bevor sie sich selbständig setzen konnten; sie fanden es auch widersinnig, mit Mühe und Fleiß gute und theure Waare zu liefern, die nur sehr Wenige kaufen mochten, während die Käufer um die schlechte, aber billige sich drängten. Sie fingen daher an, ebenso leichtfertig, ebenso unsolid zu arbeiten, wie es nur irgend in den großen Fabriken geschah – und verscheuchten sich damit natürlich die wenigen Abnehmer noch vollends.

Kurzum, die ganze alte Meisterschaft löste sich auf; Einige starben, Andere verdarben; bald, daß nur jemals ein solches Ding existirt hatte, galt wie ein Märchen. –

Als ein solcher Meister nun, und zwar der letzte und einzige Ueberrest derselben in dieser ganzen Gegend, war, vor etwa zwanzig Jahren, auch Karl Werner, der Besitzer der oben beschriebenen Hütte, hier eingewandert. Seine ursprüngliche Heimat, behauptete man, lag einige Stunden weiter ins Thal herab, in dem fruchtbaren und anmuthigen Gelände, das den Uebergang zu dem eigentlichen Gebirge bildete: und auch über die Ereignisse, welche ihn bestimmt hatten, diesen angenehmen, durch Verkehr und Gewerbe blühenden Aufenthalt zu vertauschen mit dem öden, einsamen Hochland, gingen allerhand ungewisse, dunkle Gerüchte, wie von etwas Ungemeinem und Entsetzlichem. Nur was es eigentlich gewesen war, konnte Niemand mehr sagen. – Einer alten kunstverständigen Weberfamilie entsprossen, war er in der That ein Meister seines Handwerks und verdiente vollkommen den Namen, bei dem er gewöhnlich genannt ward, so gewöhnlich, daß sein eigentlicher darüber ganz in Vergessenheit gerathen war; Niemand verstand sich auf so kunstreiche, zierliche Muster, Niemand wußte seinem Gewebe solchen Glanz, solche Glätte zu geben, als er.

Und mit dieser gewerblichen Geschicklichkeit verband sich bei dem Meister (wie wir ihn von jetzt an ebenfalls nennen werden) die erprobteste sittliche Tüchtigkeit; kam ihm Niemand gleich, nah und fern, an Kunstverstand und Geschicklichkeit, so hätte er dagegen durch seinen Fleiß, seine Sparsamkeit, sein stilles, nüchternes Wesen auch noch eine weit bessere Nachbarschaft übertroffen, als diejenige war, unter welcher er lebte. Mit größter Unverdrossenheit, völlig unbekümmert um den veränderten Geschmack der Zeit, hielt er, mit peinlicher Strenge, fest an der alten gewissenhaften Arbeitsweise, wie er dieselbe von seinen Vorfahren hatte überliefert bekommen; unverbrüchlich, als wäre die Meisterschaft von ehedem noch in Flor und das Auge des Meisterraths wachte noch, wie früher, über jeden Faden, welcher verwebt ward, beobachtete er die alten Satzungen und Gebräuche und die alte, einfache Ehrlichkeit.

Und dieser Fleiß und diese Ehrlichkeit belohnten sich. Als der große Haufe schon längst der billigen Fabrikwaare nachlief, fanden die mühsam kunstreichen Gewebe des Meisters noch immer ihre Abnehmer. Keine vornehme Dame auf Meilen in der Runde, weit ins Land hinein, die nicht wenigstens ein auserlesenes Gedeck, ein köstliches Tuch von der kunstreichen Hand des Meisters besitzen wollte; keine Ausstattung reicher Töchter, zu der er nicht das Prachtstück an Linnen zu liefern hatte. Nicht selten kamen aus der Hauptstadt selbst große künstliche Zeichnungen, zu der berühmte Maler die Umrisse geliefert: und wie künstlich sie waren, der Meister verstand es doch, sie auf seine schillernden Fäden zu übertragen.

Damals sah das Haus des Meisters nicht so ärmlich aus, wie jetzt: damals strahlten die kleinen Scheiben und in der sauber getünchten Stube klapperten vergnüglich die Webestühle.

Denn es war der Arbeit mehr, als er allein, wiewohl von unermüdlichem Fleiß, bei Tag, bei Nacht, bewältigen konnte. Darum nahm er sich zu Zeiten Gesellen an. Wiewohl es ihm nicht leicht fiel, deren zu finden, die ihm genügt hätten. Denn mit der ganzen Strenge eines alten Meisters hielt er auch in diesem Punkt an den ererbten Vorschriften und wollte Niemand zum Gehilfen annehmen, als wer sich verpflichtete, die ganze mühselige Lehrzeit von ehedem bei ihm durchzumachen. – Dazu fand er denn freilich, bei der völlig veränderten Stimmung der Zeit, nur Wenige bereit. Und auch diese Wenigen hielten hinterdrein meist nicht aus.

Aber bei alledem war der Meister ein unglücklicher Mann; die Hand des Schicksals lag schwer auf ihm und den Seinigen. Seine Frau (Niemand von den jetzt im Dorfe Lebenden wußte sich ihrer zu erinnern, doch ging die Rede, daß es eine stille, fleißige Frau gewesen, ebenfalls aus einer alten Weberfamilie) war im zweiten Kindbett gestorben; seine Schwester, Lene, war schwindsüchtig und hatte seit vielen Jahren das Bett nicht verlassen; sein Vater endlich, ein Greis von wahrhaft ehrfurchtgebietender Gestalt, groß und schlank, trotz seines hohen Alters gesund am ganzen Leibe, der schönste Greisenkopf, den man sehen konnte, mit großen lichtblauen Augen und langen zartgekräuselten Locken, die ihn, silberweiß, gleich einem Heiligenschein, umflossen …

Aber dieser so liebenswürdige, so ehrfurchtgebietende Greis war kindisch! Sein Leib war gesund, aber sein Geist war zerrüttet seit zwanzig Jahren; Tag' und Nächte, unablässig, kauerte er in derselben Ecke und spielte, Kinderspiele, mit Papierschnitzeln und zerbrochenen Strohhalmen; sanfte Worte sprach er, mit leiser, lieblicher Stimme – aber sie waren ohne Sinn.

Auch über den Ursprung dieser wunderbar gehäuften Unglücksfälle gingen allerhand finstre, unheimliche Gerüchte, aber ebenfalls völlig unbestimmter Natur: indem sie alle nur darauf hinausliefen, dieselben als die Wirkung eines und desselben außerordentlichen und furchtbaren Ereignisses darzustellen. Allein auch hier wieder, worin dasselbe eigentlich bestanden, wußte Niemand mehr anzugeben.

Desto glücklicher, in frischestem Jugendschmuck, blühten die beiden Kinder, welche die Frau des Meisters ihm hinterlassen: die Aelteste, Margareth, dieselbe, die wir, freilich unter sehr veränderten Verhältnissen, bereits kennen gelernt haben; der Jüngere, dessen Geburt der Mutter das Leben gekostet, Reinhold, ein prächtiger brauner Knabe, von hellem Geist und tüchtigen Kräften, der dem Vater schon frühzeitig bei der Arbeit wacker zur Seite stand.

Diese beiden Kinder waren der Schmuck des sonst traurigen, schwer heimgesuchten Hauses; der Vater hing an ihnen mit einer unglaublichen Zärtlichkeit, die aber von ihnen nicht minder lebhaft erwidert ward.

Ueberhaupt, bei all dem traurigen Schicksal, das auf dieser Familie lastete, sowie bei der rastlos sauren Arbeit, zu welcher der Hausvater verurtheilt war, konnten doch nur sehr wenige gefunden werden, in denen eine größere Anhänglichkeit, eine zartere Aufmerksamkeit im wechselseitigen Verkehr heimisch gewesen wäre: und das nicht blos bei Familien dieses niedern Standes. Sie war wahrhaft rührend, diese ehrfurchtvolle Ergebenheit, mit der alle Glieder des Hauses, der Sohn und Hausherr an der Spitze, den alten blödsinnigen Aeltervater behandelten – und noch rührender die schüchterne Fügsamkeit, die kindliche Demuth, mit welcher der arme irre Greis diese Huldigungen annahm. Nie für die gesundeste, die schönste, die reichste Schwester konnte ein Bruder größere Sorgfalt bezeigen, als der Meister seiner siechen Schwester bewies. Und nie hinwiederum die gesundeste, rüstigste Frau konnte die Erziehung der beiden Waisen mit größerer Aufmerksamkeit und unermüdlicherer Geduld überwachen, als es von der kranken Tante Lene geschah; ihr vornämlich und ihren sanften, liebevollen Lehren, nächst dem Beispiel des Vaters, verdankten die Kinder den frommen, nüchternen, keuschen Sinn, der sie tiefinnerlich belebte und an dem auch das schlechte Beispiel der übrigen Dorfjugend nichts verderben konnte, – zunächst schon deshalb nicht, weil sie, die Schulstunden ausgenommen, niemals mit ihr zusammenkamen.


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