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Drittes Kapitel.
Tischgespräche

Der Fremde war durch diese unerwartete Wendung, welche der Bettler der Unterhaltung gab, im ersten Augenblick sichtlich überrascht; mit einem unnennbaren Blick sah er den Hund an, der, das kluge Haupt auf die Pfoten gestreckt, jede Bewegung des seltsamen Gastes aufmerksam verfolgte, und schien ihn zu fragen, was er dazu meine.

Doch fand er sich sogleich wieder zurecht und bediente den Bettler nun sogar eigenhändig auf die zuvorkommendste Weise. Er ging ans Pferd, öffnete den Mantelsack und holte ein zierliches Flaschenfutter hervor, aus welchem er nicht versäumte, seinem Gastfreund wiederholentlich zuzutrinken.

Bei alledem, wer ihn schärfer beobachtet hätte, würde nicht umhin gekonnt haben, einen gewissen Zwang, zum wenigsten eine gewisse Ungeduld an ihm zu bemerken. Er sah öfters verstohlen nach der Uhr, prüfte den Stand der Sonne und dann wieder mit Sorgfalt blickte er in das Thal hinab, auf den gelben Streifen, in welchem die Landstraße sich dahinzog und auf dem sein scharfes Auge Wagen, Reiter, Fußgänger deutlich unterschied.

Den Bettler inzwischen störten diese kleinen Anzeichen der Ungeduld nicht im Mindesten, schon um deshalb nicht, weil er sie gar nicht bemerkte. Er aß, wie Leute niedern Standes, Leute, die an harte Arbeit und schlechte Kost gewöhnt sind und denen die Stunde der Mahlzeit oft die einzige Stunde der Erholung ist, zu essen pflegen: mit Leib und Seele und ohne für irgend etwas außer dieser Beschäftigung noch Auge oder Ohr zu haben. Auch die ausgesuchte Beschaffenheit der Speisen schien keinen besondern Eindruck auf ihn zu machen; er schlang die Pastete hinunter, goß den edlen Tokaier in den Schlund, gerade mit derselben Ruhe und derselben unerschütterlichen Tapferkeit, wie vielleicht noch Tags zuvor das Kleienbrod und den Fuselschnaps, die, allem Vermuthen nach, seine gewöhnliche Nahrung bildeten.

Es hat allemal etwas Langweiliges, Jemand zuzusehen, wie er ißt, ohne selbst an der Mahlzeit theilzunehmen. In diesem Falle, für den Fremden, da der Bettler durchaus keinen Laut von sich gab und auch alle Aufforderungen und Einladungen, an denen sein freigebiger Wirth es nicht fehlen ließ, nur mit stummer Geberde erwiderte, war es doppelt langweilig. Er beschloß daher, nach einigem Zaudern, das Peinliche dieser Lage abzukürzen und den Bettler durch eine Frage, der sich nicht wohl entschlüpfen ließ, zur Antwort zu nöthigen.

Sie werden, sagte er, es nicht unbescheiden finden, wenn ich, nachdem das Schicksal einmal auf so wunderbare Weise unsere Bekanntschaft vermittelt hat, nun auch den Wunsch hege, des Nähern mit Ihnen vertraut zu werden. Ich selbst, wie Sie mich hier sehen, bin Landschaftmaler; mein Name ist Schmidt, mein gewöhnlicher Aufenthalt die Residenz, die ich auch jetzt nur verlassen habe, um in dieser interessanten Gebirgsgegend mein Album mit Studien und Skizzen zu bereichern. Ich gedenke einige Wochen in der Nachbarschaft zuzubringen; da wird es mir denn hoffentlich weder an Zeit noch Gelegenheit fehlen, mich Ihnen näher bekannt zu machen und Ihre Freundschaft zu erwerben. Für jetzt liegt mir Alles daran, durch eine kräftige und dauernde Hilfe das Unrecht, das ich gegen Sie begangen habe, wieder gut zu machen und damit an einem Flecke wenigstens die bejammernswerthe Ungleichheit des Glückes, die neidische Ungerechtigkeit der Gesellschaft, soweit in meinen Kräften steht, auszugleichen. Also frei heraus mit der Sprache, ein Vertrauen ist des andern werth: wer sind Sie, mein Freund, und welche wunderbaren, welche unerhörten Schicksale haben Sie in diese Ihrer so unwürdige Lage versetzt?

Diese Worte, trotz der sonderbaren Situation, in welcher sie, von einem städtischen Herrn zu einem zerlumpten, halb wahnwitzigen Bettler gesprochen wurden, kamen nichtsdestoweniger mit so viel ungezwungenem Anstand, so viel natürlicher Herzlichkeit heraus, daß es unmöglich war, ihnen zu widerstehen. Auch der Bettler, der sich endlich gesättigt fühlte, und dem überdies, seltsam genug, der starke und feurige Wein, den er in ziemlich reichlichem Maße genossen, das Blut, statt es aufzuregen, vielmehr besänftigt zu haben schien, vermochte sich ihrem schmeichlerischen Eindruck nicht zu entziehen. Er leerte sein Glas, putzte den Mund am Aermel und antwortete dann mit einer merkwürdigen Ruhe und Besonnenheit.

Wie ich heiße, mein Herr, sagte er, wird Ihnen in der ganzen Gegend hier herum jedes Kind sagen können: der tolle Heiner. Nämlich wohl zu merken, mein Herr, ich bin gerade mit demselben Rechte toll, wie der arme Thoms in Shakespeare's unsterblichem Lear: »der den schwimmenden Frosch ißt, die Kröte, die Unke, den Kellermolch und den Wassermolch, der gepeitscht wird von Kirchspiel zu Kirchspiel und in die Eisen gesteckt, gestäupt und eingekerkert« – und vielleicht, setzte er mit trübem Lächeln hinzu, sogar noch mit größerm Recht. Ich bin eines Geistlichen Sohn, mein Vater war Prediger unten im Thal …

Aber hier schien der frühere wilde Dämon wieder über ihn zu kommen; er sprang in die Höhe, stellte sich fest auf gespreizten Beinen, streckte die Arme in die Luft. …

Ich bitt' Euch, rief er, seht mich an! seht diese Brust, diese Arme, diese Schenkel! Ich sage, was der wackre Ritter Sir John zum Prinzen Heinz sagt: »Der arme Sir John hat mehr Fleisch als die andern Menschen, darum ist es auch billig, daß er mehr Sünde hat, das Erbtheil des Fleisches.« Was? ist dies ein Bauch für einen Habenichts? sind dies Lenden für einen armen Pfarrerssohn? Schmach, Schmach meinem alten Vater in die Gruft, daß er sich unterstanden hat, einen solchen Sohn zu zeugen, so gesund, so lebensfrisch, so angewiesen auf jeden Genuß der Erde – und hatte kein Rittergut ihm in die Wiege zu legen! und hatte keine Tonne Goldes, seine Gier zu füllen!

Der Bettler war entsetzlich anzusehen in diesem Augenblick. Seine Locken flogen, seine Lumpen flatterten; mit riesiger Faust hämmerte er in gewaltigen Schlägen auf die hochgewölbte, zottige Brust, daß sie krachte; seine Finger bohrten in das Fleisch seiner Arme, krampfhaft, als wollten sie es herunterreißen von den allzu festen Knochen! Es war in diesem Spiel (oder wofür sonst sollte man es halten?) so viel Wahrheit bei so viel Lüge, so viel Ernst bei so viel Uebertreibung, daß selbst der junge Maler sich bestürzt abwendete.

Dem Bettler entging diese Bestürzung nicht; er glaubte, sein gütiger Gastfreund fürchte vielleicht für seine Sicherheit. Sogleich daher seine grotesken Bewegungen einstellend, setzte er sich wieder auf seinen Platz und fuhr aufs Neue in ruhigem, klarem Tone also fort:

Ihr wißt, Herr, wie es mit den Landpfarrern geht: Kinder und Bücher, es ist ein altes Sprichwort. Nun gut, mein alter Vater machte es nicht zu Schanden; bei hundert und fünfzig Gulden Gehalt und einer Kuh auf der Gemeindeweide zwölf Kinder und zwölfhundert Bücher – nun, Ihr könnt Euch denken, wie es da ungefähr zugegangen. Die zwölf Kinder, Gott Lob, hat der Teufel geholt, bis auf Eines, das er sich vermuthlich, als besten Bissen, bis zuletzt aufspart und das, ohne Ihr gütiges Dazwischenkommen, in diesem Augenblick zweifelsohne an jenem Aste baumelte. – Laßt gut sein, unterbrach er den Fremden, da dieser einige Worte dazwischen schieben wollte: der Baum da steht noch seine Zeit; kommt die Gelegenheit wieder so, so weiß ich schon, wohin mich wenden. – Aber was ich sagen wollte: die zwölf Kinder, bis auf mich, hat der Teufel glücklich geholt; die zwölfhundert Bücher, als der Alte starb, holten die Gläubiger: die Kirchenväter nahm der Würzkrämer für den Tabak, den er geliefert und der dem Alten Essen und Trinken war; mit Plato machte der Schuhmacher sich für die untergelegten Sohlen bezahlt; Xenophon fiel dem Schneider anheim für ein Paar geflickte Manchesterhosen; ein illustrirtes Exemplar von Ovidius de amore, das der fromme Herr so sorgsam im Pult verschlossen hielt vor seinen Jungen und das die Jungen jederzeit so richtig aufgefunden hatten, diente der Nähterin zur Entschädigung für das Leichentuch … O, o! rief er und sprang wiederum, wie besessen, in die Höhe: es ist schmachvoll, schmachvoll, so umzugehen mit den Freuden eines alten Mannes, seinen einzigen, während eines siebzigjährigen, mühevollen Lebens! Plato bei einem Schuhmacher, Xenophon bei einem Schneider! »Warum sollte die Einbildungskraft nicht den edlen Staub Alexanders verfolgen können, bis sie ihn findet, wo er ein Spundloch verstopft?!«

Der Maler, der den seltsamen Gesellen bei der Stange zu halten, wie überhaupt seine Erzählung möglichst zu beschleunigen wünschte, fragte mit außerordentlicher Höflichkeit: Ihr seliger Herr Vater hatte Sie studiren lassen? Sie waren damals vermuthlich auf der Universität?

Der Bettler antwortete wiederum mit einem Citat aus Shakespeare:

»Was ist dein Studium?« sagt Lear; »den Teufel fliehn und Ungeziefer tödten.« Meines war umgekehrt: den Teufel aufsuchen und Ungeziefer aufgreifen, wo ich es fand. O, dieser Einfall meines Vaters, mich studiren zu lassen! auf den Pfaffen studiren zu lassen, mich, der ich von der Natur bestimmt war, Gott selbst aus seinen Himmeln zu schlagen und das fröhliche Reich der Heiden wiederherzustellen! Ist es meines Vaters eigener Einfall gewesen, gut, so sei er ihm vergeben; er hat ihn schmerzlich genug gebüßt durch den Kummer, den ich ihm bereitet. Hat aber ein fremder Mund dazu gerathen, so soll er verflucht sein über das Grab hinaus. Pfaffe werden! Pfaffe, Duckmäuser, Scheinheiliger! mit meinem Fleisch, meinem Blut! verzichten auf die Welt, da alle Pulse in mir schlugen, jeder Tropfen Bluts in meinen Adern raste: genieße! genieße!! – Ich wollte, setzte er ingrimmig, mit auf einander gebissenen Zähnen hinzu, mein Vater hätte mich Viehtreiber werden lassen, ja Knecht des Abdeckers lieber, als nur nicht Das!

Aber, warf der Fremde ein, wenn das Ihr Ernst ist, wie ich nicht zweifle, warum haben Sie denn nicht späterhin wenigstens einen andern Lebensberuf zu ergreifen versucht?

Ob ich's versucht habe! erwiderte der Bettler: Alles hab' ich versucht im Leben, habe Frohndienste gethan als Hauslehrer hochgnädigster Familien, habe Steine geklopft am Wege, bin der Reihe nach Literat, Schauspieler, Separatistenprediger gewesen!  … Ei ja (und dabei schmunzelte er in sich hinein): glaubt nur, ich war ein schlimmer Gesell! der Sect, guter Herr, der Sect und Dorchen Lakenreißer, ei ja, es ließe sich davon erzählen!

Mit diesen Worten schloß er die Augen und saß unbeweglich, als ob er schliefe. Vergebens rief der Fremde ihn an; er hörte nicht, noch sah er in die Höhe.

Endlich, nach einer geraumen Pause, noch immer mit geschlossenen Augen, als ob er für sich spräche, mit ganz heimlicher, singender Stimme, indem er, die Ellenbogen auf die Knie gestützt, mit großem Eifer beide Seiten seines bärtigen Kinnes gegen die flachen Hände rieb:

Es ist nicht wahr, hub er an, es war nicht Dorchen Lakenreißer allein und auch nicht blos der Sect, was mich ins Unglück brachte: sondern daß ich nicht den rechten Glauben hätte, sagten sie, und wäre ein Weltkind und hätte Christum nicht, daran läg' es … Es ist ja eine wahre Lächerlichkeit, fuhr er auf einmal in die Höhe und riß die Augen weit auf, Glauben zu haben, für einen Kerl, wie ich bin! Glauben? Pah, die Stubenhocker, die Männchen mit den eingedrückten Brustkasten und den heisern Stimmen, die sich ins Bett legen müssen, wenn sie zu Dreien eine Flasche Wein ausgestochen haben, die mögen glauben, für die wird es gut sein, Religion zu haben: Kerle von zehn Zoll und mit gesundem Magen, wie ich, die brauchen keinen Glauben, – selbst, fügte er spöttisch hinzu, wenn sie nichts im Magen haben und auch nicht wissen, wie etwas hineinbekommen. Und das ist mein Fall. Ich habe, seitdem die Geistlichkeit mich wegen mangelnden Glaubens von sich ausstieß, der Reihe nach Alles versucht und bin Alles gewesen; sogar im Zuchthause hab' ich gesessen, ein volles Jahr, wegen Landfriedenbruchs – das heißt, wegen einer Tracht Prügel, die ich dem Feldhüter zumaß, der mich hindern wollte, Rüben aus dem Acker zu ziehen, da mich doch hungerte! – Seitdem will mich nun gar Niemand mehr haben; sogar von der Ramme, drüben am Brückenbau, haben sie mich fortgewiesen. – Eigentlich bin ich jetzt Weber; ich habe die Handgriffe abgelernt, als ich im Zuchthause saß. Aber erstlich habe ich keinen eigenen Stuhl und zweitens ist mir die Arbeit auch zu schlecht. Den ganzen Tag zusammengepreßt, wie ein Häring, im Joche sitzen, hier ein Tritt und da ein Tritt und die Schmerzen an der Brust, wenn man das Schiff so unaufhörlich vor sich her stößt – nein, wahrhaftig, ich vermuthe, ich bin noch zu gesund für diese Arbeit, darum werde ich krank davon; man muß, glaube ich, siech dazu kommen, um sie auszuhalten. Ueberhaupt will ich mich nicht besser machen, als ich bin: trotz meiner riesigen Knochen, ich habe keine Lust mehr zu arbeiten, alle Beschäftigung ekelt mich an, ich möchte nichts thun, als immer nur auf dem Rücken liegen, in den blauen Himmel starren und den Vögeln zuschauen, wie sie Nester bauen, den Blumen, wie sie blühen, und dabei denken, denken an etwas …

Seine Stimme war bei diesen letzten Worten weich und zärtlich geworden; er sah starr zur Erde, mit einer Ausdauer und einer Vertieftheit, als wollt' er mit seinen Augen ein Loch in den Felsen bohren.

In dieser Stellung, mit kaum hörbarer Stimme, fuhr er fort:

Und weil ich das nicht kann, und weil ich fühle, daß ich nichts nütze bin in der Welt und daß die Leute Recht haben, wenn sie mich den tollen Heiner nennen und weisen mit Fingern auf mich, so hielt ich es fürs Beste …

Es wäre eine Aufgabe gewesen für einen Zeichner, den verschiedenartigen Gesichtsausdruck, mit dem der Fremde die Erzählung des Bettlers begleitete, diese leisen Uebergange von Freude und Spott und Hohn und Langeweile und dann wieder von Theilnahme und Rührung und Mitgefühl, zu Papier zu bringen. Jetzt plötzlich, mit jener kanzelhaften Beredtsamkeit, von der er vorhin schon so glänzende Proben abgelegt, fiel er dem Bettler in die Rede:

... Hand zu legen, rief er, an sich selbst?! O mein theurer, mein unglücklicher Freund, auf welchem entsetzlichen Irrwege befinden Sie sich! diese Reue, wie edel in ihrem Ursprung, dennoch in ihrer Wirkung wie verderblich! dieser Ueberdruß am Leben, wie gerechtfertigt durch Ihre Schicksale, dennoch in seinen Folgen wie verbrecherisch! Wie?! so gebildet, so geistreich, so erhaben über das gemeine Vorurtheil der Menschen – und es könnte Ihnen entgehen, daß die Fehler, deren Sie sich anklagen, die Verbrechen, deren Sie sich Einzelnen beschuldigen, vielmehr Fehler der Gesammtheit, Verbrechen der Gesellschaft als solcher sind?! und Sie könnten, wie ein Deserteur, Ihren Posten verlassen, gerade in dem Augenblicke, da das Elend, unter dessen Streichen Sie, und mit Ihnen Unzählige, unverschuldet geblutet haben, das Elend des Besitzes, des Rangs, des Aberglaubens mitempfunden wird von Millionen Herzen? ja, da schon tausend, hunderttausend Hände bereit sind, dieses unwürdige Joch zu zerbrechen?! … O pfui, pfui! rief er, mit einem Ausdruck sittlicher Entrüstung, der an der Aufrichtigkeit seiner Ueberzeugung durchaus nicht den leisesten Zweifel mehr zuließ: sich selbst das Leben nehmen zu wollen! das Schwert gegen sich selbst zu kehren, statt gegen seine Feinde! Wie unklug, wie kleinmüthig! Nein, statt sich selbst zu morden, tausendmal lieber …

Es war allerdings merkwürdig, daß den jungen Mann gerade hier, mitten in seiner begeisterungsvollen Rede, ein heftiger Husten befiel, der ihn hinderte, den angefangenen Satz zu vollenden.

Der Bettler, der die ganze Zeit fast theilnahmlos neben ihm gesessen, blickte ihn mit verschmitztem Lächeln seitwärts an:

Ihr habt da einen schlimmen Husten, sagte er; aber laßt mich Eure Rede ergänzen: tausendmal lieber, wolltet Ihr sagen, als sich selbst, einen Andern morden, nicht wahr?

Der Maler konnte noch immer nicht von seinem Husten zu sich kommen. Der Bettler fuhr fort:

Und doch, mein schöner Herr, als ich vor Kurzem Lust bezeigte, diese Eure Weisheit an Euch selbst zur Ausführung zu bringen, schien sie Euch sehr wenig am Orte; Ihr hieltet mir, noch bevor ich Euch an den Hals gekommen, ein Paar Augengläser entgegen, es fehlte nicht viel, sie hätten mich geblendet. –

Aber es thut nichts, setzte er mit rauher Freundlichkeit hinzu: Ihr habt Euch dabei doch wie ein braver Kerl benommen, der Haare auf den Zähnen hat, und ich achte Euch darum. Im Uebrigen geht mir mit Euern guten Rathschlägen! Ihr seid Einer wie der Andre, allesammt; ich aber antworte Euch mit Apemantus, meinem Liebling:

Dein Elend lieb', und lebe!

Damit stand er auf und schien sich entfernen zu wollen. Der Fremde erhob sich gleichfalls.

Ich hoffe, sagte er, Sie werden mich genauer kennen und alsdann besser beurtheilen lernen. Ich bleibe einige Tage in dem Fabrikdorf und rechne darauf, daß Sie mich daselbst aufsuchen werden. Einstweilen – indem er ihm ein blankes Thalerstück in die Hand drückte – nehmen Sie dies, denken Sie nach über Ihre Lage, erwägen Sie, was ich Ihnen über die eigentlichen Gründe derselben sagte, und theilen Sie das Ergebniß Ihren Freunden mit – Ihren Freunden, zu denen ich in Zukunft auch mich zu zählen bitte. Daß Sie unser heutiges Begegniß einstweilen unter uns lassen, darum brauch' ich Sie gewiß nicht erst zu ersuchen; es geschieht, das sehen Sie ein, nicht Ihret- noch meinetwegen, sondern um einer größern Sache willen, daß ich diesen Wunsch äußere, und eben deshalb werden Sie ihn ohne Zweifel erfüllen. – Und damit für heute leben Sie wohl! Der Abend rückt heran, ich will noch eine Skizze dieser Gegend aufnehmen und muß mich eilen, damit zu Stande zu kommen.

Er winkte, Abschied nehmend, etwas vornehm mit der Hand. Der Bettler betrachtete mit sprachlosem Erstaunen bald das Geld, bald den Geber; dann, das Geldstück in die Tasche schiebend: Ich will Euch danken, sagte er, wie Timon dem Alcibiades dankt:

Versprich mir Freundschaft, aber halte nichts;
Versprichst du nicht, so strafen dich die Götter:
Denn du bist Mensch! und hältst du, so vernichten
Die Götter dich: denn du bist Mensch!

Mit diesen Worten wandte er sich den Fußsteig zurück. Der Fremde glaubte ihn schon eine gute Strecke entfernt, als er plötzlich wieder vor ihm stand. Er ging auf den Fichtenbaum zu, rutschte in die Höhe, knüpfte das Tuch los, das noch oben am Aste hing, und steckte es sorgfältig ein …

Man kann doch nicht wissen! grinste er dem Fremden zu und sprang, in wilden Sätzen, den Fußsteig entlang.


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