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Viertes Kapitel.
In der Schenke

Die Wirthin, eine rasche, runde Frau, in den sogenannten besten Jahren, empfing die Fremden, trotz der späten Stunde und trotz der zahlreichen Gäste, die ihre Aufmerksamkeit ohnedies schon in Anspruch nahmen, mit großer Zuvorkommenheit. Sie hatte, als Mädchen, einige Jahre in einer Weinstube der Residenz servirt und setzte etwas darin, gebildetere Gäste, die ihr Haus gelegentlich betraten, durch ihre städtischen Manieren und die Zierlichkeit ihrer Bewirthung zu überraschen. Geld, pflegte sie zu sagen, nimmt man von Jedem, und dreißig schmutzige Groschen sind auch ein Thaler: aber von seines Gleichen will man nicht bloß Geld, sondern auch Ehre. – Auch fiel es ihr in diesem Fall nicht schwer, den Glanz ihres Hauses zu behaupten. Denn wie sich jetzt erst ergab, so war dies, durch einen höchst erwünschten Zufall, dasselbe Dorf und dasselbe Wirthshaus, wo Herr Florus, der in dergleichen Dingen außerordentlich genau zu sein pflegte, sich schon seit acht Tagen zum Voraus Quartier bestellt hatte. Ein paar freundliche Kammern, von denen er sogleich die eine an seinen Reisegefährten abtrat, waren in Bereitschaft. Auch ein wohlausgestatteter Mantelsack, den er ebenfalls von Hause vorausgeschickt hatte, und der ihn sogleich in den Stand setzte, seine Toilette zu verbessern, fand sich vor.

Durch all diese Umstände war der Dichter in die glücklichste Laune versetzt; er hatte seine ganze alte Redseligkeit wieder gewonnen und wurde nicht müde, seinen guten Stern zu preisen, der ihn durch alle Fährlichkeiten zu diesem behaglichen Ausgang geführt hatte.

Ich halte, sagte er zu seinem Gefährten, vom Reisen sonst, im Ganzen genommen, nicht viel. Ich habe das in meiner Jugend abgemacht, wo ich noch ein armer Teufel war und die Bequemlichkeiten des Lebens nicht zu schätzen verstand. Jetzt weiß ich, daß beim Reisen, Summa, mehr Last ist als Vergnügen, und hier herum nun gar. Aber was wahr ist, muß wahr bleiben: Abenteuer erlebt man auf solcher Fahrt, Einfälle bekommt man und Anschauungen – man könnte zu Hause ein halbes Jahr darüber nachdenken und käme nicht auf solche Geschichten.

In dieser rosenfarbenen Stimmung, an der jedoch, um gerecht zu sein, auch der gewärmte Wein nicht ganz ohne Antheil war, bestand er denn auch darauf, noch in den großen Saal hinunterzugehen, wo die Fabrikarbeiter ihre Orgien feierten.

Ich reise, sagte er, nicht des Vergnügens halber, sondern zum Studium: und also darf ich mich nicht schonen.

Der Maler zeigte anfangs wenig Lust, ihn zu begleiten; er sei müde, meinte er, und wolle sich zur Ruhe legen. Zuletzt indeß gab er dem dringenden Zureden des Dichters nach.

Sehn Sie, sagte dieser, indem sie die Stiege hinuntergingen, mein bester Herr Schmidt: zwei Leute, die sich so wundersam getroffen haben, wie wir beide, für die ist das ein Fingerzeig, daß das Schicksal noch etwas Besonderes mit ihnen vorhat und daß sie daher so lange bei einander bleiben sollen wie möglich. Es ist ein wahres Lustspiel, das wir mit einander aufführen, und da ein Jeder von uns Acteur und Zuschauer zugleich ist, so ist es nicht möglich, sich besser zu amüsiren.

Der gute Mann hätte noch einen andern Grund anführen können und einen noch stichhaltigern. So sehr ihn nämlich lüsterte, das abenteuerliche Treiben im Saal in der Nähe zu betrachten, so spürte er andererseits doch auch einiges Grauen davor; ein glücklicher Gesellschafter in den lockern Kreisen der Hauptstadt, fehlte ihm alle Gabe, sich mit Leuten aus dem Volke zu verständigen. Von seinem Gefährten dagegen wußte er, daß derselbe, mit unvergleichlicher Gewandtheit, sich mit Jedermann in jedem Verhältniß zurecht fand; auch sein Muth und seine körperliche Stärke waren ihm wohlbekannt. Unter welchem bessern Schutz also konnte er seine poetischen Studien eröffnen?

Aber auch der Maler war nicht ganz ehrlich gewesen, als er seine Müdigkeit vorschützte. Im Gegentheil: mit dem scharfen Blick, der ihm eigenthümlich war, hatte er, gleich wie sie zuerst an der offenen Saalthür vorübergingen, aus dem wogenden Meer von Gestalten eine erkannt, die ihn in hohem Grade interessirte und für deren weitere Bekanntschaft er gern eine Stunde von seiner Nachtruh' opferte: den Vagabonden, mit dem er vor Kurzem unter der Galgenfichte zusammengetroffen. – Warum er eine Einladung, die ihm selbst so erwünscht kam, dennoch erst nach einiger Weigerung angenommen? Unsere Leser, nach den Blicken, die sie bereits in das Wesen des Herrn von Lehfeldt gethan, werden sich die Frage leicht beantworten können: diesem wunderbaren Charakter gestaltete sich unwillkürlich Alles, womit er in Berührung kam, Personen, Verhältnisse, Umgebungen, zu einem Stoff, die Ueberlegenheit seines Geistes daran zu prüfen. Wie ein geschickter Kartenschläger, in ruhigem Gespräch, mit leeren Fingern, ja selbst im Schlaf, unmerklich die Handgriffe wiederholt, durch welche er seine Zauberstücke bewerkstelligt: so auch Herr von Lehfeldt, bei jeder geringfügigsten Gelegenheit, an jedem kleinsten Stoff, übte er seine Neigung zur Intrigue. Es war ihm ebenso unmöglich, irgend einen Zweck, ohne Umschweif, auf geradem Wege zu verfolgen, als es einem Schielenden unmöglich ist, geradeaus zu sehen.

Die Wirthin, die sich durch diese Herablassung ihrer vornehmen Gäste sehr geschmeichelt fühlte, beeilte sich, ihnen den sogenannten Herrenwinkel einzuräumen: eine Art Verschlag, zunächst am Schenktisch, ein bequemes, heimliches Plätzchen, in einiger Höhe, von dem aus sie den ganzen Saal überschauen konnten, und wo sie gegen die Zudringlichkeit der übrigen Gäste, ja sogar gegen die Blicke derselben hinlänglich gesichert waren.

Es ist freilich, sagte sie, indem sie rasch noch mit der Schürze die Stühle abkehrte, so eifrig, daß das mächtige Schlüsselbund an ihrer Seite läutete, wie ein Glockenspiel – Es ist freilich nicht Alles, wie Euer Gnaden es gewohnt sind und wie man selbst es haben könnte, wenn das Volk nicht gar zu roh wäre. Ich habe es auch nicht gedacht, als ich als Mädchen sechs Jahre in der Hauptstadt servirte, wissen Sie? beim seligen Herrn Heckmeier, der den guten Ungar hatte, rechts vom Schloß, wo der nackte Herrgott über dem Keller steht, daß es einmal so mit mir zu Ende gehen sollte. Aber was mehr? Gott sorgt für die Seinen und ein Jeder für sich, und wenn man sein gutes Auskommen hat und ein bischen Ehre bei den Leuten, so darf man es mit dem Uebrigen so genau nicht nehmen.

Für Herrn von Lehfeldt hätte es dieser Entschuldigungen am Wenigsten bedurft. Denn für ihn hätte der Platz nicht glücklicher gewählt sein können: dicht darunter saß die Gruppe, die sich um den Vagabonden, als ihren Mittelpunkt, zusammengefunden hatte; kein Wort, keine Miene konnte ihm hier entgehen.

Der Landstreicher stand zu oberst am Tisch; er war sonst eine sehr verachtete Person, aber da er heut mit Geld in der Tasche gekommen war, so spielte er den Meister. Seine Blicke sprühten; auf seiner Stirn brannten große, rothe Flecken; seine Stimme, von dem vielen Schreien und Trinken, war unerträglich heiser. Einen schmutzigen ledernen Becher hoch über dem Kopfe schwingend:

Aufgeschaut, meine Herrschaften! rief er in dem burlesken Ton eines Marktschreiers, und tutete gleich darauf in den Becher, wie in eine Trompete: Hier werden Sie sehen die Metze Fortuna, tanzt auf einem Bein –

Grinsend Gesicht, den Steiß herausgekehrt –
– hop!!

Laß deine Sprüche, Narr, sagte ein kleiner blasser Mann, mit hochblondem Haar und kleinen funkelnden Augen, der ihm zunächst saß – und wirf zu. Wem's fällt, dem fällt's: und das Andere ist Alles nur Zeit verdorben.

Der Leser merkt, um was es sich eigentlich handelte: es war ein gemüthliches Würfelspiel, womit diese ehrenwerthe Gesellschaft sich unterhielt. Mit Hellern, Pfennigen, Groschen hatte man angefangen, versuchsweise, bloß zum Spaß – und jetzt rollten Guldenstücke und Thaler auf dem Tisch, der Wochenlohn und ganze Unterhalt mehr als einer Familie. Ja, Einige hatten schon die Uhr locker gemacht, tombackne Uhren, silberne zum Höchsten, aber doch ein sehr werthvoller Einsatz in diesem Kreise.

... Und fünf sind vierzehn, rief der tolle Heiner, der inzwischen geworfen hatte: Rother Konrad, ich kann dein Gesicht nicht leiden, und was dahintersteckt erst recht nicht: aber dein Geld nehm' ich doch – warum?

Wir können nicht von Kräutern, Beeren, Wasser
Wie wildes Thier und Fisch und Vogel leben. –

Eine Flasche Wein, Frau Wirthin, dieser Branntwein stinkt mich an …

pfui, pfui! pah, pah!
Gib etwas Bisam, guter Apotheker,
Die Phantasie zu würzen! Da ist Gold!

Es herrscht ein alter Aberglaube unter Spielern gleich den hier versammelten, daß es sich niemals glücklicher spielt, als mit geschenktem Geld, oder gar mit gestohlenem. Wenigstens der erste Theil dieser Tradition schien heute seine Bestätigung finden zu sollen: der Thaler des Herrn von Lehfeldt hatte sich unter den Händen des Landstreichers schon mehr als verzehnfacht; alles Geld, das gegen ihn gesetzt ward, zog er an, wie mit magnetischer Gewalt.

Die Wirthin setzte Wein auf, eine Flasche um die andere. Denn wenn der tolle Heiner den Uebrigen das Geld abgewann, so gewann er es doch nicht für sich; er ließ mittrinken, Jeden, der mochte. Die Wirthin, der das viele baare Geld sehr angenehm in die Augen stach, hatte ihr ordentliches Wohlgefallen an ihm und ließ es willig geschehen, daß er sie gelegentlich Frau Hurtig nannte, die Wirthin zum Schweinskopf, des Teufels abgelegte Lockspeise und ein leeres Essigfaß, das nur noch den Geruch hätte: Frau Venus allenfalls hätte sie verstanden …

Aber dies ist ja nur solch ein Gerede, sagte sie, als wenn unser Rabe Spitzbub sagt: und unser Rabe hat noch mehr Verstand als der, außer was aufs Trinken ist.


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