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Zweites Kapitel.
Das Abenteuer

Der Weg, auf welchem der junge Mann dahinschritt …

Aber nein, das war kein Weg mehr zu nennen! Kaum einen Büchsenschuß von dem unheimlichen Hause stürzt das Terrain steil ab; eine Schlucht öffnet sich – folge ihr Niemand! Denn wenige Schritte nur und der vorwitzige Wanderer sieht sich von allen Seiten, vorwärts, rückwärts, umgeben, eingeengt, gefangen in einem Labyrinth von Kegeln und Klippen, Schluchten und Gründen, so regellos, so wild phantastisch, als hätte in Urzeiten die Faust eines Riesen hier, in übermüthigem Spielwerk, die weiche Rinde des Erdballs durcheinander gequetscht. Der Boden ist abschüssig, sumpfig; unter dem Tritt des Wanderers sickern kleine Quellen hervor; zahllose Bäche, in seltsamen Windungen, schleichen träg von Fels zu Fels.

Herr von Lehfeldt jedoch durchschritt dies Labyrinth unbeirrten Fußes, mit stolzer Sicherheit, als ob er auf dem Parquet eines Tanzsaals wandelte. Er wußte, daß die große Straße in dieser Gegend genöthigt ist, einen beträchtlichen Umweg zu machen, und da ihm daran gelegen war, das Fabrikdorf so bald wie möglich zu erreichen, vielleicht auch, weil es ihm lästig fiel, denselben Weg noch einmal zu Fuß zurückzulegen, so hatte er keinen Augenblick Bedenken getragen, diese nähere, wenn auch mühselige und gefahrvolle Richtung einzuschlagen.

Und welche Bedenken hätte er auch dabei haben können? Da es in der That so war, wie wir es unlängst aus seinem Gespräch mit dem Alten vernommen: es war in der That der Schauplatz seiner Kindheit, auf dem er hier wandelte! in diesen Gründen und Schluchten, zwischen diesen Felsen und Klippen war er aufgewachsen! jeden Stein und jeden Busch in dieser wüsten Gegend erkannte er wieder, mit derselben instinctmäßigen Sicherheit, mit der Andere, nach dreißigjähriger Trennung, den Nußbaum wiedererkennen und die Rosenhecke, unter der sie als Kinder in ihres Vaters Garten Versteck gespielt!

Aber allerdings nicht mit derselben Freude. War es eine Folge der Anstrengungen und Aufregungen, denen er sich den Tag über ausgesetzt hatte und die nun allmälig anfingen, wenn nicht seinen Körper, doch die Kraft seines Geistes abzuspannen; war es ein Nachhall jener Gespräche, die er mit dem alten Falschmünzer geführt hatte, oder endlich war es der geheimnißvolle Zauber dieser Mondnacht, die ihn mit lindem Hauch wollüstig umschmeichelte und seine starre Seele löste: genug, in dem Hirn des einsamen Wanderers stiegen Gedanken auf, Bilder zogen vorüber an seinem innern Auge, Empfindungen wurden wach in seinem Herzen, die er längst verwischt, längst gestorben glaubte! Eine tiefe Sehnsucht überkam ihn nach jener wüsten, rohen Jugendzeit, nicht um ihrer ungebundenen Freiheit willen, nicht wegen der Abenteuer und Gefahren, in denen seine junge Seele sich gebadet hatte, wie ein Schwan im Wasser – nein: nur weil er damals ein Kind gewesen war, ein Kind! und trotz aller Verworfenheit, die ihn umgeben, trotz allen Elends mit dem er zu kämpfen gehabt hatte, besser dennoch im Grunde und glücklicher als jetzt.

Ja, indem er, mit peinlicher Genauigkeit, sich vertiefte in den Gegensatz seiner früheren und seiner gegenwärtigen Lage; indem er sich selbst zu erblicken meinte, wie er hier mitten in der Nacht, einsam, das Auge der Menschen scheuend, wie ehedem, sich zum zweiten Mal dahinstahl zwischen diesen öden Felsen; indem er sich unwillkürlich genöthigt fühlte, sich selbst Rechenschaft zu geben über die Verbindungen, die ihn hieher geführt, die Zwecke, die ihn zurückgebracht an diese Stelle: so überfiel den starken Mann, der soeben erst einer drohenden Gefahr mit so viel kühler Besonnenheit entgegengegangen war, ja der nicht mit dem Auge geblinkt hatte, als der Wahnsinnige die Keule gegen sein Haupt schwang – es überfiel, sage ich, denselben Mann eine unsägliche Angst vor sich selbst und er hätte aufschreien mögen, wie vor einem Gespenst, vor seinem eignen Schatten.

Personen von der Charakterstärke und der eisernen Selbstbeherrschung, wie Herr von Lehfeldt, führen keine Selbstgespräche, wenigstens keine lauten, auch nicht im Mondenschein und selbst dann nicht, wenn die Fluth ihrer Seele hoch aufschwillt in schmerzlicher Empörung. Wir müssen daher in diesem Falle auf den Vortheil, dessen andere Romanschreiber sich bedienen, indem sie die Selbstgespräche ihrer Helden belauschen, Verzicht leisten: unsere Leser würden den angeblichen Monologen eines Herrn von Lehfeldt doch keinen Glauben schenken. Dagegen wenn wir ihnen sagen, daß derselbe zu wiederholten Malen tief aufathmend stehen blieb und die beiden Hände flach gegen die Brust preßte, als wollte er sich eine Last davon herunterwälzen: so werden sie hoffentlich fühlen, was diese krampfhafte Aufregung bei einer so ehernen Natur, wie diese, zu bedeuten hatte, und daß damit in der That mehr gesagt war, als Andere in stundenlangen Monologen jemals sagen können.

Das laute Anschlagen seines Hundes scheuchte Herrn von Lehfeldt aus diesen Gedanken und Träumen empor, eine klägliche Stimme rief dazwischen …

Herr von Lehfeldt fuhr mit der Hand über die Stirn – hinunter, hinunter, träumende Gedanken! und Ihr da, gebt Raum, unsichtbare Geister der Nacht!

Alle Teufel, Mann, den Hund zurück! Heda – oh, ah – verwünschtes Thier!

Die Situation, in welcher diese Worte gerufen wurden, war kläglich genug, wenigstens für den, der sich darin befand. Für den Zuschauer im Gegentheil hatte sie etwas Komisches: ein Herr, in geschmackvoller städtischer Kleidung, breitschultrig, von ungewöhnlicher Korpulenz, mit Armen und Beinen vergeblich den Hund von sich wehrend, der, mit grimmigem Gebell, beide Pfoten auf seine breiten Schultern gelagert hielt und die kalte feuchte Schnauze dicht an sein wohlgenährtes Antlitz preßte.

Ein Wink des Herrn von Lehfeldt brachte den Hund zurück.

Uf, rief der Fremde, das fehlte noch – o du verwünschte Mondnacht! Mein Kragen, meine Weste! Wißt Ihr auch, Mann, wandte er sich zu Herrn von Lehfeldt, daß es geradezu abgeschmackt ist, mit solchen großen Kötern Nachts zwischen den Bergen umherzuziehen und idyllische Wanderer zu beunruhigen, von der Polizeiwidrigkeit gar nicht zu sprechen? Aber freilich, setzte er hinzu, indem er sich eifrigst bemühte, die Spuren der eben erlittenen Umarmung von sich abzuklopfen, ein dummer Streich kommt aus dem andern, und so wahr ich Florus heiße, ich wollte, ich hätte dies verwetterte Gebirge nie gesehen. Gebirge? Pah, dummer Unsinn! leere Renommage! Steine, an denen man sich die Schienbeine zerstößt, Schluchten, wo man den Hals bricht, Sümpfe, in denen man stecken bleibt – ein schönes Gebirge das!

Herr von Lehfeldt schien keine Lust zu haben, den Verlauf dieses Abenteuers abzuwarten. Da der Weg zu eng war, um mit Bequemlichkeit an einander vorüber zu können, so deutete er mit einer leichten Bewegung der Hand an, daß er geneigt sei, dem Andern den Vortritt zu lassen, indem er zugleich eine flüchtige Entschuldigung wegen des Hundes aussprach.

Der nächtliche Abenteurer hatte die Geberde des Herrn von Lehfeldt sehr wohl verstanden; sie war jedoch durchaus nicht nach seinem Sinne. Was? rief er, hier vorbeipassiren? Nun wahrhaftig: zu geschweigen von der Gefahr, zwischen diesen verwünschten Felsen stecken zu bleiben, wie eine Maus in der Falle – wiewohl mir, unterbrach er sich selbst, dieselbe ziemlich nahe ist: denn bekanntlich, wenn auch leider nicht der größte, so bin ich doch der dickste Dichter Deutschlands – denkt Ihr denn, Mann, fuhr er mit erhobener Stimme fort, daß ich zum Vergnügen umherwandle zwischen diesen elenden Steinen, und das noch dazu in nachtschlafender Zeit? Vergnügen, ei ja doch: verirrt bin ich, guter Mann, verirrt auf eine ganz maliciöse Weise – Oder nein, verbesserte er sich, nicht maliciös, sondern ganz gerechter Weise, zur Strafe meines Uebermuths, weil ich meine Nase auch einmal in Gebirgsluft tragen wollte. Der Mond, der Mond – o Bester, glauben Sie keinem Menschen ein Wort, der Ihnen etwas Gutes vom Monde sagt! Es ist das abscheulichste Gestirn am ganzen Himmel; schläft man, so kriegt man Alpdrücken von dem dummen blassen Gesicht da oben, und wacht man, so führt es Einen in die Patsche. Es ist eine bloße poetische Tradition mit dem ganzen Monde, auf mein Wort, und ich sage mich los davon, wiewohl ich ein Poet bin; jede honette Straßenlaterne ist mir lieber. Da seht, Mann, rief er und streckte in komischem Zorn das Haupt entgegen, das, seltsam genug, mit einem bunten seidnen Tuch, wie mit einem Turban, umwunden war: seht her, wie ich zugerichtet bin! Hut weg – das war, wie ich zwischen die Klippen rutschte; Stock weg – das war, wie ich in den Sumpf fiel; Kamaschen zerrissen – das war überall; Rock zerrissen – das war Euer Hund, und an dem Allen ist nichts Schuld, als der Mond und das Gebirge. Ich bin ein Opfer meiner poetischen Studien, setzte er in etwas getröstetem Ton hinzu, das ist's!

Ich bedaure Ihre Unfälle, mein Herr, erwiederte Herr von Lehfeldt, mit einer Stimme, welche seine wachsende Ungeduld verrieth, denn er ließ die Worte kaum halb zwischen den Zähnen hervor: aber ich ersuche Sie zu bemerken, daß ich Eile habe und daß weder Zeit noch Ort geeignet sein dürften …

Aber der dicke Poet ließ ihn nicht zu Ende sprechen.

Eile? rief er, Eile, Herzensmann? Nun sehen Sie, das ist ja gerade mein Fall! Eile, versteht sich! Eile nach einem warmen Bett! Eile nach einem guten Glase Glühwein – ich wünsche mir nichts Besseres: denn ich bin naß bis über die Knie und wenn ich morgen nicht meinen allerschönsten Gichtschmerz habe, so ist's ein Mirakel. Sie hören, mein Allervortrefflichster, fuhr er fort und pflanzte seine dicke Figur, gleich einer Schanze, quer über den Weg, so daß Strom schon nicht übel Lust bezeigte, seine Umarmung zu wiederholen – Sie hören, daß ich ein Poet bin und darum denken Sie, daß ich auch ein Phantast sein muß, nicht wahr? Aber weit gefehlt! Das Nützliche zum Schönen, da liegt's, und ich kann zu Zeiten ein Logiker sein, ein gefährlicher Logiker, sag' ich Ihnen! Geben Sie Acht, Vortrefflichster: da Sie hier gehen, so müssen Sie auch irgendwohin gehen; da Sie diese Richtung frei haben wollen, müssen Sie auch wissen, wohin diese Richtung führt – warum? weil sonst kein zureichender Grund vorhanden wäre – Nun denn, charmanter Mann: wohin Sie wollen, will ich auch, es ist mir ganz egal, wohin es ist, wenn ich nur auf irgend eine Weise aus diesem verwünschten Labyrinth herauskomme. Oder denken Sie, Herr, daß ich mir werde von Ihrem Hunde den Rock zerreißen lassen und hinterdrein wollen Sie mich nicht einmal zurechtweisen? Nein, Herr, das werden Sie nicht! Sie haben einen guten Rock an, Herr, und ein menschliches Angesicht! Sie werden sich eines Poeten erbarmen, den Gebirg und Mondschein und, wenn Sie wollen, seine eigene Thorheit irre geführt haben und der wol noch im Stande ist, Ihren Namen …

Bei diesen Worten, die er halb spaßhaft, halb ärgerlich hervorstieß, war er, mit erhobenen Händen, dicht vor Herrn von Lehfeldt getreten und sah ihm, der sein Gesicht jetzt unmöglich mehr wegwenden konnte, dicht in die Augen …

Nun, beim Apoll und seinen neun liederlichen Dirnen, rief er, indem er vor Ueberraschung zwei Schritte zurückprallte, das nenn' ich mir ein Abenteuer! Ist's möglich? an dieser Stelle? Herr von Lehfeldt?!

Und mit stürmischer Freude wollt' er ihn umarmen.

Aber jetzt trat Herr von Lehfeldt seinerseits zurück. Mein Herr, sagte er mit vollkommenster Ernsthaftigkeit und einem Nachdruck auf jedem einzelnen Worte, der unwillkürlich Respect einflößte: da ich den Umständen nach nicht voraussetzen darf, daß es Ihnen gefällig sein sollte, mit einem Unbekannten einen Muthwillen zu treiben, der in der That sehr wenig am Ort sein würde und gegen den ich überdies (mit einem Seitenblick auf den Hund) mich in jeder Hinsicht gedeckt fühlen dürfte, so wollen Sie mir die Versicherung erlauben, daß eine zufällige Aehnlichkeit Sie täuscht und daß ich nicht die Ehre habe …

Nicht die Ehre habe, wiederholte der Poet mechanisch, mit verhallender Stimme: ah so, bitte tausend Mal um Entschuldigung … meine Brille … ich merke jetzt erst, daß ich auch meine Brille verloren habe … Sie wissen, Herr von Lehfeldt – oder nein, da Sie nicht Herr von Lehfeldt sind, so wissen Sie auch nicht, daß ich außerordentlich kurzsichtig bin … ganz außerordentlich … Ei zum Teufel, rief er dazwischen und starrte Herrn von Lehfeldt mit aufgerissenen Augen ins Gesicht: Aehnlichkeit! was da Aehnlichkeit! Solche Aehnlichkeiten gibt es nicht, Sie sind es selbst, Herr von Lehfeldt! Wir kennen Sie, Sie sind ein Schalk, Sie lieben dergleichen Streiche; aber hier mitten in der Nacht ist das, wenn Sie mir erlauben wollen, eine Grausamkeit! eine pure Grausamkeit, Herr von Lehfeldt!

Herr von Lehfeldt sah ihn mit leichtem Kopfschütteln fragend an, wie Einer, der durchaus nicht weiß, wovon die Rede ist.

Nein, nein, rief der Poet, der jetzt wirklich ernsthaft in Verzweiflung gerieth: das ist zu viel! das heißt den Scherz übertreiben! Was? Sie wollen nicht Herr von Lehfeldt sein? Sie wollen mich nicht kennen? Was? Und wir haben ein Jahr lang zusammen gespeist, im Schwanen, wissen Sie, rechts an der Ecke? und wie mein Stück durchgefallen war, machten Sie noch den schlechten Witz darüber, bei den ersten Schoten, wie? Und es sind noch nicht drei Wochen, da war ich mit Ihnen in der Soirée bei Ihrem Onkel, dem Herrn Minister, was? Und wollen mich verleugnen? mich? Ihren Freund? den dicken Florus? mich? bei nachtschlafender Zeit, in wildfremdem Lande, mich?!


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