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Zwölftes Kapitel.
Das Engelchen

Allein die Verwirrung sollte sich noch höher steigern. Schon zu wiederholten Malen, näher und näher kommend, hatte der Ton eines Posthorns, mahnend, warnend, sich vernehmen lassen; Niemand jedoch, bei der allgemeinen Aufregung, hatte darauf geachtet. Jetzt auf einmal, mitten in die dichte Masse, brauste eine schwere vierspännige Reisekutsche daher.

Der Postillon, bei der scharfen Biegung aus der engen Dorfgasse auf den freien Platz, hatte die Wendung zu kurz genommen; die Vorderpferde, vor der lärmenden Menschenmenge, scheuten jählings zurück, der Postillon verlor die Gewalt über die Zügel, die Stränge verwirrten sich, das vorderste Handpferd stürzte.

Mit wildem Gekreisch prallte der Haufe auseinander. Aber mitten zwischen den Pferden lag ein Kind. Es war derselbe verkümmerte Knabe, der vorhin in der Schenke sich so ungern von der Branntweinflasche trennen wollte; die Mutter, um dem Lärmen bequemer zuzuhören (und dazu natürlich mußte sie beide Arme in die Seite stemmen, sonst wär' es ja gar kein Plaisir gewesen), hatte ihn vor sich an die Erde gesetzt – und als die Pferde herangebraust kamen, in der schnellen Flucht, hatte sie ihn nicht mehr abreichen können.

Das Kind schrie erbärmlich; jeder nächste Hufschlag der ungeduldig sich sträubenden Rosse drohte es zu zerschmettern.

Die Mutter zeterte: Mein Kind! mein Kind!

Der schöne Wilhelm, der bis dahin hinter der Wirthin gestanden hatte, drängte sich mit groben Manieren durch den Haufen. Nun was wird es sein? rief er: mit ein bischen Geld wird der Schade auch noch gut gemacht!

Macht Ihr Eure Kinder für Geld? Eine feine Kunst, die ich auch lernen möchte, unsere kosten uns, sagte der Karrenschieber …

Beiläufig bemerkt, der Karrenschieber hatte Frau und sechs Kinder im Stiche gelassen, sie mußten ihr Brod an den Thüren suchen.

Was Geld? schrie die verzweifelte Mutter: mein Kind will ich! mein Kind! es blutet! es ist todt! mein Kind!!

Das ist die Art dieser Vornehmen, sagte Einer, daß sie denken, Alles mit Geld abzumachen; der Meister hat Recht, es ist der leibhaftige Teufel, der in dem Volke sitzt, wir sollten sie alle erwürgen …

Herr von Lehfeldt, dessen scharfes Ohr das Posthorn wohl vernommen, hatte sich noch rechtzeitig unter den Thorweg der Schenke geflüchtet. Herr Florus, der ihm nachlief, wie ein Küchelchen der Henne, fand sich ebenfalls zu ihm, ein wenig athemlos zwar, aber er war doch im Sichern.

Das Kutschfenster ward herabgelassen; eine junge Dame, bleich vor Schreck – aber auch der Schreck hatte die Anmuth dieses lieblichsten Antlitzes nicht verwischen können! Kastanienbraune Locken umringelten in seidener Fülle die zarten Wangen, die dunkeln Augen leuchteten sanft wie der Mond, die rothen runden Lippen, wie sie sich öffneten, glichen einer Rosenknospe im Mai, so keusch, so duftig …

Eine junge Dame, bleich vor Schreck, neigte sich heraus; sie winkte mit der Hand, sie wollte sprechen, aber ihre weiche Stimme verhallte in dem wüsten Lärm.

Auf der andern Seite rang eine Kammerfrau die Hände und schrie – man hörte es über das Kind hinaus.

Der ganze Verlauf der Scene war viel schneller, als wir es hier erzählen können.

Der schöne Wilhelm zankte mit den Leuten, die ihn nicht heranlassen wollten zum Wagen; Einige erhoben schon die Fäuste gegen ihn. Ja, ja, riefen sie, so sind die Reichen! Armer Leute Kinder zu Tode fahren, das ist so ihr Vergnügen!

Der Postillon, der bei dem Zusammenstoß eine heftige Contusion am Fuß erhalten hatte, war abgestiegen und bemühte sich, hinkend, fluchend, um die Pferde.

Aber wie es in dergleichen Fällen zu geschehen pflegt: an das, was das Nächste gewesen wäre, das gefährdete Kind zu retten, dachte Niemand. Oder vielleicht auch Niemand hatte den Muth dazu. Denn die Rosse bäumten sich und schlugen aus nach allen Seiten.

Einer gleichwohl hatte den Muth: der Sohn des Meisters, Reinhold. Während des Vorfalls mit seinem Vater hatte er, dicht an ihn gedrängt, aber regungslos gestanden; theils die Ehrfurcht vor seinem Vater, theils und mehr noch das Erstaunen und der Schmerz über diesen gewaltigen Ausbruch seiner Leidenschaft hatte ihn gefesselt gehalten.

Jetzt jedoch, mit keckem Sprunge, warf er sich zwischen die brausenden Rosse, griff das Kind, schleuderte es seiner Mutter in die Arme: Es lebt! rief er, es ist gesund, kein Haar ist ihm gekrümmt!

Und so war es wirklich; lediglich aus Angst hatte das Kind so jämmerlich geschrieen.

Der schöne Wilhelm war mittlerweile in die allerschönste Schlägerei gerathen. Das ist der Rechte, schrieen sie, der hat auch Grund, hier noch das große Wort zu führen! der Mädchenjäger! der Löffler! Zerbläut ihm die glatte Fratze! Reißt ihm die goldnen Tressen vom Leibe! Drauf! drauf!!

Wilhelm, in der Noth, zog den Hirschfänger blank.

Aber das war Oel ins Feuer gegossen. Was? brüllte der Haufen, der durch die vorangegangene Scene mit dem Meister und dem alten Sandmoll eben in der rechten Stimmung war zu jederlei Unfug: blanke Messer hier? Nun warte, Bürschchen, dir wollen wir den Federbusch knicken …!

Drauf! drauf! schrieen Andere: an den Wagen! Heraus aus dem Wagen! wir wollen sehen, wer in dem Wagen sitzt!

Heraus! heraus! wiederholte der ganze Chorus: wir wollen sehn, wer Nachts mit Vieren lang friedliche Menschen über den Haufen fährt!

Ja: und armer Leute Kinder todtfährt, setzte ein Anderer hinzu.

Ja: und mit blanken Messern auf lebendige Menschen gehen läßt, brüllte ein Dritter.

Ja: und Schleierhüte dazu trägt und seidne Handschuh, kreischte eine dicke freche Dirne. Ueberhaupt waren die Weiber bei Weitem die gehässigsten und machten den meisten Lärm.

Heraus! heraus!! Herum mit den Wagen! werft ihn um! hängt die Pferde aus! Drauf! drauf! Hurrah!!

Reinhold war zunächst an den Wagenschlag gesprungen; ein einziger Blick hatte hingereicht, ihn die Dame erkennen zu lassen, die in dem Wagen saß.

Er legte die Hand durch das offene Fenster fest über den Schlag. Fürchten Sie nichts, gnädiges Fräulein, rief er in den Wagen …

Die Dame stand aufrecht im Wagen. Ich fürchte mich auch nicht, sagte sie und versuchte zu lächeln. – Aber ihre Stimme zitterte dabei und vor ihren Augen lag es wie ein Flor, daß sie Niemand erkennen konnte.

Der Haufe wälzte sich gegen den Wagen. Reinhold stand unerschütterlich. Sein Auge leuchtete, die Muskeln seines Arms waren straff gespannt; wiewohl nur von mäßigem Wuchs, schien es in diesem Augenblicke doch, als ob er um Kopfeslänge hinausrage über alle Uebrigen.

Unsinnige! rief er: was beginnt Ihr? Kommt zu Euch, faßt Euch! Gott hat seine Hand gebreitet über das Kind, daß ihm kein Haar verletzt ist auf dem Haupte: aber wär' es sogar anders, wer trüge die Schuld? Der Postillon hier, der seine Pflicht gethan hat und hat das Signal gegeben, wie ihm vorgeschrieben ist? Seht, er ist selbst verwundet und leidet mehr Schmerzen als das Kind. Die unvernünftigen Pferde? Es ist mehr Vernunft gewesen in dieser Creatur, als in Euch, die Ihr Euern Zorn kehrt gegen Die, die ihn nicht verdienen! Nein, gegen Euch selber kehrt ihn! Ihr selbst, wenn hier ein Unglück geschehen wäre, hättet die Schuld getragen! Warum drängt Ihr Euch hier zusammen? warum schwärmt und tobt Ihr durch die stille Nacht? Du da, Mutter, die du dein gerettetes Kind jetzt mit Thränen an dich pressest, was thust du hier außen in dieser späten Stunde unter den Trunkenbolden und Dirnen? warum sitzst du nicht daheim, wohin du gehörst, am Bett deines Kindes, und bewachst seinen Schlaf? Und wenn du jetzt, statt des lebendigen Kindes, einen zerquetschten blutigen Leichnam umklammert hieltest, wer wäre seine Mörderin? du selbst, du schlechte Mutter!!

Das Unerwartete dieser Rede machte, wie alles Unerwartete, großen Eindruck auf die Gemüther. Es ist wahr, sagten Einige, es ist eigentlich eine rechte Rabenmutter, das eigne Kind so den Pferden in den Weg zu setzen. Sie hat nie viel getaugt, meinten Andere, ihr Mann hatte auch sein Kreuz mit ihr, wohl ihm, daß er todt ist.

Etliche jedoch waren nicht so leicht beruhigt. Heraus aus dem Wagen! schrieen sie: Wir wollen wissen, wie die Heiligen aussehn, für die du so niedlich predigst!

Da, rief Reinhold, indem er den Wagenschlag aufriß, ohne doch einen Schritt davon zurückzuweichen: da seht! hier ist sie, ein verlassenes, schutzloses Mädchen! O über die Heldenthat, ein schutzloses Mädchen anzufallen zu Hunderten mitten auf der Straße? Kennt Ihr sie nun? fühlt Ihr nun, zu welchen Thieren Eure blinde Wuth Euch gemacht hat? Es sind Jahre vergangen, seit wir dies Angesicht nicht gesehen: aber es sind doch wohl noch Einige unter Euch, die werden es erkennen! die werden noch wissen von ihm und seiner todten Mutter, die die Wohlthäterin war des ganzen Dorfes! Seht her, wie die kleine Hand zittert – es ist dieselbe Hand, die Euern Kranken so oft Brod und Speise gereicht! Seht in das klare Auge – es ist das Auge der todten Mutter, das auch für den Schlechtesten von Euch noch immer eine Thräne des Mitleids hatte! Da, hier steht sie – nun? es sind nur zwei Arme, die sich für sie erheben, Ihr könnt mich leicht in Stücke reißen – wie ist es? will Niemand mehr die Heldenthat vollbringen?

Nichts bekanntlich ist beweglicher und leichter umzustimmen, als erregte Volkshaufen. Sei es, daß die Wuth des Pöbels sich an dem gehörig abgeprügelten schönen Wilhelm befriedigt hatte, sei es die Gewalt, mit welcher Reinhold sprach, und weil wirklich Einige sich der verstorbenen Madame Wolston noch mit Dankbarkeit erinnerten – oder endlich war es (und ganz gewiß, dies war es) die Erscheinung der jungen Dame selbst, was sich, wie Oel, über die eben noch so wild erregten Fluthen lagerte: genug, die Stimmung schlug um, wie man eine Hand umwendet. Alles starrte auf die junge Dame, die noch immer aufrecht im Wagenschlag stand; da sie halb hinter Reinhold stand, sah es aus, als ob sie sich auf ihn stützte.

Ein dumpfes Gemurmel ging durch die Menge: das Engelchen! das Engelchen …!

Denn auch dieser Name hatte sich unter den Dorfbewohnern fortgeerbt. Es gab ein Fragen und Zischeln, geschäftige Zungen erzählten, was das für ein liebenswürdiges Kind gewesen sei und wo sie mit ihrer Mutter gekommen wäre, hätt' es doch, Gott verzeih' Einem die Sünde, nicht anders gelassen, als die Mutter Gottes käme gegangen mit einem leibhaften Engelchen. Auch die Abneigung, welche der Commerzienrath gegen seine Stieftochter hegte und die im Dorf ebenfalls kein Geheimniß war, sprach zu ihren Gunsten …

Das Engelchen! das Engelchen! raunte Einer dem Andern zu: da sei Gott vor, daß wir dem Engelchen ein Leids thun! Gott segne das Engelchen! das Engelchen soll leben!

Jetzt erst traten dem jungen Mädchen die Thränen in die Augen; sie fing an zu schwanken, die Stimme versagte ihr: nur die flachen Hände konnte sie gegen das Herz drücken und sie dann, mit unendlichem Liebreiz, lächelnd unter ihren Thränen, gegen die Menge zurückwenden.

Die Pferde waren wieder angeschirrt, der Postillon saß im Sattel.

Reinhold trat vom Schlage zurück; so aufgeregt oder so befangen war die junge Dame, daß sie gar nicht einmal daran dachte, ihrem Retter zu danken oder sich nur nach ihm umzusehen: schluchzend sank sie in die Kissen zurück und preßte ihr Tuch vor die Augen …

Die Pferde zogen an; langsam lenkte der Wagen über die Brücke in das Schloßthor …

Gott segne das Engelchen! riefen die Umstehenden noch einmal und schwenkten ihre Mützen und Tücher: wenn sie Alle so wären, da ständ' es besser mit der Welt!

Nur die Wirthin rümpfte die Nase. Schnack, sagte sie, mit dem ganzen Engelchen; als ob das nicht aus demselben Lehm wäre, wie wir Alle.

Auch der lange Karrenschieber fand sich von diesem Ausgang nicht befriedigt. So seid Ihr Tröpfe, brummte er: ein paar hochtrabende Worte und eine hübsche Fratze – und zum Teufel ist Eure ganze Courage.

Allein diese Weisheit kam jetzt zu spät, Niemand mochte sie mehr hören. Einer um den Andern, unter Erzählungen von dem Engelchen und seiner Mutter, wo es so lange gewesen und ob es nun wohl wieder im Schlosse bleiben würde, verlief sich nach Hause; selbst der Sandmoll, der übrigens seine Zeit längst wahrgenommen und sich in aller Stille glücklich davongeschlichen hatte, war vergessen.

Auch Herr von Lehfeldt und der dicke Florus zogen sich zurück. Verdammte Geschichten das! murmelte der Poet, indem sie die Treppe hinaufstiegen: kann ein vernünftiger Mensch daraus klug werden? Aber interessiren thut es mich bei alledem. – Herr von Lehfeldt, der seit einiger Zeit merklich verstimmt war, erwiderte nichts, sondern zog sich, mit kühlem Gruße, in seine Kammer zurück.

Der Meister, zum Tod erschöpft von Allem, was ihm im Lauf dieser letzten Tage begegnet war, hatte sich, halb bewußtlos, auf den Arm seiner Tochter gestützt; er hatte von dem ganzen letzten Vorgang wenig oder nichts gespürt. – Konrad war schon längst ins Haus gegangen. Reinhold sah dem Wagen sinnend nach. Dann fuhr er mit der Hand über die Stirn, drehte sich kurzum:

Laßt uns hineingehn, Vater, sagte er: Ihr seid erschöpft, kommt ins Haus …

Der Meister richtete sich langsam in die Höhe. Ach meine arme Schwester, sagte er dumpf.

Die dicke Wirthin, die es nicht vor sich selbst hätte verantworten können, wäre sie, bei einer so merkwürdigen Begebenheit, nicht die Letzte auf dem Platz gewesen, stand noch, mit wenigen Andern, und wartete der Dinge, die etwa noch kommen könnten.

Auf einmal fühlte sie sich derb auf die Schulter gepocht. Erschrocken sah sie sich um …

Es war der tolle Heiner. Da, sagte er und legte ihr das Tuch mit dem Gelde zwischen die offnen fleischigen Hände: das soll für den Meister sein: er soll dem Sandmoll den Hals damit stopfen und was übrig ist, da soll er sich eine Suppe davon kochen. Denn Branntwein trinkt er ja doch nicht, der Pinsel. Nehmt, nehmt, rief er, da die Wirthin zauderte: Ihr seid ja eine ehrliche Frau so weit – und hier stehn die Zeugen. Wollt' ich es dem Meister selbst geben, er nähm' es nicht – und ich weiß mit dem Quark nichts anzufangen.

Und dann auf Margareth zutretend: Gute Nacht, Margareth, sagte er, und wenn dein Mann was von dir will, sag's mir, ich will ihn zermörsern, daß er sich seine Knochen soll einzeln zusammenlesen …

Damit drückte er ihr die Hand, vorsichtig, fest – es war der silberne Trauring, den er ihr mit dem Händedruck zurückgab.

Dann, ein wildes Zotenlied anstimmend, verschwand er zwischen den Häusern.

Alles verlief sich. Die Wirthin, die schweren Hausriegel vorschiebend, wog das Tuch: Ein närrischer Mensch, sagte sie, der tolle Heiner …


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