Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Viertes Kapitel.
Vater und Sohn

Nachdem der Fremde sich überzeugt hatte, daß der Bettler sich diesmal wirklich entfernt, athmete er tief auf, wie Jemand, der sich von einer schweren Last endlich erleichtert fühlt; er fuhr mit der Hand um den Mund – und dasselbe Gesicht, das so eben noch von der edelsten Leidenschaft zu glühen schien, zeigte augenblicklich wieder jenen gleichgiltig behaglichen Ausdruck, aber auch zugleich jene beleidigende Sicherheit, jene brutale Ruhe, mit der er den Bettler zuerst angesprochen. – Er eilte die Reste des Mahls hinwegzuräumen; dann, eine feine Cigarre anzündend und den Rauch in bläulichen Ringen behaglich in die Luft stoßend, nahm er ein Notizbuch aus der Brusttasche und zeichnete, mit flüchtiger Hand, verschiedene seltsame Charaktere darin auf.

Gleichwol schien diese Beschäftigung ihn im Ganzen nur wenig zu interessiren. Bald war die Cigarre ausgegangen und mußte neu angebrannt werden; bald stand er auf, etwas an Sattel und Zaum zu schnallen; bald zog er die Uhr hervor und verglich den Stand der Sonne, die sich mehr und mehr nach Westen neigte und schon hier und da den Horizont mit röthlichen Streifen vergoldete.

Zuletzt steckte er das Notizbuch hastig bei Seite und ging, die Hände auf dem Rücken, ein Liedchen halblaut zwischen den Zähnen summend, mit starken Schritten, in engem Kreise, auf der kleinen Plattform der Klippe auf und ab. Es war augenscheinlich, daß er Jemand erwartete; der leise Nebel, der, ein Vorbote der nahen Dämmerung, allgemach im Thal aufstieg und die Aussicht auf die Straße zu verdecken anfing, diente nur dazu, seine Ungeduld zu vermehren.

Plötzlich von der Straße aufwärts, dicht an der Klippe herauf, scholl ein scharfes, trockenes Hüsteln, begleitet von dem Schlurfen schwerer, ungeschickter Tritte.

Der junge Mann horchte aufmerksam; mit der einen Hand an den Fichtenbaum sich stützend, hielt er die andere lauschend ans Ohr, jedes leiseste Geräusch desto sicherer aufzufangen.

Das Hüsteln wiederholte sich in kurzen abgemessenen Zwischenräumen; endlich, wie der Weg in die Höhe steigt und sich damit von der Klippe entfernt, verlor es sich.

Der junge Mann lauschte noch einige Minuten; sein geschärftes Ohr, in die Stille hinauslauschend, glaubte noch immer, das eigenthümliche Scharren und Schleifen jenes seltsamen Fußtrittes zu vernehmen. – Jetzt trat er zurück; ein zufriedenes Lächeln flog über sein Gesicht.

Ehe der alte Maulwurf, sagte er, hinaufgeschlappt kommt, habe ich noch eben Zeit, meine Cigarre zu Ende zu rauchen.

Und wiederum, mit der gleichgiltigsten Miene von der Welt, als hätte er den ganzen Tag nichts Anderes zu thun gehabt, als nur den Rauch vor sich hinzublasen, streckte er sich auf die Felsbank.

Nicht lange: und dasselbe trockene Hüsteln, derselbe schwerfällige Tritt, der vor einiger Zeit die Klippe herauf erschollen war, tönte jetzt in dichtester Nähe vom Fußsteig her. Der Hund, der, den Zaum im Munde, in wachem Schlaf gesessen hatte, fuhr mit leisem Knurren in die Höhe. Wenige Augenblicke noch: und aus der Krümmung des Weges trat eine der seltsamsten Gestalten, dergleichen die Phantasie eines Callot oder Höllenbreughel jemals ersonnen hat.

Es war ein altes gebrechliches Männchen, kaum vier Schuh hoch; die krummen Knie, die gebückte Haltung ließen ihn sogar noch kleiner erscheinen. Tief in den Schultern steckte ein unförmlicher Kopf, von struppigen weißen Haaren spärlich umgeben; ein zerknüllter grauer Filzhut, breitkrämpig, von der Form, wie die Quäker und Stillen im Lande ihn zu tragen pflegen, saß weit in die Stirn. Das Gesicht war von abschreckender Häßlichkeit, ein gestaltloser, aufgedunsener Fleischklumpen; es war auf den ersten Blick unmöglich, irgend welche menschliche Züge darin zu unterscheiden, so zerflossen, gleichsam zu Brei verschwemmt war das ganze Angesicht. Erst indem man wiederholt hinblickte, gelang es, die dicken wulstartigen Lippen, die unnatürlich aufgeschwollenen Wangen, zwischen denen eine kleine aufgestülpte Nase förmlich begraben lag, zu erkennen. Die Augen, ohne Brauen, lagen so tief im Kopf, daß sie nur ein Strich zu sein schienen, aus dem nur hin und wieder ein grünliches Feuer, funkenartig, hervorschoß. Eine ungeheure Warze, mitten auf der Stirn, mit langen weißlichen Haaren besetzt, vollendete den abschreckenden Eindruck dieses Antlitzes. – Die Arme, von unverhältnißmäßiger Länge, baumelten bis an die Knie: dergestalt, daß die dünnen knöchernen Finger, schwarz, mit Einschnitten und Runzeln bedeckt, gleichsam in die Erde zu greifen schienen. – Die Beine waren vom Knie abwärts wie mit Gewalt nach außen gedreht; die großen, mit groben Schuhen bedeckten Füße schleppten nach, gleichsam wie ein fremder, todter Körper, oder als ob ein langwieriger äußerer Zwang, den Gliedmaßen gewaltsam eine andere Richtung gebend, die Kraft der Muskeln gelähmt hatte. – Bekleidet war diese abenteuerliche Gestalt mit einem langen hellgrauen Rocke, dem ein kurzer stehender Kragen von grüner Farbe ein halb militairisches Ansehen verlieh.

Indem diese wunderliche Figur ihre Annäherung durch Hüsteln und Schlurfen schrittweis verkündigte, konnte der Fremde, trotz der Gleichgiltigkeit, welche er zu erheucheln für gut befand, sich dennoch nicht enthalten, den Kopf danach umzudrehen. Seine Züge strahlten von Vergnügen; aber dieses Vergnügen war zugleich mit soviel teuflischer Bosheit gemischt, daß das regelmäßige, schöne Antlitz des jungen Mannes in diesem Augenblick sogar häßlich erschien.

Eine weit weniger angenehme Ueberraschung schien der Anblick des Fremden dem Alten zu gewähren. Er stand still, öffnete, nach Luft schnappend, wie ein auf den Sand geworfener Fisch, mehrmals rasch hintereinander den weiten Mund, ohne jedoch einen Ton hervorzubringen. Dann, mit jener ungelenken Hast, welche die Bewegungen einer Marionette so spaßhaft macht, schleuderte er einen seiner langen Arme an den Hut, riß ihn herunter und warf den Kopf nach hinten.

Es war ein kläglicher Anblick. Der Abendwind, der sich inzwischen erhoben hatte, streifte das dünne weiße Haar des alten Mannes; sein Antlitz, roth glühend, stach, wie eine Feuerkugel, gegen den reinen Abendhimmel ab.

Und doch, der junge Fremde schien an diesem Anblick seine Freude zu haben. Mehre Minuten ließ er den Alten in seiner demüthigen Stellung verharren; dann erst winkte er ihm näher zu treten.

Nun, rief er, alter Dachs, kommt Ihr endlich? Das sind mir schöne Geschichten, die Ihr hier treibt! Seit drei Stunden wart' ich auf Euch; habt Ihr die Zeit verschlafen? oder können die alten Beine die Eisen noch immer nicht verwinden? Ihr schlappt ja ganz erbärmlich.

Diese Worte wurden mit einer gewissen verächtlichen Vertraulichkeit, einer Art grober Herablassung gesprochen. Der Alte, noch immer nach Luft schnappend, hielt es für seine Schuldigkeit, sie überaus witzig zu finden. Er machte daher einen Versuch zu lachen: das heißt, er preßte den Kopf noch weiter nach hinten, ließ die Augen (nämlich wenn dies möglich war) noch mehr verschwinden, riß den Mund weit auf und stieß in dieser Stellung einen gurgelnden Laut aus, ähnlich dem Geräusch, mit welchem Wasser aus einer jählings umgekehrten Flasche hervorstürzt. Darauf hustete er heftig, that, als ob er sich die Augen wischen wollte, und antwortete dann, noch immer in demüthiger Zurückgezogenheit, mit einer unglaublich heisern, fast völlig erloschenen Stimme:

Ah, ah! sagte er, noch immer diese vortrefflichen Einfälle, wie sonst! noch immer diese allerliebsten Späßchen, die er schon als Kind gemacht hat! Ja, ja, der gnädige Herr Sohn haben es weit gebracht …

Aber der also Angeredete bezeigte wenig Lust, auf die Späße des Alten einzugehen; mit einer sehr ablehnenden, trockenen Ernsthaftigkeit:

Ich frage, antwortete er, warum man so spät kommt, und erwarte, daß man mir Antwort gibt auf meine Frage.

Der Alte gerieth durch diesen trockenen Ernst augenscheinlich in immer größere Verlegenheit.

Ah, ah! keuchte er (denn sei es, daß er diesen Eingang benutzte, seine Gedanken zu ordnen und sich desto genauer zu besinnen auf Das, was er antworten wollte; sei es, daß er dieses Vorspiels bedurfte, gleichsam um seiner Stimme Luft zu machen und sich zu vergewissern, daß sie überhaupt noch eines Tones fähig; sei es endlich nur im Allgemeinen eine üble Gewohnheit gewesen – genug, der Alte begann keinen Satz, ohne ihm dieses zischende, röchelnde, kurz hervorgestoßene: Ah, ah! voranzuschicken) …

Hätte ich, keuchte der Alte, ahnen können, daß der gnädige Herr Sohn selbst mir die Ehre anthun würde …

Da hast du, fiel der junge Mann ihm in die Rede, einen sehr schlechten Begriff vom Dienst, Sandmoll. Die Ordres müssen befolgt werden, blindlings, bei Tag wie bei Nacht, ohne Ansehen der Person. Aber ich merke schon, du hast zu gute Tage; es wird nöthig, dich etwas schärfer anzuspannen. – Wann, setzte er in herrischem Tone hinzu, hast du den Befehl bekommen?

Gestern Nacht, entgegnete der Andere mit einer Verlegenheit, welche in jedem Augenblick wuchs, so sehr er sich auch bemühte, sie hinter einer scheinbar sorglosen Geschwätzigkeit zu verstecken: Der Wegereiter Helmuth brachte ihn mir ans Fenster; er klopfte, ich stand auf. Hier, sagte er, ein Brief für euch, Vater Schlappfuß – denn der gnädige Herr Sohn wissen ja wohl, es ist eine böse Welt, es meint Jeder so sein Späßchen machen und sich reiben zu dürfen an einem armen, alten, gebrechlichen Manne …

Allein der Fremde war sehr weit entfernt, sich durch diese mit kläglichstem Ausdruck vorgebrachte Zwischenrede auch nur im Mindesten beirren zu lassen.

Wenn man, sagte er mit derselben unerschütterlichen Kälte, so alt ist, wie du, Vater Sandmoll oder meinetwegen auch Vater Schlappfuß, so sollte man wissen, daß es, einem Vorgesetzten gegenüber, unschicklich ist, mehr zu antworten, als man gefragt ist. Der Wegereiter Helmuth hat gethan, wie ihm befohlen war; du aber bist ein Faulpelz, wo nicht Schlimmeres. Und was stand in der Ordre? fuhr er mit plötzlich erhöhter Stimme fort.

Mich Sonnabend Nachmittags unter der Galgenfichte einzufinden; es würde dort Jemand sein, von dem ich weitere Anweisung empfangen würde, versetzte der Alte, kaum noch hörbar.

Und nennst du das Nachmittags? entgegnete der junge Mann, indem er die Hand erhob und auf den Himmel deutete, der schon in prächtigstem Abendroth brannte.

Das Gespräch drohte hier, nach dem Tone des Fragenden zu schließen, eine so ernsthafte Wendung zu nehmen, daß der Alte noch einen letzten verzweifelten Versuch wagte, seinen Gesellschafter in bessere Laune zu versetzen. Er stieß noch einmal jenes gurgelnde Lachen hervor, schleuderte gleich darauf, blitzschnell, wie vom Faden des Puppenspielers in Bewegung gesetzt, den Kopf halb auf die Seite, dehnte die unermeßlichen Arme völlig bis an die Fußspitzen – und in dieser Stellung, unwiderstehlich für Jeden, der mit einer minder eisernen Ernsthaftigkeit begabt gewesen wäre, als sein Widersacher:

Es ist wahr, antwortete er, ich bin ein Faulpelz, ich habe mich verspätet, der gnädige Herr Sohn haben Recht. Aber bedenken der gnädige Herr Sohn auch nur die Gebrechlichkeit dieser beiden Spazierhölzer …

Der junge Mann fuhr in die Höhe, wie von einer Schlange gebissen.

Sohn! Sohn! rief er in einer Wuth, welche diesmal durchaus nichts Verstelltes oder Erkünsteltes mehr hatte: Wie oft, Unglücklicher, habe ich dir verboten, diesen Namen mir gegenüber auf die Lippe zu bringen – und doch hörst du nicht auf, mein Ohr damit zu foltern?! – Ich und dieser! Es ist nicht wahr, es kann nicht sein, ich bin nicht sein Sohn! rief er und warf das trotzige Haupt in den Nacken, dem Himmel entgegen, daß der purpurne Glanz der Abendsonne voll auf die edlen Züge fiel.

Und allerdings würde gewißlich Niemand, der die Beiden in diesem Augenblicke neben einander gesehen hätte, eine Verwandtschaft zwischen ihnen vermuthet haben. Während es unmöglich war, die Unform des Alten ohne Bestürzung, ja ohne Abscheu zu betrachten, lag im Gegentheil auf dem feinen, zartgeformten Antlitz des Fremden, sowie in seiner ganzen Erscheinung ein unwiderstehlich geheimnißvoller Reiz. – Er war wenig über mittlerer Größe, behend und zierlich gebaut: aber von jener Zierlichkeit, welche die Kraft, jener Behendigkeit, welche die Festigkeit nicht ausschließt; man sah es diesem schlanken Arm, dieser vornehm feinen Hand unwillkürlich an, daß sie, wo es Noth that, zufassen und umklammern konnte, wie mit eisernen Banden. – Der Kopf war von der edelsten Form; die Festigkeit, mit der er getragen ward, und das trotzige, kecke Wesen, das ihn leicht hintenüber warf, ließ ihn noch bedeutender erscheinen. Das Haar, hellblond, von außerordentlicher Feinheit, lag, zierlich gescheitelt, der hohen Stirn glatt an. Unter prächtig geschweiften Brauen leuchteten große, hellblaue Augen, Augen, die zu ihrer Schönheit nur noch ein klein wenig mehr Feuer bedurft hätten, um jedes Herz unlösbar zu fesseln; sie blickten stolz und klar, wie Sonnen, aber, die seltenen Momente leidenschaftlicher Erregung ausgenommen, zugleich kalt und unergründlich wie das Meer. – Die Nase war gerade und scharf; die Lippen schmal, fest auf einander gepreßt, fast herb: öffneten sie sich aber (was freilich selten geschah) zu einem wohlwollenden Lächeln, und die kleinen, schneeweißen, gleichgeformten Zähne glänzten unter dem zierlichen blonden Bart hervor, so hielt es schwer, einen anmuthiger geformten, lieblichern Mund zu sehen. – Die Farbe des Angesichts war blaß, das heißt, nicht von jener unreinen, krankhaften, vielmehr von jener zarten, durchsichtigen Blässe, die namentlich bei den Damen der sogenannten guten Gesellschaft beliebter ist und das Auge mehr fesselt, als die frischesten Farben es vermöchten. –

Der Alte war klug genug, diesen plötzlichen Ausbruch der Leidenschaft ruhig vorübergehen zu lassen; wären seine Züge im Stande gewesen, irgend eine Bewegung des Innern widerzuspiegeln, kein Zweifel, daß sie in diesem Moment geleuchtet haben würden von Schadenfreude und heimlicher, boshafter Zufriedenheit. So jedoch ließ er den jungen Mann ruhig gewähren.

Endlich, nach einer Pause, während deren er unverwandt in den Abendhimmel gestarrt hatte, drehte der junge Fremde sich um und sagte mit völlig ruhiger, gemäßigter Stimme:

Du behauptest, mein Vater zu sein. Gut, ich kann dich nicht widerlegen und so muß ich deiner Versicherung Glauben schenken. Inzwischen (und hier ward der Ton wieder laut und leidenschaftlich) höre meinen Vorschlag: hundert Thaler, wenn du mir Beweise bringst, daß ich dein Sohn bin; aber tausend, beweisest du, daß ich es nicht bin! Bis dahin, daß dieses sich entschieden hat, wagst du niemals wieder, das Wort Sohn gegen mich auszusprechen, noch sonst irgend einer menschlichen Seele zu offenbaren, daß du dich für meinen Vater hältst. Im entgegengesetzten Falle weißt du, daß ich Mittel habe, dich an einen Ort zu bringen, wo du, wenn es dich sonst gelüstet, mich Sohn nennen kannst zehntausend mal in Einer Secunde – und Niemand hört dich!


 << zurück weiter >>