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Zweites Buch.
Schloß und Hütte


Erstes Kapitel.
Das düstre Haus

Nachdem Herr von Lehfeldt, nach seinem Abschiede von dem Alten, scharf zutrabend, eine ziemliche Strecke Wegs auf der großen Straße zurückgelegt hatte, wandte er sich plötzlich in fast entgegengesetzter Richtung querfeldein, durch Gestrüpp und Steine, auf ein Gebäude zu, welches, etwa eine Viertelstunde von der Straße entfernt, in trauriger Einsamkeit, mitten in der unfruchtbaren Ebene lag. Vor Alters als Försterwohnung benutzt, diente dasselbe jetzt, halb verfallen und zum Abbruch bestimmt, Wegaufsehern, Grenzjägern und anderen untergeordneten Beamten, die eben in dieser Gegend zu thun hatten, zu gelegentlichem Aufenthalt. – Im Munde des Volks war sogar noch von anderen Gästen die Rede, und minder ehrbaren, welche das öde Haus zu Zeiten bevölkern sollten: Schmuggler, behauptete man, Landstreicher und sonstiges Gesindel, dergleichen sich, bei der Nähe der Grenze, hier viel zusammenfand, hätten hier ebenfalls, abwechselnd mit ihren Verfolgern, ja zuweilen, setzte das Gerücht hinzu, gleichzeitig und nicht ohne geheimes Einverständniß mit ihnen, eine bequeme Zufluchtsstätte.

Indessen wie es damit auch sein mochte, in diesem Augenblick wenigstens stand das Gebäude, allem Anscheine nach, völlig unbewohnt; nirgend ein Licht, nirgend eine Spur von Menschen. Das ganze Haus, wie es so dalag, lautlos, leblos, auf der hellbeglänzten Fläche, mit der langen, schwarzen, halbzerstörten Esse, die ihren abenteuerlichen Schatten weithin warf, den dunklen Fensterhöhlen, wo auf zerknickten Scheiben der Mond sich spiegelte, gewährte einen unendlich düstern, unheimlichen Anblick; Niemand, der es zum ersten Mal gesehen, zumal in dieser nächtlichen Stunde, hätte sich eines geheimen Grauens erwehren mögen.

Von einem derartigen Grauen empfand Herr von Lehfeldt nun freilich nichts. Aber daß auch er sich dem Hause nur mit einer besondern Vorsicht näherte, war nicht zu verkennen. Die Rechte hatte er fest in der Brusttasche, wo die Terzerole steckte; mit der Linken hemmte er von Zeit zu Zeit die Zügel, indem er, mit gespanntester Aufmerksamkeit, nach dem dunklen Hause hinüberlauschte.

Aber nirgend regte sich ein Laut; nur das kurze Schnaufen des Hundes, der, die Nase dicht an die Erde gedrückt, eine Spur zu suchen oder eine gefundene zu erkennen schien, unterbrach die allgemeine Stille.

Herr von Lehfeldt war jetzt bis dicht vor das Haus gelangt. Langsam ritt er um dasselbe herum, bis unter den südlichen Giebel, wo ein kleines Gehöft, von einem hohen Zaun umschlossen, sich anlehnte.

Wieder lauschte er zwei Minuten. Aber wiederum blieb Alles still. Der Hund, als wäre er jetzt vollkommen im Reinen und wüßte, wo er wäre, hatte sich traulich unter den Thorweg gelagert und blickte, mit dem gewaltigen Schweif den Staub von der Schwelle klopfend, mit muntern Augen zu seinem Herrn empor.

Jetzt endlich schien Herr von Lehfeldt zu einem Entschluß zu kommen. Sich leicht in den Bügeln erhebend, pochte er mit der Spitze seiner Gerte dreimal, in eigenthümlichem Tact, an das Giebelfenster, das sich zunächst über seinem Haupt befand.

In demselben Augenblick wurde das Zeichen von innen wiederholt.

So wie er es vernommen, schwang sich Herr von Lehfeldt aus dem Sattel; er lüftete den Hut, knöpfte den Rock auf, gähnte leicht, kurzum, er benahm sich ganz wie Einer, der sich in dem angenehmen Bewußtsein ergeht, eine misliche Situation glücklich überstanden zu haben.

Inzwischen war es im Innern des Hauses lebendig geworden. Das hüpfende Licht einer Blendlaterne lief durch die öden Kammern. Jetzt hörte man ein Geräusch am Thorweg; derselbe öffnete sich und zwei Männer in unscheinbarer Kleidung wurden sichtbar.

Herr von Lehfeldt warf dem Nächststehenden die Zügel zu: Alles in Ordnung? fragte er den Andern, indem er raschen Schrittes in den engen Hofraum trat.

Alles in Ordnung, wiederholte der Mann, die Hand zu militairischem Gruß an die Mütze legend.

Damit war die Gruppe eingetreten. Der Thorweg schloß sich; zum zweiten Mal hüpfte der Lichtschein durch das dunkle Haus, um gleich darauf im Innern desselben zu verschwinden …

Und wiederum war es so still, so todt – man hätte schwören mögen, daß keine lebendige Seele darin.

Kaum eine Viertelstunde war vergangen, als der Thorweg sich aufs Neue öffnete. Herr von Lehfeldt, jetzt in der bequemen Tracht eines Fußgängers, trat heraus. Hinter ihm das Pferd, von einem der Diener geritten. Schon auf der Schwelle wandte Herr von Lehfeldt sich noch einmal um.

Bis morgen Abend, sagte er, ist nun nichts weiter zu erwarten. Du, Andres, reitest das Pferd auf die Station zurück; gib die beiden Zettel ab, aber nur an den Mann, der das Wort weiß. Ihr, Samuel, wandte er sich zu dem Andern, haltet Euch wacker in Eurer Einsamkeit; wenn Ihr einschlaft, sei's mit Einem Auge. Um Mittag ist Andres wieder zurück; wenn etwas vorfällt, so wißt Ihr den Weg, wie Eure Nachrichten mich finden.

Die beiden Angeredeten verneigten sich; der Eine verschloß das Thor, der Andere, mit lautem Zungenschlag, setzte das Pferd in Trab, rückwärts denselben Weg, nach der großen Straße zu, den es vor Kurzem erst gekommen.

Herr von Lehfeldt sah ihm einige Augenblicke nach: Wackres Geschöpf, immer wachsam, immer unverdrossen, sagte er, in einem Tone, der es unentschieden ließ, ob er von dem Roß sprach oder von dem Reiter – pfiff dem Hunde und wandelte mit muntern Schritten nach der entgegengesetzten Seite hin, abwärts in das Thal.


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