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Eine angenehme Unterhaltung.

Nirgends findet man so merkwürdige Reisegesellschaft als unterwegs. Der Satz ist unbestreitbar. Seine Richtigkeit lernte ich im Eisenbahnabteil kennen, als ich die Rheingegend befuhr. Da saß mir gegenüber ein Mann, der war schwerhörig, was ich allerdings erst im Lauf einer längeren Unterhaltung merkte.

Ich langweilte mich gottsträflich, wie immer, wenn ich durch hochinteressante Landschaften komme. Deshalb suchte ich mit meinem Gegenüber eine Unterhaltung anzuknüpfen.

»Hübsche Aussicht hier!« sagte ich; »das da drüben ist der Drachenfels im Siebengebirge.«

»Im Wievielgebirge?« fragte der Mann.

»im Siebengebirge,« wiederholte ich. »Teilweis erinnert die Gegend an die Ufer des Vierwaldstätter Sees.«

»Des Wievielwaldstätter Sees?« fragte der andere.

»Des Vierwaldstätter,« betonte ich. »Ein vorzüglicher See! manchmal glatt wie ein Spiegel, manchmal aufgeregt wie das Meer, wenn Neptun mit dem Dreizack einherfährt.«

»Mit dem Wievielzack?«

»Mit dem Dreizack! Auch den Kanton Zürich liebe ich sehr. Waren Sie schon einmal in Maria-Einsiedeln?«

»In Wievielsiedeln?«

»In Einsiedeln! Sehr lohnender Ausflug und treffliche Verpflegung im Gasthof zu den »Drei Königen«.

» Wieviel Könige?«

»Zu den drei Königen. Beinahe so gut wie in München im Hotel »Vier Jahreszeiten«.

» Wieviel Jahreszeiten?«

» Vier Jahreszeiten. Kann ich Ihnen sehr empfehlen. Voriges Frühjahr wohnte ich dort. Ich kam aus Zweisimmen ...«

»Aus Wievielsimmen?«

»Aus Zweisimmen. Dort war's mir aber zu kalt. Es war gerade die Zeit der drei gestrengen Herrn ...«

» Wieviel gestrenge Herrn?«

» Drei gestrenge Herrn. Natürlich ist die Wetterregel, die sich an diese Tage knüpft, eine Legende, ebenso wie mit den Siebenschläfern.«

» Wieviel Schläfer?«

» Siebenschläfer. Diesmal aber war es tatsächlich recht kühl. Von München fuhr ich ins Elsaß nach drei Aehren ...«

»Nach wieviel Aehren?«

»Nach drei Aehren! Sie werden bereits bemerkt haben, daß ich sehr viel reise, immer auf Siebenmeilenstiefeln ...«

»Auf Wievielmeilenstiefeln?«

»Auf Siebenmeilenstiefeln. Und ich habe das Talent, in kürzester Zeit unglaublich viel zu sehen; in dieser Hinsicht bin ich, das kann ich wohl sagen, ein Tausendsassa.«

»Ein Wievielsassa?«

»Ein Tausendsassa. Ich weiß auch im Vorbeifahren immer, was draußen los ist. Diese Spitze zum Beispiel,« – dabei wies ich mit dem Finger aus dem Wagenfenster, – »ist der Turm der Dreifaltigkeitskirche ...«

» Wievielfaltigkeit?«

»Der Dreifaltigkeitskirche; und das dort,« – dabei veränderte ich die Richtung des Zeigefingers – »ist die Zwölfapostelkirche.«

» Wievielapostelkirche?«

» Zwölfapostelkirche. Wir sind übrigens sofort in Köln mit seinen elftausend Jungfrauen.«

» Wieviel tausend Jungfrauen?«

» Elftausend Jungfrauen. Mir scheint, Sie hören ein bißchen schlecht; das hätten Sie mir doch gleich sagen können, bevor ich meine Lunge so strapazierte, ich Einfaltspinsel.«

» Wievielfaltspinsel?«

» Einfaltspinsel!« schrie ich, indem ich meine Sachen zusammenraffte, um auf den Bahnsteig zu springen.


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