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Siehst du so aus?!

Wie auf Geisterfüßen war die junge Dame ins Atelier geglitten. Und schon aus dieser Andeutung ahnt der Leser, was er zehn Zeilen später genau wissen wird: daß es nämlich keine junge Dame war, sondern eine Fee. Man hätte ein Blödian sein müssen, um das nicht sofort zu merken. Und der Inhaber der Kunstwerkstätte, Herr Gabriel Flex, war wirklich ein Blödian.

Auch in anderer Hinsicht.

Er hatte soeben sein Selbstbildnis beendet, in jener merkwürdigen futuristischen Art, die auf Ähnlichkeit verzichtet und an deren Stelle eine aus Komik und Grauen gemischte Unmöglichkeit setzt: die Entmenschung des Menschen.

»Entschuldigen Sie, wenn ich störe,« sagte die Fee; »aber ich habe mich wohl in der Tür geirrt. Ich dachte, hier wohnt ein Künstler, und ich wollte mich eigentlich malen lassen.«

»Können Sie bei mir haben,« entgegnete Gabriel; »Öl oder Aquarell, Brustbild, Kniestück oder ganze Figur, ganz wie Sie wünschen.«

»Bevor ich mich entscheide,« sprach die Fee, »sagen Sie mir doch: was ist das für eine Fratze, die Sie auf der Staffelei haben?«

»Das bin ich selbst; daran werden Sie wohl nicht gezweifelt haben.«

Mit verändertem Tonfall fragte die Besucherin weiter: »Siehst du wirklich so aus?«

»Ja gewiß! so sehe ich mich!«

»So höre, Menschenskind! Von diesem Augenblick soll dich jedermann so sehen wie du selbst dich siehst! Kunst und Natur sei eines nur: wie deine Kunst, so deine Natur! Wandle hinfort in der Gestalt, die du selbst im Bildnis dir gegeben!«

Damit schritt sie hinaus, und im selben Augenblick vollzog sich die Verwandlung. Die Ähnlichkeit wurde eine vollkommene: Gabriel sah nunmehr wirklich so aus wie sein Bild.

Er betrachtete sich im Spiegel und stutzte. War das der Reflex seines Kunstwerks oder seines Körpers? Er verbeugte sich vor dem Spiegel, spreizte die Arme, setzte den Hut auf, nahm ihn ab, – kein Zweifel, es hatte sich etwas ereignet. So eine Art von Pygmalion-Wunder, ein Übergang vom Künstlerischen ins Lebendige. Ein bißchen unbehaglich zwar, diese Veränderung in ihrer Plötzlichkeit, aber immerhin, es ließ sich auch in dieser Figur leben. So oder so, dachte Flex, ein hübscher Kerl bin ich doch, und jetzt vielleicht noch interessanter als zuvor; die futuristische Kunst hat sich in mir zur futuristischen Persönlichkeit erhöht!

Er klingelte seiner Aufwartefrau, denn es war Vesperzeit. Die alte Mathilde erschien in der Tür, beladen mit dem Kaffeebrett und dem darauf gebauten appetitlichen Stilleben.

Lebte Wilhelm Busch noch, so könnte er zu der Sprengwirkung, die sich alsbald einstellte, ein neues »Klickeradoms«-Gedicht machen. Porzellanscherben prasselten in einer Brühe von Milch und Kaffee auf dem Estrich, während die alte Mathilde davonstürzte und mit ihren Schreckensrufen die Luft erfüllte: Der Golem! Der Golem! brüllte sie, da sie sich vom Kino her einer ähnlichen fabelhaften Mißgestalt entsann; dann flog sie in mehrfachen Kobolzsätzen die Treppe hinunter, brachte sich in Sicherheit und ward nicht mehr gesehen.

Sie ist und bleibt eine Gans! murmelte Gabriel, während er auf dem Fußboden schwimmen ließ, was schwamm, und aus dem Wirrsal nur eine Druckschrift hervorfischte, die als Kreuzband mitgekommen war. Es war die Kunstzeitschrift »Samum«, in der er einen großen Artikel über seine Person und über seine unlängst in der »Ultra-Sezession« ausgestellte Landschaft vorfand. Das tat ihm wohl, denn der Artikel erhob ihn als Meister des Neo-Inexpressibilismus in alle Wolken, indes die alten verschimmelten Großherren von Dürer bis zu Lenbach einschließlich in Schimpf und Schande getaucht wurden. Mindestens zehnmal las er den Aufsatz durch, dann fiel ihm ein, daß er jetzt in Ermangelung einer Wirtschafterin die Pflege seiner Leiblichkeit außer dem Hause zu versuchen habe. Er verfügte sich also ins Restaurant.

Nur eine kurze Wegstrecke war es bis dahin, allein die genügte, um die ganze Straße in Aufruhr zu versetzen. Ein Omnibusgaul wurde scheu und ging dermaßen durch, daß er erst in Spandau angehalten und getröstet werden konnte. Ein ganzes Mädchenpensionat sprang vor Entsetzen in den nahen Landwehrkanal. Ganz abgesehen von zwei Dienstmädchen, die es vorgezogen, am Blitzableiter des nächsten Warenhauses emporzuklettern.

Der Aufenthalt im Restaurant währte nur wenige Minuten: denn der Wirt stürzte in der Gemütsstimmung des rasenden Ajax herbei und erklärte die Erscheinung des neuen Gastes für gleichbedeutend mit Hausfriedensbruch; unter den übrigen Gästen sei Panik ausgebrochen, drei Kellner lägen bereits auf Rettungswache. Gleichzeitig tauchte ein Hüne von Schutzmann auf, der den Maler Gabriel beim Wickel nahm und wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses in Verbindung mit Auflauf, Tumult und Sachbeschädigung nach dem nächsten Polizeibureau abschleppte.

Der Vorsteher des Reviers erklärte mit äußerster Bestimmtheit: »Solch ein Individuum könne er unmöglich dabehalten. Diese Polizeiwache«, so setzte er mit unbeirrbarer Beamtenlogik hinzu, »hat schon manchen Unhold in ihren Mauern gesehen, aber immerhin, es waren Menschen; und nach meiner Instruktion habe ich darauf zu halten, daß hier nur Menschen eingeliefert werden, nicht aber Gnomen, Waldschratte, Werwölfe oder dergleichen. Welcher Fall hier vorliegt, weiß ich nicht. Darüber sollen erst Sachverständige entscheiden. Besorgen Sie deshalb, Schutzmann, eine geschlossene Droschke und fahren Sie dieses Schauerwesen nach dem Zoologischen Garten; oder fürchten Sie sich, mit sowas allein in einem Wagen zu fahren?«

»I wo werd' ich denn!« meinte der Hüne; »ich war doch früher drei Jahre Tierbändiger bei Hagenbeck.«

Zufällig war der Direktor des Zoo verreist. Es blieb also nichts übrig, als den p. p. Gabriel einstweilen in eine leere Gitterzelle zu sperren. Hier sollte er so lange in Verwahrung bleiben, bis der Direktor als amtlich und wissenschaftlich anerkannte Autorität den Wahlspruch fällen würde: Mensch oder Nicht-Mensch.

Natürlich drängte sich das Publikum vor dem Käfig, um das Wundertier zu sehen und die Unerschöpflichkeit der neubildenden Natur zu bestaunen. Man blätterte in den Katalogen, fand aber keine Auskunft. Ein bebrillter Herr bemerkte: nach der Bekleidung zu schließen, scheint es doch eine Abart von Mensch zu sein; vielleicht das lang gesuchte Zwischenglied von Mensch und Vierhänder. Allein der Wärter war anderer Meinung: »Unser Pungo trug auch einen Anzug, und war doch ein Schimpanse.« – »Aber hören Sie doch, er redet ja.« – »Das beweist gar nichts, es gibt doch sogar Pferde, die Quadratwurzeln ausziehen.«

Allgemein herrschte die Meinung vor, daß hier etwas Unerhörtes vorliege. Nur ein Gartenbesucher wollte sich entsinnen, auf einer Kunstausstellung des äußersten Westens bereits etwas Ähnliches gesehen zu haben.

Plötzlich entdeckte der Häftling unter den Beschauerinnen ein Fräulein, dessen Anblick ihn in Wallung versetzte. Und hier möge erwähnt werden, daß er seit Monaten mit einer jungen dramatischen Kunstschülerin verlobt war, deren Talentmangel gerade anfing, sprichwörtlich zu werden.

»Amanda!« rief er, »Amanda, kennst du mich nicht? Ich bin es ja, dein Gabriel!!«

Worauf Amanda einen so überwältigenden Herzensschrei ausstieß, daß sie von einem nahebei stehenden Intendanten sofort lebenslänglich für erste tragische Rollen verpflichtet wurde. Eine Sekunde später war sie unter Bruch des Kontraktes wie des Verlöbnisses verschwunden. –

In später Nacht gelang es Gabriel, aus der Gitterzelle auszubrechen, und am frühen Morgen finden wir ihn in seiner Werkstatt, maßlos niedergedrückt und halb verhungert. Abermals öffnete sich die Tür, und die verhängnisvolle Fee glitt geräuschlos in seine Nähe.

»Nun fertige von neuem dein Selbstbildnis!« befahl sie.

Er rückte Staffelei und Spiegel zurecht und gehorchte. Und wiederum wurde es ein Muster von Unähnlichkeit. Denn eher kann einer aus seiner Haut heraus, als aus seinen Untugenden.

Aber was erschien nunmehr auf der Leinwand? Leser, du hast es geraten! Im Bilde erschien jetzt das sehr wohlgetroffene Porträt des Künstlers, getreu nach seiner vormaligen Erscheinung, ein Menschenkind, recht und schlicht und unbedeutend, wie es vordem als Dutzendware der Natur unter anderen Vielzuvielen gelebt hatte. »So sehe ich aus!« bekräftigte er.

Und damit fiel der schlimme Zauber von ihm; während die Fee entschwebte, gewann er seine ursprüngliche Gestalt.

Aber das gefährliche Abenteuer hatte ihm doch die Fortsetzung seiner Kunst stark verleidet. Also beschloß er, sich eine neue Zukunft aufzubauen; und um sich nicht gänzlich von Pinsel und Farbe zu trennen, wurde er – was er von Anfang an hätte werden sollen – ein braver Hausanstreicher, dessen Wert und Preis nach dem Quadratmeter gemessen wird.


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