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Ein merkwürdiges Mädchen.

Edith war die Tochter wohlerzogener Eltern und besaß auch sonst eine Reihe von Eigenschaften, die sie befähigten, in den Mittelpunkt einer erzählenden Skizze zu treten. Sie war also hübsch, gebildet, tugendhaft und spielte mit Maß Klavier. Nur mit der Gesundheit haperte es etwas. Der Arzt konstatierte Nervosität auf bleichsüchtiger Grundlage und verordnete eine Seereise.

Es war ein Versuch mit untauglichen Mitteln. Edith konnte das Meer absolut nicht vertragen und kam ganz erschöpft zu den häuslichen Penaten zurück. Von dieser Reise her behielt sie eine unüberwindliche Idiosynkrasie gegen alles, was nur entfernt mit dem Begriff des Ozeanischen zusammenhing.

Es ist ein weitverbreiteter Irrtum, daß man nur auf einem schaukelnden, schlingernden Schiff seekrank werden kann. Feinere Naturen reagieren empfindlicher. Es gibt Leute, die schon seekrank werden, wenn sie in der Zeitung lesen, daß die deutsche Ostseeküste von Memel bis Borkum gewarnt worden ist; oder wenn sie an der Litfaßsäule das Plakat eines Extradampfers erblicken: ja die einfache Lösung eines Schiffstickets genügt bei manchen, um die bekannten Reflexbewegungen auszulösen.

Edith ging in dieser Hinsicht weiter. Eine Überfahrt auf dem Wannsee bis zum Schwedischen Pavillon erzeugte bei ihr Zustände, als ob sie einen Zyklon auf dem Karaibischen Meer absolviert hätte, und ähnliche Symptome traten bei noch weit harmloseren Anlässen zutage. Sie wurde seekrank, wenn im Konzert die Hebridenouvertüre von Mendelssohn gespielt wurde, wenn sie eine Ansichtskarte von Helgoland empfing, wenn sie am Aquarium vorüberging, oder auch nur an einem Häuschen von Wellblech, wenn sie Meerrettig roch, und sie mußte sich den Besuch des Rheingold versagen, weil darin Wellgunde und Woglinde vorkommen.

Um das Unglück zu vollenden, war Edith verlobt. Die Geschichte war aus einer Kinderliebe erwachsen, und nun fügte es das Schicksal, daß ihr Ottomar sich dem maritimen Berufe zuwandte und nach mehrfach bestandenen Examinibus Marineoffizier wurde. Zwei Strömungen kämpften nunmehr in der Psyche des Mädchens. Die elementare Neigung des Herzens zog sie zu dem Auserwählten, aber die Idiosynkrasie gegen alles Ozeanische revoltierte ihr den Magen. Brom und Validol versagten vollständig. Sie fühlte sich Braut eines Seeoffiziers, und folglich war ihr immer übel.

Die Ärzte traten zum Konsilium zusammen und erklärten schließlich: wenn sich Edith nicht entlobt, dann geht sie an Seekrankheit zugrunde.

Aber der brave Ottomar fand ein anderes Mittel zur Lösung der Wirrnis. Er richtete an die vorgesetzte Militärbehörde eine Eingabe: man möchte ihn zur Landtruppe versetzen, um die Magenwände seiner Verlobten zu beruhigen.

Dieses Gesuch fand den gewünschten Erfolg. Und nun besteht nur noch eine Schwierigkeit. Ottomar hat nämlich das Heim für sich und seine künftige Gattin in der Seestraße unweit der Sylterstraße gemietet, ohne zu bedenken, daß Edith in einer so stürmischen und salzlufthaltigen Gegend unmöglich wohnen kann.


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