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Kapitel XXXI.
Von vollständigen und unvollständigen Ideen.

§ 1. Philal. Die reellen Ideen sind vollständig, wenn sie die Originale, von denen sie, nach der Ansicht des Geistes, herstammen und worauf er sie zurückbezieht, vollkommen darstellen. Die unvollständigen Ideen dagegen stellen nur einen Teil dieser Originale dar. § 2. Unsere einfachen Ideen sind sämtlich vollständig. Die Idee der Weiße oder der Süßigkeit, die man am Zucker bemerkt, ist vollständig, denn es genügt hierfür, daß sie den Kräften, die Gott in diesen Körper hineingelegt hat, um diese Empfindungen hervorzubringen, gänzlich entspricht.

Theoph. Wie ich sehe, nennen Sie vollständige oder unvollständige Ideen diejenigen, die Ihr Lieblingsautor adäquate oder inadäquate nennt; man könnte sie vollendete oder unvollendete nennen. Früher habe ich die vollendete Idee (ideam adaequatam) als diejenige definiert, welche so deutlich ist, daß alle ihre Bestandteile deutlich sind: wie dies annähernd von der Idee einer Zahl gilt. Dagegen kann eine Idee, auch wenn sie deutlich ist und die Definition oder die notwendigen und hinreichenden Merkmale des Gegenstandes in sich schließt, dennoch inadäquat oder unvollendet sein, wenn nämlich jene Merkmale oder Bestandteile nicht ebenfalls alle deutlich erkannt werden. So ist z. B. das Gold ein Metall, welches der Kapelle und dem Scheidewasser Widerstand leistet; das ist eine deutliche Idee, denn sie gibt Merkmale des Goldes oder seine Definition an, sie ist aber nicht vollendet, weil die Natur des Prozesses in der Kapelle und der Wirksamkeit des Scheidewassers uns nicht hinlänglich bekannt sind Vgl. die Meditat. de veritate, cognitione et ideis, Band I. S. 24 ff.. Daher kann, wenn wir nur eine unvollendete Idee besitzen, ein und derselbe Gegenstand mehrerer voneinander unabhängiger Definitionen fähig sein, so daß man nicht immer die eine aus der anderen ableiten noch voraussehen kann, daß sie demselben Subjekt zugehören müssen; und in diesem Falle lehrt uns allein die Erfahrung, daß sie ihm alle zugleich zugehören. So kann das Gold auch als der schwerste oder der dehnbarste der uns bekannten Körper definiert werden, ohne von anderen Definitionen zu reden, die man sich ausdenken könnte. Aber erst wenn die Menschen tiefer in die Natur der Dinge eingedrungen sein werden, wird man sehen können, warum es dem schwersten Metall zukommt, jenen beiden Proben der Experimentatoren zu widerstehen, während es sich in der Geometrie, wo wir vollendete Ideen haben, anders verhält, denn da können wir beweisen, daß die begrenzten durch eine Ebene hervorgerufenen Schnitte des Kegels und Zylinders die gleichen sind, nämlich Ellipsen, und dies kann uns, wenn wir hierauf achten, nicht verborgen sein, weil wir hiervon vollendete Begriffe besitzen. Bei mir ist die Einteilung der Ideen in vollendete und unvollendete nur eine Unterabteilung der deutlichen Ideen, während die verworrenen Ideen, von denen Sie sprechen, wie die, die wir von der Süßigkeit haben, diesen Namen, wie mir scheint, nicht verdienen, denn wenngleich sie die Kraft, durch welche die sinnliche Empfindung hervorgebracht wird, ausdrücken, so drücken sie sie doch nicht vollständig aus, oder wir können es wenigstens nicht wissen; denn wenn wir den Inhalt dieser unserer Idee der Süße völlig begriffen, so könnten wir beurteilen, ob sie hinreicht, um von dem allen, was wir erfahrungsmäßig an ihr finden, Rechenschaft zu geben.

§3. Philal. Von den einfachen Ideen wollen wir nun zu den komplexen übergehen, die sich entweder auf Modi oder auf Substanzen beziehen. Die Ideen der Modi sind willkürliche Verbindungen einfacher Ideen, die der Geist zusammenfügt, ohne hierbei an bestimmte Urbilder oder wirkliche und tatsächlich existierende Vorbilder zu denken. Sie sind vollständig und müssen es sein, denn da sie nicht Abbilder von Dingen sind, sondern selbst Urbilder, die der Geist sich bildet, um mittels ihrer die Gegenstände unter bestimmte Kategorien zu ordnen, so kann ihnen nichts fehlen. Denn jede von ihnen stellt eine solche Verbindung von Ideen dar, wie der Geist sie vollziehen wollte, und besitzt mithin denjenigen Grad von Vollendung, den er ihr zu geben beabsichtigt hat; und es läßt sich nicht denken, daß der Verstand irgend jemandes eine vollständigere oder vollkommenere Idee von einem Dreieck haben könne, als die einer Gestalt von drei Seiten und drei Winkeln. Wer zuerst die Ideen der Gefahr, der Ausführung einer Handlung, der Verwirrung, in die wir durch Furcht geraten, und der ruhigen Überlegung dessen, was zu tun wäre, nebst einem schnellen Entschlüsse zur Ausführung, ohne sich von der Gefahr erschrecken zu lassen, miteinander verband, der hat die Idee des Mutes gebildet und hatte an ihr alles, was er wollte, nämlich eine vollständige, seiner Willkür gemäße Idee. Anders ist es mit den Ideen von den Substanzen, bei denen wir auf etwas, was wirklich vorhanden ist, abzielen.

Theoph. Die Ideen des Dreiecks oder des Mutes haben in der Möglichkeit der Dinge ebensogut ihre Vorbilder, als die Idee des Goldes [sie in der Wirklichkeit hat.] Denn was die Natur der Idee betrifft, so ist es gleichgültig, ob man sie vor aller Erfahrung erfunden oder ob man sie, nachdem man eine in der Natur bestehende Verbindung perzipiert hat, zurückbehalten hat. Auch die Verbindung, vermöge deren wir die Modi erzeugen, ist nicht ganz beliebig oder willkürlich, denn man könnte miteinander unvereinbare Bestimmungen verknüpfen, wie z. B. die es tun, die Maschinen für ein Perpetuum mobile erfinden wollen, während man wieder andere gute und ausführbare Maschinen erfinden kann, die in unserer Welt keine anderen Urbilder als die Idee des Erfinders besitzen, welche selbst wieder die Möglichkeit der Dinge oder die göttliche Idee zum Urbilde hat. Nun sind aber diese Maschinen doch etwas Substantielles. Man kann auch unmögliche Modi aussinnen, wie wenn man sich den Parallelismus der Parabeln vorstellt, indem man sich denkt, daß man zwei einander parallele Parabeln finden könne, wie es zwei parallele Graden oder Kreise gibt. Eine Idee kann also, mag sie nun die eines Modus oder eines substantiellen Dinges sein, vollständig oder unvollständig sein, je nachdem man ein gehöriges Verständnis der Teilideen, aus denen die Gesamtidee besteht, besitzt oder nicht: und das Kennzeichen einer vollendeten Idee ist es, wenn sie die Möglichkeit ihres Gegenstandes vollständig zu erkennen gibt.


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