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Kapitel XX.
Von den Modi der Lust und des Schmerzes.

§ 1. Philal. Ebenso, wie die Empfindungen des Körpers, sind auch die Gedanken des Geistes entweder indifferent, oder von Lust oder Schmerz begleitet. Man kann diese Ideen ebensowenig als alle anderen einfachen Ideen beschreiben, noch die Ausdrücke definieren, deren man sich zu ihrer Bezeichnung bedient.

Theoph. Ich glaube, daß es keine Perzeptionen gibt, die uns ganz und gar gleichgültig sind; aber es genügt, um sie so zu nennen, daß ihre Wirkung nicht merklich ist; denn die Lust oder der Schmerz scheint in einer merklichen Hilfe oder in einem merklichen Hindernis zu bestehen. Ich gebe zu, daß diese Definition keine eigentliche Nominaldefinition ist und daß man eine solche auch nicht geben kann.

§ 2. Philal. Gut ist dasjenige, was geeignet ist, Lust in uns hervorzubringen und zu vermehren oder Schmerz zu vermindern und abzukürzen. Ein Übel ist dagegen, was geeignet ist, Schmerz in uns hervorzuzurufen oder zu vermehren oder eine Lust zu vermindern.

Theoph. Ich bin auch dieser Meinung. Man teilt das Gute in das Ehrbare, Angenehme und Nützliche ein, im Grunde aber glaube ich, daß es entweder selbst angenehm sein oder zu etwas anderem dienen müsse, das uns eine angenehme Empfindung geben kann; d. h. das Gute ist an und für sich angenehm oder nützlich und das Ehrbare selbst besteht in einer Lust des Geistes.

§§ 4. 5. Philal. Von der Lust und dem Schmerz stammen die Leidenschaften: Liebe empfindet man für das, was imstande ist, Lust zu erregen, und der Gedanke der Unlust oder des Schmerzes, den eine gegenwärtige oder abwesende Ursache hervorrufen kann, ist der Haß. Beziehen sich aber Haß und Liebe auf Wesen, die selbst fähig sind, Glück oder Unglück zu empfinden, so sind sie oft ein Mißfallen oder eine Befriedigung, die in uns vermöge der Betrachtung ihres Daseins oder des Glückes, das sie genießen, entsteht.

Theoph. Auch ich habe fast dieselbe Definition der Liebe gegeben, als ich in der Vorrede meines Codex juris gentium diplomaticus die Prinzipien der Gerechtigkeit erläuterte, nämlich, daß die Liebe darin besteht, daß man sich getrieben fühlt, an der Vollkommenheit, dem Wohl oder Glück des geliebten Gegenstandes Lust zu empfinden. Aus diesem Grunde richtet man hier seine Betrachtung auf keine andere eigene Lust und verlangt keine andere, als die, die man in dem Wohlsein oder der Lust dessen, den man liebt, findet. In diesem Sinne aber kann man bei Dingen, die selbst der Lust oder des Glückes nicht fähig sind, nicht eigentlich von Liebe sprechen. Wir genießen Dinge dieser Art, ohne sie darum zu lieben, es sei denn durch eine Art Personifikation, vermöge deren wir uns vorstellen, daß sie selbst ihre Vollkommenheit genießen. Es ist also eigentlich nicht Liebe, wenn man sagt, daß man ein schönes Gemälde um der Lust willen liebt, die die Empfindung seiner Vollkommenheiten in uns erregt. Es ist jedoch erlaubt, den Sinn der Ausdrücke zu erweitern, und der Gebrauch ist darin wandelbar. Die Philosophen, ja auch die Theologen unterschreiben zwei Arten von Liebe: nämlich die Liebe der Begehrlichkeit, die nichts anderes ist als die Begierde oder das Gefühl für alles das, was uns Lust verschafft, ohne daß wir uns darum bekümmern, ob es selbst welche empfängt; und die Liebe des Wohlwollens, die das Gefühl ist, das man für den empfindet, der uns durch seine Lust oder sein Glück Lust und Glück gewährt. Bei der ersteren haben wir unsere eigene Lust im Auge; bei der zweiten die Lust des anderen, die jedoch zugleich unsere eigene Lust ausmacht und konstituiert. Denn wenn sie nicht in irgendeiner Art auf uns zurückginge, würden wir an ihr nicht Anteil nehmen können, da, sage man, was man wolle, es unmöglich ist, sich von seinem eigenen Wohlsein loszulösen. Auf diese Weise muß man die uneigennützige, nicht nach Lohn haschende Liebe verstehen, um ihren Adel wohl zu begreifen und dennoch nicht auf Chimären zu verfallen S. Codex juris gentium diplomaticus (Opera, ed. Dutens, IV, 3, S. 295): »Lieben heißt sich am Glück eines anderen freuen, oder, was auf dasselbe hinauskommt, fremdes Glück zu seinem eigenen machen. Hierdurch löst sich ein schwieriger Knoten, der auch in der Theologie von großer Bedeutung ist: wie es nämlich eine interesselose Liebe (amor non mercenarius) geben kann, die von Furcht und Hoffnung und aller Rücksicht auf Nutzen frei ist. Denn das Glück derjenigen, an deren Förderung wir Freude empfinden, bildet einen Teil unseres eigenen Glückes: da alles, was erfreut, um seiner selbst willen begehrt wird.«.

§ 6. Philal. Das Unbehagen (auf Englisch: uneasiness), das jemand in sich wegen des Mangels eines Dinges empfindet, das ihm Lust erwecken würde, wenn es gegenwärtig wäre, wird Verlangen genannt. Dieses Unbehagen ist der wichtigste, um nicht zu sagen, einzige Antrieb, der den Fleiß und die Tätigkeit der Menschen aufstachelt; denn welches Gut man auch immer dem Menschen vorhalten mag, so wird er danach nicht verlangen und noch weniger Anstrengungen machen, es zu erringen, wenn die Abwesenheit dieses Gutes weder von Unlust, noch von Schmerz begleitet ist, und man, ohne es zu besitzen, zufrieden und bequem leben kann. Er empfindet dann für diese Art von Gut nur eine bloße Willensneigung »Velleitas«, im Mittelalter in verschiedenem Sinne gebraucht, steht hier in der Bedeutung der »imperfecta volitio«, d. h. desjenigen Seelenzustandes, in dem der Wille noch nicht genug Kraft hat zum Akt (volitio) überzugehen, aber auch nicht die völlige Gleichgültigkeit in der Seele herrscht (Sch.)., welchen Ausdruck man angewendet hat, um den untersten Grad des Verlangens auszudrücken, einen Zustand, der sich am meisten demjenigen nähert, in welchem sich die Seele gegenüber einem Gegenstand befindet, der ihr gänzlich gleichgültig ist und dessen Abwesenheit nur eine ganz geringfügige Unlust bewirkt, die nur zu schwachen Wünschen führt, ohne daß man dadurch veranlaßt würde, Maßnahmen zu ergreifen, um den Gegenstand zu erlangen. Das Verlangen ist noch gedämpft oder durch den Gedanken zurückgehalten, daß man das gewünschte Gut nicht zu erlangen vermag: und in demselben Maße wird das Unbehagen der Seele geheilt oder doch durch diese Erwägung vermindert. Diese Bemerkungen über das Unbehagen stammen von dem berühmten englischen Schriftsteller, dessen Ansichten ich Ihnen vielfach vortrage. Die Bedeutung des englischen Wortes »uneasiness« hat mir anfangs einige Schwierigkeit bereitet; doch bemerkt der französische Übersetzer, dessen Geschicklichkeit in der Erledigung seiner Aufgabe nicht in Zweifel gezogen werden kann, in einer Fußnote (Kap. 20 § 6), daß der Verfasser durch dies englische Wort den Zustand eines Menschen bezeichne, der sich nicht wohlbefindet, also einen Mangel an Wohlsein und Ruhe in der Seele, dem gegenüber sie sich jedoch rein leidend verhalte. Er habe dieses Wort durch den Ausdruck inquiétude wiedergeben müssen, der zwar nicht genau dieselbe Idee ausdrücke, ihr aber doch am nächsten komme. Diese Bemerkung ist, wie er hinzufügt, vor allem mit Rücksicht auf das folgende Kapitel über die Macht nötig, in dem der Verfasser viel vom Unbehagen dieser Art spricht; denn wenn man mit diesem Worte nicht die eben bezeichnete Vorstellung verbindet, so ist es nicht möglich, die Fragen, die in diesem Kapitel behandelt werden, und die zu den bedeutendsten und schwierigsten des ganzen Werkes gehören, genau zu verstehen.

Theoph. Der Übersetzer hat recht, und die Lektüre seines trefflichen Autors hat mir gezeigt, daß diese Betrachtung über das Unbehagen ein Hauptpunkt ist, an dem der Verfasser ganz besonders den Scharfsinn und die Tiefe seines Geistes bewiesen hat. Auch ich habe daher dieser Frage einige Aufmerksamkeit zugewendet, und nachdem ich die Sache wohl erwogen habe, scheint es mir fast, daß das Wort » inquiétude«, wenn es auch den Sinn des Verfassers nicht hinlänglich ausdrückt, meiner Meinung nach doch die Sache selbst ziemlich genau bezeichnet, während das Wort »uneasiness«, wenn es eine Unlust, einen Verdruß, eine Unannehmlichkeit, mit einem Wort irgendeinen wirklichen Schmerz bezeichnete, hier nicht passend wäre. Denn das bloße Verlangen als solches möchte ich eher einen Ansatz und eine Vorbereitung zum Schmerz als selbst einen Schmerz nennen. Allerdings ist diese Empfindung mitunter von der des Schmerzes nur gradweise unterschieden, aber das Wesen des Schmerzes besteht eben in dem Grad, den er erreicht, denn er ist eine merkliche Empfindung. Man sieht dies auch an dem Unterschiede zwischen dem Appetit und dem Hunger; wenn nämlich die Erregung des Magens zu stark wird, so wird sie störend, so daß man also auch hier unsere Lehre von den Perzeptionen anwenden muß, die zu schwach sind, um merklich zu werden. Denn eben das, was in uns vorgeht, sobald wir Appetit und Verlangen verspüren, würde uns, wenn es genügend anwüchse, Schmerz verursachen. Aus diesem Grunde hat der unendlich weise Urheber unseres Daseins es zu unserem Besten so eingerichtet, daß wir uns oft in Unwissenheit befinden und nur verworrene Vorstellungen besitzen, damit wir um so schneller aus Instinkt handeln und nicht durch die zu deutlichen Empfindungen einer Menge von Gegenständen belästigt werden, die uns nicht eigentlich angehen, und die doch die Natur zur Erreichung ihrer Zwecke nicht hat entbehren können. Wie viele Insekten verschlucken wir nicht, ohne es gewahr zu werden, wie viele Personen sehen wir nicht dadurch in Mißbehagen versetzt, daß sie einen zu feinen Geruch haben, und wie viele ekelerregende Gegenstände würden wir sehen, wenn unser Gesicht durchdringend genug wäre! Vermöge dieses Kunstgriffs hat uns die Natur auch den Stachel des Verlangens, und gleichsam die Anfänge oder Elemente des Schmerzes eingepflanzt: sozusagen als eine Art halber Schmerzen oder, – uneigentlich, aber stärker ausgedrückt – als schwache, unmerkliche, geringe Schmerzen, damit wir auf diese Weise den Vorteil des Übels genießen, ohne seine Nachteile zu erfahren. Denn wäre diese Empfindung zu deutlich, so würde man in Erwartung des Guten immer elend sein, während jetzt der beständige Sieg über die halben Schmerzen, die man empfindet, indem man seinem Verlangen folgt und in irgendeiner Art diesem Trieb oder Gelüst nachgibt, uns eine Menge halber Lustempfindungen gewährt, deren Summierung und Anhäufung schließlich zu einer ganzen und echten Lustempfindung führt: analog der Summierung der Bewegungsantriebe beim Fall eines schweren Körpers, aus welcher die Geschwindigkeit des Körpers entsteht. Und ohne diese halben Schmerzen würde es im Grunde genommen keine Lust geben, und wir hätten kein Mittel, gewahr zu werden, daß uns etwas fördert und unterstützt, wenn Widerstände vorhanden sind, die uns am vollen Wohlbefinden hindern. Auch hierin erkennt man die nahe Verwandtschaft von Lust und Schmerz, die Sokrates in Platos Phaedo beim Jucken der Füße bemerkt Platons Phaidon p. 60 B, C.. Diese Betrachtung der kleinen Hilfen oder Befreiungen und der unmerklichen Lösungen des zurückgehaltenen Strebens, woraus endlich eine merkbare Lust sich ergibt, dient auch dazu, eine deutlichere Erkenntnis der verworrenen Vorstellung zu gewähren, die wir von der Lust und dem Schmerz überhaupt haben und haben müssen: ganz wie die Empfindung der Wärme oder des Lichtes das Ergebnis einer Menge von kleinen Bewegungen ist, die, wie ich oben (Kap. IX, § 13) bemerkt habe, den Bewegungen in den Objekten entsprechen und sich von ihnen nur scheinbar und nur darum unterscheiden, weil uns diese Analyse nicht zu deutlichem Bewußtsein kommt: im Gegensatz zu der heute weitverbreiteten Ansicht, daß unsere Ideen der sinnlichen Eigenschaften von den Bewegungen selbst und von den entsprechenden objektiven Vorgängen gänzlich verschieden sind und etwas Ursprüngliches und Unerklärliches, ja etwas Willkürliches bedeuten; – als wenn Gott der Seele nach bloßem Gutdünken und nicht nach dem, was im Körper vorgeht, Empfindungen gäbe: eine von der wahren Analyse unserer Ideen sehr entfernte Ansicht der Sache.

Um aber zum Unbehagen zurückzukehren, d. h. zu jenen kleinen, unmerklichen Erregungen, die uns beständig in Atem erhalten, so sind dies verworrene Antriebe, so daß wir oft nicht wissen, was uns fehlt, während wir bei den Neigungen und Leidenschaften wenigstens wissen, was wir wollen, obschon die verworrenen Perzeptionen auch hier eine Rolle spielen, und obwohl die Leidenschaften selbst auch ihrerseits wieder jene Unruhe und jenes Gelüst bewirken. Diese Antriebe sind gleich elastischen Federn, die, indem sie versuchen, sich zu entspannen, unsere Maschine in Gang setzen. Aus diesem Grunde sind wir auch, wie ich bereits bemerkt habe, niemals ganz gleichgültig, selbst dann nicht, wenn wir es am meisten zu sein scheinen, wie es z. B. ganz gleich erscheint, ob wir uns am Ende einer Allee auf die rechte oder auf die linke Seite wenden. Denn die Entscheidung, die wir ergreifen, kommt von diesen unmerklichen Bestimmungen her, die sich teils aus den Wirkungen der Gegenstände, teils aus den Vorgängen in unserem Körper ergeben, kraft deren wir es leichter finden, uns nach der einen als nach der anderen Seite zu kehren. Im Deutschen nennt man den Pendel einer Uhr die Unruhe. Man kann sagen, daß es sich mit unserem Körper ebenso verhält, denn auch er befindet sich niemals in völligem Wohlbehagen, und wäre er es, so müßte jeder neue Eindruck von Gegenständen, jede kleine Veränderung in den Organen, in den Gefäßen, in den Eingeweiden, sofort das Gleichgewicht ändern und irgendeine kleine Anstrengung, um sich wieder in den möglich besten Zustand zu versetzen, hervorrufen. Hieraus ergibt sich ein beständiger Kampf, der, sozusagen, die Unruhe unseres Uhrwerkes bildet, daher ich diese Benennung ganz nach meinem Geschmack finde.

§ 7. Philal. Die Freude ist eine Lust, die die Seele empfindet, wenn sie den Besitz eines gegenwärtigen oder zukünftigen Gutes als gesichert betrachtet, und wir sind im Besitz eines Gutes, wenn wir es dergestalt in unserer Macht haben, daß wir es, sobald wir wollen, genießen können.

Theoph. Die Sprachen bieten nicht genug Ausdrücke, um naheliegende Begriffe gehörig zu unterscheiden. Vielleicht nähert sich dieser Definition der Freude das lateinische Gaudium mehr als Laetitia, was man auch durch das Wort Freude wiedergibt, aber dann scheint sie mir einen Zustand zu bezeichnen, wo die Lust in uns vorherrscht, denn auch während der tiefsten Traurigkeit und inmitten der quälendsten Ärgernisse kann einem irgend etwas, z. B. das Trinken, oder das Hören von Musik, Lust bereiten, während freilich die Unlust vorherrscht; und selbst inmitten der heftigsten Schmerzen kann der Geist doch freudig sein, wie dies bei den Märtyrern der Fall war.

§ 8. Philal. Die Traurigkeit ist eine Unruhe der Seele, wenn sie an ein verlorenes Gut denkt, dessen sie länger hätte genießen können, oder wenn sie von einem wirklich gegenwärtigen Übel gequält wird.

Theoph. Nicht allein das gegenwärtige, wirkliche Übel, sondern auch die Furcht vor einem zukünftigen Übel kann traurig machen, so daß ich glaube, daß die Definition der Freude und der Traurigkeit, die ich eben gegeben habe, mit dem Sprachgebrauch am besten zusammenstimmen. Schmerz und somit auch Traurigkeit enthalten mehr als die bloße Unruhe. Unruhe ist auch der Freude beigemischt, denn sie macht den Menschen munter, tätig, voll Hoffnung weiterzuschreiten. Die Freude vermag sogar durch zu heftige Aufregung zu töten, und dann ist in ihr noch mehr als bloße Unruhe enthalten.

§ 9. Philal. Die Hoffnung ist die Befriedigung, die die Seele empfindet, wenn sie an den Genuß denkt, den sie der Wahrscheinlichkeit nach von einem Gegenstand, der ihr Lust zu gewähren geeignet ist, haben wird; und die Furcht ist eine Unruhe der Seele, wenn sie an ein zukünftiges Übel denkt, das sich ereignen kann.

Theoph. Wenn die Unruhe eine Unlust bezeichnet, so gestehe ich, daß sie die Furcht immer begleitet; nimmt man sie aber für jenen unmerklichen Stachel, der uns vorwärts treibt, so kann man sie auch mit der Hoffnung verbunden denken. Die Stoiker sahen die Leidenschaften als Meinungen an Vgl. Cicero, De finibus bonorum et malorum III, 10, 35: »Perturbationes autem nulla naturae vi commoventur; omniaque ea sunt opiniones ac judicia levitatis.«: so war ihnen die Hoffnung die Meinung von einem zukünftigen Gute und die Furcht die Meinung von einem zukünftigen Übel. Ich möchte aber die Leidenschaften weder als Befriedigungen, noch als Unbefriedigungen, noch als Meinungen bezeichnen, sondern als Strebungen, oder vielmehr als Modifikationen des Strebens, die von der Meinung oder sinnlichen Empfindung herrühren und von Lust oder Unlust begleitet sind.

§ 11. Philal. Die Verzweiflung ist der Gedanke, daß ein Gut nicht zu erlangen ist, was Betrübnis, mitunter aber auch Ruhe bewirkt.

Theoph. Nimmt man die Verzweiflung als eine Leidenschaft, so wird sie eine Art starker Strebung sein, welche sich auf einmal angehalten findet; dies verursacht einen heftigen Kampf und große Unlust. Ist aber die Verzweiflung von Ruhe und Gefühllosigkeit begleitet, so wird sie mehr eine Meinung als eine Leidenschaft sein.

§ 12. Philal. Der Zorn ist die Unruhe oder der Aufruhr, den wir empfinden, nachdem wir irgendeine Beleidigung empfangen haben, von dem augenblicklichen Verlangen, uns zu rächen, begleitet.

Theoph. Der Zorn scheint etwas Einfacheres und Allgemeineres zu sein, da die Tiere, denen man doch keine Beleidigung zufügt, seiner fähig sind. Im Zorne liegt eine gewaltsame Anstrengung, die danach strebt, sich des Übels zu entledigen. Das Verlangen nach Rache kann auch bei kaltem Blute bleiben, und wenn man eher Haß als Zorn empfindet.

§ 13. Philal. Der Neid ist die Unruhe (die Unlust) der Seele, die aus der Betrachtung eines Gutes entspringt, das von uns erstrebt, aber von einem anderen, dem es unserer Ansicht nach nicht mehr als uns selbst zukommt, besessen wird.

Theoph. Nach dieser Fassung würde der Neid stets eine löbliche Leidenschaft sein, da er, zum mindesten in unserer Meinung, immer auf Gerechtigkeit gegründet wäre. Ich weiß jedoch nicht, ob man nicht mitunter auch auf ein anerkanntes Verdienst neidisch ist und ihm, wenn man Gewalt darüber hätte, Übles zufügen würde. Ja man beneidet andere um ein Gut, an dessen Besitz man selbst wenig denkt: man wäre zufrieden, sie desselben beraubt zu sehen, ohne den Gedanken, ja ohne die Hoffnung hegen zu können, das von ihnen Verlorene zu gewinnen. Denn manche Güter sind wie Freskogemälde, welche man wohl zerstören, aber nicht wegnehmen kann.

§ 17. Philal. Bei vielen Menschen beeinflussen die meisten Leidenschaften den Körper und bringen in ihm verschiedene Veränderungen hervor, aber diese Veränderungen sind nicht immer bemerkbar. So ist z. B. die Scham (eine Unruhe der Seele, die man bei dem Gedanken empfindet, etwas Unpassendes oder etwas, was uns in der Achtung anderer herabsetzt, getan zu haben) nicht immer von Erröten begleitet.

Theoph. Wenn die Menschen sich mehr Mühe gäben, die Ausdrucksbewegungen, die die Leidenschaften begleiten, zu beobachten, so würden diese sich schwer verheimlichen lassen. Was die Scham betrifft, so ist bemerkenswert, daß sittsame Menschen mitunter Bewegungen, die denen der Scham ähnlich sind, empfinden, wenn sie nur Zeugen einer unanständigen Handlung sind.


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