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Achtzehntes Capitel.
Der Abschiedsabend.


Das holländische Geschäft litt nun keinen längern Aufschub. Die Abgeordneten waren für ihre Abreise auf Mittwoch früh übereingekommen, und es blieben daher unserm jungen Freunde nur noch zwei sehr bewegte Tage übrig. Die innere Unruhe seines Gemüths, die ihn zwischen lebhaften Erinnerungen und unbestimmten Erwartungen nachdenklich und zerstreut machte, benahm ihm die Fassung, um die kleinen äußern Angelegenheiten, die eine Reise mit sich bringt, gelassen zu erledigen. Die ganze Welt kam ihm wirbelnd vor, und doch galt es um nichts weiter, als seinen Koffer zu packen und ein paar Abschiedsbesuche zu machen.

Bei seinem Minister war dies kurz gethan. Er fand ihn beschäftigt mit General Eblé, der, von Magdeburg eingetroffen, das Kriegsdepartement übernahm, das Herr von Bülow seit Morio's Abreise mitversehen hatte. Beide Excellenzen kannten und schätzten einander von früher; denn Eblé, vormals Artillerieoffizier in der Revolutionszeit, war gleich nach der preußischen Niederlage bei Jena Gouverneur von Magdeburg geworden, und hatte mit Herrn von Bülow, als damaligem Chef der Kriegs- und Domainenkammer, in vielfacher Geschäftsbeziehung gestanden. Die dortige Einwohnerschaft hatte ihn jetzt mit dankbarem Leid abziehen sehen – einen Mann, dessen Rechtschaffenheit sich in schweren Jahren hundert- und hundertfach erprobt hatte.

Baron Reinhard erwartete stündlich seinen Urlaub zu einem Sommeraufenthalt auf seiner Besitzung Falkenlust am Rhein. Er hatte seine Abwesenheit zuerst nur auf die Dauer der Abwesenheit des Königs im Bade Nenndorf beschränkt gehabt, wünschte nun aber gern den ganzen Herbst dort zuzubringen. Er wiederholte, als Hermann sich empfahl, seine Einladung dorthin, während der junge Mann selbst der ihm von Luisen bei ihrem Abschied gegebenen Anweisung an den Gesandten entweder rein vergessen hatte, oder sich vielleicht auch im Augenblicke keines Rathes bedürftig fühlte.

Hermann hatte seinen letzten Abend dem innigsten Freundespaare, Ludwig und Lina, zugesagt, die ihm noch einige Bekannte einladen wollten. Allein gerade dieser Abend blieb ihm auch nur zum Abschiede bei Madame Simeon, nachdem sie ihm auf sein früheres Anmelden des Vormittags hatte heraussagen lassen, sie erwarte ihn auf den Abend zu einer kleinen Gesellschaft. Wegbleiben konnte er nicht; er mußte, abgesehen von aller Schicklichkeit, Cecile noch einmal sprechen, um ihr wenigstens anzudeuten, wie sehr es ihm am Herzen liege, sie bei seiner Rückkehr noch in Cassel zu finden. Auch hatte er ihr noch Lina's Wunsch mitzutheilen und einen Besuch derselben zu verabreden. Es blieb ihm daher nichts übrig, als beide Einladungen zu verbinden. Sein Koffer war gepackt; er mußte zu Madame Simeon in dem gewöhnlichen Anzuge seiner einfachen Abendbesuche gehen, den er ohnehin zurücklassen wollte.

Als er in den Salon trat, waren schon mehre Herren und Damen anwesend. Nur Cecile fehlte, was Hermann sogleich bemerkte. Die Ministerin unterhielt sich eben mit der Generalin Salha, und glaubte der stolzen Freundin den jungen Mann vorstellen zu müssen, obgleich sie wußte, daß er ihr bekannt war. Auch ignorirte die Generalin selbst seine frühere Aufwartung, ohne daß sie die heitere Bewegung unterdrücken konnte, die sie bei seinem Anblick empfand. Sie hielt denn auch nicht lange damit zurück, sondern nahm, sobald sich Hermann zu Lucien, der Stieftochter Simeon's, gesetzt hatte, die Ministerin beiseite, ihr das piquanteste Geheimniß von der Welt zu vertrauen.

Beide Damen standen in dem eigenthümlichsten Freundschaftsverhältnisse. Gemeinsame Beziehungen, die des Geheimnisses bedurften, legten ihnen wechselseitige Rücksichten auf. Beide waren schlau genug, durch Vertraulichkeiten ein gutes Einverständniß zu unterhalten, dabei aber immer aufgelegt, kleine Bosheiten gegen einander auszulassen. Sie streichelten und kratzten sich abwechselnd.

Wissen Sie denn, flüsterte die Salha, daß dieser junge Mann, der jetzt in so hohem Grade Ihr Interesse gewonnen hat, Morio's Heirath – Doch nein, nicht möglich, daß Sie das wüßten! Niemand weiß es, und – es bleibt noch ein Geheimniß, ein Vorbehalt meiner Revanche. Nur Ihnen im freundschaftlichsten Vertrauen sage ich davon, des jungen Mannes wegen, auf den Sie doch Absichten haben. So wissen Sie denn: Er hat diese Heirath – wie soll ich sagen? – gemacht, veranlaßt, herbeigeführt, verschuldet! Wie Sie wollen. O es ist die merkwürdigste Bêtise, die wir lange gehabt haben. Ein Generalbêtise, sage ich Ihnen!

Aber, mein Gott, wie soll ich mir das nur denken? Fatal! Da kommen –

Neue Ankömmlinge unterbrachen die Vertraulichkeit. Die Dame des Hauses mußte empfangen, vorstellen, unterbringen. Sie suchte es zu beschleunigen.

Inzwischen hatte Hermann vernommen, daß Cecile krank geworden sei und das Bett hüte. Er war in peinlicher Verlegenheit, gab zu verstehen, daß er noch bei Freunden zum Souper erwartet werde, und konnte sich doch nicht entschließen zu gehen. Die Frage beschäftigte ihn, ob es wol unschicklich gefunden werde, wenn er bäte, Cecile am Bette begrüßen zu dürfen, um ihr Lebewohl zu sagen. Er wußte, daß französische Damen in Cassel auch zu Bett Besuche von Herren anzunehmen pflegten, und wollte eben seinen Wunsch vorbringen, als der Kammerdiener des Ministers zu Lucien herantrat, ihr ein Briefchen überreichte und ein zweites zurückbehielt.

Was ist mit diesem da? fragte Lucie, ihr Billet hastig erbrechend.

Von Herrn von Marinville an Mademoiselle Cecile, – sehr pressant! antwortete der Diener; worauf Lucie, ihr Blatt, entfaltend, mit einem Seitenblick auf Hermann, versetzte:

Pressant? Nun, so bringen Sie es nur hinüber! Legen es auf den Tisch, falls Cecile –

Diese Anweisung befremdete Hermann. Er war gleich anfangs von der Lesenden zurückgetreten. – Was ist das? überlegte er. Auf den Tisch? Sie scheint also nicht zu Hause zu sein, und wird mir doch krank gemeldet?

Madame Simeon hatte sich indeß wieder losgemacht, und brannte auf die Mittheilungen der Generalin.

Diese fuhr vertraulich fort:

Sie erinnern sich doch, daß Adele Le Camus eines Abends sehr bewegt von der Oberhofmeisterin nach Hause kam, und in unbegreiflicher Hast und Verwirrung Morio umarmte, um Verzeihung bat und ihm ihr Jawort gab? Der verliebte Tropf hat es ja selber aller Welt erzählt, hat es der freundschaftlichen Ueberredung der Gräfin Oberhofmeisterin zugerechnet, die Adelen zur Einsicht gebracht haben sollte. Ha! ha! Ich sage Ihnen, es ist zum Todtlachen! O daß er noch nicht abgereist wäre; ich könnte ihm jetzt ein Licht anzünden! Aber er kommt wieder zurück, und dieser Fürstenstein soll uns nicht umsonst den Affront angethan haben, mir und meiner gekränkten Melanie! Warten Sie nur, Le Camus! So wahr ich lebe, Madame Simeon –! Doch, Sie werden sich gleich selbst sagen können, welche Revanche in meine Hände gegeben ist, wenn ich diese Ehe Morio's zerstöre.

Aber, mein Gott, Sie erschrecken mich, – Sie sind entsetzlich, Madame! flüsterte die Ministerin; indem sie, mit wachsamen Blicken auf ihre Gesellschaft, sich mit der leidenschaftlichen Frau weiter zurückzog, und der Tochter winkte, sich der Unterhaltung anzunehmen.

Ich erzähle es Ihnen lieber ein andermal, versetzte die Generalin. Ich fürchte, wir fallen der Gesellschaft auf.

Madame Simeon drang aber darauf, wenigstens das Allgemeinste zu hören.

Machen Sie mir nur mit einem einzigen Worte begreiflich –! bat sie. Sie wissen, Sie allein ein scandalöses Geheimniß, wovon Niemand weiß, Sie, die doch mit der Familie entzweit sind?

Hören Sie! fuhr die Salha heimlich und hastig fort, ohne in ihrer Leidenschaftlichkeit auf die mistrauische Aeußerung der Freundin zu achten. Von den deutschen Lectionen wissen Sie. Morio selbst hat sie lachend verplaudert. Und erinnern sich, daß der König während einer derselben die Oberhofmeisterin mit seinem Besuch überraschte. In der Verwirrung sperrt die Gräfin das Paar in ihr Ankleidezimmer; Angelique, die Kammerfrau der Gräfin, will lauschen, was zwischen dem König und der Gräfin verhandelt werde, schleicht durch das Schlafzimmer in das Boudoir, wo sie nichts weniger vermuthet, als das verliebte Pärchen, und –

Sie flüsterte der Ministerin einige Worte ins Ohr, worauf diese zurückfährt, die Generalin anstarrt und in unwiderstehliches Lachen ausbricht

Ist das nicht köstlich? rief die Generalin.

Und Angelique hat Ihnen –?

Versteht sich, liebe Simeon. Sie ist kaum in meine Dienste getreten, so hat sie, in Muth, von der Gräfin so schnöde weggeschickt zu sein, mir die ganze Geschichte mitgetheilt.

General Eblé trat heran und unterbrach die piquante Unterhaltung.

In demselben Augenblick erschien auch wieder durch die innere Thür des Salons der Kammerdiener, blickte umher, und lud Hermann, als er ihn herausgefunden, zu Mademoiselle Cecile auf ihr Zimmer ein. Der Freund stahl sich, dem Diener folgend, hinaus, klopfte an die ihm angedeutete Thür des Corridors und öffnete etwas verzagt.

Aber – wie blieb er überrascht stehen, als ihm der anmuthigste Page entgegenkam. Mit Verwunderung erkannte er aber Cecile in diesem Anzuge. Sie sah ihn nicht lächelnd, nicht schalkhaft erwartend an, sondern schien, wenn nicht gerade feierlich, doch hoch erregt, als sie ihn leise und hastig anredete:

Lassen Sie uns ein Viertelstündchen die Promenade der Bellevue auf- und abgehen! Ich werfe ein Mäntelchen über, und es ist schon Dämmerung. Erlauben Sie mir nur –!

Sie trat vor den Spiegel, das Westchen zu knöpfen, gegen das sich die bewegte Brust sperrte. – Dort liegt mein Schnupftuch auf dem Sopha: reichen Sie mir's! sagte sie erregt und zerstreut.

Hermann, verwirrt, was er thun, was er lassen solle, holte ihr das wohlriechende, feine Tüchlein; sie wischte sich die Stirne damit, gab es zurück, und sagte jäh, wie vorher:

Stecken Sie mir's in die Tasche!

Hermann that es, während sie an ihrem Haar ordnete. Die Berührung ihrer Glieder durch das knapp anliegende Kleid verwirrte ihn noch mehr; er stieß mit der Hand auf ein eingestecktes Papier, und ehe er nur bedachte, was er aus dunkler Eingebung that, hatte er es erfaßt und war damit in seine eigene Tasche gefahren. In demselben Augenblicke ging hinter Beiden rasch die Thür auf, und Madame Simeon trat lebhaft ein. Sichtlich, und wie es schien über den Anzug der Nichte betroffen, suchte sie sich in einem Scherze zu fassen, und sagte:

Nun, so laß ich mir's noch gefallen, Cecile, daß du im Herrenanzuge einen jungen Herrn auf dem Zimmer empfängst! Wenn du wüßtest, wie gefährlich unser junger Freund im Boudoir der Damen ist! Ich sehe schon, du hast einen köstlichen Spaß vor und dir den Doctor zum Gehülfen rufen lassen. Das kommt mir ganz erwünscht; es geht doch drüben ein wenig langweilig zu. Ich habe zuviel von den deutschen Baronen zu meinen Franzosen eingeladen. Das mischt sich nicht gut; Keiner will dem Andern entgegenkommen, und es setzt immer eine schlechte Unterhaltung ab. Da ist euer Verkleidungsspaß allerliebst! Nun kommt nur bald nach! Ich will nicht wissen, was du vorhast, Cecile; ich will mir selbst die Ueberraschung gefallen lassen.

Sie strich und zupfte an Cecile's Anzuge zurecht, wobei sie ihr verstohlen einige Worte zuflüsterte, und verließ dann mit freundlichem Nicken gegen Hermann das Zimmer.

Cecile hatte die Winke der Tante verstanden, und ihre Miene verrieth, daß sie sich erleichtert fühlte.

Marinville's Billet nämlich war ihr im Pagenanzug übergeben worden, und hatte sie durch eine gestörte Erwartung höchst verdrossen. Sie erfuhr durch den Kammerdiener, daß Hermann im Salon war, und verlangte ihn zu sehen, zu sprechen. In der Aufregung ihres Gemüths ward sie jetzt erst an seinem Staunen über ihren Anzug inne, wie sehr sie sich mit ihrem Vorhaben übereilt hatte, und fand nicht gleich eine Erklärung für ihr Costüm, worin sie sich doch jetzt wie verrathen vorkam. Nun hatte ihr die Tante eine Andeutung, eine Ausflucht gegeben; denn daß die Einladung in den Salon ernstlich gemeint sei, konnte nur Hermann glauben.

Indem sie nun vergnügt ihr Mäntelchen ergriff und ihre rechte Hand in Hermann's Arm legte, blickte sie ihm lieb und launig in die Augen, und sagte:

So, mein Herr! Nun haben wir die Wahl, ein wenig spazieren zu schleichen, oder den Salon zu amüsiren.

Hermann blickte mit betrübtem Kopfschütteln auf sie nieder. – Nein, sagte er, wehmüthig bewegt, nicht um Alles möchte ich Sie so in der Gesellschaft finden, Cecile! Und ich selbst sollte Sie dahin führen? Bei Gott, nein! Aber auch nach Bellevue, über die Straße nicht! Hören Sie meine Bitte! Legen Sie diese Kleider ab! Sie stehen Ihnen reizend, ja; doch Sie werden mir fremd darin. Mit dem süßen Wohlgeruch, den diese Stoffe aushauchen, wandelt mich eine Trauer an, eine wunderbare Angst. Wozu in aller Welt haben Sie diese Kleider? Wozu brauchen Sie solchen Anzug? Er ist ganz für Sie gemacht. Wessen Page sind Sie denn, Cecile?

Sie schwieg, die Augen gesenkt, und der Freund fuhr fort:

Ich dachte Ihnen ein heiteres Lebewohl zu sagen. Ich reise morgen, Cecile. Wenn Ihr Herz irgend ein Wohlwollen für mich empfindet, so erfüllen Sie mir zwei Bitten!

Sie richtete den Blick frei und fragend zu ihm auf, und er sprach weiter:

Lassen Sie mich hoffen, Sie bei meiner Rückkehr noch hier zu finden. Reisen Sie nicht früher ab! Ich möchte eine recht vertrauliche Stunde mit Ihnen haben, die aber kein Page belauschte.

Gut, ich bleibe! lächelte sie etwas befangen. Ich erwarte Sie zurück, ehe ich nach Paris gehe.

Sodann, fuhr der Freund fort, wünschte Madame Heister, die Frau des Divisionschefs bei Herrn von Simeon, Ihre Bekanntschaft zu machen. Sie ist eine herzliche Freundin von mir, und Sie werden eine liebe und schöne Frau kennen lernen, eine Frau, Cecile, wie ich mir – eine Braut wünschte. Wollen Sie, wenn sie sich bei Madame Simeon oder bei Ihnen anmeldet, sie recht vertraulich empfangen?

Sie sah ihn etwas betroffen, etwas mistrauisch an, nickte aber ihre Zustimmung.

Das freut mich! rief Hermann, indem er ihre Hand an sein Herz drückte. Ich gehe eben hin; ich bin dort eingeladen und werde sie mit Ihrer Freundlichkeit erfreuen. Es ist schon spät; ich muß fort, Cecile. – – Und so leben Sie wohl! Denken Sie zuweilen an mich!

Sie reichte ihm ihre beiden Hände mit den freundlichen Worten:

Adieu, mein Herr! Glückliche Reise! – – -

Dies leichte französische Lebewohl zu seiner etwas sentimentalen Stimmung, und noch mehr der Anblick des Pagenanzugs schreckte ihn zurück, als er eben Cecile umarmen wollte. Er eilte fort, den Gang hinab, der nach der Seitenthür des Palais führte.

 

Die Nacht war eingebrochen, der Weg vom Palais bis an die Fuldabrücke sehr weit, und je mehr Hermann sich eilte, desto mehr verwirrte es sich in seiner stürmischen Brust. Erst an den hellen Fenstern in Ludwig's Wohnung erkannte er, wie gedankenlos er den Weg seiner Absicht gekommen war. Er suchte sich zu fassen, er nahm sich zusammen, um in der kleinen Gesellschaft, die ihn oben erwartete, nicht aufzufallen.

Er wurde so herzlich empfangen, und Lina waltete so liebenswürdig der belebten Unterhaltung über Tische, daß Hermann, wie es wol zu gehen pflegt, aus dem Aufruhr seines Gemüths zur ausgelassensten Fröhlichkeit, aus seiner Sentimentalität zu Muthwillen überging.

Er kam in tiefer Nacht nach Hause, und sank, Alles vergessend, in den glücklichsten Schlaf.



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