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Drittes Capitel.
Bedenkliche Absichten.


Während dieser öffentlichen Feste, und schon unter den Vorkehrungen zu denselben, schien das kleine, gegen den Minister von Bülow gerichtete Pasquill vergessen zu sein; es war aber nur gegen die anfängliche Absicht zurückgehalten worden. Während es nämlich insgeheim gedruckt wurde, liefen über Bülow's' Ankunft in Paris Nachrichten ein. Der Minister war von Napoleon ungemein huldreich aufgenommen und ausgezeichnet worden, was zuerst den König Jerôme sehr zufrieden stellte, sodaß er sich mit Stolz auf seinen Finanzminister äußerte. Dies schien nun seinen Gegnern die empfängliche Stimmung nicht, in der ihre Verse die beabsichtigte Wirkung auf den König thun könnten. Bercagny und Malchus legten daher ihren tückischen Pfeil auf einen günstigem Augenblick beiseite. Sie wollten das Ergebniß der Sendung abwarten, dem sie gerade wegen jener guten Ausnahme des Abgeordneten weniger Glück weissagten. Bercagny kannte ein wenig die Art und Weise des Kaisers, der zuweilen gern einen Boten auszeichnete, dem er unzufriedene Briefe mitgeben wollte. Ueberdies wußte er aus den Mittheilungen des jüngst durch Cassel gekommenen Hauptspions der französischen Armee, Namens Schulmeister, von der augenblicklichen Verstimmung des Kaisers gegen seinen Bruder in Westfalen.

Und wie erwartet, so zeigte es sich auch nach Bülow's Rückkunft: Napoleon hatte von seinen Foderungen gar nichts nachgelassen und nur eine ganz kurze Zahlungsfrist bewilligt. Jetzt fiel Bülow's gute Aufnahme in ein anderes Licht; sie hob die Person des Finanzministers hervor, und setzte den König von Westfalen, um dessentwillen auch gar nichts geschehen war, desto mehr in den Schatten. Wenigstens nahm es Jerôme so auf, und zeigte sich empfindlich, gewissermaßen eifersüchtig auf seinen Minister. Diesen Verdruß suchten die Gegner Bülows zu ihrem Spiele zu benutzen. Als dritter Mann erwünscht, war denn auch unmittelbar vor Eröffnung des Reichstags Baron von Linden aus Berlin eingetroffen

Dieser bevollmächtigte Minister Jerôme's am preußischen Hofe brachte schon einen übertriebenen Begriff von Bülows Anhänglichkeit an Preußen und an seinen vormaligen König mit. Er wußte von den ansehnlichen Fonds, die der damalige Präsident der Kriegs- und Domänenkammer in Magdeburg beim Einrücken der Franzosen nach der Schlacht bei Jena seinem unglücklichen König gerettet, und wie er stets mit der Miene der Bereitwilligkeit die Foderungen der französischen Befehlshaber hingehalten und verkürzt hatte.

Ein Mann wie Linden, der sich jedem französischen Gewalthaber dienstbeeifert erwies, und sich zu politischen Verfolgungen hergab, die selbst der französische Gesandte in Berlin, Graf von Saint-Marsan, unter seiner Würde hielt, ließ sich von Bercagny leicht überzeugen, daß man in Cassel einer geheimen Correspondenz des Ministers mit den preußischen Verschworenen auf der Spur sei. Er nahm bereitwillig eine Einsicht auf, die ihm selbst, wie er meinte, nicht hätte fehlen dürfen.

Der König war sehr gespannt auf außerordentliche Enthüllungen seines Gesandten über neuere Vorgänge in Berlin, über die Verbindungen, Plane und Mittel Preußens zur Schöpfung einer Kriegsmacht, über die geheimen Gesellschaften zur Bearbeitung des Volks, über die Haltung des Kronprinzen von Hessen in Berlin u. s. w. Er hatte deshalb eine Conferenz noch auf den Abend nach der Oper befohlen, und Linden verließ im voraus das Theater und eilte nach dem Schloß.

Es war eine leichte, schmale Gestalt, dieser Linden, mit schwarzen, spähenden Augen und einer spürend bewegten Nase. Diese Gewohnheit des Schnüffelns hatte er, wahrscheinlich unbewußt, von seinem Reh, von den Seidenhasen und Eichhörnchen, an die er seine Menschenliebe richtete, angenommen, und bedachte selber nicht, wie bezeichnend diese Angewöhnung für die Art und Weise geworden war, mit der er sein Kundschafteramt ausübte. Dabei hatte er mehr von den Manieren eines Kammerherrn, als eines Domherrn, die er beide in sich vereinigte, und mochte wol nur darum sich mit den Wissenschaften so wenig befaßt haben, um mehr Zeit und Interesse für politische Betriebsamkeit und polizeiliche Beeiferung übrig zu behalten. Zu ihm sammelten sich nach und nach die wenigen Vertrautesten des Cabinets, den König erwartend, der aus Rücksicht für den festlichen Tag mit der Königin in dem überfüllten Hause bis zum Schlusse der Oper aushielt.

Als Jerôme endlich kam, schien er sehr unzufrieden mit der Ausführung des Stücks. Er sprach sogar von der Aufhebung des deutschen Theaters überhaupt. Da die Oper verhältnißmäßig gut und selbst zur Zufriedenheit des Kapellmeisters gegangen war, so blieb es räthselhaft, ob der König in der großen Mittelloge, die er bei festlichen Gelegenheiten mit der Königin einnahm, sich weniger behaglich als in der kleinen vom Theater aus zugänglichen Prosceniumsloge befunden, oder ob ihn das tragische Ende Don Juan's oder was sonst verstimmt hatte. Auch sprach er sich darüber nicht aus, sondern zog alsbald die Gegenstände der Verhandlung herbei.

Es war die wunderlichste Conferenz, die heut unter den Kanonenschlägen, die das große Feuerwerk begleiteten, unter dem Aufrauschen der Raketen, unter dem Zischen der Feuerräder, unter dem Knattern der Leuchtkugeln und dem Tosen der nachjauchzenden Volksmenge abgehalten wurde.

Den König interessirte vor allem, was seinem geheimen Traume von einer Vergrößerung Westfalens durch neues Unglück in Preußen Nahrung gab. Baron Linden, ohne Ahnung davon, ließ sich mit vieler Anerkennung über das patriotische Bestreben in Berlin aus, dem verkleinerten Reiche eine neue innere Kraft zu geben durch Wehrhaftmachung des ganzen Volks und durch Veredelung des Kriegsdienstes mittels allgemeiner Dienstpflicht, tüchtiger Ausbildung rasch beweglicher Massen und wissenschaftlich-sittlicher Hebung der Offiziere.

Jerôme sprach sich wegwerfend dagegen aus. Sein Ton und die nächtliche Unruhe von außen, wozu noch starke Weine und piquante Erfrischungen gereicht wurden, erregten die Gemüther. Es wurde flüchtig und abspringend verhandelt, kühner als sonst gesprochen, leidenschaftlicher aufgenommen. Die Berathung ging mehr und mehr in die Stimmung eines Gelags über, und zog sich, besonders als Linden auf die geheimen Verbindungen in Preußen kam, bis tief in die Nacht.

 

Am andern, dem Sonntagsmorgen, fand große Aufwartung im Schlosse statt. Eine zahlreiche Militärbeförderung veranlaßte Präsentationen, und verschiedene Hofchargen wurden zum Eide vorgestellt – der Oberst d'Albignac als Großstallmeister, der Graf von Meerveldt als Kammerherr, der Graf von Löwen-Weinstein nebst Herrn von Villemereuil als Ehrenstallmeister und Herr von Zurwesten als Marschall des Logis.

Im Gedränge des Vorzimmers zog Bercagny den Staatsrath Malchus, der zu einer angesagten Staatsrathssitzung erschien, in eine entfernte Fensternische und flüsterte ihm zu:

Es ist gethan, lieber Malchus! Der König hat mich ermächtigt, Bülow's Papiere insgeheim zu untersuchen. Linden hatte es prächtig eingefädelt. Nachdem er einen genauen Begriff von der neuen preußischen Militäreinrichtung gegeben, durch welche das ganze Volk wehrhaft gemacht wird, gestand er, über die geheimen politischen Verbindungen zu einem Volksaufstande noch keine so bestimmten Thatsachen in Händen zu haben, ließ aber die Aeußerung fallen, daß man durch Bülows Privatcorrepondenz ganz gewiß hinter dies Geheimniß kommen könnte. Ich mit meiner polizeilichen Person konnte dabei stillschweigend im lächelnden Hinterhalte bleiben, bis mich der König fragend anblickte. Jetzt durfte ich auch meine Andeutungen in die Wage werfen, indem ich mich zugleich gegen eine amtliche Untersuchung erklärte, solange nicht ein heimlicher Einblick in die Papiere die Bürgschaft eines erklecklichen Fundes festgestellt habe. Der König brach ab, gab keinen Bescheid von sich, schrieb aber unvermerkt mit seiner Bleifeder eine Ermächtigung zu geheimer Visitation, und stellte sie mir unter vier Augen zu. Er hat darin einen ungemein feinen Tact der Klugheit. Nun liegt's in meiner Hand, und mein Chamäleon Würtz ist auch bereits umständlich instruirt: Ça ira!

Das Wann und Wie der Ausführung, da Bülow jetzt anwesend in seinem Hause ist, sind Fragen, die Ihr Genie, mein Freund, zu meiner Bewunderung lösen wird! erwiderte Malchus mit einer huldigenden Geberde. Aber, nicht wahr, nun werden auch die köstlichen Verse losgelassen?

Nächste Nacht, während des Hofballs, braucht Midas seine vergoldenden Hände an den Straßenecken, und seine Ohren dienen ihm dabei zum Schutze des Geheimnisses! flüsterte Bercagny lächelnd.

Malchus machte mit verstohlenen Händen die Bewegung des Applaudirens, und Beide zogen sich wieder unter die zahlreichen Anwesenden zurück.

 

Diesen Gegnern Bülow's ging es indeß mit ihrem Pasquill, wie manchen Aeltern mit einem misrathenen Sohne, von dem sie sich in ihrer Eitelkeit den Erfolg eines Genies erwarten, indeß er von aller Welt unbeachtet bleibt, wenn er nicht gar misachtet wird. Einen ganz ähnlichen Eindruck gaben die deutschen und französischen Verse in der Stadt, als man sie in der Frühe des Montags an den Straßenecken oder in ausgestreuten Exemplaren las. Die geringen Leute, die nie von Midas gehört hatten, verstanden die Spitze des Vergleichs gar nicht; die Gebildetern fanden den Witz gesucht und jene Spitze stumpf, und die Einsichtigen durchblickten vollends die boshafte Absicht einer Partei, die sich hier so ohnmächtig in ihren Waffen verrieth.

Mit der Miene betrübter Amtspflicht überlieferte Bercagny bei seinem Frührapport dem König ein Exemplar, das sich mit den Spuren Kleisters am Rücken für abgerissen ausgab. Zu seiner Verwunderung fand er die heitere Aufnahme nicht, die er sich versprochen hatte. Jerôme war unglücklicherweise sehr verdrießlich gestimmt – ermüdet von den anstrengenden Festlichkeiten, unbefriedigt von den Mittheilungen seines preußischen Gesandten und was ihm vielleicht noch in seinen verwickelten Herzensangelegenheiten Aergerliches zugestoßen war. Weit entfernt, daß er über die Reime auch nur gelacht hätte, ließ er sich über die Dummheit, wie er es nannte, sehr ungehalten aus, und befahl strenge Untersuchung nach den Thätern. Seine natürliche Gutmüthigkeit regte sich zu Gunsten des Herrn von Bülow, sodaß er sich mit lebhafter Anerkennung über die Verdienste seines Ministers aussprach.

Bercagny, in Besorgniß, den König möchte schon die genehmigte Untersuchung der Bülow'schen Correspondenz gereuen, versetzte mit der Miene wichtiger Vorsicht:

Ich werde nun doch die befohlene Durchsuchung der geheimen Correspondenz Bülow's beeilen müssen. Sire! Ohne Zweifel wird der Gesandte Sr. Majestät des Kaisers in seinem Bericht dieser fatalen Verse Erwähnung thun, und es ist daher gut, wenn wir etwas in die Hände bekommen, was wir dem Unwillen des Kaisers entgegenhalten können. Wir wissen nun, wie sehr Napoleon den Minister begünstigt.

Ja, Bercagny, wenn sich auch nur eure Voraussetzung bestätigt! Sonst werden wir dem klugen Bülow wegen dieser versificirten Ehrenrührigkeit eine förmliche Satisfaction vor den Ständen schuldig.

Uebereilen Ew. Majestät ja keinen solchen Beweis von Gunst! wendete der Polizeichef ein; damit nicht meine Entdeckungen in Widerspruch mit solchem Wohlwollen kommen.

Im Gegentheil, Bercagny! rief der König. Diese Rücksicht soll mich nicht abhalten! Die Schuld Bülow's, die sich etwa entdeckt, fällt um so mehr auf, wenn sie voraus meine Gunst und Gewogenheit zur Folie hat. Gehen Sie daher zu ihm, jetzt gleich, und sagen Sie ihm, wie ungehalten ich über diese feige Nichtswürdigkeit bin, und was ich Ihnen wegen Verfolgung der Thäter befohlen habe.

Ehe sich Bercagny noch dieses für ihn so beschämenden Befehls fassen konnte, wurde der Minister Simeon gemeldet und angenommen. Der würdige Mann überbrachte ebenfalls einen Abdruck der Schmähverse. Er sprach mit Wärme gegen die Kränkung eines so verdienstvollen Ministers im Augenblicke, wo ihm die schwierigsten Verhandlungen des Reichstags auflägen, und trug auf eine ausgezeichnete Satisfaction für denselben an.

Was in dieser Hinsicht geschehen soll, haben Se. Majestät schon befohlen! fiel Bercagny ein. Ich wollte mir nur noch die Anfrage erlauben, Sire, ob nicht die befohlene Erklärung am geeignetsten durch den Mund Sr. Excellenz des Justizministers an Bülow gelangen dürfte. Der Chef der Polizei, der das Vergehen verfolgt, erscheint dann weniger voreingenommen und parteilich.

Darin haben Sie Recht, Bercagny! erklärte Jerôme. Gehen also Sie, lieber Simeon, und sagen Sie dem Baron Bülow, wie lebhaft ich diese Albernheit böswilliger Gegner misbillige, nachdem ich sie mit Unwillen gelesen habe. Legen Sie die Sache nach Ihrer Einsicht bei, wenn er sich etwa gekränkt fühlen sollte. Er darf jetzt sein Portefeuille nicht abgeben. Wir brauchen seine goldschaffenden Hände, und wenn wir den unglücklichen Poeten entdecken, soll er mit des Midas Ohren an den Pranger gestellt werden, damit Jedermann wisse, wo eigentlich der Esel steckt.

So viel Bitteres, als Bercagny zu hören bekam, war für ihn sehr empfindlich, auch wenn es ihn unbeabsichtigt traf. Nachdem ihm aber in seiner Verblendung durch die Aeußerungen des Königs ein Licht über die Albernheit der Verse aufgegangen war, entstand ihm auch noch der Zweifel, ob man ihn nicht etwa der Urheberschaft an denselben beargwohnen werde. Um daher den König zu zerstreuen und seinem eigenen Selbstgefühl wieder aufzuhelfen, ging er nach Simeon's Entfernung rasch zu Gegenständen seines Vortrags über, die Jerôme's sinnliches Interesse erregen konnten. Er berichtete über die Dame, die sich kürzlich als eine schwedische Gräfin in Cassel eingeführt hatte.

Ich habe ihr die Aufenthaltserlaubniß persönlich überbracht, Sire, sagte er, um Eurer Majestät genau berichten zu können. Ich fand sie geschmackvoll eingerichtet, und wenn sie aus der Ferne angenehm auffällt, so gewinnt sie in der Nähe durch jugendlichen Reiz und anziehende Lebhaftigkeit. Doch halte ich sie für eine ungräfliche Abenteuererin. Sie fragte nach der Etiquette des Hofs, in der Absicht, sich vorstellen zu lassen. Ich verlangte, und sie versprach, über ihre Herkunft mir briefliche Mittheilung zu machen. Ich habe sie um Beschleunigung gebeten. Je weniger Zeit sie hat, Erlebtes und Erdichtetes für unsern Bedarf zu mischen, desto leichter werden wir aus der Mixtur selbst die Bestandtheile des Wahrhaften herausschmecken.

Die Sache schien Jerôme zu intriguiren. Er fragte nach diesem und jenem Umstande, und trug endlich Bercagny auf, ein zufälliges Begegniß mit der Gräfin zu veranstalten, indem er sie etwa veranlasse, das Schlößchen Schönfeld zu einer bestimmten Stunde zu besehen, in welcher der König spazieren reitend eintreffen und die Dame überraschen wollte.

Eine angenehme Nachricht für Jerôme war es auch, daß Pigault-Lebrun endlich angekommen sei. Der König hatte diesen beliebten Romanschriftsteller zu seinem Vorleser und Bibliothekar aus Paris berufen lassen. Hier war er nun im Hôtel de Westphalie eingekehrt, hatte sich bei Bercagny angemeldet, und erwartete des Königs Befehle.

Es ist mir lieb, sagte Jerôme. Er kann mir die Zeitungen und Bülletins vorlesen. Bücher haben wir noch nicht angeschafft. Pigault mag Vorschläge machen. Aber einstweilen erzählt er vortrefflich und wird mir viel aus Paris erzählen können. Heut beziehen wir wieder das Sommerschloß. Bringen Sie ihn morgen früh mit dahin. Ich lasse ihm droben zwei Zimmer im linken Pavillon einrichten, die er gleich mit Sack und Pack beziehen kann.

Sie wurden vom Cabinetssecretär unterbrochen, der einige dringende Ausfertigungen zur Unterzeichnung des Königs in Händen hielt. Marinville schien so willkommen, daß Bercagny den Augenblick benutzte, seine Vorträge zu schließen. Sobald er fort war, machte es sich der König – ganz wieder blos Jerôme – auf seinem Polsterbette bequem, indem er, die Nägel der linken Hand benagend, verdrießlich ausrief:

Sie kommen mir doch nicht auch mit der dummen Midasgeschichte, Marinville? Ich hoffe, Sie bringen mir 'was Angenehmeres vor! Ich bin recht ärgerlich! Es geht mir Alles conträr, Marinville. Unter diesem Alfanz von Festlichkeiten haben wir uns fast gar nicht gesprochen. Wissen Sie, daß mir Cecile schon zu schaffen macht? Sie will sich nicht länger mit den kleinen Abenden ihrer Tante Simeon begnügen. Sie verlangt in die Gesellschaft; sie will das Leben mitmachen. Und die alte Excellenz, der gute Simeon, bestärkt sie in ihrem Eigensinn, wie mir scheint.

Nun freilich, Sire! lachte Marinville. Was weiß auch der gute Stiefonkel von seinem bezaubernden Liebling! Er hält sie für ein liebes, ungewöhnliches Kind, das in aller Unschuld sich nur ein wenig aufs Theater verirrt hatte, aber in der Zurückgezogenheit seiner Familie schon wieder klug geworden ist. Und die Heberti kann ja Alles scheinen, was sie will. Bei Gott, Sire, es gibt keine drolligere Geschichte in der Welt, als daß einem Oberpriester der Themis von seiner eigenen klugen Frau die Binde seiner Göttin über die Augen gelegt wird, und während er die Wage des Rechts emporhält, sein König sich in den Armen seines Schützlings wiegt!

Freveln Sie nicht, Marinville! lächelte Jerôme. Bedenken Sie, wenn er dieser Täuschung inne würde! Und Cecile wär' am Ende toll genug, selbst ihm die Binde von den Augen zu nehmen. Wir müssen sie zufrieden stellen. Sie hat mir durch ihre Unvorsichtigkeit schon Verdruß genug gemacht. Erinnern Sie sich noch, Marinville, als sie mir nach Fontainebleau zu den Festen meiner Vermählung gefolgt war? Der Kaiser war außer sich. Mein Gott, wenn er erführe, daß sie nun auch wieder hier ist! Ihr Name darf durchaus nicht laut werden. Es wird ihm ja von hier Alles berichtet.

Hätte nur Cecile gleich einen andern Namen angenommen! rief Marinville

Wo denken Sie hin! lachte Jerôme. Zu ihrem Onkel Simeon mit einem falschen Namen und Paß?

Pardon! Ich vergaß! entschuldigte sich Marinville. Ja, dem Minister wäre darüber ohne Zweifel der juristische Zopf in der Wickel aufgegangen, ha, ha!

Sagen Sie, Marinville, wenn wir nur einen jungen Mann wüßten, dem wir sie verheiratheten und mit dessen Namen sie in der Gesellschaft erscheinen könnte? Bei dem hiesigen Ueberfluß kann ich ihrer entbehren. Aber wenn ich sie fortschicke, spielt sie uns einen Possen. Auch ist sie in ihrer Art einzig, sehr einnehmend, und man mag sie immer gern hier haben. Ecoutez! Ich habe mir ein Sanssouci, eine Einsiedelei, in Wabern ausgedacht. Besonders wenn die Hühnerjagd aufgeht. Dort setzten wir die Heberti hin, wenigstens vorerst. Ich würde ihren Mann zum Schloßpräfecten machen, oder so was?

Und wenn Sie von der Jagd kämen, schickten Sie ihn mit den Hühnern nach Cassel, – envoyé extraordinaire in Hühnerangelegenheiten?

Gaillard! lachte Jerôme. Später, wenn sich die Societät an die junge Frau gewöhnt hätte, ließen wir sie nach Cassel kommen.

Oder überließen sie ganz ihrem häuslichen Glück, und sähen uns nach etwas Neuem um, Sire!

Eh bien! rief Jerôme vergnügt. Sie haben Recht, Marinville, – etwas Frisches! Mein Herz sehnt sich recht nach einer neuen Liebe. Ueberhaupt, wir wollen einmal ausrangiren. Was, Marinville?

Wohl, Sire! Remonte im Land wird uns die guten Familien attachiren.

Allons, Marinville! Und wissen Sie – die Babet möcht' ich auch beiseite legen, so reizend sie noch ist. Sie hat doch für meinen Geschmack etwas zuviel – Apropos! Pigault-Lebrun ist angekommen. Er soll uns erzählen, Marinville! Und, hören Sie! der alte Bursche kann die Babet zu sich nehmen, und sie mag mit ihm im Flügel unsers Sommerschlosses wohnen.

Sehr gut, Sire! Man erinnert sich doch manchmal gern der Vergangenheit, – dann hat man sie in der Nähe, lächelte Marinville, und Jerôme fuhr fort:

Also etwas Neues! Es ist ja auch ein Sommer zum Verschmachten. Wissen Sie vielleicht schon etwas? Ecoutez! Man spricht ja soviel von der außerordentlichen Schönheit einer Madame – chose! Frau des Divisionschefs im Ministerium des Innern –?

Madame Heister? erinnerte Marinville.

Ganz recht, Marinville, – Madame Heister. Kennen Sie –?

Ich habe sie einmal flüchtig gesehen, als das junge Paar Besuch bei Simeon machte, flüchtig, auf der Treppe begegnet. Sehr schön!

Nun ja, fiel Jerôme ein. Alles ist entzückt von ihr, sogar Frauen, die selbst Anspruch machen. Sie wäre unstreitig die schönste Frau in Cassel, sagt man. Was? die schönste Frau in der Residenz, und der König kennt sie nicht! Marinville?

Es ist das höchste Unrecht, Sire! lachte Marinville. Es verschlägt gegen alle geheimen Artikel der königlichen Prärogative. Keine schöne Frau sollte in unserer Residenz existiren dürfen, anders als – de par le Roi! Ich habe mich auch schon erkundigt. Madame ist die Tochter eines vormaligen Burggrafen in Wabern.

In Wabern? rief Jerôme. Ist das nicht ganz ominös für meinen Plan? Jugenderinnerungen! Kindliche Spiele! Es scheint in der That, Sire! Nur weiß ich nicht, ob Herr Heister, der bisher im Departement des Innern gestanden, sich für Angelegenheiten des Aeußern qualificiren wird – für Missionen in Hühnerangelegenheiten. Das junge Paar hat nur die schicklichsten Besuche gemacht, und hält sich von der Gesellschaft sehr zurück, lebt noch zu sehr für einander. Man hat keine Gelegenheit, der schönen Frau zu huldigen, ihr einen höhern Ehrgeiz einzuflößen.

Sehen Sie zu, Marinville, was sich thun läßt, versetzte Jerôme. Ich fürchte, die Gräfin Franziska wird mich ennuyiren. Sie fällt doch zu stark ins Gewicht, besonders mit ihrer wachsenden Hoffnung. Wir wollen Sie zur Dame d'Atours der Königin machen. Und mit der Oberhofmeisterin komme ich zu gar keinem Verständniß. Sie gibt mir nur immer hohe Gesichtspunkte königlichen Handelns. Sie weist alle Geschenke ab, hat aber immer Foderungen für Andere. Und wenn ich von meiner Liebe rede, spricht sie mir vom Glück des Volks.

Das heißt, sie vergißt die Wünsche Jerôme's über die Angelegenheiten des Königs, erwiderte Marinville mit Ernst. Immerhin, Sire! Lassen Sie das nicht fallen! Eine fürstliche Dame, die für den Ruhm eines jungen Königs schwärmt, – ah! Und in ihrer Stellung zumal! Wissen Sie, die unterhält einen gewissen Idealismus der Königin für ihren Gemahl. Das gibt Ansehen im idealistischen Deutschland, und ist nicht zu verachten neben den Realitäten, an denen es Ihnen ja nicht fehlt. Da wäre z. B. die Generalin Du Coudras: Teufel, es ist doch ein reizendes Weib!

Daß Sie mich daran erinnern, Marinville, rief Jerôme, sich erhebend. Sie stand mir vorgestern beim großen Couvert gegenüber. Sie hat sich wunderbar verschönert. Das leichtfertige Leben schlägt ihr zum Erstaunen gut an. Oder ist es vielleicht ihrem Manne gelungen, sie von dem wilden Verkehr abzubringen?

Der gute General! erwiderte Marinville. Er liebt seine Frau leidenschaftlich und kann ihr ausgelassenes Wesen nicht bändigen. Sie haben ja den strengen Ausspruch des alten Bongars gehört: Alles Verdorbene bei Hof gibt sich Rendezvous bei den Levers der Du Coudras, sagte er.

Der König, indem er sich zur Unterzeichnung der von dem Cabinetssecretär vorgelegten Reinschriften niedersetzte, erwiderte nach einigem Nachdenken:

Hören Sie, Marinville! Gehen Sie zu ihr, in meinem Auftrage. Sagen sie ihr, wenn Sie die alte Lebensweise abändern und ihren würdigen Mann, meinen Gardeobersten, mehr berücksichtigen wollte, so würde ich mich für sie interessiren; sie sollte Ehrendame der Königin werden, und ich würde ihr selbst, einen Abend den sie dazu bestimmte, meinen Damenorden überbringen.

Ich zweifle nicht, Sire, sie wird darauf eingehen, versetzte der Schalk, sei es auch nur, um ihren braven Mann zu berücksichtigen.

Das wäre doch etwas zwischen den Verdrießlichkeiten des Reichstags! sagte Jerôme, indem er unterzeichnete. Da kommen nun auch die zwei Millionen zur Sprache, die ich meiner Mutter schuldig bin, und die der Hofagent Jacobson vorgeschossen hat. Bülow kraut sich hinter den Ohren; sie können aber nicht länger unbezahlt bleiben, und auf meine Civilliste kann ich eine so große Summe nicht übernehmen. Fatale Wolken so herrlicher Sommertage! Doch, Marinville, wir wollen nicht ganz um die süßen Nächte des Juli kommen. Sorgen Sie uns für anmuthige Abende der Erholung, wo wir recht vertraulich lustig sein können. Lustig, Lustig, Marinville! Es ist ja sonst zum Teufel holen – König von Westfalen zu sein!



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