Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Neuntes Capitel.
Ein Stiftler und ein Bachelor.


Am andern Abende war derselbe kleine Kreis, der sich um Reichardt's Angelegenheit bemühte, beim französischen Gesandten auf dessen Einladung versammelt. Luise wollte kommen und über ihre Rücksprache mit dem Vater berichten, nachdem sie gleich bei Hermann's vertraulicher Mittheilung gute Erwartungen gegeben hatte. Als sie erschien, bestätigte sich, was die Baronin von Reinhard gleich anfangs richtig vorausgesehen: der Kapellmeister hatte seine neue Bestimmung mit lebhafter Zufriedenheit aufgenommen. Seine alte Reiselust war wieder erwacht, und stellte sich diesmal sehr behaglich auf öffentliche Geldmittel und ehrenwerthen Auftrag. Er sah diese Aussendung als eine Auszeichnung an, und sein befriedigtes Selbstgefühl täuschte ihn über seine eigentliche Entlassung, von der freilich durch die Geschicklichkeit eines diplomatischen Freundes der ungnädige Beigeschmack genommen war. Seine lebhafte Phantasie, die mit ihm nach Wien und Prag vorauseilte, ließ ihm keine Besorgniß um den Platz, der hinter ihm eingenommen wurde und für immer besetzt bleiben konnte.

Uebrigens war die Sache, nach Luisens Mittheilung, bereits geordnet. Hofmarschall, Baron von Boucheporn, mit der Generalintendanz der Kapelle und des Theaters beauftragt, hatte im Laufe des Tages dem Kapellmeister des Königs Vorhaben eröffnet, ihn von der Direktion entbunden, und mit einem Gutachten über die Einrichtung und Besetzung einer Opera buffa beauftragt. Dabei blieb ihm überlassen, die Reise nach Uebereinstimmung mit seiner häuslichen Paßlichkeit anzutreten.

Luise dankte dem Herrn von Reinhard für die glückliche Vermittelung der so bedrohten Zukunft ihres Vaters. Doch war diese dankbare Zufriedenheit von einer stillen Wehmuth getrübt, die aus der Betrachtung entspringen mochte, daß doch nun für ihre Häuslichkeit manche frohe Stunde verloren gehe, und eine wesentliche Veränderung ihrer Lage nicht ausbleiben könne. Sie hatte die Nacht von ihrer Besitzung Giebichenstein bei Halle geträumt; der Reilsberg dicht hinter dem Garten war ganz in Nebel gehüllt, der Park ganz verödet und im Küchengarten Alles verwildert gewesen; sie hatte sich mit verworrenen, mislingenden Geschäften die ganze Nacht herumgeschlagen, bis sie müde und verdüstert erwachte.

Indeß die lebhafte Unterredung der Männer, die Vertraulichkeit, womit die kleinen und doch nicht unbezüglichen Vorgänge des gestrigen Festes besprochen wurden, ließ solche Leidmüthigkeit nicht überhand nehmen. Man gedachte der Spannung zwischen der Generalin Salha und dem Grafen Fürstenstein, die doch inmitten der zerstreuten Fröhlichkeit nicht unbemerkt geblieben war. Die schlaue und sonst so feine, versteckte Frau hatte sich beobachtet gesehen, und in Besorgniß, aus ihrer erzwungenen Haltung zu fallen, das Fest noch vor der Illumination des Gartens verlassen, wodurch sie gerade noch mehr Blöße gegeben hatte. Und als Hermann den mit Pigault-Lebrun belauschten Auftritt erzählte, erregte es große Heiterkeit, und man zweifelte nicht, daß es zu einem völligen Bruche und zu einer Heirath Fürstenstein's mit Adelheid von Hardenberg kommen werde.

Reinhard, der lächelnd zugehört und eine Mittheilung, die er gern machen wollte, noch einmal erwogen hatte, sagte jetzt vertraulich leise:

Das war doch nur ein kleines Wetterleuchten am Festhimmel; aber von dem eigentlichen Wetterschlage wissen die Herrschaften noch nichts. Also hören Sie! Morio hat eine junge Frau gewonnen, dabei aber – sein Portefeuille des Kriegs verloren.

Was Sie sagen! rief Bülow. Und wen bekomm' ich denn ins Kriegsdepartement?

Es bleibt aber für heut noch unter uns – heißt das für morgen; denn das heut geht ja schon zu Ende! fuhr Herr von Reinhard fort. Der König wollte ihm das Fest, und was daran hangt, nicht verderben. Ein Kurier des Kaisers, der nach Berlin ging, hat den Befehl zu seiner Entlassung überbracht. Bisher schon war bekanntlich Napoleon sehr angehalten über die Verzögerung bei Ausrüstung der nach Spanien bestimmten 6000 Mann westfälischer Truppen, und war unzufrieden mit der Militärorganisation überhaupt. Endlich scheint ihm der Faden der Geduld abgerissen zu sein. Seine Geduld ist ohnehin von dem kurzhaarigen Flachs, der sich nicht lang ausspinnt. Wir wissen, daß Morio nicht hoch in Gunst bei ihm stand, seit er aus Neigung für Jerôme den französischen Dienst verließ und in den westfälischen trat, – so wenig in Gunst, daß er ihm sogar den General Eblé vorzieht, dem der Kaiser doch die alte Freundschaft für Moreau noch nicht vergessen hat. Und dieser eben wird Ihr Nachfolger, Herr von Bülow. Nun Sie kennen ihn ja schon von Magdeburg her – ein Mann von militärischem Talent und von Charakter, dabei wohlwollend und liebenswürdig. Gewiß, Sie konnten keinen wünschenswerthern Collegen bekommen.

Nachdem man die Sache durchgesprochen, fuhr Reinhard fort:

Mir hat derselbe Kurier etwas Angenehmes mitgebracht: das von mir angetragene Ehrenkreuz für meinen Gesandtschaftssecretär Lefèvre. Freut mich sehr für den eifrigen und liebenswürdigen jungen Mann!

 

Inzwischen war im Nebenzimmer eine einfache, aber feine Abendcollation aufgetragen worden. Das Gespräch wendete sich aus Rücksicht auf die Bedienung gleichgültigen Dingen zu, bis Herr von Reinhard, durch einige Gläser etwas gesteigert, auf Jugenderinnerungen kam, und mit liebenswürdigem Humor von seiner Studienzeit im tübinger Stift erzählte.

Unsere Stuben, berichtete er unter Anderm, trugen forterbende Namen, ich weiß nicht von welchem Vater- oder Gevatterschaftsanlaß; Zion, Neujerusalem, Karavanserai, Sibirien und dergleichen mehr. Vielleicht war es ein Vorzeichen von meiner nachmaligen Entführung aus Jassy durch die Russen, daß ich in die »Karavanserai« logirt wurde. Wir hatten den Ausblick ins Neckarthal, unmittelbar auf den Fluß, der viel Flöße vorübertreibt, und ließen die Flößer nie ungeneckt. »Jackele sperr'!« war unser begrüßender Zuruf, und wenn sie sich darüber einmal nicht ärgern wollten, so wurde ihnen ein Pantoffel durchs Fenster hinaus gezeigt, da es denn Schimpfreden dick und derb und Flößerflüche des stärksten Calibers absetzte. Darüber kam es auch einmal zur Beschwerde gegen uns, und ein Lehrer überwachte uns beim Vorüberfahren der Flöße. Jetzt durfte es um Alles nicht friedlicher als vormals abgehen, sonst hätte unsere Schuld am Tag gelegen. Und wie fingen wir's nun an? Wir betrugen uns mäuschenstille; doch über dem Haupte des Professors, der mit uns ausschaute, zeigte sich, ihm selbst unbemerkbar, an einem langen Stock der alte ärgerliche Pantoffel, und der kluge Wächter war nicht wenig betroffen, als die saftigsten Flüche, heute doch offenbar ohne allen Anlaß, von unten herauf wetterten. Von nun an galten wir über allen Zweifel für sittsame Theologen, die Flößer aber für rohe Gesellen und unverbesserliche Grobiane.

Man lachte herzlich, und Frau von Reinhard versetzte schalkhaft, mit etwas schwäbischem Accent:

Schaun S', so ischt unter den theologischen Grasmücken ein diplomatischer Kuckuk ausbrütet worden! Bei meinem guten Manne trifft übrigens das schwäbische Sprüchwort zu: »Aus einem Stiftler kann man Alles machen!«

Aus wem man Alles machen kann, aus dem wird gar oft nichts Rechtes, liebe Christine! erwiderte er, und sprach dann mit einem leisen Anfluge von Rührung weiter:

Darüber fällt mir ein Jugendfreund von damals ein, mein lieber Philipp Conz. Ich weiß nicht, ob Sie ihn als lyrischen Dichter kennen. Er hält sich mit seinen etwas reflectirenden Poesien so zwischen Voß und Schiller. Er ist jetzt Professor in Tübingen, fast der einzige Philolog und Aesthetiker an der Universität; ein kühner Bekenner zur Kant'schen Schule, aber ein schüchterner Lehrer muthwilliger Studenten. Der nun widmete mir drei Sonette freundschaftlichen Andenkens, wie ich im Jahre 1800 als Gesandter in Bern stand.

Bei diesen Worten bemerkte Herr von Reinhard eine schreckhafte Bewegung Luisens, die an den unglücklichen Eschen erinnert wurde, der im Sommer eben jenes Jahres von Bern aus seinen tragischen Tod fand. Reinhard, der dies schnell errieth, hielt einen Augenblick inne, reichte der Freundin die Hand über den Tisch und versetzte theilnehmenden Tons:

Ja, ja, liebe Luise, so Verschiedenes kann zu gleicher Zeit von einem und demselben Ort ausgehen, wie die Katastrophe eines hoffnungsvollen Dichters und ein schwaches Sonett des französischen Gesandten! Es ist mir heut zufällig in die Hände gekommen, als ich in meinen alten Papieren wühlte. Und da ich doch einmal dran bin, eine Generalbeichte meiner alten Sünden abzulegen, so will ich mit Ihrer Aller Erlaubniß mein Danksonett an Conz vorlesen. Es stammt, wie gesagt, aus dem Jahre 1800, dem Schluß eines merkwürdigen Jahrhunderts.

Reinhard nahm ein Blättchen aus seiner Brieftasche und las:

Die alten Tage hast du mir gesungen,
Das Band der Herzen und den Bund der Lieder.
Aus andern Zeiten, Völkern, Sitten, Zungen
Führt mich dein Lied ins Land der Heimat wieder.

Sei mir gegrüßt! Seid mir's, Erinnerungen!
Der Jugendträume farbiges Gefieder
Sinkt fächelnd auf mein ernstes Schicksal nieder,
Dem ich gefolgt – freiwillig und gezwungen.

Du bliebest treu dem deutschen Eichenhaine.
Die Muse, die einst unsre Jugend weihte,
Geht dir, wie sonst, begeisternd noch zur Seite.

Vergebens ruf ich sie, nicht mehr die meine.
Versöhne sie mir, daß sie mir erscheine,
Und mir das Räthsel des Jahrhunderts deute!

Es war schon ziemlich spät, als der kleine Kreis sich auflöste, und Hermann, der Luisen nach Hause begleitet hatte, im Mondscheine der Sommernacht über den Friedrichsplatz nach seiner Wohnung schlenderte. Erregt, wie er war, pries er sein Geschick, das ihn solchen Männern und Frauen zugeführt hatte, die mehr als blos äußerlich hochgestellt, die wahrhaft innerlich vornehm durch Gesinnung und Bildung erschienen. Er freute sich, daß es Deutsche waren, von einer Form und Politur, die der französischen nichts herausgab, aber den Vorzug hatte, nicht fournirt, sondern aus dem Block gearbeitet zu sein.

Solche Gespräche, Erzählungen, Urtheile, wie der so empfängliche Freund sie in diesen Kreisen vernahm, mußten ihn vielfach anregen und beschäftigen. Sie erweiterten seinen Blick und seine Theilnahme für das Leben. Aber sie brachten auch für ein zur Nachbetrachtung so geneigtes Gemüth soviel Stoff und Aufregung mit sich, daß die Einsamkeit seines Zimmers, wo er sich sonst in seinen Stimmungen am liebsten zurechtgelegt hatte, nicht mehr zureichen wollte, ihn zu beruhigen. Es trieb ihn jetzt mehr zur Zwiesprache und Mittheilung, und hierzu fand er sich am liebsten bei Ludwig und Lina ein. Er traf sie die meisten Abende zu Hause, oder holte sie zu Spaziergängen in die reizende und wechselreiche Umgebung der Stadt ab.

Ungünstigerweise, wo er gerade von mehren Tagen her so voll für die Mittheilung war, fand er am nächsten Abende das Freundespaar im Begriff, einer Einladung zu folgen. Lina war schon, als er eintrat, mit ihrem Anzuge fertig, bis auf den Schmuck, den sie eben noch um den Hals legte, wobei sie dann und wann einen Blick in das sauber geschriebene Heft von Hermann gethan hatte, das neben dem Spiegel lag.

Guten Abend, Hermann! rief sie ihm entgegen. Eben bin ich an dem schönen und tiefen Gedanken in Agathon's Rede, der mir auch apropos kommt. Den Gedanken, meine ich, daß Liebe alles Fremde aus uns entferne, und uns mit Dem erfülle, was uns verwandt ist.

Gut, Lina! erwiderte er lächelnd. Der Gedanke wird auch Ludwig recht kommen, und er wird sagen, wir müßten die Franzosen, diese Fremden, aus dem Land entfernen und es mit der altangestammten Fürstlichkeit erfüllen. Das sei eben die Vaterlandsliebe.

Geh' mir mit deiner Politik! rief sie Die ist mir fremd und muß aus unserer Unterhaltung entfernt werden. Mein Apropos ist ein anderes. Was denkst du mit deinem Abend anzufangen? Wir sind leider! ausgebeten. Weißt du was? Du könntest endlich zum Staatsrath Müller gehen. Er hat dir ja die Abendstunden freigestellt, und du vergissest es immer.

Was hast du nur mit Müller, Lina? fragte er verwundert.

Nicht wahr, ich quäle dich? Aber, höre! Das ist eben mein Apropos. Ich muß immer an ihn denken, wenn ich aus dem »Gastmahl« lese. Du verdankst doch ihm die Anregung zu deiner Arbeit. Und da ich selbst soviel dabei gewinne und dir so unendlich viel Dank schuldig werde, so möchte ich dich gern durch deinen dankbaren Besuch bei dem Staatsrathe – nach Agathon's Ausdrucke – von allem fremden Danke leer machen, um dich mit meinem schwesterlichen, also dir mehr verwandten Danke zu erfüllen.

Ah! ganz charmant! rief Hermann. Du willst also – die Liebe in Person vorstellen, die dort leer macht, hier erfüllt! Ich gratulire dir, und bitte, mich ja nicht zu zu kurz kommen zu lassen!

Und du willst einen Necker vorstellen, und einen Bösewicht machen! erwiderte sie verlegen und ihren Putztisch abräumend.

Nein, nein, ich habe ganz Anderes vor! versetzte er. Ich sehe, du entwickelst alle Tage mehr männlichen Geist mit weiblicher Seele. Du gehörst also zu den vollkommenen Menschen, von denen Aristophaues in seiner Rede spricht, die beide Geschlechter vereinigen und übermüthig werden. Ich will also Jupiter bitten, daß er jenes Gericht auch an dir ausübe und dich auch in zwei Hälften theile. Und dann nehme ich mir gleich die eine Lina-Hälfte, die ich mir früher schon an irgend einer lieben Frau gewünscht habe. Ich habe pränumerirt.

Ah! entgegnete sie mit ihren lachenden Backengrübchen, so bescheiden du bist, so wirst du doch leer dabei ausgehen; denn die beiden Hälften, weißt du, fühlen sich immer wieder zu einander hingetrieben, und so komme ich in deiner Hälfte doch wieder zu meinem Ludwig.

Nein, lachte Hermann, Ludwig kommt zu dir!

Der Genannte trat nämlich eben ein, und mahnte zum Aufbruch.

 

Hermann begleitete das Paar nach der Wohnung des Friedensrichters Nebelthau in der Königsstraße. Dann nahm er, um erst 8 Uhr vorüber zu lassen, einen Umweg zu Staatsrath Müller.

 

Dieser saß eben zwischen den starken Bänden seiner Collectaneen – jener Auslese von Notizen, die er aus hundert Schriftstellern zum Behuf seiner Geschichtschreibung gemacht hatte. Er war aber schon auf die Anmeldung Hermann's mit dem Wegräumen beschäftigt, und sagte, als der Eintretende seine Störung entschuldigte:

Nein, nein, salve! Es wollte mir heute doch nicht schneiden, und ich mühte mich nur ab, weil ich nicht wußte, was ich mit meiner Vormitternacht anfangen sollte. Ja, sehen Sie, so geht's einem Weiberhasser, wenn er alt und leidend wird, und seine kranken, bekümmerten, verdrossenen Tage ohne Gehülfin, Gesellin, Gespons hinleben muß, bis ihm ein fremder, kalter Finger die verwelkten Augen zudrückt – eilig, hastig zudrückt, um nach den Armseligkeiten zu greifen, die der Arme hinterläßt. Für wen ist der Hagestolze ein Gegenstand der Theilnahme? Für Niemand, außer etwa für die – Etymologen.

Für die Etymologen? fragte Hermann, für die Wortforscher?

Nun ja, lächelte Müller. Man nennt doch eben solch' einen Unbeweibten einen Hagestolzen. Wie's ihm zu Muth ist, wie's ihm selbst um's Herz ist – ob wirklich stolz oder oft gar jämmerlich, das kümmert keine Seele; aber woher die Benennung komme – die Rubrik, unter der er stirbt, wird rechtschaffen erforscht. Ebenso die englische Benennung bachelor. Kommt her vom mittellateinischen baccalaria, was ein Gut von zwölf Morgen Landes bedeutet, mit zwei Ochsen zu bebauen, den Besitzer nicht mitgerechnet, der eben der bachelor ist. Andere erklären das Wort auch von bas chevalier. Es bedeutet auch einen baccalaureus, einen Gelehrten, der die Anwartschaft zum Doctor hat. Nun Sie, lieber junger Freund, sind ja bereits Doctor, und es fehlt Ihnen nur noch die Kleinigkeit einer Frau, um kein bachelor zu werden. Nun kommen Sie, setzen sich hier bequem, und sehen sich in einer bücherreichen – frau- und kinderlosen Stube um.

Nehmen Sie aber kein Beispiel, sondern eine Warnung daraus! Oui, oui!

Müller faßte den jungen Freund gutmüthig an der Hand und zog ihn nach dem Sopha. Seine Augen waren entzündet und sein kindischer Mund lächelte zu den launigen Worten, denen die Augen eine krankhafte Thräne zollten.

Solcher Warnung bedarfs nicht mehr, Herr Staatsrath, nachdem Sie mich an das Gastmahl der Liebe gesetzt haben, bemerkte Hermann,

Ja? rief Müller, vergnügt die Hände reibend. Haben Sie auch fleißig gesessen? Und haben's sich schmecken lassen?

Wir unterdrücken das gelehrte Gespräch, das sich hieran knüpfte, worin Hermann Rechenschaft von seiner Bearbeitung ablegte, und Müller es nicht an Beifall und an Erinnerungen fehlen ließ. Im rechten Augenblicke rückte auch der junge Freund mit der Nachricht über seine jetzige Stellung bei Herrn von Bülow und mit der Erklärung heraus, daß er darum die gelehrte Laufbahn nicht aufgeben, sondern sich in der Administration nur versuchen wolle. – Ich fühle mich jung und rüstig genug, sagte er, das Eine zu thun und das Andere nicht zu lassen. Die Bibel sagt zwar: Niemand könne zweien Herrn dienen; wozu denn auch das deutsche Sprüchwort stimmt: Sich zwischen zwei Stühle setzen, was soviel bedeutet, als zu gar nichts kommen. Aber – ich setze mich eben noch nicht, sondern versuche mich hüben und drüben; ich will auch noch nicht dienen, sondern lernen.

Müller misbilligte das Vorhaben nicht, indem er meinte, es seien jetzt auch so schwankende Zeiten, daß man leicht von einem auf den andern Sattel geworfen werde. Oui, oui! rief er, einen Haufen Briefe durchsuchend – ich weiß gar wohl, daß uns jetzt andere Aufgaben erwachsen, als wir bisher sehr ausschließend verfolgt haben. Mein Freund Perthes hat nicht Unrecht, wenn er mir schreibt – Hören Sie!

»Nie hat es uns an Aufgaben allgemeiner Natur gefehlt; wir haben uns der Wissenschaft, ihrer selbstwillen, hingegeben. War nicht Deutschland die allgemeine Akademie der Wissenschaften für Europa? Was empfunden und erfunden, entdeckt und gedacht wurde in und außer Deutschland, wurde von uns gleich aufs Allgemeine bezogen und für die Entwickelung der Menschheit verarbeitet. Ein Leben immer für Europa gelebt. Reich bemittelt, tief an Charakter, haben wir nie unsere Schätze anzuwenden verstanden, nie eine gemeinsame Tüchtigkeit und Bildung unserm Volke gegeben, nie gemeinsame Anstalten für Nationalehre gegründet. Dennoch kann noch Alles, was wir denken und gedacht haben, Wahrheit und Wirklichkeit erlangen, wenn wir auch handeln lernen. Männer, die nichts als Wissen besitzen, werden selbst mit Geist und Kraft – Narren!«

Er blieb einige Augenblicke, während er den Brief nachdenklich faltete, in sich versunken sitzen, bis er dann aufseufzete.

Ach, ich hab's ja wol auch mit zwei Stühlen versucht, auf dem Katheder und sodann in den Staatscabinetten zu Mainz und zu Wien. Aber, Eines hat mir immer gefehlt; ich weiß es, und lassen Sie mich's nicht sagen: die Welt sagt's ja laut genug! Aber wenn es Ihnen nicht fehlt, theurer junger Mann, wenn Sie's besitzen –

Er faßte Hermann an beiden Schultern, und rief, ihn schüttelnd, exaltirt, aber mit gedämpftem Tone:

Halten Sie es hoch, halten Sie es höher als Geld, als Ruhm, als das Leben – ein muthiges Herz, meine ich, mon ami, ein Herz voll Muth, und setzen Sie das Leben an Ihre Ueberzeugung, an die Wahrheit, an das Wohl der Welt! Ach –!

Er sank, die Hände gefaltet, in die Kissen zurück; er hatte sich in Thränen gesprochen, und athmete keuchend. Nach einer Weile beruhigter Aufregung fuhr er gefaßt, mit sanfter Rührung fort:

Und was hat man von aller Angst oder Vorsicht, wenn's denn doch mit uns zu Ende geht? Ich habe mich vor allem äußern Anstoß an die Macht der Erde gehütet, um meine Tage zu sparen, um das liebe Leben nicht als Capital zu wagen, und nun hab' ich's als Rente verzettelt, habe mich innerlich verzehrt. Ich stehe erst in meinem 57., und der Himmel weiß, ob ich's noch bis zum nächsten Mai bringe, und ein neues Aufblühen erlebe – wenigstens der Natur, wenn auch nicht der Nation!

O gewiß, Sie werden es! rief Hermann lebhaft bewegt. Ihr Leben wird sich noch einmal erneuern. Das 56. Jahr ist ein Stufenjahr; es war Ihr achtes Septennium; die schwere Krankheit, die es Ihnen gebracht, war eine Uebergangskrise, ein Knoten, möcht' ich sagen, in dem Fruchthalm Ihres Lebens, und nun wird eine vollere Aehre sprießen. Auch den verlorenen Muth des Herzens können Sie wieder gewinnen durch einen freien Aufschwung der Feder. Beflügeln Sie die Jugend Deutschlands! Alle Männer von Vorausblick erwarten vom nächsten Jahre 1809 einen großen Umschlag der Verhältnisse.

Ich weiß, was man von Oestreich erwartet, versetzte Müller leise und mit Winken zur Vorsicht; aber ich weiß auch, daß die Regenten des östreichischen Hauses es selten verdienten, Beherrscher von Deutschland zu sein, wovon mir unter Anderm einer der stärksten Beweise erscheint, daß sie es eben nicht geworden sind. Ich weiß auch, was man will, und daß man sehr uneinig ist über – ein einiges Deutschland. Die Einen wollen es innig, einzig wie unter dem kraftvollen Heinrich III., unter Barbarossa, Rudolf von Habsburg; Andere sind für eine Centralisirung unter großen Massen – einen Dualismus von Oestreich und Preußen nach dem Laufe des Mainstroms.

Nun ja, fiel Hermann ein, viele einsichtsvolle Männer glauben, der schwere Druck der Gegenwart sei einer umfassenden Lösung von alten Uebeln günstig, einem Ende der Verschwendung, der Jagdwütherei, der Minister- und Kanzleiveziere, der Judenfinanziers, des Seelenverkaufs u. s. w.

Glauben Sie mir, erklärte Müller, auch vereint wie England und Frankreich würde aus dem Deutschen nicht, was diese westlichen Nachbarn sind. Klima, Organisation, das elende Bier, die wenige Theilnahme an Welthändeln, hindern es. Der etwas phlegmatische Staatskörper muß in jedem seiner Theile selbständiges Leben haben; von einem Haupte würde die Verbreitung zu unmerklich sein.

Das verhüte der Himmel, hoher, edel gesinnter Mann, rief Hermann aus, daß Sie nach verlorenem Muthe des Handelns auch noch den Muth des Hoffens aufgeben sollten! Erzählen Sie uns Hoffenden lieber die Erlebnisse Ihrer Vergangenheit. Gesammelt werden sie in den Herzen der deutschen Jugend einen Brennpunkt finden und entflammen – diese Erlebnisse.

Etwas betroffen entgegnete er:

Ich bin zu müde, die Abenteuer meines Lebens zu beschreiben. Herausgeworfen bin ich aus meinem Lebensplan. Ob was ich thue besser und nöthiger ist, ob es für lange oder immer so ist – das weiß Alles nur Gott. Uebrigens habe ich nie mehr gefühlt, daß der Mensch, was er ist, von innen heraus ist. Aber ich will Sie nicht abhalten, unter die Fahne der Muthigen, Entschlossenen zu treten. Ich will Sie in den kleinen Kreis meiner vertrauten Freunde führen, wo Ihre Seele frischer aufathmen wird, als in meiner einsamen Krankenstube. Kennt Sie schon mein lieber Simeon, der Minister?

Nein, antwortete Hermann. Aber ich verehre ihn. Er hat auch im Staatsrathe für meinen Gönner, Herrn von Bülow, so nachdrücklich gesprochen. Ich wünschte wol ihm meine Verehrung zu bezeigen.

Gut! fuhr Müller fort. Sie müssen ihm in Ihrer jetzigen Stellung ohnehin Aufwartung machen, und ich gebe Ihnen ein Billet zur besondern Empfehlung mit. Ich schreibe und schicke Ihnen einige Empfehlungen an vortreffliche Männer. Sie müssen den geistreichen Staatsrath Leist, den wackern Herrn von Wolffradt in seinen Tabackswolken, den jungen Jakob Grimm, Staatsraths-Auditor, eine herrliche deutsche Hoffnung, kennen lernen. Nur – lassen Sie Ihren Jugendmuth nicht ohne Zügel. Sie sind eingeweiht, wie ich vermuthe, in die preußischen und hessischen Verbindungen; vergessen Sie ja keinen Augenblick die Gefahren, die jeden Einzelnen treffen, der im Gefühl einer Verbindung mit Vielen, übermüthig, oder allzu vertrauend wird! Setzen Sie zwei Genien vor den Ein- und Ausgang Ihrer Mysterien – die Vorsicht, die mit himmelblauen Augen heiter umherschaut, und jenen herrlichen Genius, der mit tiefem, dunkelm Blick den rechten Zeigefinger auf die geschlossenen Lippen drückt. Vor allem lassen Sie sich von der Geld- und Genußsucht unserer Tage nicht verlocken. »Divitiae grandes homini sunt – vivere parce, aequo animo.« (»Mäßigkeit und Gleichmuth sind große Reichthümer für den Menschen.«) Doch – Sie sind ja Philosoph und von Fichte's strenger Schule, und wissen schon, was ich noch diese Tage einem Freunde schrieb: »A quoi servira toute notre philosophie, si elle ne peut pas nous consoler de n'avoir peut-être que 50 à 60,000 écus et la perspective d'un ou de deux baillages.«

Hermann hatte sich erhoben, indem er, sehr bewegt, des gutmüthigen Mannes Hand ergriff. Müller umarmte ihn mit den Worten:

Adieu, mein Sohn! Gehen Sie dann recht bald zu meinem Simeon. Nur – ja nichts bei ihm von unsern deutschen Bestrebungen! Er dient einem Napoleon und ist ein Mann von strenger Rechtschaffenheit. Adieu! – Nein, noch einen Augenblick! Ich pflege, wie Sie wissen, meinen jungen Freunden gern als Gastgeschenk eine Kleinigkeit aus meinen Erfahrungen mitzugeben. So sage ich Ihnen denn: Erstürme nicht, was ordentlich erobert werden muß, festina lente, eile mit Weile, und sei zweitens versichert – unser Bestes muß aus uns, und nicht von Andern in uns kommen. Und somit Gott befohlen, mein junger, lieber Freund!



 << zurück weiter >>