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Siebentes Capitel.
Eine Intrigue.


Schon am andern Morgen erhielt Hermann vom Staatsrathe Müller die ihm versprochenen Bücher überbracht. Es war manches ihm schon Bekannte darunter; denn in Halle war damals neben Homer besonders auch Platon – jener durch den berühmten Professor Wolf, dieser durch Schleiermacher sehr in Schwung gekommen. Die Arbeiten von Heindorf, einem Schüler Wolf's und Freunde Schleiermachers befanden sich neben der Wolfschen Ausgabe des »Gastmahls,« und den beiden Bänden der Schleiermacher'schen Uebersetzung unter den überschickten Sachen.

Hermann durchblätterte Alles, und in seiner gehobenen Stimmung schien es ihm der Ballast zu sein, mit dem er seiner Zukunft entgegensegle. Die Unruhe, die ihn früher so oft hinausgetrieben, war jetzt in eine eigenthümliche einsiedlerische Sentimentalität umgeschlagen. Er fühlte sich unaussprechlich glücklich darin, ohne leidenschaftliches Bestreben auch seinerseits einem heitern Tagwerk obzuliegen, wie er es von seinem Fenster aus durch das hingestreckte Fuldathal im Schwung erblickte. Dort wurden eben die Wiesen gemäht, und er beobachtete die einzelnen Vorgänge – wie die Mahd den sonnigen Tag über ausgebreitet lag und vor Nacht aufgehäufelt wurde; wie im Morgenschimmer die einsiedlerischen Haufen umduftet standen, und im Abendroth die geschäftigen Rechen in langen Reihen geschwungen wurden, bis die große Gabel einen Haufen um den andern über den Leiterwagen hob und zu einem Sarg schichtete.

 

Während aber der Freund sich in trotzender Zufriedenheit von der lustigen Welt zurückzog, dachte er nicht daran, daß dieselbe Welt nichtsdestoweniger ihre Absichten fortspänne, und daß über die Wege, die er eben offen ließ, sich einzelne Fäden hinziehen könnten, aus denen für ihn selbst, wenn er denn wieder einmal hinausstürmte, ein Fangnetz oder glücklichenfalls auch eine Hangematte geworden wäre.

Hermann ahnte nicht, wie sehr der Finanzminister von Bülow durch Alles, was ihm die Oberhofmeisterin vertraut hatte, für ihn eingenommen war. Das freundliche Urtheil seiner Gemahlin über den jungen Mann, so günstig es vorausgegangen war, hatte doch bei weitem des Piquanten entbehrt, was die Liebesgeschichte mit Adelen einknüpfte – ein reizendes Geheimniß, das heitere Staatsmänner oft mehr als wirkliches Verdienst für Personen einnimmt. Bei Hermann kam aber noch dazu, daß er ein Preuße war, und ausgezeichnet begabt für die Absichten schien, für welche Bülow schon damals anfing, mit Vorliebe gute Preußen in die Stellen seiner Administration zu ziehen.

Aber diese Absichten blieben doch auch der französischen Partei nicht unbemerkt oder wenigstens nicht unvermuthet. Bercagny, der Führer und Schürer dieser Partei, ließ die Thätigkeit des Ministers nicht aus den Augen. Er erkannte gar wohl, daß dieser Bülow die ihm entgegenstrebende Seele der deutschen Partei war, und daß er durch des Königs Gunst und durch seine Stellung an der Spitze der so eingreifenden und verzweigten Finanzadministration Macht genug besaß, die französischen Bestrebungen niederzuhalten. Sein Ziel war daher gefaßt; es galt ihm Alles, einen so einflußreichen Minister zu stürzen oder geschickt zu entfernen, und einen tüchtigen Mann von seinem Anhang an die Stelle zu bringen. Dazu sollte die weite Entfernung Bülow's nicht unbenutzt bleiben. Der Minister hatte Paris noch nicht erreicht, als Bercagny wiederholte Besprechungen mit dem Staatsrathe Malchus gehabt und ihn für das Portefeuille der Finanzen auf Gerathewohl gewonnen hatte: soweit sich Malchus äußerlich gewinnen ließ, da ihm alle Parteien als solche gleichgültig, aber auch jede recht war, die seinem Interesse dienen mochte.

Malchus war ein Mann von 38 Jahren und erinnerte, wenn nicht schon durch seinen Namen, doch durch den Schnitt seines Gesichts an jüdische Vorfahren, die vielleicht bis zu jenem Malchus hinausreichten, der im Garten Gethsemane eines seiner Ohren an das allzurasche Schwert des Petrus verloren hatte. Dieser Voraussetzung seiner Abstammung widersprach wenigstens die ungemeine Geschmeidigkeit seines Charakters nicht. Durch diese glückliche Fügsamkeit hatte er seinen Weg gemacht.

In Manheim geboren, Sohn eines Burgvogts im Dienste des Herzogs von Zweibrücken, hatte er als Privatsecretär des mainzer Ministers, Grafen von Westfalen, seine Laufbahn angetreten, war durch diesen Gönner Secretär des Capitels zu Hildesheim, wo des Grafen Güter lagen, und nach der Säcularisation Kriegs- und Domänenrath in Halberstadt geworden. Hier hatte er sich bei der preußischen Regierung mit Notizen über die Capitalien des Fürstbischofs, seines Wohlthäters, und über die Besitzungen des Capitels beeifert. Mit Halberstadt war er dann an das neue Königreich Westfalen gekommen, er, der bei einem Grafen von Westfalen begonnen hatte. Umfassende Sachkenntnisse, große Geschäftsgewandtheit und Arbeitsamkeit ließen sich ihm nicht absprechen – Gaben und Vorzüge, mit welchen dennoch, um sie geltender zu machen, sein ungemessener Ehrgeiz auch die Wege der Verschlagenheit, der niedern Schmeichelei und der feilen Höflingschaft nicht verschmähte.

Malchus, seit ihm das Portefeuille des Ministers vorschwebte, hatte eine vornehme Nachlässigkeit, ein lächerlich läppisches Wesen angenommen. Er pflegte, auf einer Ottomane ausgestreckt, eine türkische Pfeife im Mund, kopfnickend, einsilbig und mit herablassender Handbewegung Aufwartende zu empfangen. So lag er auch heute da, fütterte sein zahmes Reh mit Zuckerstückchen und plauderte mit seiner neben ihm hockenden Frau von seiner künftigen Excellenz, als Bercagny gemeldet wurde. Die Frau im Negligée huschte fort, und nahm das Reh mit; Malchus selbst raffte sich auf und stellte mit einem lauten: Sehr angenehm! die Pfeife beiseit.

Bercagny trat ein, und blieb, ein Papier mit triumphirender Miene emporhaltend, stehen.

Wie? Was? rief Malchus in seinem etwas harten Französisch. Darf ich ahnen –? Sie hätten schon –? Wirklich, unser Spaß schon ausgeführt? Nicht möglich! O bitte! Lassen Sie mich nicht zappeln!

Sie haben's errathen, lieber Malchus! versetzte der Polizeichef sehr aufgeräumt und vertraulich. Aber setzen wir uns! Und Sie – nein Sie müssen fortrauchen!

Er reichte ihm die Pfeife, ehe es der zuspringende Malchus hindern konnte, und dieser rief unter Bücklingen:

O Sie sind zu gütig! Darf ich? – –

Sie müssen, Freund! Unsere poetische Huldigung gegen Herrn von Bülow muß ihr Rauchopfer haben.

Wohl! Ich spende den Rauch! lachte Malchus, und während er seine Pfeife wieder in Zug brachte, entfaltete Bercagny sein Papier, und las mit schmunzelnden Lippen:

Midas avait des mains qui changeoient tout en or.
Que Monsieur de Bulow n'en a-t-il des pareilles?
Pour l'état brisé ce serait un tresor.
Mais hélas! de Midas il n'a que les oreilles.

Aber charmant! Göttlich! rief Malchus. Ich sage Ihnen – Und so flugs fertig? Aus dem Aermel geschüttelt? O ich errathe! setzte er mit einem schalkhaften Fingerkuß gegen Bercagny hinzu: der junge Poet, den Sie mir genannt, hat gute Inspirationen gehabt! Wie? Hab' ichs getroffen?

Nun, nun! schmunzelte Bercagny. Man hat seiner Zeit auch Muße für poetische Phantasien gehabt.

Er dachte dabei an sein Klosterleben, setzte aber rasch, als ob Malchus diese Erinnerung ahnen könnte, hinzu:

Aber dieser Monsieur Bernard ist auch ein Mann von Talent, und beim Theater an rasches Produciren gewöhnt. Sehr schade, daß seine écarts, seine Ausschweifungen, im Wege sind, ihn z. B. in der Administration anzustellen! Sie lesen wol seine ausgezeichneten Theaterkritiken?

So? Sind die von ihm? fragte Malchus, als ob er sie wirklich kenne.

Aber hier ist auch gleich die Uebersetzung der Verse, fuhr Bercagny fort. Alle Welt muß den Spaß lesen, besonders auch das Volk. Wir lassen es in beiden Sprachen drucken und verbreiten. Das müssen Sie nun selber lesen, Malchus! Soweit reicht meine französische Zunge nicht.

Malchus nahm das Papier mit der Frage:

Und wer hat –?

Ich weiß es in der That nicht! lachte Bercagny. Bernard sagt es nicht; aber er hat deutsche Freunde, und die Deutschen, wissen Sie ja, sind gefällige Leute!

Malchus that nicht, als sei er selbst damit gemeint, sondern räusperte sich und las:

Was Midas einst ergriff, ward Gold in seiner Hand.
Ist Herr von Bülow nicht mit gleicher Kraft geboren?
Das wäre doch ein Glück für das erschöpfte Land.
Doch leider nein! Er hat von Midas nur die Ohren.

Meisterlich! betheuerte Malchus. Ich sage Ihnen, die Uebersetzung gibt alle Nuancen des Originals wieder. Das wird Spectakel machen! Wenn nur der Ausdruck »l'état brisé« – »das erschöpfte Land«, keinen Verdruß absetzt?

Bei wem? lachte Bercagny. Bei der nachforschenden Polizei? Ha, ha! Ich gebe Ihnen mein Wort, – die Spitzbuben, meine Mouchards, sollen mir den Poeten nicht ausschnüffeln. Eigentlich, mein Freund, ist mit dem ganzen – nun, nennen wir's Pasquill, nichts gesagt; es ist blos zum Lachen. Aber lächerlich geworden zu sein, ist schon genug, einen Minister ins Wanken zu bringen. Lächerlichkeit ist eine Bresche in seinen festen Credit; seine Person tritt in zweifelhaftes Licht, sein Talent, seine Verdienste gerathen in Frage, und das öffentliche Vertrauen wird unruhig. Dazu dient der Wisch da. Ich täusche mich nicht über die politische wie poetische Geringfügigkeit des Spaßes. Aber eine Wirkung verspreche ich mir davon: Bülow betritt eine ganz andere Atmosphäre, wenn er von Paris zurückkommt, und zwar, woran ich nicht zweifle, ohne Erfolg für seine Sendung.

Dies wäre denn freilich ein Endurtheil über ihn selbst, eine Bestätigung der von uns hervorgerufenen Zweifel! bemerkte Malchus. Seine Majestät müßten allerdings vorher bearbeitet werden, und dazu würde gewiß Ihr Gedanke prächtig dienen, wenn man nämlich dem Könige den Argwohn erregte, daß Bülow die Finanzquellen des Landes verheimliche, um sich unentbehrlich zu machen.

Mein Gedanke ist das nicht, lieber Malchus, versetzte Bercagny. Ich kenne den König: auf nichts ist er so eifersüchtig, als auf seine persönliche Geltung beim Volke. Er kann einen Liebhaber bei seiner augenblicklichen Favoritin überraschen, und es nachsehen; er mistraut dem General Lepel nicht, was man auch von einer frühern Gespenstergeschichte in Stuttgart erzählt. Aber einen Mann, von dem er glaubte, daß das Volk mehr nach solchem als nach dem König verlange – den würde er ecrassiren, vertilgen. Gut! Angenommen! Aber, daß Bülow die Finanzquellen verheimliche, wird Seine Majestät wenig anfechten, so lange diese Quellen nur fließen. Wir wissen ja, wenn das Vergnügen flott ist, fragen Könige nicht darnach, woher das Wasser kommt. Sie freuen sich, wie die Menge, wenn droben auf Napoleonshöhe die Wasser springen; Niemand denkt daran, wie mühsam in den hintern Reservoirs die einzelnen Tropfen gesammelt werden. Der König hat für die Geschäfte viel Verstand, aber keine Leidenschaft. Es hat dem Intendanten der Civilliste, dem Schatzmeister des Königs, nie an Kasse gefehlt, und so ist Bülow noch immer – l'homme par excellence, le phénix de la Westfalie. Aber was bei der jetzigen Stimmung des Königs am sichersten anschlüge – wissen Sie es?

Nun? Das wäre? forschte Malchus.

Wenn wir ihm glauben machen könnten, fuhr Bercagny fort, daß Bülow mit Preußen in geheimer Verbindung stehe, daß er mit Preußen correspondire, den dortigen Gegnern Napoleon's in die Hände arbeite.

Bülow hat zuviel Vertrauen bei Sr. Majestät, erinnerte Malchus; und ein Argwohn, der in bloßer Luft schwebt –

Das glaub' ich eben nicht! unterbrach ihn der Polizeichef. Ich glaube wirklich, er hat Bezüge mit den politischen Projecten in Preußen. Er erhält und versendet Briefe durch Boten. Wenn ich nur einmal seine Handrepositur durchsuchen lassen dürfte. Er hat nämlich im linken Schränkchen seines Arbeitstisches einen Verschluß für seine Privatcorrespondenz. Ich weiß auch, daß der Schlüssel nicht ängstlich verwahrt wird, da keiner seiner Bureauarbeiter das Zimmer ungerufen betritt, mit Ausnahme seines Generalsecretärs. Aber Provençal ist sein Vertrauter, und hangt an seinem Chef wie ein unbrauchbares Stückchen Eisen am Magnet, der es hält und trägt. Provençal, wissen Sie, ist kein Geschäftsmann, und war vorher Prediger der französischen Gemeinde in Magdeburg – ebenfalls ein Miteinverstandener der preußischen Complote, wenngleich von Geburt ein Franzose oder Schweizer, glaub' ich.

Mein Gott! rief Malchus, dann schlagen Sie doch dem König eine überraschende Durchsuchung der Bülow'schen Papiere vor! Gerade jetzt!

Bercagny schüttelte mit bedenklicher Miene den Kopf, indem er sagte:

In Bülow's Abwesenheit? Das wird der König unanständig finden, und doch wäre es das Sicherste. Wenn er nur wenigstens genehmigte, daß ich die Repositur insgeheim durchsuchen ließ von einem Agenten, der deutsch lesen kann, und einen Bedienten gewönne, der ihn heimlich zuließe.

Und – brauchten Sie dazu des Königs Genehmigung?

Gewiß! Bedenken Sie doch! Wenn sich nun wirklich etwas fände, was ich dem König vorlegen müßte, um eben unsern Zweck zu erreichen, – wie dürft' ich denn verrathen, daß ich auf meine eigene Faust –

Ich verstehe schon! sagte Malchus. Und doch müßte man ihm vorlegen können, was auch nur den kleinsten Argwohn begründete, oder dazu gedeutet werden könnte. Indeß – versuchen könnte man es doch wenigstens bei Sr. Majestät!

Nach einiger Ueberlegung rief Bercagny entschlossen:

Sie haben Recht! Ich will es auch. Da mir Jerôme aber bei meinen Aeußerungen gegen Bülow gern vorhält, daß ich als dessen Gegner rede, so will ich meinen Versuch erst vorbereiten lassen.

Aber – durch wen?

Durch Duchambon.

Den Possenreißer? wendete Malchus ein. Hm! Der König wird's für einen neuen Witz des cynischen Ludwig-Ritters nehmen, und darüber lachen.

Nein! Er wird diesen Duchambon einmal in einer grotesken Wuth sehen, rief Bercagny. So nämlich begegnete er mir vor Ihrem Hause. Er kam von der Generalkasse, wo er Gelder hatte fassen wollen. Der Direktor hatte ihn abgewiesen – es fehle eben an Vorrath, er erwarte Einsendungen aus den Provinzen. Duchambon wollte aber die Hofkapelle und die Kammersänger für den Monat bezahlen, war wol auch ein wenig aufgehetzt von der Demoiselle Gallo, in die er verschossen ist, und pochte darauf, die Virtuosen könnten nicht warten, die Virtuosen müßten ihr Geld haben. Und als ihm der Director hierauf sehr phlegmatisch geantwortet hatte: Schon gut! Aber ich muß Jene, die weinen, vor Denen auszahlen, die singen, – so war Duchambon in vollem Grimm und wollte geradewegs zum König. Ich erklärte ihm, daß er vor Nachmittag doch nicht vorkommen könnte, und bat ihn, daß er mich vorher besuchen möchte. Da will ich ihn denn dahin bringen, daß er bei seiner Beschwerde über den Director ein Verdachtswörtchen gegen den Minister der Gelder fallen lasse. Er mag sich dabei auf General Eblé berufen, der dem König als Muster von einem Ehrenmanne gilt und es ihm bestätigen kann, daß Bülow in Magdeburg hinter dem französischen Generalintendanten her alle Gelder und Werthsachen nach Preußen geschafft hat. Bis ich dann zum König komme, ist er vorbereitet, fängt vielleicht selbst davon an, und ich erlange die Ermächtigung zur heimlichen Durchsuchung der Bülow'schen Correspondenz.

Vortrefflich! rief Malchus vergnügt. Und – hören Sie! Sie sagten mir ja vorgestern, unser Gesandter in Berlin, Baron von Linden, werde von dort erwartet?

Ja wol! erwiderte Bercagny. Sie sehen eben daraus, wie ungeduldig der König ist, die genaueste Kenntniß von der Stellung und Haltung Preußens und von den dortigen Bewegungen zu haben. Ich wüßte Niemanden, der eifriger und umständlicher berichtete, als der Gesandte; dennoch ist der König noch nicht zufrieden damit, und hofft mündlich noch mehr und Bestimmteres von ihm zu vernehmen. Kennen Sie den Baron?

Ich habe ihn als Domherrn gekannt, antwortete Malchus; eine leichte, schmale Figur – im Vertrauen –! Spieler, der verflucht wenig gelernt hat, und nun doch das enorme Einkommen bezieht.

Ja, er hat allein 40,000 Francs zu geheimen Ausgaben! bemerkte Bercagny; worauf Malchus mit etwas ärgerlichem Eifer einfiel:

Außer seinem Gehalt von 170,000 Francs! Ist das nicht –?

Nun, nun, – neiden wir es ihm nicht! lächelte Bercagny; denn er verdient es sauer! Er ist nicht blos unser allgefälliger Gesandter, sondern der Kaiser commandirt ihn auch nicht wenig; nicht zu rechnen, was ihm der Marschall Davoust und der Graf d'Aubignosk zumuthen! Aber – was wollten Sie mit ihm?

Wie wär's, wenn wir ihm einiges Mistrauen gegen Bülow in die Tasche prakticirten, was er dann mit andern guten Nachrichten vor dem König auspackte? Hat er vielleicht schon etwas von den Bezügen des Ministers, die Sie vermuthen, selbst ausgespürt: desto besser; weiß er noch nichts, oder wäre gar nichts daran, und er mithin überrascht von Dem, was wir ihm zustecken, so wird er sich desto mehr beeilen, es anzubringen, und wird es gewiß übertreiben, weil es ihn selbst überrascht hat und weil er sich schämt, es noch nicht bemerkt zu haben.

Bercagny sogar schien von diesem Vorschlag befremdet. Er betrachtete Malchus ein paar Augenblicke lächelnd von oben herab, und sagte, indem er sich zu gehen erhob:

Ma foi, Herr Staatsrath – Sie kennen Ihre Leute! Und da Sie den Baron Linden von früher her verehren, so werden Sie Ihr vortreffliches Manoeuvre am besten selbst mit ihm anordnen. Es ist ja auch in Ihrem eigenen Interesse. Ich vermittle, sobald er eintrifft, eine Zusammenkunft mit Ihnen. Bis dahin – au plaisir de Vous revoir!

Indem ihn Malchus nach der Thür begleitete, setzte Bercagny – vielleicht um seine Bitterkeit ein wenig zu sänftigen – freundlich hinzu:

Apropos! Haben Sie schon, für den Fall Sie ins Ministerium berufen würden, einige erquickliche Finanzoperationen in Petto? Sie müssen Bülow überflügeln, und – man könnte ja den Linden auch schon etwas davon dem König vorplaudern lassen!

Die gewöhnlichen Operationen wird Bülow versuchen, erwiderte Malchus; aber in unserer nahen Bedrängniß gilt es um ungewöhnliche, zu denen er sich schwerlich entschließen wird. Eine Anleihe wird nicht lange mehr zu umgehen sein. Ob aber der junge Staat Credit genug hat, Geld zu bekommen, wenigstens unter annehmbaren Bedingungen –? Ich würde zu einem gezwungenen Anlehen greifen.

Was? rief Bercagny. Wozu auch wir gezogen würden – wir Alle?

Kein Gesetz ohne Ausnahmen, ohne billige Ausnahmen! versetzte Malchus. Staatsdiener haben nur ihr Auskommen, aber nichts auszuleihen. Eine wirksame Operation wäre sodann auch der Verkauf von Grund und Boden. Eine dritte muß ich aber gleich selbst als Reserveoperation bezeichnen – ich meine, eine Reduktion der Staatsschuld durch Streichen.

Kurzweg, lieber Malchus? fragte mit verwundertem Lächeln der Abgehende. So, was man Streichen nennt mit einem Federzug! Ha, ha!

Lachen Sie nicht! rief Malchus, wir sprechen noch darüber; ich werd' es Ihnen begreiflich machen. Der große Sully hatte schon die Idee einer durchgreifenden Reduction der Rente, wissen Sie!

Die Idee, ja! erwiderte Bercagny. Soviel ich aber weiß, konnte er sie nicht durchsetzen; es gab Spectakel in Paris.

Cassel ist kein Paris! rief Malchus, und die Zeit ist eine andere.

Ja, ja, es liegt etwas Großes darin, sagte Bercagny. Abtragen, eine Schuld abtragen – es ist ein Wort der Arbeit, der Dienstbarkeit, es ist servil; aber – abwerfen, vernichten! Ah! Das will 'was sagen und ist die Parole des Tags. À la bonne heure! Ha, ha!



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