Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Elftes Capitel.
Neue Bekanntschaften.


Hermann war über Nacht noch nicht einig mit sich geworden, auf welchem Wege der Verständigung er Ludwigen am einfachsten und ehrlichsten entgegenkommen möchte, als er schon in der Frühe ein Billet von Lina erhielt, worin sie ihn beschwor, ja keine übereilte Aeußerung gegen ihren Mann zu thun – und keine Uebereilung gegen sich selbst.

»Ich habe mich mit Ludwigen verständigt«, schrieb sie. »Er kam kurz nach dir heiterer als lange nicht nach Hause. Sein Minister hatte ihn zu einem mündlichen Vortrag in einer von ihm besonders bearbeiteten Sache mit sich nach Napoleonshöhe genommen, und der König ihm seine Zufriedenheit mit gnädigen Worten ausgesprochen. Ich war noch so bewegt, und durch seine heitere Befriedigung aufgemuntert, sprach ich offen mit ihm von unserer Verabredung zu seiner Erheiterung, und bekannte ihm meine dankbare Herzlichkeit für dich. Da fand ich nun, wie sehr ich mich in ihm geirrt, als ich ihn dir verdrießlich über unsern Umgang hatte erscheinen lassen. Ich bin recht beschämt darüber, daß ich mich so in einer falschen Aengstlichkeit bloßgegeben und meinem Ludwig Unrecht gethan habe. Dennoch nehme ich meinen Vorschlag nicht zurück. Es ist ja nicht um unsere gemeinsame Annehmlichkeit, sondern für dein persönliches Glück, wenn du dich mit einem geliebten und liebenden Wesen zu froher Häuslichkeit verbindest oder doch, bis dies geschehen kann, verlobst. Ein trauter häuslicher Herd ist ja in stürmischer Zeit eine noch viel schätzenswerthere Zuflucht als wie immer. Und wie froh werde ich selbst dabei sein, wenn ich geschwisterloses Geschöpf, nachdem ich an dir einen Bruder erhalten, durch dich auch noch eine Schwester an deiner Frau bekomme. Sieh' dich nur um, und es wird dir an liebenswürdigen Mädchen nicht fehlen. Du erkennst nur nicht immer, wo man dir gut ist, das hab' ich gestern wieder bemerkt – ich meine bei Engelhards, wo du dir Andere vorgreifen lässest. – – Es ist heut Sonntag, und mein Mann, versteht sich mit Zustimmung seines kochenden Weibes, erwartet dich zu Tisch und zum Spaziergang. Und bring' auch die Mutter mit. Diesen Morgen kommt der Arzt; Ludwig fühlt doch jetzt ein ausgesprocheneres Misbehagen. Also auf – deinen guten Appetit und Humor!«

Diese Zeilen lösten den verworrenen Zustand des Gemüths, worin der junge Freund aus einer unruhigen Nacht erwacht war, schneller als es diesmal der Ausblick in die Sommerlandschaft und in die Ruhe des Sonntags vermocht hätte. So aufgelegter fühlte er sich zu der vorgesetzten Aufwartung bei Minister Simeon.

Dieser bewohnte den Justizpalast, das nachmalige kurfürstliche Palais, an der obern, westlichen Ecke des Friedrichsplatzes, und befand sich eben im Empfangzimmer seiner Gemahlin, als ihm Hermann durch das Billet des Staatsraths Müller gemeldet wurde. Er las es seinen Damen vor, und nahm auf den Wunsch derselben den so empfohlenen jungen Mann im Salon an.

Mit mehr schlichter als vornehmer Freundlichkeit, das Billet in der Hand, empfing ihn Simeon. – Papa Müller empfiehlt Sie mir, mein Herr, sagte er; das genügt mir schon, Sie willkommen heißen. Sie finden mich hier im Schoose meiner Familie. Où peut-on être mieux – wissen Sie ja! Hier Madame Simeon, meine Frau, hier Mademoiselle Lucie Delahaye, meine Stieftochter, und Mademoiselle Cecile Heberti, eine Schwestertochter von Madame Simeon, zu Besuch aus Paris, unser Mignon! Die Damen kennen Sie schon aus dem Billet: Herr –

Er blickte in die Zeilen und fragte Hermann, wie er seinen Namen ausspreche.

Teutleben, Excellenz.

Simeon sprach das Wort schwerfällig nach, und sagte dann zu den Damen mit seinem feinen Lächeln:

Nennen Sie den Herrn nur: Herr Doctor! Das ist ein Ehrentitel im gelehrten Deutschland – Docteur en philosophie – pas médecin, mes enfants!

Simeon bot einen Stuhl. Er hatte in seiner Art zu sprechen und sich zu benehmen etwas Gelassenes, Gemächliches. Er war im Frack und erinnerte durch seinen ganzen Anzug mit Zopf und gepudertem Haar an die sogenannten gens de robe aus der Abbé-Zeit, hielt sich auch fest und graziös auf gut bewadeten Abbé-Beinen. Seine Frau war viel lebhafter bei ganz angenehmer Corpulenz; ihre Lippe hatte einen leichten Anflug von Bart, in dunkelm Teint nicht sehr bemerklich, und ihr ins Grünliche fallendes Auge blitzte schlau und etwas lauernd.

Ihre Tochter, klein und zierlich, sah verbleicht und unansehnlich aus; nur ihr Auge war schön, und coquettirte lebhaft unter einem starken, dunkelgelockten Haar.

Eine eigenthümliche, recht piquante und ansprechende Schönheit war dagegen Mademoiselle Heberti – eine leicht aufgebaute, aber reizend ausgestattete Gestalt mit den zierlichsten Händen und Füßen, mehr seelenvoll als ideal von Gesichtsbildung. Die zarte Blässe eines feinen bräunlichen Teints wies mehr auf tiefe Empfindungen, vielleicht auf ein in der Liebe geprüftes Herz zurück, neben Lucien, die weniger leidenschaftlich- als leidend-bleich aussah.

Die Damen überließen die anfängliche Unterhaltung dem Minister, nahmen aber mit Aufmerksamkeit und einander zulächelnden Blicken Antheil am Gespräch. Nach der flüchtigsten Auskunft, die Hermann über sich selbst gab, sagte Simeon:

Sie sind also ein preußischer Landsmann Ihres vortrefflichen Ministers. Diese ehemals preußischen Provinzen unsers Reichs waren zu der von Friedrich über ihre natürliche Größe getriebenen Monarchie noch nicht lange her zusammengebracht worden. Sie wurden in die Misgeschicke der Nachfolger jenes großen Königs verwickelt, und erhalten jetzt mit den übrigen Völkern unsers neuen Reichs den Anspruch auf einen ruhmvollen Rang unter den Nationen, den keine derselben unter der vielgetheilten Herrschaft hatte. Braunschweig und Hessen, von dem politischen System ihrer Nachbarn fortgerissen, erhielten sich – letzteres durch Ueberlassung seiner tapfern Soldaten in ausländische Dienste, Braunschweig durch die gute Verwaltung seines weisen Fürsten. Nun aber gibt die Vereinigung dieser nicht großen Staaten jedem derselben mehr Reichthum und Kraft. Es fallen die Hemmnisse ihres Handels und Wandels hinweg; eine Nation erhebt sich, wo Provinzen waren – Gemeingeist, wo locale, ja persönliche Interessen die Einsicht beschränkten. Jene, dem allgemeinen Glück verderblichen Vorurtheile, in einem engen Kreise einheimisch, verschwinden in einem weiten Reich.

Mit wenig Worten stellen Ew. Excellenz dem jungen Königreiche Westfalen eine herrliche Zukunft in Aussicht, erwiderte Hermann. Dies Westfalen ist eben noch ein, Siebenmonatskind, das – ich will nicht sagen viel verspricht, doch viel erwarten läßt. Aber freilich, wenn das neue Reich etwas werden soll, müssen eben zwei Napoleons zusammen wirken – der Kaiser, von dem die befruchtende Atmosphäre des europäischen Friedens abhängt, und der König, der den Grund und Boden seines Thrones mit Weisheit anzubauen hat.

Bravo! rief Simeon, und gegen seine Damen: Er spricht gut, nicht wahr?

Dann fuhr er gegen Hermann fort:

Sie haben sehr wahr gesprochen, mein Herr. Aber ich glaube, unser Bewirthschaftungsplan für diesen Grund und Boden ist gut. Alle Unterthanen sind vor dem Gesetze gleich, alle Formen der Gottesverehrung von demselben Gesetze beschirmt; nicht nach dem Namen eines Glaubens, nach seinem Wandel wird Jeder geschätzt. Alle Dienstbarkeit ist aufgehoben; freie Männer treiben allerwärts Jeder das Werk seines Fleißes; für sich und für ihre Kinder thun sie es, und kein Gebieter theilt den errungenen Sparpfennig: nur rechtmäßige Erkenntlichkeit für das erworbene Gut bringt Jeder in seinen Abgaben dar. Eines darf ich nicht vergessen, was zumal in Deutschland hochgeschätzt wird: der öffentliche Unterricht ist unter die Leitung des berühmten Schriftstellers gegeben, den seine Zeitgenossen mit dem Namen des deutschen Tacitus beehren, und der, selbst unvermählt, seine Liebe unsern Universitäten widmet – diesen Müttern der Wissenschaften. Sie kennen ihn; er ist mein Freund, Papa Müller.

Ich kenne ihn, erwiderte Hermann, und weiß, wie er hinwieder von Ew. Excellenz denkt. Es ist für einen jungen Mann, der sich eben dem öffentlichen Dienste widmet, eine erhebende Freude, sogleich zwei Männern zu begegnen, die auf der hohen Stelle, die sie einnehmen, und in der Bewunderung, die sie verdienen, einander rühmend anerkennen.

Schön gedacht! versetzte der Minister. Und hören Sie! Ein junger Mann, der mit so gewinnendem Organe sich in den zwei Sprachen ausdrücken kann, wie Sie, findet in der für Deutschland neuen Einrichtung der öffentlichen Staats- und Gerichtsverhandlungen ein lorberenreiches Feld. Wo haben Demosthenes und Cicero, die Meister der Beredtsamkeit des Alterthums, aufgeklärtere Bewunderer als in Deutschland? Und sollte sie unfruchtbar bleiben, diese Bewunderung? Im Staatsrathe faselt man von den Nachtheilen des mündlichen Verfahrens vor Geschworenen. Ei was! Eine Nation, wie die deutschwestfälische, die mehr denkt und sich weniger aufregen läßt als jene, bei welcher die Redekunst in verjährter Uebung ist, wird dem Misbrauche des mündlichen Verhandelns leichter entgehen und nur dessen Vortheile genießen.

Sie wurden durch die Erscheinung eines interessant aussehenden jungen Mannes unterbrochen, der lebhaft und unangemeldet durch eine innere Thür eintrat, und beim Anblicke Hermann's sich entschuldigte, daß er so hereinstürme; er habe die Damen drüben bei Mademoiselle Heberti gesucht. Dann rief er:

Ah, guten Tag, Papa Simeon! Excellenter Papa!

Guten Tag, Allerweltsvetter! versetzte der Minister, und zu Hermann:

Ich weiß nicht, ob Sie ihn kennen? Herr Cousin von Marinville, also Cousin für Jedermann.

Und indem er diesem das vom Tische genommene Billet überreichte, sagte er:

Da, lesen Sie selbst, wer dieser charmante junge Mann ist, und lassen Sie ihn auch sich empfohlen sein.

Marinville durchlief die Zeilen, warf dazwischen einen schelmischen Blick auf Hermann und nach der Dame Simeon, und rief dann, Hermann artig begrüßend, in seiner leichtfertigen Liebenswürdigkeit lachend aus:

Aber, ma foi, ich kenne Sie schon, oder ich weiß vielmehr von Ihnen durch Bercagny. Ecoutez, Mesdames! Der Spitzbube Bercagny wollte den Herrn da für seine geheimen Schelmereien angeln, aber Sie haben ihn durchschaut, mein Herr, und ihn allerliebst abgefertigt!

Dem schlauen Marinville entging es nicht, daß er den jungen Mann ein wenig überrascht hatte. Er nahm es aber ganz leicht, indem er fortfuhr:

Sie haben ihm imponirt; er ist Ihnen darum aber nicht gram. Bercagny ist reizbar, allerdings, aber er trägt nicht nach. Er hatte dem König Wunderdinge von Entdeckungen versprochen, und mußte bekennen, daß er sich doppelt geirrt habe – in Ihren Verbindungen und in Ihrer Bereitwilligkeit, sich brauchen zu lassen.

Als er im Laufe der Unterhaltung hörte, daß Hermann im Ministerium des Herrn von Bülow arbeite, rief er aus:

Sie sollten sich den diplomatischen Geschäften widmen, mein Herr, wenn Sie doch einmal die wissenschaftliche Carrière verlassen. Ihr feiner Blick, Ihre gewandte Klugheit finden sich bei sehr wenig jungen Deutschen, die sich für die auswärtigen Beziehungen bestimmen.

Und wie ist er des Französischen mächtig! bemerkte der Minister.

Und wenn man für die Geschäfte des Aeußern selbst ein gewisses Aeußere verlangt –!

Madame Simeon endigte ihren Satz mit einer lächelnden Verneigung gegen den jungen Mann, worauf Marinville mit verschmitztem Zuwinken und zweideutigem Ausdruck versetzte:

Ah! nicht wahr, Madame! Wohin könnte man einen so gewandten und angenehmen Deutschen nicht verschicken!

Die Ministerin, die den Schalk verstand, brach in ein Lachen aus. Um es aber zu beschönigen, sagte sie rasch zu Hermann:

Was der Cabinetssecretär für ein Schlaukopf ist! Gleich faßt er eine neue, interessante Bekanntschaft von der Seite auf, wo er sie seinem Könige zu empfehlen denkt, nur um sich auf seinen Scharfblick etwas zugut zu thun. Rechnen Sie ihm seine guten Dienste ja nicht zu hoch an, Herr Doctor; er thut Vieles aus Eitelkeit!

Hermann selbst war nicht weniger eitel, als die besten jungen Leute sein mögen. Allein gegen stark aufgetragenes Lob, oder was irgend wie eine Schmeichelei aussah, hatte er einen zarten Widerwillen und aus Verlegenheit eine eigenthümliche Art es aufzunehmen, indem er es mit graziösem Lächeln und wegwerfender Kopfbewegung unbeantwortet ließ. Die schalkhaften, absichtvollen Hintergedanken der Madame Simeon und Marinville's konnte er nicht errathen; er nahm Alles für heitere französische Conversation, und war gewandt genug einzugehen, indem er auf die letzte Aeußerung der Dame des Hauses lächelnd erwiderte:

Sollte Herr von Marinville wirklich so eitel auf seinen Scharfsinn sein, Madame, so wollen wir ihm gleich einen Possen spielen. Wenn er mich zum Diplomaten vorschlägt, so bringt er sich um allen Credit, er ist bei Sr. Majestät ruinirt!

Alle, auch der Minister, lachten herzlich, und der Freund setzte hinzu:

Nein, ich will mit unserm Adel auf diplomatischem Fuß nicht um die Wette laufen.

Ei was! rief der etwas pedantische Simeon, zu Anstellungen, Aemtern und Würden gibt kein Familienname ein Vorrecht; sie gehören den auszeichnenden Gaben. Der Adel darf nur eifersüchtig auf Edelmuth und Uneigennützigkeit sein. Wir gestatten ihm nach unserer Constitution keine Vorrechte. Nur wenn er einen Vorzug durch die Eigenschaften behauptet, auf die er ursprünglich sich gründet, respectiren wir ihn. Dann vereinigt er Rechte der Gegenwart mit jenen vergangener Jahrhunderte, und wir lassen ihn als Beispiel und Muster für die andern Classen der Staatsbürger gelten.

Inzwischen hatte Marinville neben Madame Simeon Platz genommen und war in leisem Gespräche mit ihr begriffen, als Hermann sich empfahl. Die Ministerin entließ ihn mit der sehr artigen Einladung zu ihren Freitags-Assembléen. – Da es aber erst Sonntag ist, und mein Mann und dieser Marinville Sie fast allein gehabt haben, sagte sie, so erwarte ich Sie morgen Abend ganz privat für uns Damen, damit wir uns vor gemischter größerer Gesellschaft erst besser kennen lernen. Ich habe den glücklichen Blick meiner lieben Cecile nicht, die mir schon zugeflüstert hat, Sie seien der liebenswürdigste Deutsche, den sie bis jetzt kennen gelernt.

O Maman, Sie sind recht grausam! rief Cecile verschämt, und Hermann war von der ungemein angenehmen Stimme des bis jetzt schweigsamen Mädchens ganz überrascht.

Ei, Mademoiselle, fiel Marinville ein, immer wieder Ihre strengen Grundsätze! Warum soll uns denn eine liebenswürdige junge Dame nicht sagen dürfen, daß wir ihr gefallen?

So dachte ich auch, sagte Frau von Simeon; wer weiß denn aber, was Cecile dabei denkt. Lassen wir sie!

Und dem abgehenden Hermann rief sie nach:

Lassen Sie sich nur gleich bei mir anmelden, Doctor! So entgehen Sie auch dem Zimmer des Ministers, der Sie sonst vielleicht zu einer Partie Schach bei sich behält.

Hermann verließ das Palais etwas aufgeregten Ganges und vergnügten Lächelns. Es kam Mehres zusammen, was ihn so heiter und etwas exaltirt stimmte. So ablehnend er auch die einzelnen Artigkeiten aufgenommen hatte, so schmeichelhaft blieb doch in seinem Gemüth der Gesammteindruck zurück, der ihm sagte, er habe Aufmerksamkeit erregt und gefallen, und er dürfe mit seinem freien Benehmen und seinen gewandten Repliken zufrieden sein. Die Gabe glücklicher Einfälle und rascher Antworten, eine Mitgift seiner lebhaften französischen Mutter, hatte ihm zwar nie ganz gefehlt; doch ein durch seine Studien gestärkter Hang zum Reflectiren und manche Erlebnisse, die diese Neigung nährten, hatten ihm in letzter Zeit zuweilen die Unmittelbarkeit dieses Mutterwitzes etwas verkümmert.

Hermann hatte heut abermal die Erfahrung gemacht, wie gewisse Personen lähmend, andere dagegen anregend auf die Kräfte unserer Seele wirken. Auf sehr verschiedene Weise hatten Cecile und Marinville sein Selbstgefühl gesteigert. Der Vertraute des Königs hatte ihn durch die kecke Anmuth seiner gewinnenden Persönlichkeit eingenommen. Wie beneidenswerth erschien dem jungen Freunde der leichtherzige Frohsinn, der es mit den Begegnissen unserer Werktage, woran sich Andere abängstigen, so lachend nimmt, und lieber Goldmünzen für Dantes ansieht, als solchen Spielmarken einen höhern Werth beilegt. Der Ausspruch fiel ihm ein: die wahre Lebensweisheit bestehe ja eben darin, daß man im Spiel des Lebens die Wechsel der Würfel und die Werthlosigkeit der Rechenpfennige erkenne. Offenbar war dies günstige Urtheil Hermann's durch die scherzende Weise bestochen, wie Marinville sich über Bercagny geäußert hatte, was den Freund erst ein wenig erschreckte, jetzt aber ihn ein für allemal über alle heimliche Besorgniß hinaussetzte.

Ganz entgegengesetzter Art war der Eindruck, den Hermann von Cecile empfangen hatte. Es war ihm, als ruhe ein Geheimniß auf ihrer Erscheinung und der Einfluß, den sie um sich her ausübte, sei ein Zauber. Sie hatte die ganze Zeit über fast nur mit den Augen gesprochen, und als sie einmal aufgestanden und durch das Zimmer gegangen war, hatte Hermann eine so eigens schwebende Bewegung noch nie gesehen. Wenn er in seiner jetzigen Nachbetrachtung Cecile mit Lina verglich, so empfand er recht lebhaft, daß ihm die Französin nicht eigentlich gefiel, aber daß sie fesseln konnte. Man ward bestrickt von ihrem anmuthig leisen Weben, aber auch unruhig unter dem Eindrucke des Geheimnißvollen; sie hing sich Einem an, wie ein Räthsel, das man gern lösen möchte, wenn auch nur um seiner los zu werden.

Bei diesem Vergleiche fühlte sich Hermann auch nicht gestimmt, gegen Lina mit soviel Interesse von Cecile zu sprechen, als er augenblicklich empfand. Er fürchtete, durch seine mysteriösen Nachrichten einen falschen Eindruck zu geben, oder daß die liebe Freundin gar auf den Gedanken einer Heirath fallen könnte. – Einer Heirath? lachte Hermann wegwerfend, und doch nicht ohne Behagen. Ja, wenn ich wie Paesiello, der Componist Napoleon's, ein » Matrimonio inaspettato« componiren wollte! Nein, was weiß ich denn vom innern Gehalte Cecile's! Und da mir Lina doch einmal nicht bestimmt war, so – nun so thu' ich's wenigstens nicht unter der Hälfte ihres edeln Werthes! Die Juristen haben ja bei ganz gewöhnlichen Verträgen, durch die man um den halben Werth des Vertragsgegenstandes zu kurz kommt, eine namhafte Klage; ich will nun einmal keine Ehe, durch die ich über die Hälfte von Lina's Liebeswerth verletzt würde. Keine laesio ultra dimidium! Lieber will ich um die ganze Ehehälfte, als um die Hälfte meiner herrlichen Lina kommen!



 << zurück weiter >>