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Viertes Capitel.
Einblick in die Finanzen.


So lebhaft sich der König schon von den bloßen Repräsentationen des Reichstags nach einigen Stunden der Lust oder der Belustigung sehnte, so froh war auch sein Finanzminister, als er die schwierigsten Vorarbeiten für den Reichstag hinter sich hatte. Die verschiedenen Commissionen für die Finanzen, für die Civil- und für die Criminalgesetzgebung waren durch Wahlen der ersten Reichstagssitzung gebildet; der König, nach Napoleonshöhe zurückgekehrt, hatte hier auf dem Thron, von den Großbeamten der Krone und den Ministern umstanden, die Botschaft des Reichstags mit der feierlichen Adresse empfangen, und die wichtigsten Gesetze gingen nun aus dem Staatsrathe zur Berathung der Stände. Jetzt sah der aufathmende Minister gern einen vertrauten Freund bei sich, und nahm Aufwartungen an, – beides in seinem beidlebigen heitern Gemach.

Auch Hermann, auf einen Wink Provençal's, ließ sich eines Morgens anmelden, als eben Nathusius da war, mit dem sich Herr von Bülow in Erinnerungen an die magdeburger Stunden herzlicher Freundschaft erging. Er ward um so freundlicher angenommen, als auch Nathusius sich über den jungen Freund gleich sehr günstig äußerte. Bülow, durch die einfache, wohlwollende und vertrauensvolle Behandlung seiner Untergebenen bei Allen beliebt, wußte denn auch den jungen Mann bald ganz behaglich zu setzen.

Ich höre mit Vergnügen, sagte er, daß Sie es mit unsern Geschäften versuchen wollen. Es sollte mich freuen, wenn diese Arbeiten Sie nach und nach so anzögen, daß die bisher betriebenen Wissenschaften Ihnen desto mehr zur Erholung und Erhebung dienten, statt daß Sie selbst im Frohndienste derselben zu arbeiten dachten. Wir wollen unsere Uebereinkunft gleich einfach abmachen. Mein Generalsecretär Provençal ist des Deutschen im schriftlichen Ausdrucke nicht so ganz mächtig. Ich will aber unsere Sprache im Geschäft mächtig haben. Um jedoch neben dem Französischen, das von oben begünstigt wird, nicht nur mit Ehren zu bestehen, sondern sich auch gegen die fremde zu behaupten, muß unsere Actensprache sich verjüngen, den Schlendrian und die steife Schwerfälligkeit ablegen, und sich leicht, kurz und klar bewegen lernen. Auch braucht Provençal bei den zunehmenden Arbeiten meiner Bureaux in andern Stücken Hülfe. Zu diesem und jenem sind Sie mir erwünscht, dort durch Ihre Sprachgewandtheit, hier durch Ihr gutes Vernehmen mit Provençal, dem ich Sie jetzt unbedenklich vorerst als Subnumerär an die Seite geben kann. Ich selbst behalte mir vor, Ihnen für die einzelnen Geschäfte mündlich Anleitung und Gesichtspunkte zu geben, und wenn Sie sich dazwischen durch Studien und Nachschlagen guter Schriften über Volks- und Staatswirthschaft in die Grundsätze und Principien unsers Schaffens mehr und mehr einweihen, so werden Sie sich unvermerkt au fait der Geschäfte sehen. Sie werden den ganzen Betrieb wie ein Uhrwerk unter Glas durchblicken. Ich vertraue Ihren Gaben, und da ich auch Ihrer Gesinnung vertraue, so legen Sie mir blos Handgelübde darauf ab, daß Sie stets nach meinen Anweisungen und nach Ihrem besten Gewissen handeln wollen. Nicht wahr?

Er reichte seine Rechte hin, in die Hermann mit Rührung und zugleich mit heiterstem Muth die seinige legte.

Bülow öffnete die Thür neben seinem Schreibtische und sagte:

Sehen Sie, hier ist ein freies Cabinet mit einem Pult und einem Sessel. Hier sollen Sie vor der Hand arbeiten. Sie haben mich hier nahe, wenn ich anwesend, und mein Zimmer hat Sie zur Aufsicht nahe, wenn ich auswärts bin. Aus diesem Vorbereitungsdienste lerne ich Sie selbst genauer kennen, um Sie dann dem König zu einer besondern Stelle vorzuschlagen. Bis dahin müssen Sie sich freilich statt festen Gehalts mit Gratificationen begnügen, die ich Ihnen theils anweisen, theils auswirken kann. Nicht wahr?

Ich weiß nicht, ob ein Lehrling Lohn annehmen darf, Excellenz? sagte Hermann mit lächelnder Ablehnung.

Sie thun sich zu nahe, wenn Sie sich nach Dem, was Sie vermögen und was ich Ihnen zumuthen werde, einen Lehrling nennen wollen, erwiderte Bülow, und ward von Nathusius unterbrochen, der mit Freundlichkeit sagte:

Wenn ich ein Wort d'rein reden darf, so weisen Sie ja kein Geld von sich, mein lieber Doctor. Ein junger Mann soll nie anspruchlos in die Welt treten, die selbst Ansprüche genug an ihn macht. Ueberdies, mein Freund, während Sie sich mit Weltweisheit beschäftigt haben, hat sich die Weisheit der Welt umgewandelt. »Wer jetzt praktisch auf die Welt einwirken will«, schrieb mir jüngst ein Freund, »muß streben, zu vielseitigem Besitz zu gelangen; denn alle höhern Formeln haben sich jetzt in geprägte Zahlzeichen umgesetzt, mit denen allein sich noch einige Zauberei treiben läßt. Die Schlechtigkeit und die Gemeinheit streben immer deutlicher sich in den Alleinbesitz aller Güter zu theilen, und man kann ihnen nicht wirksamer entgegentreten, als daß man ihnen von ihrem Raub entreißt soviel als möglich. Geld ist jetzt das erste Werkzeug des Despotismus, und dieses Werkzeugs muß sich Der bemächtigen, der eine Gegenwirkung üben will.«

Sehr wahr in der Sache und mit Geist ausgesprochen, mein lieber Nathusius! sagte Bülow. Und das führt uns auf unser abgebrochenes Capitel zurück.

Bei diesen Worten machte Hermann die Bewegung, sich zu empfehlen, um nicht zu stören. Doch der Minister hieß ihn bleiben.

Ein Blick in die Geschäfte muß auch Sie jetzt interessiren, obgleich wir als Freunde davon sprechen. In diesem Zimmer mischen sich Geschäft und Unterhaltung, und diese Wände, diese Decke verschließen beides hermetisch gegen draußen.

Er sprach die letztern Worte mit Blick und Nachdruck, daß es als warnender Wink nicht zu verkennen war, und fuhr dann gegen den ältern Freund fort:

Ja, lieber Nathusius, mit der Excellenz ward mir eine schwere Last auf die Schultern gelegt. Denken Sie sich auf der einen Seite eine Ländermasse, bisher regiert von verschiedenen Fürsten, nach verschiedenen Gesetzen, Verfassungen, Gewohnheiten, eine Ländermasse, die unter feindlicher Unterjochung die größten Opfer gebracht hat, und nun dem französischen Reiche zugleich befreundet und tributär bleiben soll; auf der andern Seite ein König, aus dem Privatstande auf den Thron gehoben, der für nichts Sinn hat, als für den Glanz der Krone, für Verschwendung und sinnlichen Genuß, und um ihn eine Menge Abenteuerer, die abwechselnden Einfluß auf ihn üben, mit ihm zu schweigen und durch ihn sich zu bereichern. – – Ich rede nicht als Finanzminisier, sondern als guter Preuße zu guten Preußen!

Er reichte beiden Zuhörern die Hände hin; beide drückten sie herzlich und Nathusius nahm das Wort:

Und nun ein Staat, verehrter Freund, von noch nicht zwei Millionen Einwohnern, die, vom Kriege heimgesucht, noch fortwährend Truppendurchzüge zu tragen haben, dessen Grundbesitzer und Gemeinden mehr oder weniger verschuldet sind, der eine Staatsschuld über hundert Millionen Francs hat, dessen Gewerbthätigkeit gehemmt ist, wo Fabriken nur unter Aufopferungen von Seite der Regierung bestehen; ein Land, dessen Geldquellen auf Getreide- und Wollausfuhr wie auf den Durchgangshandel beruhen: auf Erwerbszweigen, die der Seekrieg völlig vernichtet hat – das ist die Bühne für die Action eines Finanzministers in Westfalen!

Nun ja, lächelte Bülow, machen Sie nur, daß alle Ihre Collegen das so klar einsehen! Herr Malchus wird als Redner des Gouvernements den Ständen in nächster Sitzung bei der Gesetzvorlage über die öffentliche Schuld die Nothwendigkeit einer Anleihe von zwanzig Millionen Francs darthun. Die Herren Abgeordneten werden zuerst die Köpfe schütteln, dann aber diese Köpfe doch in die Höhe strecken müssen, um Ja zu sagen.

Gut! Aber, wo wollen Sie denn die Hand hinstrecken, um zu borgen – heißt das, geborgt zu bekommen? fragte Nathusius. Westfalen als Staat ist noch zu jung, und hat gleich zu lustig angefangen, um Credit zu haben. Credit ist das bei nachhaltigen Finanzquellen durch fortgesetzte pünktliche Erfüllung der Verbindlichkeiten schwer zu erlangende Vertrauen der Welt. Sie, lieber Bülow, sind der Mann, dem Staat Credit zu schaffen, das heißt – nach und nach!

Und doch hab' ich Hoffnung, mein Freund, erwiderte der Minister, ja, ich habe Zusagen aus Holland. Dort, wissen Sie, liegen große Summen müßig wegen Hemmung des Handels. Ein bedeutendes Handelshaus verspricht mir sogar ein leichtes Geschäft und unser Gesandte in den Niederlanden, Baron Münchhausen, stimmt diesen Zusagen bei.

Münchhausen? lächelte Nathusius.

O Sie denken an jenen fabelhaften Münchhausen, der sich, als er im Sumpf steckte, am eigenen Zopf herauszog, nicht wahr? versetzte Bülow. Nein, diese Parole zu einem Geldgeschäft soll uns nicht gelten; wir brauchen eine bessere Firma.

Faust, der Kammerdiener des Ministers, meldete einen Polizeicommissar. Zu Hermann's Ueberraschung trat der ihm jetzt so verdächtige Würtz herein und übergab ein leichtes Actenheft mit einem verschlossenen Schreiben. Während der Minister beides durchlief, kam Nathusius in leisem Gespräche mit Hermann auf die sieben liebenswürdigen Haustöchter. Der junge Freund hörte ihm aber nur sehr zerstreut zu. Er dachte an das Anliegen der Gräfin Antonie, das ihm drückend und doch zweifelhaft auf dem Herzen lag. Und da er dabei fortwährend nach diesem Würtz blicken mußte, fiel ihm die Unruhe auf, mit welcher dieser Mensch das Zimmer durchspähte und sich dabei so vergaß, daß er zusammenschrak, als ihn der Minister, freilich ziemlich lebhaft, anredete:

Empfehlen Sie mich dem Herrn von Bercagny, und ich ließ freundlich danken für die Mühe, die er sich gäbe, den Pasquillanten zu entdecken. In meinen Bureaux stäke er aber nicht; von meinen Untergebenen beneide Niemand meine Stellung. Mich beruhige, daß der Versifex unentdeckbar sei, sodaß ich wol nicht in die Verlegenheit käme, mich für ihn zu schämen. Sagen Sie dem Herrn Generaldirector, er möge gelassen thun, nur soviel als Sr. Majestät genüge; mir sei schon genug geschehen. Und hier nehmen Sie die Acten wieder mit!

Sobald Würtz hinaus war, sprach Bülow weiter:

Will mir der – Mensch vorspiegeln, der Thäter dürfte vielleicht unter meinen Leuten stecken. Als ob ich die Partei nicht kennte, die – Aber, reden mir nicht mehr von der Albernheit. Wäre es Ihnen jetzt gefällig, lieber Nathusius, hinüber zu meiner Frau zu gehen? Ich will inzwischen unsern hoffnungsvollen Finanzmann in die Bureaux einführen und ihn meinen Leuten vorstellen. Kommen Sie, lieber Herr Doctor!



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