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Siebentes Capitel.
Hermann docirt.


Dies Intermezzo hatte indeß einen geheimern Zusammenhang, wie wir wissen, als die Personen vermutheten, die es mit ziemlicher Heiterkeit durchgeführt hatten. Sie gingen nämlich nicht über den Argwohn gegen Bercagny und über die Voraussetzung einer parteilichen Gehässigkeit hinaus. Herr von Bülow aber, sobald er bei seiner Rückkunft den verdrießlichen Vorfall vernahm, suchte tiefere Beziehung, wie er auch die Verhältnisse und Persönlichkeiten tiefer durchblickte. Er erinnerte sich jetzt, an jenem Morgen Bercagny beim König angetroffen, und bei seinem Urlaubsbegehr eine lebhafte Bewegung desselben und einen bedeutsamen Blick des Königs bemerkt zu haben. Auch war ihm gleich die große Bereitwilligkeit, ja eine gewisse Hast ausgefallen, womit Jerôme den Urlaub bewilligt hatte. Dieser Umstand bestätigte den Minister in seiner Vermuthung, daß die glücklicherweise nicht gelungene Durchspähung seiner Privatpapiere doch nicht ohne des Königs Zustimmung und vorausgegangene Verabredung unternommen worden sei.

In diesem Verdacht bestärkte sich Herr von Bülow noch mehr, als er sich auf Napoleonshöhe wieder präsentirte. Denn die ungemein vertrauliche Aufnahme, womit ihm der König entgegenkam, verrieth doch zu offenbar eine gutmüthige Bemühung Jerôme's, seinen gekränkten Minister versöhnlich zu stimmen. Dieser aber benahm sich so gemessen, daß der Vorfall gar nicht zur Sprache kommen konnte.

Denn Herr von Bülow war durchaus nicht gemeint, die ihm widerfahrene Verletzung stillschweigend hinzunehmen. Was er auch dem unbedachten Jerôme hätte nachsehen mögen, durfte er der ihm feindlichen Partei nicht hingehen lassen, gegen die er sich jetzt in Vortheil setzen konnte. Er entwarf daher eine nachdrückliche Beschwerde gegen Bercagny, in dessen vom Agenten Würtz eingestandenen Auftrage der verbrecherische Einbruch in seine Papiere versucht worden sei.

Der König konnte die Sache, die schon im Publicum ruchbar geworden war, nicht unterdrücken oder kurzweg abthun. Er brachte sie nach genommener Rücksprache mit Bercagny in den Staatsrath. Hier erregte sie eine lebhafte Verhandlung. Die Gegner Bülow's boten Alles auf, den Gegenstand der Beschwerde, als vom Standpunkt einer geheimen Polizei unter Umständen nicht ungerechtfertigt, niederzuschlagen; die Freunde Bülow's aber, die von des Königs Vorwissen und Billigung des Geschehenen Winke erhalten hatten, ließen es, aus Furchtsamkeit nach oben, an Nachdruck zu Gunsten des Ministers fehlen, sodaß die gefoderte Genugthuung schon in die Brüche zu fallen schwebte, als der ehrliche Simeon, jeder Parteilichkeit und Intrigue fremd oder feind, noch einmal das Wort nahm. Er wies nach, welchen betrübenden, das öffentliche Vertrauen untergrabenden Eindruck es im Lande und auf++ die eben versammelten Abgeordneten der Nation machen müsse, wenn man einen Minister, der sein vermeintes Talent und seine feurigste Thätigkeit an das Wohl des Königreichs gesetzt habe, in den Verdacht politischer Umtriebe, landesfeindlicher Verbindungen und der Conspiration werfe, oder wenn man den Muth und die Würde nicht habe, ihn zur öffentlichen Untersuchung und Verantwortung hervorzuziehen, falls Anzeigen einer solchen Schuld gegen ihn aufträten. – Aber nichts davon liegt vor, rief er im Verlauf seiner Rede. Ich, der Justizminister und ein Franzose, verpfände mich für meinen deutschen Collegen, der freilich von einer französischen Partei im deutschen Westfalen nichts wissen will und darum verdächtigt werden soll. Denn, o wer durchblickte hier nicht die verwerflichen Bemühungen einer dem Ehrenmanne feindseligen Genossenschaft! Ich rufe hier mit Tacitus: » Causa periculi non crimen ullum aut querela laesi cujusquam, sed gloria viri ac pessimum inimicorum genus«, oder in unserer Sprache: »Kein Grund einer Gefahr liegt hier in einem Verbrechen vor, oder auch nur in der Beschwerde irgend eines Unterdrückten, sondern blos im Ruhme des Mannes und in der gehässigen Rotte seiner Gegner.« Wer mag da Minister sein, wo der Briefwechsel der Familie nicht sicher liegt vor einschleichenden Spionen der Polizei, vor autorisirtem Einbruch in die Geheimnisse der Herzen! Jedenfalls werden die Urheber dieses verwegenen Versuchs in Person vortreten müssen, wenn demnächst der Kaiser Napoleon fragen wird, was der mishandelte Mann seiner hohen Gunst verbrochen habe.

Diese letzte Drohung schlug mehr durch als Alles, und wirkte besonders auch auf Jerôme. Für ihn war es keine geringe und nicht einmal eine ganz geheime Pein, daß er zu Bülow's Genugthuung seine königliche Misbilligung über ein Unternehmen aussprechen mußte, zu dem er voraus seine Genehmigung gegeben hatte. Ueberdies wurde durch Staatsrathsbeschluß für Bercagny Hausarrest und dem Agenten Würtz Castellstrafe zuerkannt.

Bercagny, so empfindlich ihm zuerst der Vorfall, auch inmitten der Angst um sein Kind, gewesen war, so heiter trug er jetzt seine Strafe. Er wußte, wie hoch es ihm der König anrechnen werde, daß er stillschweigend den mislungenen Einbruch auf seine eigene Verantwortung übernommen hatte. Ueberdies war auch sein Liebling auf dem Wege der Besserung, außer Gefahr, und die gemüthliche Beschäftigung, das Spielen und Kosen mit dem anmuthigen, ihm wiedergeschenkten Geschöpfe – das Süßeste, was ihn selbst bei voller Freiheit im Zimmer gefesselt hätte –, ließ ihn die Stunden und Tage des Hausarrestes leicht verschmerzen, ja vergessen. Er fühlte sich so froh, so hoch und wohlwollend gestimmt, daß besonders auch der Arzt seine dankbare und freimüthige Gesinnung zu erkennen bekam. Bercagny hatte ihm ein reiches Geschenk ins Haus geschickt, und als Harnisch hierauf seinen Abschiedsbesuch machte, übergab er ihm noch beim Weggehen ein Päckchen mit den lächelnden Worten:

Nehmen Sie noch dies mit nach Hause, Doctor! Tenez! Es sind nicht Ihre glücklichen, Ihre vortrefflichen Recepte für meine liebe Rosalie, sondern andere, die von Ihrem eigenen guten Befinden mögliche Gefahr abwenden können. Nehmen Sie, stecken Sie ein! Freilich – Ihre künftige Diät müssen Sie darnach einrichten!

Harnisch konnte dem Päckchen anfühlen, daß es zusammengelegte Papiere enthielt. Er dachte an das von ihm unterschriebene Protokoll gegen Würtz, und reizbar, wie er war, schoß ihm das Blut ins Gesicht. Doch Bercagny drückte ihm mit so wohlwollendem Lächeln die Hand, daß er sich faßte und empfahl.

Bercagny begleitete ihn bis an die Stubenthür, wo er, sich verneigend, sagte:

Nehmen Sie das Geleit eines Stubenarrestanten mit sich, Doctor!

Harnisch konnte es nicht erwarten, bis er nach Hause kam; um die nächste Ecke geeilt, riß er das Päckchen auf. Da fiel ihm ein Halbdutzend seiner eigenen Briefe in die Hand, die an auswärtige vertraute Freunde geschrieben und, von der geheimen Polizei aufgefangen, Manches enthielten, was ihn zu bitterm Verdruß hätte gewendet werden können.

Er erröthete noch einmal, lächelte und steckte das Päckchen ein. Zartfühlend, wie er Alles nahm, rechnete er dem Polizeichef, vielleicht unverdientermaßen, diese Auswechselung der Briefe gegen das unterschriebene Protokoll für einen Zug von Edelmuth an.

Es ist doch 'was Nobles in dem Chevalier Capucin! flüsterte er vor sich hin. Soviel ist wahr – ab- und zuzugeben verstehen die Franzosen besser als unsere hessische –.

Er schlug sich mit den Fingerspitzen der rechten Hand auf den Mund und grüßte sehr artig nach dem Fenster eines dritten Stockes hinauf, aus dem eine junge hübsche Dame freundlich herabnickte.

 

Für Hermann hatte der polizeiliche Zwischenfall die angenehmsten Folgen. Sein Benehmen in dieser für Herrn von Bülow allerdings bedrohlichen Sache galt dem Minister, vielleicht noch in höherm Grad als es allerdings gemeint war, für einen Beweis persönlicher Ergebenheit. Je vergnügten es ihn im Stillen machte, daß durch gute Fügung seine preußische Correspondenz den Einblicken seiner Gegner entgangen war, desto lebhafter fühlte er sich dem jungen Manne verbunden, dessen Aufmerksamkeit und kluges Benehmen er nicht genug rühmen konnte. Er zog ihn jetzt gern in den häuslichen Kreis von Vertrauten, die er öfter zur Tafel oder Abends um sich versammelte. Und je genauer er ihn dadurch von Seite seiner Talente und kernhaften Gesinnung kennen lernte, desto mehr wendete er ihm von jener heitern Vertraulichkeit zu, die dem Baron so natürlich war. So fügte es sich, daß der junge Freund zugleich auch an Einsicht in die Geschäfte, an Einblick in die Lage Deutschlands und an Urtheil über Weltverhältnisse gewann.

Bei der Baronin stand Hermann schon von früher her in Gunst, und sie schenkte ihm bald den Vorzug vor dem ältern Hausfreunde Provençal, dessen sentimentale Ergebenheit der heitern Frau – so gern sie sich in kleinen Coquetterien gegen liebenswürdige Männer gehen ließ – doch ebenso wenig als die kühnere Huldigung des Hausarztes gefallen wollte.

Manche unschätzbare Stunde wurde dem Freund in diesem Kreise liebenswürdiger Menschen zu Theil, die an Bildung und Wohlwollen ebenso reich als für Alles, was edle Menschen angeht, empfänglich waren.

Ein anderer Vortheil entsprang für Hermann daraus, daß der Minister keine Gelegenheit vorüberließ, wo er ihn den hohen Beamten und vornehmen Personen, die zu Besuch kamen, vorstellen konnte. Er that dies auf eine Weise, wodurch der junge, untergeordnete Mann selbst ausgezeichnet und für die höhere Gesellschaft hervorgehoben wurde. Es herrschte damals ohnehin, wenigstens in manchen Kreisen, ein so leichter Umgangston, daß man mit einer liebenswürdigen Persönlichkeit manche Stufe des Dienstranges überspringen konnte.

Die Franzosen, von Haus aus mehr als die Deutschen gestimmt, persönliche Vorzüge über die bürgerliche Stellung gelten zu lassen, waren überdies selbst großentheils Emporkömmlinge, und der deutsche Adel, der sich so manchmal erniedrigen mußte, war ordentlich froh, wo er einmal gegen einen ausgezeichneten Deutschen herablassend erscheinen konnte.

Unter Denjenigen, die sich in den ersten Tagen bei Herrn von Bülow einfanden, ihm nach jenem Verdruß ihre Theilnahme und Achtung zu bezeigen, erschien auch der Kriegsminister Morio. Hermann, der gerade im Zimmer war, wollte sich entfernen; aber Bülow hielt ihn zurück, um ihn – vielleicht nicht ganz ohne schalkhafte Absicht – dem General als Volontair im Dienst zu präsentiren. Für Hermann setzte dies eine augenblickliche peinigende Verlegenheit ab, aus der ihm aber Morio selbst half, indem er ebenso unbefangen höflich, als er früher unumwunden grob gewesen, den jungen Mann begrüßte.

O wir kennen uns schon! sagte er. Wir sind schon früher einmal ein wenig hart zusammengestoßen. Wir haben ein Scharmützel gehabt, und der Volontair hat sich gegen den General ganz tapfer gehalten; Es ist nur schade, lieber Baron, daß Sie ihn in die Finanzpartie gezogen haben; als geheimer Sprachmeister besaß er den Zauber, eine Schülerin schnell in eine Braut zu verwandeln.

Ich weiß davon, erwiderte Bülow, Ihr Schwager Fürstenstein hat mir's erzählt. Aber ich hoffe eben, dieser Zauber soll sich ihm für die Finanzen in die Kraft umsetzen, Alles, was er berührt, in Gold zu verwandeln, wie jener Midas, von dem ich blos die Ohren habe.

Ha, ha! lachte Morio, – bravo! C'est charmant! – Und zu Hermann gewendet, fuhr er fort:

Nun sind wir wieder gute Freunde, nicht wahr? Ihre Lectionen, so wüthend ich erst darüber war, haben mich zum glücklichen Bräutigam gemacht. Auch Adele ist Ihnen wieder gut. Und Sie haben sich vielleicht ihren Unwillen gar nicht erklären können? Sehen Sie, die Sprache war ihr zu schwer, auf die sie erst so versessen gewesen, und aus Aerger und Scham darüber faßte sie eine Wuth gegen den Lehrer und lief ihm fort – in meine Arme, um mich auf gut französisch zu lieben! Ha, ha! Aber Adele ist jetzt nicht mehr so launenhaft – elle est aimable, elle est charmante!

Hermann, erschrocken und bestürzt, verneigte sich, um nach seinem Arbeitscabinet zu gehen; aber Morio hielt ihn noch einmal zurück, indem er ihm nachrief:

Ha, mein Herr! Adele wird Sie gelegentlich sehen.

Unsere Hochzeit wird nächster Tage im Garten am Weinberg gefeiert werden. Wir werden uns das Vergnügen machen, Sie zu größerer Gesellschaft einzuladen, und Sie müssen kommen, Adelen Glück zu wünschen, – wenn auch nicht in Versen. Ha! ha!

Der Freund verließ mit einer stummen Verneigung das Zimmer, erschüttert und nicht im Stande, sich zu fassen. Die Erinnerung an jene letzte Stunde, die er mit Adelen gehabt, war wieder so lebendig geworden. Doch nicht dies war es, was ihn so bestürzte, sondern diese Auslegung ihres plötzlichen Hasses, der in seinen Augen noch einen sittlichen Werth gehabt hatte –! Welche entsetzliche Täuschung! Und – sie fiel auf ihn zurück! – – Von wem aber rührte sie her? War es eine bloße Einbildung, die sich der überraschte Morio zu seiner Beruhigung gemacht hatte? Oder war Adele fähig gewesen, dem Mann ihrer Rettung eine solche Finte vorzuspiegeln?.

Hermann lag mit gefalteten Händen in seinem Lehnstuhl, grübelnd, räthselnd, bis die angstvolle Ungewißheit in ein unsägliches Leid über die Täuschungen, Unwahrheiten und Bethörungen der Liebe überging, und eine zitternde Wehmuth sich seiner Seele bemächtigte.

Und zu dieser Hochzeit sollte er sich einfinden, und den Neuvermählten Glück und Segen wünschen?

Nimmermehr! rief es in seinem Innern. Und doch –! Wenn er Adelen unter die Augen träte, würde sie sich vielleicht ihres leichtfertigen Schrittes besinnen? Was durfte er in jener letzten Stunde wagen?

Indeß hielten solche Zweifel und Fragen seiner unerfahrenen Gewissenhaftigkeit nicht lange Stand. Wenn er wieder auf diese Leichtfertigkeiten des Tages hinblickte, auf dies in seinen Fundamenten aufgelöste Leben der Gesellschaft, auf dies gedankenlose Völkchen, das so lustig, wie eine Mückenschar in der untergehenden Sonne, tanzte, so kam er sich selbst lächerlich vor mit seinen Scrupeln, oder doch mit seinen Vorsätzen und Absichten. Er fand sich nur in der muthigen Erhebung zurecht, an seinem Theil Liebe und Ehe desto höher und heiliger zu halten, und wo er es vermöchte, geltend zu machen.

In diesen Empfindungen saß der junge Freund versunken, bis nach Morio's Abgang der Minister ihn wieder an das unterbrochene Geschäft rief, und er sich mit Gewalt zusammennehmen mußte.

Aber, eine stille Leidmüthigkeit verließ ihn den ganzen Tag nicht.

 

Zu Abend erwartete ihn Frau Lina. Luise Reichardt hatte endlich eine wiederholte Einladung angenommen, und Lina freute sich, ihre heimliche Revanche zu nehmen. Es galt eine eigentlich unüberlegte Kinderei, die gar leicht verrathen konnte, was sie verbergen sollte. Doch war es nur auf einen ganz vertrauten Cirkel abgesehen.

Den paar Eingeladenen zuvor erschien uneingeladen Frau Philippine Engelhard. Da sie an den Anstalten merkte, daß Gesellschaft erwartet wurde, hielt sie nicht lange mit ihrem Anliegen zurück.

Dies betraf ihren Reichstagsgast, den – wie ihn die gute Frau mit Nachdruck nannte – enorm reichen Fabrikanten Nathusius. Dieser näherte sich, ihrer vertrauten Mittheilung nach, auf herzliche Weise der Familie, bezeigte sein inniges Wohlgefallen an einer so einfachen und vergnügten Häuslichkeit, und die Art und Weise, wie er sich über das Glück einer wohlgetroffenen Ehe aussprach, ließ keinen Zweifel darüber, daß er noch späte Heirathsgedanken gefaßt habe.

Ich habe so 'was schon neulich bemerkt, sagte Lina, als ich bei Ihnen war. Es ist aber auch gegen einen so vortrefflichen Mann gar nichts einzuwenden, als daß er für Ihre Töchter schon etwas vorgerückten Alters ist. Wenn man aber nimmt, wie solid von Denkart, wie innerlich ernst und gediegen Ihre lieben, heitern Mädchen sind –!

Gewiß, gewiß! fiel Frau Philippine ein; – in meinen Augen wär's nichts Unpassendes und wär' ein großes Glück; nur weiß ich nicht, ob sein Wohlgefallen nicht etwa auf ein vielleicht unfreies Herz unter meinen Sieben fällt. In Herzlichkeit und verliebter Tändelei wendet sich der gute Mann meist an meine Therese –?

Lina, die wohl verstand, was das in ängstlicher Erwartung bewegte Mutterherz meinte, brach ab. Sie behielt sich Ueberlegung vor, und versprach recht bald zu kommen und sich mit ihr zu verständigen.

Eben kam auch Ludwig mit Hermann aus seinem Zimmer herüber, und kaum hatte Frau Engelhard sich bewegen lassen zu bleiben, als auch Luise erschien. Lina hatte nur noch einige Frauen gebeten, denen sie auch eine kleine Zurechtweisung zudachte. Ihre Absicht war nämlich, Hermann zur Entwickelung seiner Ansichten über die Ehe und eheliche Treue zu veranlassen. Sie kannte ihn darin, und hatte sich vorgesetzt, ihm recht warm und doch unbefangen beizustimmen, und sodann Luisen das Blatt mit den Zehn Geboten aus dem Liebeskatechismus für vernünftige Frauen zurückzugeben. So hoffte sie das reine und schöne Verhältniß, das sie mit Hermann hatte, gleichsam durch ein sinnbildliches Honny soit qui mal y pense, vor Luisen, zu deren stiller Beschämung und vor aller Welt, die daran Anstoß nehmen möchte, in das rechte und rechtfertigende Licht zu setzen.

Indem sie nun das unter dem Thee hin- und herschwankende Gespräch unvermerkt auf diesen Gegenstand lenkte, und, man sich wechselweise über die oft unedeln Beweggründe, über die nicht selten sehr unpassenden Persönlichkeiten und nur allzuhäufigen Verirrungen in der Liebe und Ehe ausließ, hätte Lina hinsichtlich der Theilnahme Hermann's keine bessere Stunde und Stimmung treffen können, als in welcher er mit bewegter und zu Betrachtung dieses Gegenstandes hochgestimmter Seele erschienen war. Dennoch ließ er es an sich kommen, und zögerte mit seinen Gedanken, – für Lina ganz erwünscht, indem sie ihn nun um seine Meinung im Zusammenhang anging. – Und, sagte sie, wenn ich um eine philosophische Ansicht und Abstimmung bitten dürfte, lieber Hermann. Man hört doch gern einmal, was über einen solchen in der Kirche und in der Gesellschaft breit und platt getretenen Gegenstand die reine menschliche Vernunft in ihren Tiefen für Wahrheit findet.

Alle, besonders aber Frau Engelhard, die eine auf ihr geheimes Anliegen bezügliche Absicht der Freundin vermuthen mochte, hörten gespannt zu, als Hermann mit seelenvoller Miene das Wort nahm:

Mich haben immer die Ansichten meines hohen Lehrers Fichte angemuthet. Ich will sie kurz zusammenstellen, wie ich sie als Compaß für meine Lebensfahrt in mir trage; nur muß ich für eigene oder fremde Worte bemerken, daß man einen Gegenstand, den man von seiner heiligen Seite faßt, oft nicht anders berühren kann, als mit Bezeichnungen, die ihn aus frivolem Munde nicht selten entweihen.

Die Ehe ist ein schönes Sinnbild echt menschlichen Lebens, wo Sinnliches und Geistiges sich innigst vermählen, jenes geheiligt, dieses verlebendigt wird. Indem nun der Mann die erwerbende und zeugende Hälfte des Bundes ist, darf er auch den Naturtrieb eingestehen, und an ihm ist es, zu werben wie zu erwerben. Anders die Frau, die zu empfangen, zu bewahren hat, die den Mann abwartet und sich ihm ergibt, nicht aus ursprünglichem Trieb, sondern aus angeregter Neigung des Herzens. Der Frau ist die Liebe eingeboren, wie dem Manne der Trieb; sie veredelt diesen, und empfängt von ihm ihren Gegenstand und Inhalt. In der Liebe liegt auch die ganze Würde der Frau. Ihre Hingebung an den Mann kann nur aus Liebe geschehen, wenn sie sich nicht selbst verächtlich erscheinen soll, und nur in der Voraussetzung geschehen, daß es für immer sei. Denn wie könnte sie ihren ganzen Werth hingeben mit dem Gedanken, daß er einmal verloren sein werde? Auch ist ihre Hingebung ohne Vorbehalt, sonst schlüge sie ja das Vorbehaltene höher an als ihre Person. Diese Bedeutung hat es, wenn sie ihr Vermögen, ihren Rang und ihren Namen an Den hingibt, in welchem all' ihr Thun und Trachten als ein Theil seines eigenen Lebens aufgeht. Da erwacht nun in dem Manne der Edelmuth, der ihm, wie der Frau die Liebe, eingeboren sein muß, und fodert ihn auf, über Alles achtungswürdig und der Liebe werth zu sein. Muth und Charakter dürfen ihm nicht fehlen, nicht blos weil er die Frau zu schützen hat, sondern auch weil er ihr die Beschämung ersparen muß, daß sie einem Schwachen unterworfen sei. Und nun sticht aus Hingebung und Edelmuth sich ein zärtliches Band für angemessene Tage. Da die Frau nur seinen Willen sucht, fühlt der Mann sich getrieben, ihren Willen zu dem seinigen zu machen, damit sie Das thun könne, was sie am liebsten thäte. Sie aber, indem sie nur in Opfern ihres Herzens Befriedigung findet, späht desto mehr nach seinen höhern Wünschen. So durch Wetteifer halbirt jeder Theil seine Persönlichkeit, um sie durch die des andern zu verdoppeln; er gibt die halbe Freiheit hin, um die ganze Liebe zu gewinnen. Des Mannes natürlicher Trieb hat sich in Liebe verwandelt, und die schlummernde Liebe der Frau, ist im Trieb des Herzens erwacht.

Als Hermann schwieg, zeigten sich die Frauen sichtlich bewegt, am tiefsten vielleicht Lina, wiewol gerade sie, eingedenk ihrer Absicht, zuerst das Wort nahm, um einfach und innig ihr Wohlgefallen an so bedeutsamen Gedanken auszusprechen. – Solche Gedanken fodern uns zum Nachdenken auf, sagte sie, indem sie uns eine alte Ueberzeugung von einer neuen Seite oder in neuer Begründung zeigen.

Und das ist manchmal nicht überflüssig, fiel Ludwig ein. Im Treiben des bürgerlichen Lebens überdecken die Abfälle der Arbeit und der Genußsucht, überschlämmen die Leidenschaften des Herzens sehr oft die ewigen Fundamente, auf denen die sittlichen Verhältnisse der Gesellschaft ruhen, und der leichtfertige Tag überhört das einfache Gebot, das in der Brust des Menschen mahnt oder warnt. Die Sitten der Societät weichen dann, oft ohne Scheu und Schüchternheit, ab von den Grundlagen der Sittlichkeit. Werden dann zu gleicher Zeit die Menschen grübelnder, zweifelsüchtiger, berechnender, so ist es gut, daß eine echte Philosophie Dasjenige, was die Religion als einfaches Gebot ausspricht, auch einmal im Zusammenhang und in der Nothwendigkeit der natürlichen und sittlichen Weltordnung darlegt, wie eben Liebe und Treue in der Ehe.

Ja, besonders auch die Treue! rief Luise etwas erregt. Wie frivol sind nicht unsere Frauen geworden! Und doch scheint mir die Treue besonders eine weibliche Tugend zu sein. Wenigstens hat man sich daran gewöhnt, den Männern die eheliche Untreue weniger hoch anzurechnen, als den Frauen.

Und doch, glaube ich, ist die Treue nur am Mann eine Tugend, und bei der Frau blos eine Rechtschaffenheit! sagte Hermann.

Den Unterschied verstehe ich aber nicht! wendete Ludwig ein.

Vielleicht wird es klarer, wie ich's meine, wenn ich meine Ansicht von der ehelichen Treue entwickeln darf, entgegnete Hermann. Ich sage meine Ansicht; denn diese darf ich meinem verehrten Lehrer nicht aufbürden. Vor allem aber muß ich um Verzeihung bitten, wenn ich freilich delicate Beziehungen berühre! Die Ehe ist eben ein Gebild, an welchem das Naturverhältniß der beiden Geschlechter den Zettel, – und die sittlichen Bildungen den Einschlag machen. Der Natur kommt es bei dieser Vereinigung, wie überhaupt in ihrem Bereiche, nur auf die Fortsetzung und Verbreitung ihrer lebenden Geschöpfe an. Sie spart zu diesem Ende kein Uebermaß von Lebenskeimen. Bei dem Manne erreicht sie Das durch den heißen Trieb zur Liebeswerbung, verbunden mit der Empfänglichkeit für alle Reize des andern Geschlechts und mit der lebhaften Neigung zum Wechsel. Indem ihm aber die sittliche Vernunft gebietet, bei nur einer solchen Verbindung zu bleiben, an die seine menschliche Würde und das Glück der Familie wie der Gesellschaft geknüpft sei, so kostet ihn die Ueberwindung der Natur in ihm selbst einen Kampf, und dieser Kampf macht eben seine Treue zu einer Tugend. Umgekehrt bei dem Weibe. Dieselbe vorsorgliche Natur treibt die Frau, die keine Lebenskeime ausbringt, sondern empfängt und aufzunähren hat, zur Zurückhaltung, zur Enthaltsamkeit und Abwehr alles Dessen, was die ruhige Entwickelung eines langsam gedeihenden Wesens stören könnte. Diese Naturbestimmung bildet die Grundlage der Weiblichkeit auch im Geistigen und Sittlichen, und bleibt maßgebend unter allen Verhältnissen des Lebens. Daher eignet Sparsamkeit mehr den Frauen, und in Kunst und Poesie ist nur der Mann zeugend oder schöpferisch, die Frau nur nachbildend in Empfänglichkeit. Anschmiegende Treue ist daher der weiblichen Natur angeboren, angeschaffen, und kostet einer »rechtschaffenen« Frau keinen Kampf mit ihrer eigenen Natur, wie beim Manne, sondern höchstens nur eine Abwehr gegen Verlockung von außen. Die Frau wird mithin durch ihre Treue liebenswürdig, der Mann achtbar. Indem sie aber durch Untreue sich nicht blos gegen das Sittengesetz, sondern gegen die Natur versündigt, wird sie verächtlicher als er, der sich nur an der Sittlichkeit vergeht, ohne seine Naturbestimmung zu verletzen, wenn er den Antrieben derselben zu unbedingt folgt. Der Mann ist in den Zwiespalt zwischen Natur und Vernunft gestellt, mit dem Berufe, die Kämpfe des Geistes auszufechten, während eine unsittliche Frau ganz ausgeartet erscheint, wenn sie – dem geheimnißvollen Walten der Natur näher stehend – den heiligen Frieden bricht, der unter der Eintracht der Natur mit der Sitte herrscht und dessen Priesterin sie sein sollte.

Eine Stille folgte, als Hermann schwieg. Die Frauen blickten vor sich hin, befangen, wie es schien, aber mit Rührung ergriffen. Luise nur sah gehoben aus, und nickte dem jungen Freunde beifällig zu. Lina spielte mit dem Schleiermacher'schen Blatt der Zehn Gebote. Ehe sie aber die Wendung fand, es Luisen zurückzugeben, war Ludwig leise an Hermann herangetreten, faßte ihn unterm Arm und führte ihn aus sein Zimmer. Hier umarmte er ihn mit einer innern Bewegung, wie sie ihm sonst nicht eigen war.

Was hast du, Ludwig? fragte Hermann. Was ist dir begegnet?

Ludwig hielt ihn an beiden Händen fest, blickte ihm liebevoll in die Augen, und sagte mit unterdrückter Rührung:

Wenn du meine Empfindung verstehst, so ist es mir lieb um meinetwillen; wenn du mich nicht begreifst, so ist es vielleicht besser für dich.

Und indem er ihn noch einmal an seine Brust drückte, rief er mit Wärme:

Wir bleiben Freunde! Ich vertraue dir, wie einem Bruder, und –

Er sprach es nicht aus, was er eben noch sagen wollte, sondern führte ihn wieder zur Gesellschaft zurück. Und – Lina ist rechtschaffen, hatte er eben sagen wollen.



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