Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Fünftes Capitel.
Bei Johannes von Müller.


Während Hermann in Erwartung der schicklichen Stunde zur Anmeldung beim Staatsrathe von Müller angekleidet am Schreibtische saß, ward er von einem Besuche des Barons Rehfeld überrascht. Beide waren sich seit einiger Zeit nicht begegnet, indem der junge Freund in der Stimmung der letzten Wochen zurückgezogener gelebt, und sich am wenigsten zu diesem räthselhaften Mann gezogen gefühlt hatte. Rehfeld, nachdem er sich darüber sehr artig beklagt hatte, schüttete einen Sack voll Stadtneuigkeiten aus, – wenig für Hermann Interessantes, bis auf eine Nachricht, die aber auch desto tiefer bei ihm einschlug, daß nämlich die Verbindung des Generals Morio mit der Schwester des Grafen Fürstenstein allernächstens vollzogen werde, und der König bei diesem Anlaß seinen Günstling ein großes Fest geben werde.

Man zerbricht sich in gewissen Kreisen die Köpfe darüber, setzte der Baron hinzu, was in aller Welt die charmante Creolin so plötzlich für einen Mann umgestimmt haben möge, dem sie bis dahin so abweisend begegnet sei. Man spricht, wie das zu gehen pflegt, von einer unglücklichen Liebe zu einem hübschen Burschen ohne Herkunft, – vermuthlich einem Deutschen; denn an französischen Vagabunden nimmt ja unsere gute Gesellschaft keinen Anstoß. Am Ende läuft wol Alles auf ein neidisches oder boshaftes Gerede gegen den etwas brutalen Bräutigam hinaus. Er soll aber sehr eifersüchtig sein, und freilich sind die Creolinnen in der Regel sehr leichtfertig und leidenschaftlich.

Hermann gab keinen Laut von sich, und war froh, daß der Baron zu lustigern Geschichtchen überging, ohne durch etwas Weiteres zu verrathen, daß man in der Gesellschaft dem wahren Verhältniß auf der Spur sei. Doch hatte er sich kaum etwas beruhigt, als Rehfeld noch ein unglückliches Apropos vorbrachte. – Man schreibt mir gestern, sagte er, daß der preußische Kriegsrath von Cölln auf Zustimmung des Ministers von Stein verhaftet und vor Gericht gestellt worden sei, weil er durch seine »Vertrauten Briefe« zur Zeit allgemeinen Leidens die Regierung verunglimpft, Unmuth verbreitet und Nachrichten über das öffentliche Einkommen zur Kenntniß der Franzosen gebracht hat.

Es hätte des heftigen Tadels, womit der Baron diese Mittheilung begleitete, nicht bedurft, um den jungen Freund zu seiner heimlichen Pein an die Berichte zu erinnern, die durch seine Unbedachtsamkeit zu einem ähnlichen Verrath hätten ausschlagen können. Wie viel leidige Erinnerungen lagen schon auf seinem kurzen casseler Wege hinter ihm!

Als der Baron hörte, daß der sorgfältige Anzug des jungen Freundes einer Aufwartung beim Staatsrathe Müller gelte, rief er aus:

Sie werden eine Angstseele kennen lernen! Ein eminenter, reichbegabter, weitblickender Geist – kleinmüthig und ohne Ballast in der Brust, um auf dem stürmischen Ocean einer Revolutionszeit, auf den ihn sein Verhängniß wie sein Ehrgeiz getrieben, mit männlicher Würde zu fahren. So umfassend sein Geist, so eng ist sein Muth. Erbauen Sie sich an Dem, was er spricht. Von ihm gilt, was man von den Pfaffen sagt: »Haltet euch an ihre Worte!« Sie werden einen sinnreichen Verstand, ein schönes Wohlwollen, ein unermeßliches Wissen an ihm zu bewundern haben. Eine große Umwandelung ist in Berlin mit ihm vorgegangen; kennen Sie den eigenthümlichen Fall?

Ich habe von einer Unterredung gehört, die er mit Napoleon nach dessen siegreichem Einzug gehabt hat, antwortete Hermann. Mich interessirte aber die Sache damals, wo ich noch nach dem absoluten Ich schnappte, nicht so lebhaft wie jetzt, wo ich an den merkwürdigen Mann gewiesen bin. Was war es denn eigentlich?

Ich erzähle es Ihnen unterwegs, erwiderte Rehfeld. Kommen Sie, es ist die rechte Zeit; ich begleite Sie.

Als Beide durch das dämmerige Haus auf die Gasse gekommen waren, fuhr der Baron fort:

Nicht oft haben bei irgend einem bedeutenden Menschen kindische Angst und unmännliche Eitelkeit sich in einem stillen Ereigniß so merkwürdig verknüpft, wie bei diesem Manne, um plötzlich eine so unrühmliche Sinnesänderung zu bewirken. Müller, wie Sie wissen, lebte nach der politischen Rolle, die er im Cabinet des Kurfürsten von Mainz und nachher in der wiener Staatskanzlei gespielt hatte, als Akademiker und brandenburger Historiograph in Berlin, und hatte, um im besten Sinn auf den deutschen Nationalgeist zu wirken, Hammer's »Posaune des heiligen Kriegs« mit einer Vorrede herausgegeben – Sprüche und Reden Mohammed's zur Entflammung seiner kriegerischen Araber. Die glühende orientalische Beredtsamkeit sollte die Herzen des Abendlandes begeistern und zu Thaten entflammen. Nicht wahr – der Gedanke war vortrefflich? Als aber Napoleon nach der jenaer Schlacht in Berlin einrückte, zitterte Müller vor Verantwortung, fürchtete fortgeschleppt, vielleicht wie Palm erschossen zu werden. Wirklich wurde er auch vor den Kaiser gefodert. Ich kann mir denken, mit welcher Angst er dahin ging, obschon es damit bei der allerhöchsten Instanz offenbar auf kein peinliches Verhör abgesehen sein konnte. Napoleon hatte vielmehr eine Auszeichnung im Sinn, gleichviel, ob für den berühmten deutschen Geschichtschreiber oder nur an diesem für sich selbst. Hier fand nun die berühmte Unterredung statt, von der Sie gehört haben, und in der es unserm Müller gelang, durch seine großartigen und umfassenden Ansichten über Geschichts- und Völkerentwickelung den Kaiser für sich einzunehmen, sodaß er mit lebhafter Zustimmung und Gunst entlassen wurde. Seitdem schwärmt Müller für Napoleon, und verdiente in der That mit der kaiserlichen Gnade gezüchtigt zu werden, wie ihm denn auch geschah. Als er nämlich eben aus dem unglücklichen Preußen sich in die literarische Einsamkeit von Tübingen retten wollte, ward er nach Paris befohlen und von Napoleon zum Minister-Staatssecretär für das neue Königreich Westfalen – eigentlich zu sagen gepreßt, denn es ging gegen seinen innigsten Wunsch und Willen. Aber er wehrte sich vergebens, und mußte erleben, was er geahnt haben mochte – wie unpassend und wie unglücklich er sich auf diesem höchsten Staatsposten befinden werde. Er erkrankte schwer und – aber hier sind wir an seiner Wohnung. Gute Verrichtung, junger Candidat! In früherer Zeit hätte ich Ihnen eine Warnung mitgegeben; aber er ist jetzt ein kranker Mann!

Welche Warnung? fragte Hermann.

Ja, welche! rief der Baron, und eilte, den Hut schwenkend, mit Lachen um die nächste Ecke.


Wirklich traf Hermann, als er auf sein Anmelden durch einen ältlichen Diener vorgelassen wurde, den Arzt im Zimmer. Es war derselbe kleine Doctor, den er schon aus der Familie Reichardt her kannte, wo derselbe Luisen in ihren Krampfleiden behandelte. Staatsrath Müller kam ihm mit wohlwollender Freundlichkeit entgegen, deutete nach einem Stuhl, und bat ihn, sich einen Augenblick zu gedulden.

Während er hierauf vom Arzte sein Recept und die nöthige Diätvorschrift empfing, verglich Hermann beide Gestalten in ihrem auffallenden Abstich. Müller, in Mitte der Funfzig, nicht groß, aber ziemlich dick, blaß und etwas aufgedunsen bei leidendem Aussehen, bewegte sich unbeholfen;. die wenig sagenden Augen, stark vorliegend, blinzten entzündet, und der gutmüthig lächelnde Mund spielte mit kindischen Zügen. Er sprach schwerfällig im Schweizerdialekt, und liebte französische Worte und Floskeln einzustreuen.

Der Arzt Harnisch dagegen, auch ein kleiner Mann, ein angehender Dreißiger, war ungemein lebhaft, von männlicher Gesichtsbildung, kräftiger Gesichtsfarbe, feurigem Blick und starkem dunkeln Haar. Er sprach gut und lebhaft beide Sprachen, sprudelte von Witz und treffenden Repliken, wobei er viel Weltmanier mit etwas gezierter Artigkeit und ein einnehmendes Wesen an den Tag legte. Er trat stets als ein Mann von gutem Bewußtsein hervor, der sich ebenso prompt und promovirt fühlte, den Herzensbedürfnissen der Frauen, wie den körperlichen Leiden der Männer zu Hülfe zu kommen.

Als der Arzt jetzt nach seinem Hut griff, kam Müller zu Hermann heran und sprach:

Ich darf Ihnen sagen, daß Sie mir schon bestens empfohlen sind, – dreifach empfohlen: von Sr. Excellenz dem Herrn Minister von Bülow, von der durchlauchtigen Oberhofmeisterin und – was mir vor allem gilt, hier mein geschätzter Hippokrates kennt Sie auch.

Von der Gräfin kam unserm Freund eine solche Nachricht überraschend. Er hatte in seinem Schuldbewußtsein sich dieses Wohlwollens so wenig vermuthet, daß er seither nichts so sehr vermieden hatte, als den alten Gang unter ihren Fenstern vorüber. Der Arzt, dem die Verwirrung des jungen Mannes nicht entging, sagte mit verbindlichem Ton, aber sehr schalkhaftem Blicke:

Und, Herr Staatsrath, erscheint der Herr Doctor nicht auch des Vertrauens der Staatsmänner wie der liebenswürdigen Frauen werth?

Gewiß! lachte Müller. Er hat besonders auch die Ausstaffirung zum Diplomaten; aber es freut mich, daß er bei der Standarte der Wissenschaft bleiben will. Ich selbst, zwischen Archiven und Cabineten hin- und hergeworfen, habe doch vielfach den Ausspruch meines alten Gönners, des Generalprocurators von Tronchin in Genf, wenigstens an mir bestätigt gefunden. Ich würde nur, weissagte er mir einst, im Felde der Wissenschaft glücklich und ehrlich arbeiten.

Was? Auch ehrlich, und nur darin? rief mit verstecktem Blick gegen Hermann der Arzt. Dann erlauben Sie mir Ihnen zu sagen, was außerdem noch die deutsche Welt Ehrenhaftes von Ihnen erwartet, da Sie jetzt doch eigentlich im Staatsgeschäft arbeiten. Ich habe es Ihnen schon öfter angedeutet, aber Wiederholung schadet nichts. Ja, Herr Staatsrath, Sie, der bisher durch die Schrift die tiefsten und edelsten Herzen für das Vaterland gewonnen, müssen durch lebendiges Wort, durch gegenwärtigen Geist wirken. Auf Ihrem westfälischen Staatsposten, weiß ich wohl, können Sie in keine »Kriegsposaune« stoßen; aber die Ohren der Fürsten und Minister, die Herzen der deutschen Jugend stehen Ihnen offen. Ich sage das absichtlich in Gegenwart dieses jungen Freundes, der Ihnen zu huldigen und zu vertrauen kommt. Ja, ich sage es zu seiner eigenen Erbauung, da er jetzt in die Geschäfte treten will. Auch ist er in Reichardt's Verbindungen eingeweiht, und wir dürfen offen vor ihm reden. Sie wissen, was sich in Preußen, im ganzen deutschen Norden vorbereitet; fühlen Sie, von welchem Gewicht Sie, Johannes Müller aus Schaffhausen, auf diesem Rütli der besten deutschen Männer wären. Sie sind eingeweiht in die politischen Zustände des westlichen Deutschlands, Oestreichs, Preußens, haben die ausgebreitetsten Bekanntschaften mit Staatsmännern und Gelehrten, stehen als Mensch und Schriftsteller in hohem Ansehen; Sie sollten der Mittelpunkt eines Bundes deutscher Vaterlandsfreunde sein, sollten bedenken, daß es jetzt weniger an der Zeit ist – Geschichte zu schreiben, als Geschichte zu machen. Der echte Geschichtschreiber, der in die nächtlichen Tiefen der Vergangenheit geblickt hat, ist der berufene Prophet der Zukunft; er hat ein entsiegeltes Auge; er kennt die Maße für das Handeln; er versteht sich auf den Compaß im Sturm und Aufruhr der großen nationalen Unternehmungen. Sie verstehen mich, – und Sie wissen, um was es gilt, und Sie haben auch ein Herz dafür, Ihrer Nation Tröster und Erwecker zu sein, das weiß ich; es fehlt nur Das: »Ich hab's gewagt!«

Der Arzt hatte dies Alles halb laut, aber so warm gesprochen, daß von dem gedämpften Eifer sein mannhaftes Gesicht glühroth geworden war. Müller, innerlich bewegt, aber beunruhigt, blickte bald den Doctor, bald den jungen Freund an, und erwiderte mit Empfindung:

Sie mahnen mich, braver Medicus, an die großen Seher alter Zeit, die es an den Zeichen erkannten, wann Gott etwas Neues machen wollte. Ich denke an Jeremias. Die Augen hat sich der große Prophet ausgeweint; aber er sah, daß Asien und auch sein Volk dem babylonischen König übergeben war, und er rieth – sich darein zu schicken. Darüber vergaß er seines Volks und seines Grundgefühls nicht. Nun ich? Ich bin kein Jeremias, ob meine Augen gleich einen ähnlichen Schmerz verrathen; aber – Sie verstehen mich, Sie und Sie!

Und indem er Beiden die Hände reichte, fuhr er fort:

Auch jetzt sind durch die Wunder des Jahres 1806 die Nationen wie im Netze des Vogelstellers gefangen, von Cadix bis Danzig, von Ragusa bis Hamburg, und bald ist Alles – Empire français; ob auf 70 Jahre, wie in Babylon, oder auf 700, wie im römischen Reiche, wer kann es wissen. Napoleon ist ein Werkzeug Gottes, Neues, nie Dagewesenes in die Weltgeschichte einzuführen. Sehen Sie, das hab' ich erkannt in jener Unterhaltung mit dem erstaunlichen Manne, die ich in Berlin hatte, mit ihm, der – wie Baggesen sagt – nicht will, sondern gewollt wird. Diese Erkenntniß liegt seitdem schwer auf meiner Brust. Was hat mich so krank gemacht, daß ich dem Tode nahe war? Sie wissen's, Doctor! Und wenn auch wieder gesund – was bin ich hier? Ein Fremdling in diesem sündigen Babylon! Das wissen Sie, lieber Harnisch! Und ich habe nur noch den einen Wunsch des Heimwehs:

O qui me gelidis in vallibus Haemi
Sistat et ingenti ramorum protegat umbra.


(Ach, wer mich in die kühlen Thäler des Hämus
Brächte, dorthin, wo mächtige Bäume schatten und schützen!)

Er hatte sich in Thränen gesprochen, und eilte, ein frisches Schnupftuch zu holen, ins Nebenzimmer. Derweil flüsterte der Arzt dem jungen Freunde zu:

Ma foi, il serait bien intéressant, s'il n'était pas de la manchette!

Als Müller gefaßter zurückkam, fuhr der Arzt fort:

Sie bedenken nur Eins nicht, bester Staatsrath! Wir sind keine nach Babylon verschleppte Gefangene; wir sitzen auf eigenem Grund und Boden, und werden uns ermannen, die Eindringlinge, die Fremden, hinauszuwerfen. Diese Selbsthülfe wird freilich nicht von unsern Fürsten ausgehen, vielmehr wird die Nation endlich erkennen, daß wir gerade ihnen die fremden Eroberer zu verdanken haben, daß sie ihren Völkern selbst fremd geworden sind, und daß sie verdienen, mit den Fremden in den Kauf gegeben zu werden.

Gesetzmäßige Regenten sind allerdings heilig, flüsterte Müller; daß aber die Unterdrücker gar nichts zu fürchten haben sollen, ist weder nöthig, noch gut.

Mit der zweiten Hälfte Ihres Ausspruchs einverstanden! lachte Harnisch, und empfahl sich mit zierlicher Verneigung gegen Müller und Hermann.

Müller, des beendigten politischen Gesprächs unverkennbar froh, nöthigte nun mit seiner wohlwollendsten Freundlichkeit den jungen Mann zum Sitzen. Er selbst nahm vertraulich neben ihm Platz, und aus den vorliegenden Augen und lächelnden Lippen sprach ein sichtbares Wohlgefallen an der angenehmen Persönlichkeit des Candidaten.

Geben Sie mir einen kurzen Lebensabriß! sagte er; ganz kurz, schriftlich können Sie's dann ausführlicher thun.

Hermann sprach gewöhnlich leicht und lebhaft, doch einfach und natürlich im Ausdruck. Jetzt im Erzählen nahm er einen etwas höhern Schwung. Er fühlte sich durch die Gegenwart eines so berühmten Mannes gesteigert und dabei doch um so freier, als die wenig imponirende Persönlichkeit des Bewunderten sein jugendliches Selbstgefühl nicht gerade einschüchterte. Müller selbst berief ihn dieser gewandten und freimüthigen Art sich auszudrücken, und versprach ihm von solcher in Deutschland seltenen Gabe einen glänzenden Erfolg auf dem Katheder.

Sie gefallen mir sehr, lieber Doctor, sagte er, wobei er ihm traulich auf das Knie klopfte. Sie haben Etwas, was schnell Vertrauen erregt, Zuneigung erweckt. Ich habe mich immer für junge Leute interessirt in dem Maße, als mich das Frauenzimmer kalt und gleichgültig ließ, sodaß mir auch nie der Gedanke kam, mich zu verehelichen. Ich war ein kränklicher, schwächlicher, unbeholfener Junge, und habe mich später oft über mich selbst verwundert, wie gerade in meiner schwunglosen Körperhülle sich der kräftige, antike Sinn entwickeln konnte, der sich im göttlichen Platon ausspricht, wenn er die Neigung für das andere Geschlecht, die Liebe zu den Frauen, für niedrig und unedel erklärt. Auch ich habe, nach des Sokrates Vorbild, mehr auf begabte Jünglinge zu wirken gesucht. In Platon's »Gastmahl« ist der schöne Gedanke ausgesprochen, daß aus der sinnlichen Blüte zweigeschlechtiger Jugend die sterbliche Menschheit durch wechselnde Generationen ihre Fortdauer gewinne, daß aber die Weisheit eines gereisten Mannes die Seele vorzüglicher Jünglinge befruchte, sodaß durch die Vereinigung von Schönheit und Wahrheit das Unsterbliche erzeugt werde. In diesem Sinne, sehen Sie, wünsche ich auch Ihnen nützlich zu werden. – – Ja, ja, ich ziehe mich gern, wie Sie sehen, in Platon's akademische Schatten zurück aus dem tollen Carneval unsers casseler Lebens. – – Doch, ich muß mich über Ihr persönliches Anliegen erklären. So wissen Sie denn, ich kämpfe noch immer für Erhaltung unserer fünf Universitäten, auch für Rinteln und Helmstädt. Die Franzosen besitzen unsern wissenschaftlichen Sinn nicht, haben kein Gewissen für die partikulären Vermächtnisse der Abgestorbenen; alle speciellen Fonds sollen zusammenfließen, – tresor public werden. Nein, da verlöre ja Alles seine Natur und Kenntlichkeit und würde auseinandergerissen, bis kein Stein auf dem andern und kein Thaler in der Kasse bliebe für Gehalte und Freitische. Sehen Sie, auf diesem Kampffelde stehe ich. Bis zum Herbst wird es sich entscheiden, was bleibt und wie's organisirt wird. Wenn aber auch einige der hohen Schulen eingeschmolzen würden, brauchen wir doch immer junge Kräfte, und ich werde Ihnen eine gute Stelle schaffen können. Bis dahin rathe ich Ihnen zu keiner Hofmeisterstelle. Sie haben's gerade nicht nöthig, und gewinnen eine kostbare Zeit und Sammlung des Geistes. Unternehmen Sie lieber eine wissenschaftliche Arbeit. Wissen Sie was? Uebersetzen und bearbeiten Sie Platon's »Gastmahl«! Kein Werk der Alten verbindet so herrlich Poesie mit Philosophie. Und bedenken Sie, welche Bedeutung ein solches Büchlein gerade in Westfalen, in Cassel, überhaupt in der Gegenwart hätte. Beim Gastmahle eines gekrönten Dichters, beim kreisenden Pokal wird über das Wesen der Liebe verhandelt, alle Seiten oder Richtungen dieser die Welt schaffenden, erhaltenden, beseligenden Gotteskraft werden in anmuthig ernsten und humoristischen Reden entwickelt. Welch' ein Heiligthum, das sich da inmitten der Leichtfertigkeiten und Orgien, der Verirrungen und Verwirrungen unsers casseler Liebelebens aufthäte! Aus dem Blütenkelche, aus der üppigem betäubenden Blätterfülle des Genußlebens wüchse eine heilsame Frucht der Weisheit, ein Same der Besinnung, eine kostbare Nieswurz.

Wahrlich, Herr Staatsrath, ein großer, ein schöner Gedanke! rief Hermann, und jener fuhr fort:

Nicht wahr? Und ich besitze eine schöne Literatur über diesen und andere Platonische Dialoge. Die schicke ich Ihnen gleich zu, und wir besprechen uns darüber. Sie müssen mich öfter besuchen!

Ich bin gerührt von Ihrem Wohlwollen! sagte Hermann. Wie dürfte ich aber wagen, Ihre kostbare Zeit –

Wohl bedarf ich der Zeit, erklärte Müller, aber auch mehr als je der Erholung. Bin ich doch sogar in Abendgesellschaften gegangen, die mich mehr erschöpfen als erquicken. Und Besuche, die ich täglich von Leuten erhalte, die in Noth, in Schulden und betrübten Herzens sind, kann ich nicht für Ergötzungen nehmen. Auch nöthigt mich meine geschwächte Gesundheit, Abends 8 Uhr Abschnitt im Arbeiten zu machen. Kommen Sie nur! Und wissen Sie was? Statt der Hofmeisterei suchen Sie lieber in unsern höhern Familien Unterricht, Vorlesung oder so 'was zu geben; das läßt Ihnen freie Hand und bildet für die Welt, gibt Ihnen Stellung und öffnet Ihnen einen hohen Weg für Einfluß auf die Geister und Herzen. Ich werde Ihnen Empfehlungen geben. O wir haben doch vorzügliche Männer hier, auch unter den Franzosen! Sie sehen, ich kann's nicht lassen, Andere leiten zu wollen, obschon ich an mir selbst erfahren, wie Alles, was wir leben, ein unbegreifliches, unwiderstehliches Spiel des Schicksals ist. Bin ich doch ganz wider Willen hierher in diese westfälische Fremde gekommen! Ich dachte, in der Einsamkeit von Tübingen ein fünf bis sechs Jährchen der stillen Ausarbeitung meiner Werke zu leben. Die öffentlichen Begebenheiten hatten mich so angegriffen, ich fühlte mein zunehmendes Alter und wollte mit Ausführung meiner Plane eilen. Wie sehnte ich mich in die gewünschte Ruhe! Vergebens! Ich mußte hierher kommen, wo ich durch das Ministerium des Staatssecretariats bald in eine ungewöhnliche Abspannung und in Nervenzufälle verfiel, die mich vermochten abzudanken. Aber der wohlwollende König, statt mich zu entlassen, suchte sonst zu helfen. Ich blieb als Staatsrath und Generaldirector des öffentlichen Unterrichts. Aber auch dabei bin ich noch entsetzlich überladen, sodaß ich erst seit kurzem Abends um 8 Uhr ein wenig zum Studiren oder zu geselliger Erholung komme.

Als der redselige Mann hier eine Pause machte, erhob sich Hermann, zu gehen, indem er seinen Dank für die wohlwollenden Absichten und seine Verehrung gegen Müller in wenigen, aber warmen Worten ausdrückte. Müller, der ihn unter lebhaftem Nicken zur Thüre begleitete, sagte noch:

Ja, sehen Sie, junger gesunder Mann, so lebt man, und – so kommt man herunter! Sie Glücklicher! O wär' ich noch einmal so jung und so bei Kraft! Ach, Sie haben noch Ihre schöne Zukunft vor sich! Gott segne sie Ihnen! Lassen Sie mich Ihnen noch als Gastgeschenk die in meinem wechselvollen Leben gewonnene Ueberzeugung zur Lebensregel mitgeben: »Für sich der höchsten Leitung zu folgen, für die Welt wohlthätig zu wirken, darin liegt das Geheimniß unsers Glücks und der Kern aller Moral.«



 << zurück weiter >>