Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Achtes Capitel.
Adelens Hochzeit.


Mit dieser Herzensergießung und durch die darauf erfolgten Gespräche der kleinen Gesellschaft über die ehelichen Verhältnisse des alltäglichen Lebens war Hermann ziemlich umgestimmt und erleichtert nach Hause gekommen, sodaß er die Einladung zu Morio's Vermählungsfeste, die er nach einigen Tagen erhielt, mit mehr Fassung aufnahm, als es bei der Ankündigung derselben der Fall gewesen. Er belächelte nun auch den frühern Einfall, durch seine Erscheinung Adelen vielleicht zur Besinnung zu bringen, und überlegte blos, welchen Eindruck die geschmückte Braut auf ihn selbst machen könnte, und ob er schon für die hohe Gesellschaft »coulant« genug sei, einer geheimen Mitschuldigen mit artigem Fremdthun zu begegnen, und über eine so lebhafte Erinnerung leicht und lächelnd hinzugleiten. Er dachte wol daran, daß er von dem Feste wegbleiben könnte; allein der Wink der Oberhofmeisterin fiel ihm ein, sich einer Freundlichkeit Morio's aus Rücksicht für Adelen nicht zu entziehen. Je weniger er sich über die Bedeutung dieser Rücksicht klar machen mochte, desto wichtiger erschien sie ihm. Es war daher nicht ernstlich gemeint, als er des Abends bei Herrn von Bülow die Frage fallen ließ, auf welche schickliche Weise man eine solche Einladung ablehnen könnte.

Herr und Frau von Bülow ermunterten ihn aber, ja nicht abzulehnen; und da Beide genauer, als es der Freund ahnen konnte, sich in seine befangene Empfindung hinein dachten, so sprach die Baronin geflissentlich etwas wegwerfend von solchen französischen Verbindungen und Charakteren, und der Minister hob die Auszeichnung hervor, die für ihn in der Einladung läge. – Man hat nur wenig junge Herren von noch untergeordneter Stellung eingeladen, sagte er, selbst meinen Generalsecretär nicht. Welche Gesichtspunkte man bei der Einladung gehabt, warum man auch nach jüngern Damen gegriffen hat, die nicht zur hohen Gesellschaft zählen, überhaupt warum man das Fest in der beabsichtigten Weise gibt, bleibt ein Räthsel. Unsere Courtoisie strickt zwar eine sehr gemessene Etiquette, es geht ihr aber wie mancher Dame beim Strickstrumpfe: wenn das Herz in Bewegung kommt, läßt sie auch einmal ein paar Maschen fallen.

Herr von Bülow lächelte dabei, als sei es für ihn selbst eben kein unlösliches Räthsel. Und wirklich entzog sich das Geheimniß der Einladungen nur der Vermuthung Derjenigen, die dem Hof entfernter standen. Die Veranstaltung kam nämlich von Marinville, der den König veranlaßt hatte, seinem begünstigten Kriegsminister und ehemaligen vertrauten Adjutanten das Fest zu geben. Der Gedanke Jerôme's, eine liebenswürdige Frau in das Schloß Wabern zu setzen, war dabei mit in Anschlag gekommen, und Marinville hatte ihm bei dieser Gelegenheit eine Revue schöner jungen Damen versprochen, aus denen man die Liebenswürdigste zur Frau eines Schloßpräfecten in Wabern wählen könnte. Nebenher war es auch auf einen oder den andern jungen Mann abgesehen, auf den man die Aufmerksamkeit der Madame Simeon zu Gunsten der kleinen Heberti, ihres geheimen Schützlings, lenken könnte. An Hermann hatte man dabei nicht gedacht; Marinville kannte ihn nicht; sondern Morio selbst, jenen geheimen Absichten fremd, hatte des Anlasses einer so gemischten Gesellschaft wahrgenommen, um dem von ihm verletzten jungen Manne für seine Freundlichkeit gegen Adelen eine Artigkeit zu erweisen, da er bei ihm mit einem Honorar für die Stunden nicht ankommen konnte.

Die Vermählung und das Fest fielen in die Mitte des Juli – in jene herrliche Zeit des hohen Sommers, da die Felder eben noch im vollen Reichthum und Farbenwechsel heranreifender Ernten und zuwachsender Früchte standen, und die langsam vorrückende Dämmerung dem heißen, arbeitsamen Tag einige Schritte entgegenkommt, ihn zu erquicken.

Die Trauung fand auf einen Donnerstag in der katholischen Kirche, unter der Einsegnung des ersten königlichen Almoseniers, des Bischofs, Barons von Wendt, statt. Den Abend vorher hatte nach ein paar heißen Tagen ein aufziehendes Gewitter den festlichen Tag bedroht, war aber seitwärts vorübergezogen, und hatte nur die Gunst erfrischter Luft und eines halbbedeckten Himmels, zu angenehmern Aufenthalt im Freien, hinterlassen. Der Garten war mit Militär umgeben, weniger um dem Zudrange der Neubegierigen zu wehren, als das Fest eines Generals und Kriegsministers auszuzeichnen.

Der König hatte seinen dienstthuenden Kammerherrn, den Grafen von Pappenheim, und dessen Gemahlin, eine der Hofdamen der Königin, mit den Honneurs seines Festes beauftragt. Sie empfingen und bewirtheten die Gäste. Das vermählte Paar nahm die Beglückwünschungen unter einem geschmückten Zelt in vertrauter Umgebung an. Hermann, der sich einigen zu gleicher Zeit mit ihm angekommenen Herren und Damen anschloß, bemerkte doch, als er hinter denselben mit seiner Reverenz hervortrat, daß die Braut nicht so unbefangen blieb, als er es über sich selbst gewonnen hatte. Mit flüchtigem Erröthen, unter dankenden Verneigungen wendete sie sich rasch und flüsterte einer jungen Dame zu, die neben ihrem Sessel stand, während Morio, heut sehr heiter und hochmüthig umherblickend, ihn als Monsieur le Professeur begrüßte.

So leicht schwand der Moment vorüber, dem der junge Freund so feierlich entgegengegangen war. Er kam sich selbst wunderlich vor, als er, neuen Begrüßenden ausweichend, das Zelt verließ. Ein bitterer Humor, ein studentischer Uebermuth wandelte ihn an, und er hätte laut auflachen mögen über all' den Tand und Alfanz, der sich so prunkhaft um ihn bewegte.

In dieser Stimmung begegnete er Herrn und Frau von Bülow, und rasch vor dem heitern Aussehen und der vornehmen Haltung des edeln Paares beruhigte sich die Aufwallung seines Herzens. Er begleitete sie eine Strecke zurück nach dem Zelt, um aus schicklicher Entfernung die Neuvermählten noch einmal etwas genauer zu betrachten. Morio trug die reiche Uniform der Gardes du Corps, zu deren Colonel-General er ernannt worden war; Adele Morio glänzte in einem reichen, in Paris gefertigten Brautkleide von Atlasstreifen und Goldspitzen, mit Steinen und Silber gestickt und mit Orangeblüten besetzt. Der Anzug beschäftigte alle Damen; nur die Baronin Bülow schien von einem würdigern Eindrucke bewegt. Schon daß sie ihren Gemahl »Victor« anredete, verrieth ihre feierliche Stimmung; denn in ihrer gewöhnlichen Heiterkeit nannte sie ihn mit seinem andern Vornamen »Hanns«. Indem sie mit raschern Schritten in einen Seitenweg lenkte, sagte sie leise und gepreßt:

Mein Gott! lieber Victor, hast du die Comtesse Adelaide betrachtet? Die edle Haltung, der schmerzliche Zug in ihrem seelenvollen Gesicht erinnerten mich, wie durch eine Eingebung, an die Königin Luise. Ach! möcht' ich sagen, die ganze Atmosphäre eines heiligen Unglücks, einer hohen, königlichen Trauer umgibt noch diese schlanke Mädchengestalt; die unvergeßliche Schönheit der hohen Frau dämmert nach in diesem blassen, edeln Angesichte.

Ich habe sie nur flüchtig bemerkt, antwortete leise der Minister. Aber, du bist ganz erschüttert, Liebste! Komm, laß dich so vor keinem Begegnenden sehen! Nimm ein Gesicht an für dies Geschmeiß eines lustigen Königshofes.

Reden Sie vielleicht von der interessanten jungen Dame, die neben der – Generalin Morio stand, gnädige Baronin? fragte Hermann.

Ja, lieber Doctor! antwortete sie. Es ist die junge Comtesse Hardenberg, die Tochter des Oberjägermeisters. Sie kommt eben von Königsberg, war Hoffräulein unserer guten Königin Luise, und soll hier – Gott weiß, was sie soll!

Ja, ja, nur still, Kind! flüsterte Bülow. Laß es die Generalin Salha nicht hören, was man denkt, ja wol erwartet. Uebrigens – unsere Königin heißt Katharina, und – »ischt« aus Würtemberg, nicht in Königsberg.

Mit dieser lächelnden Warnung gingen sie weiter, die Anstalten zur Illumination und zum Feuerwerke betrachtend. So oft es dem Minister passend schien, stellte er Hermann mit empfehlenden Worten besonders den jüngern Männern vor, sodaß der Freund, auch als er sich trennte, nicht ohne neue Anhaltepunkte blieb, ob er sich gleich zuweilen nachdenklich oder beobachtend allein umhertrieb.

Es war ein köstlicher Sommertag. Die Sonne neigte sich in ihrem weiten Bogen hinter leichten Wolkenschichten hervor nach immer leichtern Häufelwölkchen dem Abende zu. Ein feuchtlicher Westwind fächelte von der Napoleonshöher Allee die süße Würze der blühenden Lindenbäume über den Berggarten herüber, und von dem entfernten Orchester tönte zuweilen, wie sympathetisch, ein so süßes Adagio, das man es eine Lindenblütenmelodie hätte nennen mögen. Doch blieben vielleicht nur einzelne Gäste empfänglich für diese Art von Eindrücken. Denn die Unterhaltung unter den Zelten und um die aus Fichtenzweigen errichtete Bude für das Büffet ward immer lauter und lustiger, nachdem sich anfangs, besonders die Deutschen, in ehrfurchtsamer Steifheit zurückgehalten hatten, weil man jeden Augenblick den König in einfacher Erscheinung erwartete.

Das vermählte Paar wandelte jetzt umher, die Gäste, die es zum Glückwunsch empfangen hatte, durch Gegenbesuch willkommen zu heißen und zur Fröhlichkeit anzustimmen. Hermann suchte dem Begegnen derselben zu entgehen; doch bemerkte ihn Morio, rief ihn mit dem Professortitel an und führte ihm einen Fremden zu, der ihm eben durch Schwatzhaftigkeit lästig zu werden anfing.

Ich freue mich, zwei Gelehrte an unserm Fest zu Gästen zu haben, die Repräsentanten zweier Literaturen, sagte er lachend. Hier Herr Pigault-Lebrun, dessen Romane Sie gewiß kennen, und Sie, Herr Poet, finden hier einen jungen deutschen Philosophen! Auch ist er geheimer Sprachmeister für Liebende. Ha! ha!

Er eilte lachend zu seiner Dame zurück, die in ihrer Unterhaltung stehen geblieben war.

Hermann achtete des letzten, heiter vorgebrachten Scherzes weiter nicht. Pigault interessirte ihn, und er besann sich auf die Erzählungen desselben, die er zum Theil aus den Büchern seiner Mutter kannte, auf »L'enfant du carnaval«, auf »Angélique et Jeannetton« und andere. Lebrun freute sich, einen literarischen Bekannten in Cassel zu finden. Die angenehme Erscheinung, das unbefangene Benehmen Hermann's sprach ihn an. Er faßte ihn unterm Arm und führte ihn unter lebhaftem Plaudern mit sich nach einer stillern Seite des Gartens.

Pigault war ein Mittefunfziger, von unansehnlicher, etwas abgelebter Gestalt, dessen dunkles, scharf ausgeprägtes Gesicht aber den Ausdruck munterer Phantasie, leichtsinniger Laune und geistreichen Spottes an sich trug. In dieser Physiognomie sprach sich zugleich das Vorbild und die Rückwirkung alles Dessen aus, was dem Autor so viele Leser seiner zuweilen freilich etwas caricaturirten Romane gewonnen hatte. Er plauderte gern und erzählte vortrefflich, wobei er freilich, wenn einmal angeregt, aus Leichtsinn oder Spottlust auch Manches ausschwatzte, was das Vertrauen seiner Stellung verletzte und einem Manne von seinen Jahren übel anstand.

Der König hat mich zu seinem Vorleser kommen lassen, äußerte er gegen Hermann; da man aber ohne Bücher nicht vorlesen kann, so muß ich ihm einstweilen erzählen. Ich gleiche der Scheherezade, von welcher der Sultan in jeder Nacht jene Erzählungen verlangte, die sie gut vorzutragen verstand. Der König liest nur Amtszeitungen und Bülletins, aber er weiß desto mehr auswendig, und wenn unsere schöne Literatur eine schöne Dame wäre, so würde er auch sie auswendig kennen, ce qu'on justement dit par coeur . Jerôme besitzt eine reiche Literatur von Damen, qu'il connaît par coeur, und beobachtet bei diesem Studium die Mahnung des Poeten Horaz: »Nocturna versate manu, versate diurna!« Was wir in unserer Sprache ausdrücken würden: sie bei Tag und Nacht zur Hand haben. Ha, ha! O ich habe Jerôme Napoleon schon in Paris gekannt, und genieße jetzt die anmuthigen Früchte jener etwas wilden Stunden. Ja, ich lebe herrlich in dem gothischen Gebäude der alten Landgrafen auf Napoleonshöhe. Sie müssen mich einmal besuchen. Ich habe ein paar Zimmer im linken Schloßflügel mit dem Ausblick nach der waldigen Höhe. Da fühle ich ganz deutsch, da athme ich Romantik! Ha, welch' ein Duft der Wälder, welch' ein geheimnißvolles Rauschen der Berge, wenn ich am späten Abend mit Babet im Fenster liege!

Sie sind also verheirathet, mein Herr? fragte Hermann.

Pigault lächelte schalkhaft, konnte aber der Eitelkeit nicht widerstehen, sich in den Augen eines jungen, hübschen Mannes, eines Deutschen, noch in seinen Jahren als beglückt durch Liebe und als eingeweiht in poetischen Lebensgenuß zu zeigen. Wie er selbst vergnügt umherblickte, ob Jemand in der Nähe sei, ward er auch noch eines Verstecks gewahr. Auf altem Mauerwerke stand ein kleines Belvedere zum Ausblick aus dem Garten errichtet, von Lattenwerk eingefaßt, das von üppigem Geisblatt zu einer Laube und Lausche durchflochten war. Pigault zog den Freund mit sich hinaus, und indem sie sich auf die Brüstung der Mauer lehnten, sagte er lächelnd und vertraulich:

Babet gehörte bisher zur Literatur par coeur des Königs. Ich weihe Sie, mein Herr, als literarischen Freund in ein königliches Geheimniß ein. Sie müssen wissen – Jerôme vertheilt gern die Gegenstände seiner Studien, um nicht von Eifersüchtelei beunruhigt zu werden, und läßt sie des Anstandes wegen für die Frau des Einen oder für eine Freundin des Andern seiner Vertrauten gelten. Babet steht unter der poetischen Rubrik von Pigault-Lebrun. Sie besorgt unsere Wirthschaft, und freut sich sehr darauf, daß mein kleines Lustspiel nächstens hier in Scene geht – »Les rivaux d'eux-mêmes«.

Ha, das ist ein Cultus, der sich vor der Königin in Mysterien zurückzieht? bemerkte Hermann.

O der König liebt seine Gemahlin und vernachlässigt sie nicht! versicherte Pigault. Man vermag sehr viel in der Liebe, wenn man ihr ausschließend lebt. Aber er fürchtet den Kaiser, der sehr barsch verlangt, der westfälische Bruder soll weniger der Liebe und mehr dem Regieren leben; er soll nur vorübergehende Liebschaften, aber keine Maitressen haben. »Jeder muß sein Handwerk thun«, hat er ihm jüngst geschrieben, – wir sind Könige: thun wir unser Königshandwerk! – Aber ha! Hören Sie die schöne Romanze aus Blangini's »La fée Urgèle!«

Er lauschte nach dem fernen Orchester hin, indem er, den Kopf im Tacte wiegend, die Worte trällerte:

»Pour un baiser faut-il perdre la vie.«

Am Schluß der Arie rief er:

Kommen Sie, mein Herr!

Indem sie gehen wollten, bemerkten sie eine Dame, die langsamen Schrittes und mit zurückgewendeten Blicken des Pfades kam.

Ha! ein zärtliches Rendezvous! flüsterte Pigault, und zog Hermann mit sich hinter die grüne Wand, durch deren Ranken man hinausblicken konnte. Mein Gott, die Generalin Salha! lachte er, die Hände reibend. Ah, Madame, vous venez planter des cornes dans ce jardin là? Doch nein, der General selbst eilt ihr nach. Pardon, Madame, ich hab' Ihnen Unrecht gethan! Voyons! Das wird eine schöne Litanei absetzen! Der General ist vor ein Civilgericht geladen!

Hermann, dem das Lauschen eigentlich zuwider war, hatte sich nur zusammenzunehmen, um nicht über die grotesken Gesichter und äffischen Geberden des alten Pigault in Lachen auszubrechen. Eben ließ sich die Generalin ziemlich barsch vernehmen:

Nun, wie lange lassen Sie mich warten? Und sehen ganz vergnügt aus? Sie haben wol hinter Ihren Flaschen noch gar nicht bemerkt, was zwischen diesem Le Camus und der jungen Hardenberg vorgeht?

Wahrhaftig, Madame, ich habe noch keine Zeit gehabt, auf den Grafen Fürstenstein Acht zu geben! versetzt der General in seiner etwas derben Laune, jedoch mit dem gegen seine gebieterische Dame schon gewohnten unterwürfigen Tone.

So nehmen Sie sich jetzt gleich die Zeit, ihn zur Rede zu stellen, entgegnete sie. Oder – bringen Sie ihn hierher; ich selbst will ihn fragen, wie er es mit unserer Melanie gehalten haben will. Adele verläßt nun das Haus ihres Bruders; auf diesen Moment, wissen Sie doch, haben wir gewartet; aber ich habe wohl bemerkt, je näher er heranrückte, dieser Moment, desto mehr entfernte sich die Excellenz, und heut bemüht er sich unter unsern Augen um diese Hardenberg in einer Weise, daß es vor aller Welt wie eine Bewerbung aussieht, und – wie ein Hohn gegen uns!

Ah bah, Madame! rief der General. Sie wissen doch, daß Le Camus mit dem Oberjägermeister sehr befreundet ist. Und die junge Comtesse ist eben erst von Königsberg gekommen, und noch ohne Bekanntschaften, und Le Camus macht den galanten Hausfreund. Voilà ce que c'est!

Sie sind ein Tropf, General! Unter uns gesagt! fiel die Dame ein. Fühlen Sie nicht, daß die Ehre Ihrer Tochter hier verletzt wird? Sie –!

Madame, wenn ich noch mit Ihnen verhandeln soll, so bedienen Sie sich geziemender Ausdrücke! Tous les mille, Madame! fluchte er mit drohender Faust. Denken Sie, daß uns Jemand hinter dem Geisblatt hörte –! Ventre Saint-Gris –! Wissen Sie, daß Sie selbst schuld sind, wenn Le Camus sich wirklich zurückzieht? Sie haben ihn hinterrücks zum Verlobten unserer Tochter gemacht, als er auf dem Wege schien, es zu werden. Und wie er das gehört, hat er mit schweigendem Anstand eine Stellung genommen, die unserer Societät keinen Zweifel übrig läßt, daß er noch ein freier Mensch ist. Und nun soll ich – Was? Glauben Sie, ich sei noch zur See und könnte ihn zu meinem Matrosen pressen. Tant s'en faut! Aber beruhigen Sie sich! Mit dieser Comtesse ist es nichts; er macht nur den Galanten heut.

So? Und dazu wäre sie von Königsberg gekommen, Herr General? Nein, sie hat dort ihren Abschied genommen.

Ja, Madame, um die Königin zu erleichtern. Der preußische Hof schränkt sich ein, wissen Sie!

Ha, ha! Wenn ich nicht von Bercagny wüßte, welch' ein eifriger Briefwechsel bisher zwischen Cassel und Königsberg – Doch, dort kommt Marinville und Major Rossi. Geben Sie mir Ihren Arm! Ich werde Ihnen sagen, was ich mit diesem perfiden Fürstenstein –

Unterstehen Sie sich, Madame! Wollen Sie des Königs Fest durch Scandal –

Die leisere Rede verhallte in der Krümme des Wegs.

Pigault und Hermann verließen jetzt schnell das Versteck, – Pigault mit so lauter, ausgelassener Laune über das entzweite Paar, daß Hermann froh war, als er den Gesandten von Reinhard mit Gemahlin erblickte. Er trennte sich von dem Dichter, sie zu begrüßen.

Sie kommen apropos, sagte der Baron. Begleiten Sie doch meine Frau zu unserer Gesellschaft. Ich höre eben, Se. Majestät der König kommt, und ich will ihn empfangen helfen.

Er eilte fort, und die Baronin lenkte nach dem belebtern Theil des Gartens. Sie wurde im Vorübergehen von einer Dame angerufen, die unter einem runden Schirmdache von der Form und Farbe eines riesigen Pilzes in ausgesuchter Gesellschaft saß. Es war die Fürstin Repnin, Gemahlin des russischen Gesandten, eine junge Frau von derben Zügen und Formen, mit etwas rohem hochmüthigen Aussehen. Es gab keinen auffallendern Abstich, als neben ihr die Baronin von Boucheporn, die, erst siebzehn Jahre alt, zart wie eine Lilie aussah. Beide waren umgeben von der Baronin Bigot de Villandry, dem Chevalier de Courbon und dem Grafen von Jagow.

Sie kennen doch das charmante Paar, das dort hin- und herwandelt, lachte die Fürstin. Können Sie uns nicht das Verhältniß bezeichnen, in das Beide zu einander so vertieft sind, beste Baronin?

Hermann, der etwas zurückgetreten stehen blieb, erkannte nach dem Fingerzeig der Fürstin die beiden Gäste aus dem Stift in Homberg, und eben nannte Frau von Reinhard auch die Stiftsdame Calenberg und –

Ja, ja, fiel die Fürstin barsch ein, von Person kennen wir Beide, die poetische Stiftsdame und den poetischen Gesandtschaftssecretär aus München; aber ihr Verhältniß zu einander ist uns ein Räthsel. So 'was Romantisches findet man nur in Deutschland.

Einige nennen es Freundschaft, Andere Liebe, sagte Graf Jagow mit der gefälligen Miene des Kammerherrn. Manche möchten beides mischen, um das Eigenthümliche der Verbindung herauszubringen, das Specifische.

Ich kenne die poetische Begabung und liebenswürdige Bildung der etwas sonderbar aussehenden Dame nicht näher, antwortete die Baronin Reinhard mit ruhigem Ernst; aber es spricht immer für sie, daß sie gerade in einer Residenz, wo Jugend, Schönheit und Besitz so ausschließend gelten, sich durch Geist und edeln Charakter geltend und begehrt zu machen weiß. –

Ich glaube in die Tiefe des Geheimnisses eingedrungen zu sein, fuhr mit schalkhaftem Lächeln Graf Sagow fort.

Nun, begreiflich! lachte die Boucheporn. Sie sind auch der einzige Deutsche unter uns. Sie verstehen sich auf Romantik.

Ich sage, es ist Liebe, aber – une partie remise!

O sehen Sie nur diese Zärtlichkeit an, und die Bewerbung wird nicht dürfen für aufgegeben erklärt werden, lachte die Fürstin.

Ich meine » remise« mehr im Sinne des Kartenspiels, entgegnete Jagow. Betrachten Sie das mädchenhafte Aussehen des jungen Barons, das männliche der liebenswürdigen Stiftsdame, so scheinen die Karten so vergeben zu sein, daß kein Spiel zu Stande kommen kann, sondern eben – remis gegeben werden muß. Der junge Mann sollte ausspielen, aber er hat lauter zu kleine Trümpfe, um zu fodern. Er möchte vielleicht lieben, allein sein Temperament ist nicht lebhaft genug, um mit einem kühnen Satz über die vorgerückten Jahre der Geliebten hinaus sich mit einem rechtschaffenen Kuß den Bart zu erobern, der ihm fehlt und an den unrechten Mann gekommen ist.

Die Damen lachten, besonders die Fürstin, sehr laut. Die Baronin Reinhard machte die Bewegung zum Fortgehen. Jagow sprach weiter:

Vielleicht liebt die Dame lebhafter, und hat wol auch die höhern Trümpfe der Empfindung voraus; allein, sie ist doch nicht am Ausspielen, sie hat doch die Vorhand nicht. Sehen Sie, so kommt eben das Spiel nicht zu Stande, und sie beschränken sich auf Poesie; sie machen zusammen Verse oder wickeln die Kinder fremder Genien in deutsche Windeln, was man – übersetzen nennt.

Die Frau von Reinhard empfahl sich unter dem Gelächter der Gesellschaft, und sagte zu Hermann im Weitergehen:

Es ist doch ein höhnisches Pack, ungeschickt und abgeschmackt, – moquant et maussade zugleich! Und unser deutscher Adel thut sich leider oft genug etwas darauf zugut, »mit wenig Witz und viel Behagen«, wie unser Goethe sagt, den Fremden – Russen oder Franzosen – zu Gefallen zu sprechen und zu lachen, der sogenannten Creme der europäischen Societät zum Besten zu geben, was das vornehme Gesindel nicht begreift, weil es aus den heiligen Tiefen einer großen, ursprünglichen Nation aufperlt. Ich rede nicht von diesen zwei etwas wunderlichen Menschen, die jedenfalls alle Achtung verdienen; nein, auch wenn es das Ausgezeichnetste, Verdienstlichste, Ehrwürdigste unserer tiefen deutschen Natur war, – unsere sogenannte gute Gesellschaft gab es mit französischer Zunge preis.

Ich denke mir, gnädige Frau, sagte Hermann mit aller Wärme des Ausdrucks, wie leidvoll es oft für Sie sein muß, mit Ihrem recht deutschen Herzen unter fremder Fahne und Firma zu leben. Wem fällt es in französischer und deutsch-französirender Gesellschaft ein, dies Herz zu schonen, da es für das Herz der französischen Gesandtin gilt – ein so excellentes Herz, nur für das Herz einer Excellenz.

Sie haben nicht Unrecht, mein junger Freund, erwiderte sie, und ich danke Ihnen für diese Mitempfindung. Aber, ist es denn nicht das Leid, das heutzutage alle Deutschen mitfühlen dürften in ihrer politischen Lage? Mein Mann schrieb jüngst noch an Goethe: »Alles, was geschieht, ist bloßer Calcul, der nicht nur von der Schlechtigkeit der Menschen ausgeht, sondern auch darauf, sie schlecht zu machen. Und in diesem Calcul, fürchte ich, erscheint Deutschland blos als ein weiter Tummelplatz zwischen Frankreich und Rußland.«

Sie stießen auf Herrn und Frau von Bülow, die sich eben von ihrer Gesellschaft etwas zurückzogen, um eine Partie aus der »Hochzeit des Figaro« anzuhören, die das Orchester anspielte. Man setzte sich stillschweigend zusammen, und kaum hatte die Musik geendigt, als Herr von Reinhard mit suchenden Blicken herankam.

Ein glückliches Ensemble! flüsterte er, und lenkte nach einer stillern Seite des Gartens. Ich habe eben eine Unterredung mit dem König gehabt, die uns Alle interessirt, indem sie unsern lieben alten Etourdi Reichardt betrifft.

Also der König ist da? fragte die Dame Bülow.

Er kam als einfacher Gast im Frack am Arme des Herrn v. d. Malsburg. Wir trafen ihn in deutscher Unterredung mit den Soldaten, wenn Sie ein paar dem Malsburg abgefragte Worte eine Unterredung nennen wollen. »Ihr brave Soldaten sollen auch haben Wein«, sagte er eben. »Es ist ein lustig Tag heut, und der General Morio leben hoch!«

Die Soldaten erwiderten das königliche Deutsch mit dem eingelernten: »Vive le Roi!« Jerôme lachte und fragte Malsburg, ob dies auch ein bezahltes Vivat sei. Malsburg meinte: nein, es sei nur ein Vivat de par le Roi.

Der König nahm mich dann beiseite und eröffnete mir hinwerfend, doch nicht ohne eine gewisse Befangenheit, seine Absicht, die deutsche Oper und das deutsche Theater eingehen zu lassen. Mir machte er diese Eröffnung wahrscheinlich mit Vorbedacht so – gelegentlich, um nicht zu thun, als ob ihn doch die Ungewißheit, welchen Eindruck dieser Schritt auf den Kaiser machen könnte, noch ein wenig drücke. Vermuthlich wollte er sich meiner Zustimmung versichern, um sich beim Kaiser darauf zu berufen.

Aber, mein Gott, warum denn, fragte die Baronin von Bülow.

Ich ließ das hingestellt sein, meine Gnädige, fuhr Reinhard fort. Jerôme, wissen Sie ja, ist Souverain. Er warf zwar als Grund dafür etwas von seiner Unzufriedenheit, von Unzulänglichkeit der Mittel für zweierlei Theater u. dgl. hin; ich wußte aber bereits aus meinen Quellen, daß man ihm schon länger in den Ohren gelegen, und daß eine gewisse Partei diesen coup de theâtre im Sinn hatte. Man will Reichardt beseitigen, um Blangini zu befördern. Man ist, was ich im Vertrauen weiß, einiger Briefe unsers Reichardt habhaft geworden, stellenweise mit Chiffern beschrieben, die den Inhalt nicht blos verdächtig machen, sondern auch auf den Uebergängen von der Currentschrift zu den Chiffern Vermuthungen liegen lassen, die zwar noch nicht hinreichen, ihm den Proceß zu machen, aber – – Sagen Sie selbst, sind wir denn bei unserm alten Brausekopf eine Stunde sicher, daß auf denselben Wegen, wo jene Briefe eingefangen worden, nicht neue auslaufen, die ihn zum Fall bringen?

Die arme Luise! seufzte Frau von Reinhard.

Nun, was thaten Sie? fragte Bülow gespannt. Der Schlag gilt auch mir, er gilt uns Deutschen, und wir müssen handeln.

Ist schon Alles abgemacht! lächelte Reinhard. Ich fand eine gute Auskunft, die für mich den Werth einer Eingebung hatte. Es lag mir nur daran, das deutsche Theater und den Freund Reichardt zu retten, Letztern indem ich ihn opferte.

Lieber Karl –! rief seine Gemahlin.

Ihr gebt mir doch zu, fuhr der Gesandte ruhig fort, daß er nicht zu halten ist, weil er sich selbst nicht halten kann. Wir wissen, ganz im Vertrauen, daß er wirklich in preußischen Verbindungen steckt; das Schlimmste kann ihn mit seiner Familie treffen. Aber, hört nur erst! Ich gab dem König zu bedenken, welches Aussehen es machen, wie sehr es ganz Deutschland beunruhigen werde, wenn eine deutsche Residenz ihres deutschen Theaters beraubt würde, und daß ich schon dieses Eindrucks wegen den beabsichtigten Schritt bei meinem erhabenen Kaiser nicht vertreten könnte. Indeß glaubte ich selber, daß zur Hebung des Theaters etwas geschehen müsse, und hielt fürs geeignetste, mit unserer deutschen Oper eine italienische Opera buffa zu verbinden. Die sich nächstens auflösende Opera buffa in Wien und Prag lasse hoffen, mehre geschickte Künstler zu finden, die zu beiderlei Opern verwendbar wären. Man müsse dann freilich bei Zeiten einen Werber dahin senden, wozu Niemand besser tauge als Kapellmeister Reichardt. Glücklicherweise sei ja Blangini da, die Direktion des Orchesters und des zweisprachigen Hoftheaters zu übernehmen.

Ah, bravo! rief der Finanzminister, dem Gesandten die Hand drückend.

Alle gaben ihre heitere Zustimmung, wie denn Allen schon länger eine heimliche Besorgniß um Reichardt auf dem Herzen lag.

Der König hatte, wie Baron Reinhard weiter erzählte, diese Auskunft zwischen seiner Absicht und seiner Bedenklichkeit mit lebhafter Zufriedenheit aufgenommen, und gleich morgen sollten die nöthigen Anordnungen zur Ausführung getroffen werden. Jerôme hatte es auch auf den Wink des Gesandten in der Ordnung gefunden, daß einem reisenden Kapellmeister des Königs von Westfalen ansehnliche Reisediäten zu seinem alten Gehalte angewiesen würden.

Die Gönner und Freunde Reichardt's fanden nun nur noch zu überlegen, wie man dem oft eigensinnigen Manne die Sache am besten beibrächte, damit er nicht etwa in die Stimmung fallen möchte, der ihm so nahe bevorstehenden Aenderung seiner Lage in unbedachter Weise zu widerstreben.

Hermann bat, die Angelegenheit ihm anzuvertrauen. Er wollte sogleich Luisen aufsuchen und ihr die Eröffnung machen, damit sie noch den Abend oder morgen früh ihren Vater in der rechten Stimmung zu gewinnen suche.

Für Luisen apart geb' ich meine Zustimmung, sagte Baron Reinhard; ihr dürfen Sie mich auch als den Urheber nennen; sie weiß schon, was mich angeht, zu behandeln.

Ich glaube, wir brauchen uns keine Sorge zu machen, bemerkte die Baronin Reinhard; der gute Reichardt ging immer gern auf Reisen. Und jetzt, wo er auf die Suche von Künstlern gehen soll, und Talente beglücken kann – gebt Acht, er nimmt Gratulationen an!

Als Hermann sich empfahl, rief ihm Frau von Bülow nach:

Vergessen Sie des Feuerwerks und der Beleuchtung nicht!

Und Reinhard sagte lächelnd zum Finanzminister:

Ihr neuer Commis macht sich. Seit er sich auf einem Zweiglein Ihrer Administration wiegt, wird er in Selbstgefühl schwerer, und Sie werden ihn bald auf einen Ast setzen müssen.

 

In dem nachdenklichen Ernst, womit Hermann den Garten verließ, hätte er beinahe die Oberhofmeisterin übersehen, die eben ihren Wagen verließ, um den Neuvermählten die Glückwünsche der Königin und für die junge Frau Morio die Ernennung zur Hofdame zu überbringen.

Sie verlassen schon das Fest? redete sie den Grüßenden – der Umstehenden wegen – französisch an. Und so nachdenklich? Es ist Ihnen doch kein Verdruß –?

Sie dachte bei dieser letzten Frage wahrscheinlich an Morio, und dem jungen Freunde fiel zugleich, wie durch eine Verwandtschaft der Gedanken, das Anliegen der Gräfin ein, das er nach so langer Vergessenheit wie eine Mahnung empfand, und daher, zumal bei seiner augenblicklichen innern Unruhe, etwas hastig und vielleicht unpassend vorbrachte.

Verzeihung! sagte er. Nur eine dringende Besorgung veranlaßt mich, das Fest auf ein Viertelstündchen zu verlassen. Da ich aber vielleicht die Gnade nicht haben werde, Durchlaucht später noch zu sprechen, so erlaube ich mir zu bemerken, daß mir inzwischen gelungen ist zu entdecken, daß Ihre Zofe – Angelique, glaube ich, heißt sie – mit einem Polizeiagenten Namens Würtz in Verbindung steht.

Ein langer, widerlich aussehender Mensch, spitze Nase, spitzes Kinn, geputzt, mit geröthetem Gesicht? fragte sie hastig.

Geschminkt, Durchlaucht!

Ganz recht! versetzte sie. Ich weiß nun schon! Ich habe seitdem auch Entdeckungen gemacht. Sie muß fort! Ich danke Ihnen! Auf ein andermal!

Sie grüßte mit einer leichten Senkung ihres Fächers und betrat den Garten. Hermann eilte in der Krümmung des Rundplatzes nach der Königsstraße.



 << zurück weiter >>