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Zehntes Capitel.
Vorbereitungen.


Hermann brachte von diesem Besuche sehr lebhafte und nur befriedigende Eindrücke zurück. Provençal, indem er ihm einen Ueberblick in die vielverzweigte Verwaltung des Ministers verschaffte, hatte sich doch blos als praktisch angelernter und eingeübter Arbeiter verrathen, dem mit einer staatswissenschaftlichen Vorbildung auch die den Arbeitsstoff belebenden, die Geschäftsbewegung verknüpfenden Ideen abgingen. Mit diesen, wenn auch nur im Allgemeinen erworbenen Vorkenntnissen hoffte der junge Freund sich im Labyrinth der Geschäfte leicht zurechtzufinden, das Ineinandergreifen der Arbeiten bald zu übersehen und der Formen Herr zu werden, die für die Ausfertigungen in den Bureaux vielfach in bloßen Formeln bestehen.

Zu dieser Befriedigung in der Hauptsache kam nun die ihm schon vom Staatsrathe Müller her bekannte Freimüthigkeit des Arztes, durch die er sich nur geehrt fühlen durfte, und die besondere Freundlichkeit der Baronin gegen ihn. Er ahnte nicht, daß hinter diesem vertraulichen Lächeln, das zuweilen auf ihm geruht hatte, sich eine kleine Schalkheit der Phantasie versteckte, indem ihn die liebenswürdige Frau auf seine geheime und räthselhafte Geschichte mit Adelen betrachtete, wovon sie durch ihren Mann wußte.

So förderte ihn jenes wundersame Erlebniß doch auf verschiedene Weise. Es wucherte wie eine Art Wegwart auf seinem Lebenspfade, ohne daß er darauf achtete. Und die Gunst, die es ihm brachte, ließ sich auch ohne Beschämung hinnehmen, da sie sich nicht als die Folge seiner Verirrung zu erkennen gab. Hermann ward kaum inne, wie sehr ihn jenes Erlebniß selbst äußerlich zum Manne gemacht hatte. Aus der ersten leidigen und leidvollen Niedergeschlagenheit war schnell ein pralleres, üppigeres Selbstgefühl erwachsen, das sich in Hermann's feurigerm Auge, im vollern Klang der Stimme, und selbst in seiner Haltung und in seinem Auftreten kundgab. Und indem nun das für Weltleute so piquante Geheimniß durch die Aengstlichkeit der Großhofmeisterin unter ein paar vertraute Freunde kam, erweckte es dem jungen Manne hier eine schalkhafte Aufmerksamkeit, dort eine zuvorkommende Theilnahme, was Alles das neue Selbstgefühl bestärkte, ohne es zu beschämen.

Alles dies nahm den jungen Freund, so oft er mit sich zu Rathe ging, für Provençals Vorschlag ein, der dahin ging, es in den Bureaux des Ministers wenigstens zu versuchen. Er fürchtete nicht, es mit dem ihm so wohlwollenden Staatsraths Müller zu verderben, wenn er von dem Lehrberufe ablenkte; doch nahm er sich vor, ihn um Rath zu fragen und sich wo möglich beide Richtungen offen zu halten. Ehe er aber zu einem deshalbigen Besuche kam, fand er sich durch den Zuspruch seiner ältern Freunde in seinem neuen Vorhaben bestärkt. Reichardt vor allen ermunterte ihn, indem er ihm eine befriedigendere Bethätigung seiner schönen Naturgaben in einem Wirkungskreise versprach, der ihn hinter den Büchern und Doctrinen her mit den Menschen aller Stände und mit dem. Leben und Streben des bewegten Tages in Verkehr setze. Und wenn Sie auch keinen Antheil an den Kämpfen nehmen wollen, die uns zunächst bevorstehen, sagte er, so braucht doch die kommende Zeit, die neu zu erringende Freiheit, solcher Kräfte, wie Ihnen verliehen sind, zur Herstellung Deutschlands. Und unter Herstellung verstehe ich eigentlich Umgestaltung. Denn daß das Alte nichts mehr taugte, hat sich an Menschen und Anstalten grausenhaft genug enthüllt. Die Waffen dieses Napoleon hätten uns nicht so im Sturm unterjocht, wäre nicht im voraus durch die verwitterten obern Schichten der Gesellschaft in unser Volksleben zermürbend jene französische Cultur eingedrungen, die Geist und Herz verödend, die Sinne mit blendendem, gehaltlosem Schimmer täuschte. Da war ein Schmachten, Sehnen, Greifen nach einem Haltungspunkt immer allgemeiner geworden, und ließ sich mit Romantik und Spekulation auf bedrucktem Lumpenpapier nicht mehr befriedigen. Vielmehr verrieth dieser ungestüme philosophische Puls einen fieberhaften geistigen Zustand – das Bedürfniß eines thätigen, thatenvollen Ausdrucks für die Weltanschauung einer neuen Zeit. Nun brauchen wir Männer, die dies Fieber überstanden haben, und noch jung genug sind, einer neuen Zeit zu dienen und zu helfen. Wenn ich bedenke, wieviel Frohgeschaffenes, Schönverbundenes auf dem guten alten Boden Deutschlands jetzt zerfällt, getrennt liegt, zerstört wird: dann frage ich, was wird die kommende Zeit uns und unsern Kindern für Ersatz gewähren müssen für so Vieles, was nur aus deutschem guten Sinn hervorgehen, nur von besonnenen treuen Händen in Sicherheit und Freiheit gepflegt werden konnte?

Auch Luise billigte Hermann's Vorhaben; sie schwieg aber über ihren Gesichtspunkt. Sie hoffte nämlich, er werde, wenn er einmal den öffentlichen Angelegenheiten zugekehrt sei, auch von der öffentlichen Bewegung leichter mitergriffen werden, zumal sie den Minister von Bülow den preußischen Bestrebungen insgeheim zugethan glaubte.

Lina allein dachte anders, selbst ihrem Ludwig entgegen, der sich über Hermann freute, indem er ausrief:

Jetzt kommst du auf den rechten Weg, mein Freund! Deine hypochondrische Stimmung ist auch schon ganz aus deinen Augen gewichen, seitdem du dich nach wirksamer Thätigkeit auch nur umsiehst. Brauchst du anfänglich Rath, Auskunft, Anweisung, Bücher über Staats- und Volkswirthschaft – da bin ich mit so viel oder wenig als ich vermag! Wir haben einen Gegenstand mehr für unsere Unterhaltung.

Diese Aufmunterung verdroß Lina im Stillen. Sie bedachte augenblicklich nur, was sie selbst an Unterhaltung mit Hermann verlieren würde, ja mehr noch an Halt und Förderung für ihre höhere Bildung. Aber sie schwieg, und als Hermann mit fragendem Blick ihr leuchtendes Auge suchte, versetzte sie nur:

Ich will's erleben, wie dir der Tausch zusagt, daß du den heitern Verkehr mit Dichtern und Denkern verlässest, um im Joch einer französischen Geschäftsordnung den Staub der Acten und den Verdruß der Arbeiten zu schlucken. Du weißt ja voraus, was Ludwig hat.

Ludwig lächelte zu dieser Erinnerung, wie er bisher auch die neue, etwas schwärmerisch-betriebene Richtung seiner Frau belächelt hatte, so sehr er sich dabei doch an ihrem schönen Streben und Gewinn heimlich erfreuen konnte. Denn er war von Haus und Verstand aus mehr eitel als eifersüchtig in der Liebe.

Lina selbst war bei ihrer Erinnerung an Ludwig eher etwas erschrocken. Sie fand einen Vorwurf für ihn darin, indem sie sich zugleich erinnerte, wie ermüdet, verstimmt und für so manches theilnahmlos er oft genug nach Hause kam. Und indem sie voraus zu sehen glaubte, daß auch Hermann gar bald nur von nichts als den Armseligkeiten der Schreibstube, den Intriguen der Hofparteien und den Frivolitäten der hohen Gesellschaft zu erzählen haben würde, kam es ihr vor, als ob von nun an seine und ihre Richtung auseinander liefen, sodaß der theuere Freund ihr ganz verloren gehen könnte.

Dieser Betrachtung hing sie nach, als Ludwig und Hermann zu einem Spaziergang fort waren. Da stellte sich auch gleich wieder der heimliche Vorwurf ein, mit dem sie sich seit den letzten Tagen beunruhigte. Luisens Benehmen gegen sie hatte nämlich nachgewirkt. Durch das mitgebrachte Blatt von Schleiermacher war ihr die Meinung der Freundin erst recht klar geworden. Offenbar wurde ihre Zuneigung für Hermann von Luisen misverstanden, und mit jenem Blatte über die Zehn Gebote der Liebe für eine verheirathete Frau sollte ihr eine Zurechtweisung gegeben werden.

Lina hatte das Empfindliche, was in diesem Argwohn für sie lag, nicht ohne Kränkung überwunden. Sie hatte jedoch nach und nach sich durch den Inhalt jener Zehn Gebote selbst über ihre Gesinnung für Hermann klar gemacht, und beruhigte sich über die Absichten des ihr so theuern Freundes gegen sie durch dessen zartes und unbefangenes Benehmen, durch die edeln Ansichten, die er bei jedem Anlaß über Liebe und Ehe aussprach, sowie durch das herzliche Vertrauen ihres Mannes gegen sie und gegen Hermann, selbst bei den traulichen Stunden, die der Freund mit ihr allein hatte.

Durch alles dieses kam Lina in wiederholter Betrachtung auf den Gedanken, sich gegen Luisen eine Genugthuung, eine Vergeltung zu nehmen. Rechtfertigung wollte sie es gar nicht genannt haben. Sie überlegte sich in dieser Absicht einen kleinen vertraulichen Abend, wozu sie Hermann einladen und ihn zu einem Vortrag über Liebe und Ehe veranlassen wollte. Bei dieser Gelegenheit dachte sie dann Schleiermacher's Blatt der beschämten Luise mit einem stillen Triumphe zurückzugeben.


Inzwischen wurde die Stadt mit jedem Tage belebter. Die Vorkehrungen zum nahen ersten Reichstage brachten mancherlei Geschäfte und Unruhe mit sich. Schon trafen auch einzelne Landesabgeordnete vor der Zeit ein. Der eine wünschte sich über die Lage der Dinge zu orientiren, der andere sich über seine Bestimmung genauer zu unterrichten; diese wollten sich bei Hof und bei den Ministern vorstellen, jene sich bei den Männern von Einfluß in Vertrauen setzen; einige beabsichtigten ihre kleinen Privatanliegen voraus anzuknüpfen, manchen lag auch nur daran, sich beim Zudrange so vieler Menschen einer bequemern Wohnung und Einrichtung zu versichern, und noch andere hatten alte Bekanntschaften in und um Cassel, mit denen sie erst ein paar ungestörte Tage zuzubringen dachten.

Den Maire der Residenz, Baron von Canstein, sah man den Tag über geschäftig, den Hut in der linken, das Schnupftuch in der rechten Hand, hin- und herlaufen. Der ehemalige Kammerherr des Kurfürsten war ein ängstlicher Pedant, der sehr an Aeußerlichkeiten hing und mit Nebensachen wichtig that.

Die alten hessischen Landtage, die einst den Landgrafen so heiß gemacht hatten, waren hinter der zunehmenden Regierungsgewalt der Fürsten in Vergessenheit gerathen, und was nun bevorstand, war sogar ein Reichstag nach ganz neuem Muster und von den ehrenwerthesten Abgeordneten beschickt. Denn die siebzig Grundbesitzer, die den Grundstock der Versammlung bildeten, waren größtentheils von gutem und altem Adel, die Funfzehn aus dem Gewerbe und Handelsstande kamen hauptsächlich aus den großen, capitalreichen Geschäften, und die Wahl der funfzehn gelehrten und um das Land verdienten Männer, die das Hundert der Reichstagsversammlung voll machten, war so ziemlich auf höhere Staatsdiener, auf Pensionäre und einige Professoren gefallen. Der Maire hielt es daher für anständig, solche Deputirte ihrem Werth und ihrer Würde gemäß in Privatwohnungen unterzubringen, und nahm die angemeldeten Quartiere bei adeligen Familien in Person, in bürgerlichen Häusern durch seine drei Adjuncten, Gundlach, Keßler und Reusch, in Augenschein, um bei der Vertheilung dieser Ehrenwohnungen die Wünsche der Besitzer und die Bedürfnisse der Einzuweisenden berücksichtigen zu können.

Aber auch die Gasthöfe, obgleich durch diese Maßregel des Maire in ihrem Vortheil verkürzt, ließen es nicht an neuen Einrichtungen fehlen, wobei sie auf jene Abgeordneten rechneten, die sich in Privatwohnungen genirt fühlen möchten, und den Zudrang der Fremden in Anschlag brachten, die sie einander abzujagen suchten. Schon früher hatten sie die alten Schilder, die der neuen Regierung anstößig waren, freiwillig oder auf Polizeibefehl abgenommen. Ein vorsichtiger Gast konnte nun kein Bedenken finden, den »Hessischen Hof« zu besuchen, der sich, den Ereignissen gemäß, in ein Hôtel de Westfalie erweitert hatte, oder durfte im »Kurfürsten« einkehren, der jetzt Hôtel rouge hieß. Aber nun dehnte der Besitzer des »Hofs von England« die Continentalsperre auch auf seine Firma aus, und schrieb Hôtel de Paris über seine Einfahrt.

Die pariser Schneider, die in Cassel ihre prahlerischen Schilder ausgehängt hatten, eröffneten jetzt Kleidermagazine, worin es Legendre, tailleur bréveté de Sa Majesté le Roi de Westfalie, Allen zuvorthat. Die Herren Pajol und Martel kündigten Reichsstandsuniformen an – Mantel, Kleid, Hose, Weste und Kopfbedeckung für 777 Francs. Mehre Lieferanten eiferten in den Tagesblättern gegen einander, indem jeder allein im Besitze der genehmigten Muster zu den Stickereien der Uniformen zu sein behauptete. Auch kündigte sich schon ein Portraitmaler an, der wahrscheinlich auf die ausgezeichneten Köpfe so vieler Reichstagsabgeordneten speculirte – Mr. Augustin, peintre en miniature, neveu et élève du célèbre Augustin, peintre de l'Empereur.

Unter den Fremden, die nach und nach eintrafen, zogen sich auch einzelne Damen, nach ihrem Aussehen und Namen von Stand, herbei, entweder von Neubegierde auf die pomphaften Aufzüge und glänzenden Feste gelockt, oder vielleicht auch von ihrem menschenfreundlichen Herzen getrieben, um so manchem von Frau und Kindern, von Haus und Hof getrennten reichen Abgeordneten nach heißen, dem Wohl des Landes geweihten Tagen stille, erheiternde Abende zu bereiten. Eine geschiedene Frau von Steinbach erregte sehr bald viel Aufmerksamkeit. 4 Man behauptete, sie werde sich zu einer zweiten Verbindung nur nach ganz genauer Prüfung einer größern Anzahl von Männern entschließen können. Noch mehr gab eine junge, üppig gebaute Dame von sich zu reden, die in der Martinigasse beim Juden Solberg Quartier genommen hatte, und sich als »schwedische Gräfin« in der Gesellschaft einführte.

Für das Theater erschienen zwei Demoiselles Pietsch, erste Ballettänzerinnen aus Hamburg, mit allen Reizen ausgestattet, die einen empfänglichen, auch feingebildeten Mann für nähere Bekanntschaft anziehen und fesseln konnten.

Kurz, eine Herrlichkeit stand bevor, die Alles in Erwartung setzte, und Jung und Alt aus den Fugen des gewohnten Lebens zu drücken drohte.



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