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Drittes Buch.


Erstes Capitel.
Eine verschobene partie fine.


Der Abend beim Großjägermeister, Grafen von Hardenberg, gehörte zu den kleinern Festen, womit man sich in den obersten Kreisen der Gesellschaft um den König nach dessen Rückkunft beeiferte. Die Königin hatte die Einladung abgelehnt, und Jerôme kam von seinem Besuche bei der Großhofmeisterin etwas verspätet und von der Unterhaltung mit derselben so zerstreut an, daß er anfangs einen Mann übersah, der dies für Ungnade nahm und sich heimlich kränkte.

Graf Boochls, der sich im Stillen um die noch unbesetzte Stelle eines Oberceremonienmeisters bemühte, hatte sich schon Sorge genug darum gemacht, daß seine Gemahlin von ihrem Besuche bei den Verwandten in Münster noch immer nicht zurückkommen wollte. Sie hatte zu gleicher Zeit, als Jerôme seine Umreise angetreten, Cassel verlassen und nicht über die Dauer der Abwesenheit des Königs ausbleiben wollen. Nun kam ihr Strohwitwer in gelinde Verzweiflung darüber, daß sie ihn gerade jetzt im Stiche ließ, wo ihm Alles daran lag, mit Ergebenheit gegen den König nicht hinter den Familien zurückzubleiben, die mit Aufmerksamkeiten gegen die Majestäten einander überboten. Er hatte schon hin und her überlegt, was er als Garçon für das Vergnügen seines königlichen Herrn thun könnte. Gerade als solcher hätte er sich jetzt um so lieber hervorgethan, als er sich seit der Abwesenheit seiner Gemahlin vom Könige kälter behandelt glaubte. Eine Angst überfiel ihn, wenn er bedachte, die Gesellschaft könnte auf den Gedanken kommen, daß die ihm bisher beneidete Gunst Jerôme's mehr auf den üppigen Schultern seiner Gemahlin, als auf seinem hofmännischen Ansehen und auf seinen persönlichen Verdiensten im Staatsrathe ruhe.

Der Graf war bei mittler Größe ein stattlicher, etwas korpulenter Mann, vornehm von Aussehen, ein wenig umständlich im Gebahren, nicht ohne den Ausdruck von stolzer Festigkeit in seinen Zügen und Mienen. Dennoch besaß er gerade am wenigsten entschiedenen Charakter, und war vielmehr schwach und nachgiebig, oft gegen seine Ueberzeugung, gefällig nicht selten im Widerspruche mit Dem, was er sonst als seine Grundsätze bekannte. Uebrigens erschien er überall rechtlich und wohlwollend, wo er auf eigenen Füßen stand, und hatte selbst fromme Anwandelungen, wenn er im Widerspruche mit seinen bessern Empfindungen handeln mußte. So schien er wie vorbestimmt zum Ceremonienmeister eines Hofes, der nach außen gern die höhere Würde vertreten sah, an der es innerlich gar oft fehlte.

Nach diesem Hardenberg'schen Abende fiel der Graf, vielleicht durch die empfundene Kränkung scharfsinniger, auf einen – wie er glaubte – glücklichen Gedanken. Jerôme liebte nämlich, unter andern Nachtstücken von Lustbarkeit, auch die in der Musik sogenannten Nocturnen. Zwei Hörner zu einer Harfe war seine Favoritmusik – die Harfe von Cäcilie Gallo oder von Madame Taglioni gespielt. Blangini, der Musikmeister der Königin, überhaupt ein recht guter Componist, besaß ein besonders glückliches Talent für solche Notturno's, die sich durch Anmuth und Lieblichkeit auszeichneten. An ihn wendete sich Graf Boochls, und war so glücklich, einige neue Sachen der Art zugesagt zu erhalten, da Blangini mit italienischer Schlauheit jede Gelegenheit benutzte, sich durch Männer von Einfluß empor zu bringen.

Ein musikalischer Abend im engen Cirkel sollte aber nur zum Vorwand und Deckmantel einer Belustigung dienen, die dem Grafen eigentlich zuwider war, die aber der König von Paris her liebte und auch in Cassel schon einige mal begünstigt hatte. Man nannte es eine partie fine, so wenig fein es auch dabei zuging.

Der König hatte schon mehre mal seinen Spaß an der Aengstlichkeit gehabt, womit der Graf sich bei dem freien Benehmen gegen die Damen, das bei Hofe im vertrautesten Kreise herrschte, besonders aber gegen solche feine Partien geberdete. Er war daher einigermaßen überrascht, als derselbe bei seiner Einladung zu einem kleinen musikalischen Abende lächelnd anfragte, ob es Seiner Majestät nicht unangenehm sein würde, hinter ein paar neuen Notturno's her ein – vertrauliches Ballet mitanzusehen. Der König, der seine Absicht verstand, rief heiter aus:

Ha, mein lieber Graf, das gefällt mir von Ihnen! Nicht wahr, man empfindet doch anders, wenn Einem die liebenswürdige Frau zu lange ausbleibt? Das hat unsere reizende Franziska nun davon! Angenommen, lieber Graf! Verabreden Sie die Sache mit Marinville – der versteht's. Ich bin aber recht begierig, wie Sie als Wirth den Ceremonienmeister machen werden, wo – das Costüm wegfällt! Ha, ha!

Die Rücksprache des Grafen mit dem Baron Cousin von Marinville betraf besonders auch die Auswahl der einzuladenden Gäste. Es konnten begreiflicherweise nur Männer des geeigneten Vertrauens sein, – nicht gerade von hohem Rang, aber von Takt und Manier bei anziehender Persönlichkeit, mit denen der König unbefangen im menschlichen Unterfutter seiner purpurnen Würde verkehren mochte. Die Gunst dieses Vertrauens wechselte wol auch nach den Umständen und Gelegenheiten, weniger vielleicht unter den Franzosen, den alten Bekanntschaften Jerôme's aus seiner vorwestfälischen Zeit, als unter den Deutschen, die nur mit Auswahl zu den feinen Partien gezogen wurden.

Die Seele dieser Ergötzlichkeiten war immerhin und blieb Marinville, der Cabinetssecretär, Garderobemeister und Liebesmerkur Jerôme's, den die zuwachsenden Heimlichkeiten des Königs, die er bewahrte, im Vertrauen seiner Stellung nur immer mehr befestigen konnten. Er war ein junger, hübscher Mann von feinem Wuchs und geistreichem Ausdruck eines schmalen, ziemlich regelmäßigen Gesichts. Die leichte Anmuth der Manieren und der Leichtsinn des Herzens, in den lebhaften Gesichtszügen ausgeprägt, machten Glück in der Atmosphäre des lustigen Hofes. Zwischen ihm und Jerôme herrschte unter vier Augen ein vertrauter Ton, die Etiquette hörte auf; Marinville besaß aber Tact genug, sich auf Kosten dieser Vertraulichkeit nichts herauszunehmen, und Jerôme nahm vielleicht Niemanden in der Welt weniger übel, als diesem Mitwisser und Mitgenossen aller Heimlichkeiten des Herzens.

Nächst ihm war General Rewbel, Jerôme's Adjutant, besonders begünstigt, – ein noch junger Mann, für die Weichlichkeit des Hoflebens, für die Bereitwilligkeit des Vorzimmers geschaffen, und mit dem Treiben hinter den Coulissen des Theaters vertrauter, als mit dem Leben unter den Zelten eines Feldlagers. Er war ein Sohn des bekannten Direktorialmitglieds und an eine Schwester der geschiedenen Frau Jerôme's verheirathet. Die Hofkapelle und die Kammerdienerschaft standen unter seiner Aufsicht.

Persönlich und durch seine Stellung gehörte der Palastpräfect Boucheporn zu den Vertrauten. Honoré Boucheporn, ein Vetter des Hofmarschalls, Baron von Boucheporn, war der Sohn eines ehemaligen Intendanten von Corsica, ein Mann von feinen Manieren, und mit der einzigen Tochter eines französischen Präfecten verheirathet, einem schlanken Frauchen von 17 Jahren, das mit seinem kindlichen Gesichtchen wie eine Lilie blühte.

Der Major Rossi, ein entfernter Anverwandter der Napoleon'schen Familie, und der Gardecapitän Carregha fehlten selten an solchen Abenden; Letzterer ein Bruder der schönen Hofdame Bianca Lafleche.

Unter den Deutschen war General von Lepel, ein schöner und aristokratisch gehaltener Militär, dem Könige sehr angenehm, was man auch von der Gespensterrolle erzählen mochte, die er früher am würtemberger Hof gegen den strengen König, der an keine Gespenster glaubte, mit ritterlichem Liebesmuth bestanden hatte.

Der Oberst von Hammerstein, nach der soldatischen Zierde einer scharfen Gesichtsschramme Le balafré zubenannt, verbarg unter anmuthigem Leichtsinn ein ernstes, kühnes Herz für die deutsche Sache, und der Kammerherr Graf Löwen-Weinstein, der für die Krone der Jerôme'schen Zechgesellschaften galt, zog sich in jenen übermüthigen Stunden am liebsten auf das Amt der Flaschen und Bowlen zurück.

Sobald die Geschäftigkeit aufhörte, mit welcher Graf Boochls seinen Abend vorbereitete, überfiel ihn, beim Läuten zur Frühmesse jenes Tages, eine angstvolle Unruhe. Er beklagte die unselige Stellung, in die man zwischen dem Hof und dem Himmel gerathen könnte. Er that einige fromme Gelübde zur Sühne der Leichtfertigkeit, die er nicht mehr verhindern konnte, ja er verwünschte die Gunst, nach der er sich erst mit soviel Ergebenheit gebückt hatte. Doch ehe er nur ahnen konnte, daß er mit seinen Verwünschungen so glücklich, wie mit seinen frühern Wünschen sein sollte, ließ der König absagen. Wie athmete, ja wie jubelte der Graf auf! Noch nie hatte er mit solcher Zufriedenheit ein Vorhaben abbestellt, wie jetzt die Harfe mit den beiden Hörnern und die sechs Tänzerinnen vom Theater. Zwar schrieb Marinville in seinem Briefchen aus dem Cabinet: »Ce qui est differé n'est pas perdu«; aber auch über dies drohende »Aufgeschoben ist nicht aufgehoben« kam der glückliche Graf schnell hinaus, als noch an demselben Morgen ein Brief seiner Gemahlin einlief, der ihre nahe Rückkehr ankündigte.



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