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Fünfundzwanzigstes Kapitel

Die Herren, sagte am andern Morgen der Kellner, als er das Frühstück auf unser Zimmer brachte, waren gestern Abend noch spät munter.

Haben wir jemand gestört?

Hier nebenan logieren zwei fremde Damen, welchen der Herr Gabelstich den Schlaf wegkommandiert haben.

Wie heißen die Fremden? fragte Erasmus, ich will mich bei ihnen entschuldigen.

Es ist eine Pfarrerswitwe mit ihrer Tochter.

Woher?

Aus Lillerode, soviel ich weiß.

Aus Lillerode? fragt' ich, und sah Erasmus an. Dieser erschrak, entfernte den Kellner, trat auf mich zu, faßte meine beiden Schultern und sagte: Nun, lieber Eduard, kannst du die kleine Marie, die einst die Lampe beschien, als der Pfarrer den Schirm hob, und die nun ein großes hübsches Mädchen geworden ist, mit eigenen Augen sehen. Geh hinüber und entschuldige mich. Ich vermag's nicht. Du bestellst auch wohl zugleich unsre Pferde.

Ich rief, während Erasmus sich auf das Sofa setzte, den Kellner zurück und erkundigte mich, wann die Damen wieder abreisen würden.

Nach zwei Tagen, war die Antwort. –

Wollen wir denn wirklich weg, Erasmus?

Er schwieg und sah vor sich hin.

Laß uns vergnügt sein, Erasmus, es ist ja doch nun einmal nicht anders. Du solltest eigentlich geradezu in das Feuer hineingehen, in das dich der Zufall geführt hat. Laß uns nicht retirieren, sondern hier bleiben. Faß einmal den Mut, deinem Schicksal offen in das Auge zu sehen!

Ja, du hast recht, rief er endlich resigniert und sprang auf. Ich will nicht davon laufen. Ich will den Kelch austrinken bis auf die Neige und er soll mir gut schmecken, und ich will lustig sein, weil ich meinen alten Schatz wiedergefunden habe. Lachend stieß er mit mir ein Glas Rotwein an und fuhr fort: Der alten Mutter will ich dankbar die faltige Hand küssen, die Hand, die mir so oft die Wange gestreichelt hat, und die Marie und den Konduktor segnen wird, und will mich der Zeit, wo mich der selige Pastor die Konjugationen lehrte, erinnern, und will der Marie zeigen, daß ich nichts verlernt habe, und will ihr Gerundia und Participia vorkonjugieren, daß sie sich freuen soll und ihr erzählen, wie emsig ein alter dummer Gram in dieser morschen Brust sitzt und amare konjugiert, und will ihr gratulieren, daß sie eine Braut ist und ihr wünschen, daß sie und der Konduktor recht glücklich sein mögen, so glücklich – so glücklich – wie ein Konduktor nur zu sein vermag. Wahrhaftig, Eduard, ich möchte heute abend bei Tische neben ihr sitzen und ihr Braten und Salat die Fülle zukommen lassen, und ihr die alte Rose, die sie mir einmal in Lillerode geschenkt hat, in den Salat schneiden und ihr Rotwein einschenken, wie mein Herzblut, und mit ihr anstoßen und rufen: Na, Marie, trinke, es war doch eine schöne Zeit, als wir uns lieb hatten! – –

Erasmus sprang auf, um durch den Kellner dafür zu sorgen, daß die beiden Damen unsere Namen nicht erführen.

Plötzlich erhob sich vor der Haustür ein lautes Pferdegetrappel und Wagengerassel. Es waren sechs Göttinger Studenten. Sie kamen, als sie hörten, daß Kommilitonen da seien, herauf zu uns. Einen von ihnen, Alexander von der Hort, kannt' ich schon früher. Er war ein blühender Jüngling, dessen Auge ein Diomedesauge und dessen Seele eine Feuerlilie war. Wein! Marcus! rief er dem Kellner schon auf der Treppe zu. Das Frühstück bekam eine größere Ausdehnung. Alexander hatte sich mit einem seiner Begleiter auf der hannöverschen Grenze geschossen. Das Duell war mit Glück beendigt, und alle hatten nun den Vorsatz gefaßt, nach Kassel zu reiten, und dort das Geld, das für den Überlebenden zur Flucht bestimmt war, fröhlicher zu verwenden. Der Vorschlag, in Wilhelmshöhe zu essen, wurde angenommen. Der Zug flog durch die Wilhelmshöher Allee, Gabelstich mit zwei Ritterstiefeln und der Satire im Herzen voran. Wir schwelgten in den riesigen Schönheiten, ließen Johannisberger fließen, klommen in die Keule des Herkules hinauf und kehrten erst am Abend zurück, sahen im Theater die Webersche Oper Oberon und zogen daraus wieder nach dem Ritter. Als wir in die Gaststube traten, mochte es wohl in Gabelstichs Herzen laut pochen. Aber wir fanden die Damen aus Lillerode nicht und setzten uns zu Tische. Außer uns bestand die Gesellschaft aus dem Kanzlisten von gestern abend, einem Inspektor, zwei Musikern und einem pensionierten Major, dem ich's an seinem pfiffigen Kopfwackeln ansah, daß er der König der Philister war. Der Kanzlist war zornig von gestern Abend her und sprach kein Wort, sondern saß da wie ein brüllender Löwe, und der Patriotismus glotzte ihm fürchterlich aus den Augen. Der eine Musiker zankte sich mit dem andern, der ein Enthusiast für Weber war. Beide kamen aus dem Theater. Ich lobe mir Rossini, rief der erstere, und seine klingenden Kompositionen, die den Hörer ins Paradies versetzen –

Und glauben machen, der Himmel hinge voll Triangel und Geigen, rief der andere. Ich weiß nicht, wie man Weber und Spohr so verkennen kann.

Sage mir kurz dein Urteil über beide, sagte jener.

Wenn du willst, über alle drei.

Spohr ist ein Kunstgarten voll tropischer Pflanzen mit betäubendem Balsamduft. Weber ist ein englischer Garten, vom Mondscheine beleuchtet, mit blühenden Terrassen, stürzenden Bächen, rauschenden Platanen. Fernhin hört man Hörner klingen, ein Gewitter steigt auf, und luftige Elfen tanzen auf dem Grase. Rossini ist ein Kindergärtchen worin hübsche Aurikeln, Schneeglöckchen und Gänseblümchen stehn.

Erasmus fiel unberufen ein und nannte den Tempel der Kunst eine Kirche. Darin ist Spohr, fuhr er fort, die ernste Glocke, welche die andächtigen Jünger zur Anbetung ruft, Weber ist die Orgel, die eine Flut genialer Töne, erhaben und lieblich, durch die Hallen sendet, und Rossini ist –

Was ist Rossini? rief die Gesellschaft.

Nun, fuhr Erasmus fort, Rossini ist der Klingelbeutel.

Es gab ein Gelächter.

Der Major suspendierte sein Urteil, bis die Nachwelt über diesen Punkt entschieden habe. Der Inspektor meinte: die Geschichte mit dem Hüon sei ihm zu unwahrscheinlich.

Alexander von der Hort und die übrigen Burschen sprachen nur mit Entzücken von der Sängerin Roland und ließen sie bereits zum dritten Male leben. Es hat aber nichts geholfen, denn sie ist im vorigen Jahre gestorben.

Ein ziemlicher Lärm herrschte im Zimmer, als die Pastorin von Lillerode mit ihrer Tochter hereintrat. Erasmus erblich und stotterte viel von unverhofftem Zufall. Die Pastorin war voll Teilnahme und erfreut. Marie, ein wirklich sehr schönes Mädchen, in ländlicher Kleidung, mit einem großen Strohhute und einem Schal vom Ökonomen, nahm ein ernstes Brautgesicht an, welches dem Freunde sogleich seinen Mut wiedergab. Mir schlug das Herz, als ich sah, wie er sich an ihre Seite setzte. Er war so galant, wie ich ihn nie gesehen und las jeden Wunsch in Mariens Auge. Bald verloren die Damen, da sie Gabelstich so privilegienmäßig unter seine Flügel nahm, die strenge Berücksichtigung der übrigen Studenten, welche ein über das andere Mal die Gläser klingen ließen. Die Pastorin wurde indessen angelegentlich von Alexander von der Hort über die Vorzüge des städtischen Lebens unterhalten. Die beiden Musiker waren noch nicht einig über Rossini, und der Major beschrieb dem Inspektor die Melodie des Spießrutenmarsches, der zu seiner Zeit üblich gewesen. Marie blieb also allein für Erasmus übrig.

Wie geht es Ihnen denn, Fräulein Marie?

Gut, flüsterte das Mädchen, und Ihnen?

Mir geht's kreuzfidel, lachte Erasmus.

Dichten Sie noch fleißig?

Ich dichte wohl, aber ich trachte nicht mehr. Und auch meine Leier ist scheußlich herunter gekommen, darum werde ich sie nächstens an einen Dorfmusikanten verkaufen, der in Lillerode spielen könnte, wenn Kirmes dort ist. Wenn Sie dann das alte Instrument einmal wieder hören würden beim nächtlichen Tanze fröhlicher Burschen und Mädchen, vielleicht dächten Sie dann an mich.

Werden Sie nicht bald wieder einmal die Heimat besuchen?

Ach nein, sagte Erasmus, ich habe keine Heimat mehr mein Vater ist tot, und meine Mutter ist tot, und meine Schwester ist tot, und meine Liebe ist tot. Trinken Sie Franz- oder Rheinwein?

Marie suchte vergebens, mit Erasmus auf ein gleichgültiges Kapitel zu kommen.

Beim Nachtische ließ sich wieder die Drehorgel vor der Haustür hören und spielte den sogenannten Trauer- oder Sehnsuchtswalzer von Beethoven, und der Orgeldreher schrie dazu mit der Stimme des Sturmwindes die bekannten Worte:

O süße Himmelslust
Bebt durch die trunkne Brust,
Bin ich bei dir, bei dir,
Lächelst du mir!

Aber welch großer Schmerz,
Der mir durchbohrt mein Herz,
Bist du mir, lieber Stern,
Bist du mir fern!

Als Erasmus, den niemand außer mir beobachtete, den schreienden Orgelkerl hörte, wurde er lustig und ließ ohne Rücksicht auf die Kasse Champagner kommen.

Marie tat sich Gewalt an, heiter und unbefangen zu sein.

Kennen Sie den Walzer? fragte er sie, und fuhr, ohne auf eine Antwort zu warten, fort: Es ist eine wunderbare Musik, dieser Walzer, wertestes Fräulein. –

Es wäre mir unmöglich, auf dem Lande zu wohnen, sagte Alexander.

Sie trinken doch Champagner? fragte Erasmus. Wenn ich diesen Walzer höre, so kommt es mir immer vor, als wenn ein alter Liebesschmerz sich einmal einen guten Tag machen wollte und zwischen blühenden Bäumen umherhinkte und jene Walzermelodie krähte. Aber befehlen Sie denn gar keine Radieschen, Fräulein Marie? Oder ziehen Sie den Kuchen vor?

Diese ewigen Modulationen! Keine zwei Takte bleibt er in einer Tonart, sagte der Musiker.

Erinnern Sie sich noch, Fräulein Marie, hörte ich Erasmus fortfahren, wie wir beide als Kinder in dem Gärtchen vor Ihrem Hause im Sande spielten, und Sie Kuchen backten, die ich nicht essen wollte, und wie ich alle Sonntagmorgen geputzt hinüber zu Ihrem Herrn Vater ging, um die Nummer des Liedes für den Gottesdienst zu holen, und wie Sie abends zu uns kamen, um den Papa abzuholen, und wie ich Ihnen dann von meinen Kenntnissen vorprahlte?

Wohl, flüsterte Marie. Das Haus hat sich inzwischen verändert, und der Garten ist zur Landstraße benutzt.

Wer nicht tüchtig auf den Delinquenten hieb, auf den wurde selbst geschlagen, sagte der Major.

Schade, fuhr Erasmus fort, dieser Garten war immer mein Lieblingsplatz, und wir haben manche Narrheit da getrieben, über die ich hernach noch bittere Tränen gelacht habe.

Ja! das schwör' ich Ihnen bei Gott zu, das Blut floß den Kerls stromweise am Rücken herunter, und sie pfiffen wie die Heidelerchen, eiferte der Major.

Aber hören Sie nur den himmlischen Walzer, sagte Erasmus zu Marie, und wie der Orgeldreher dazu schreit!

Sie lebe! riefen die Studenten, und ließen die Gläser läuten.

Ist's nicht, sagte Gabelstich, als wenn der heulende Jammer in Eskarpins und Tanzschuhen wahnsinnig durch die Welt liefe und immer schrie: O süße Himmelslust bebt durch die trunkne Brust, bin ich bei dir, bei dir, lächelst du mir. Trinken wir ein Glas Champagner, Marie! Die gute alte Zeit soll leben!

Marie zitterte und sagte leise: Auch die Kirche ist neu gebaut worden und der Kirchhof ein Garten geworden.

Und die Gräber? fragte Erasmus.

Die sind mit Bosketts bedeckt.

Dann wird der Anblick der Gräber, fuhr Gabelstich fort, aus denen ich einmal mit jemand gesessen habe in Trauer und Liebe, niemand mehr inkommodieren. Die Gräber reden mitunter, Marie. Aber trinken Sie doch, mundet Ihnen der Champagner nicht?

Doch! sagte Marie mit bebender Stimme. Sind Sie wohl gewesen, seit Sie nicht in Lillerode waren? Sie klagten damals sehr über Ihre Brust.

O, mit meiner Brust, erwiderte Erasmus, geht's wieder recht munter. Sie ist zwar alt und hat manches erlitten. Sie ist eine verfallene Kapelle, die einst eine Heilige gebaut hat. Aber jetzt wird darin manchmal getanzt, und Kirmes darin gehalten. Der klapperbeinige Gram tanzt darin mit der Freude den Trauerwalzer, und um Mitternacht in der Geisterstunde läutet's darin. Es sind weinende Engel, die allerhand zu Grabe läuten. Aber tot ist tot, und hin ist hin! Hören Sie nur diesen köstlichen Walzer. Er lautet so wunderbar lustig und ich möchte singen dazu den Vers, den Sie mir einmal in mein Stammbuch schrieben, Marie. Ich habe den Walzer recht lieb, so lieb wie – ach, ich wollte, es wäre nichts geschehen. Aber trinken Sie doch, Fräulein.

Marie trank. Ein heißer salziger Tropfen fiel in ihr Champagnerglas.

Weinen Sie nicht, Marie. Mäßigen Sie sich. Hören Sie, wie die Töne alles plaudern und den Leuten die ganze unangenehme Geschichte erzählen? Weinen Sie nicht, mein Fräulein! Es ist ja ein lustiger Walzer, wenn er auch langsam geht, langsam, wie ein siechendes gramvolles Leben – langsam und doch so schön. – –

Marie stand auf und wankte mit ihrer Mutter, Müdigkeit vorschützend, mit dem Taschentuche zur Tür hinaus.

Erasmus, rief ich, was hast du gemacht!

Hoch!!! riefen die Burschen, da Alexander den Toast: was wir lieben! ausgebracht hatte. Wir stießen die klingenden Gläser an, auch er mit dem zermalmten Herzen. Sein Glas zerbrach. Laut stimmte er in den Toast ein, trank aus den Scherben, und warf sie nach dem Ofen, wo sie mit einem wehmütigen Klange zersplitterten. –

*

Und hiermit schließ' ich, denn ich habe mich, da ich das frühere Kapitel nicht wieder durchlas, ehe ich ein folgendes schrieb, endlich so hineingeschrieben, daß ich jetzt gar nicht weiß, wo ich bin. Ich wollte anfangs eigentlich ganz andere Dinge erzählen, und hätt' es auch getan, wenn mich einesteils nicht der Probator gestört, andernteils meine eigene Plauderlust nicht verführt hätte. Auch ärgert's mich, daß ich oben bei einem dummen Zanke mit dem Rezensenten, zu dem eigentlich kein Grund vorlag, in der Hitze gesagt habe: ich wollte nun die Geschichte von der einsamen Harfe nicht erzählen, und Gabelstich ist mir auch so in die Feder gekommen, ich weiß nicht wie. Endlich schäm' ich mich, daß ich den Leser über die Bedeutung des Titels so gänzlich im Ungewissen gelassen habe. Nun ist's zu spät, denn nachdem ich so aus dem hundertsten ins tausendste geredet habe, paßt der Titel dieses Buches auf den Inhalt, wie die Faust aufs Auge, nämlich gar nicht. Schweigen wir also hierüber. Die Geschichte von der kleinen Marie sollte auch noch kommen. Aber setzt mir nicht der Setzer aus der Ferse nach, und hat er mich nicht bereits eingeholt, so daß an einen kleinen Vorsprung nicht mehr zu denken ist? In einem purpurnen läutenden Sommerabend sollte dieses Buch ausklingen. Aber regnet's nicht seit acht Tagen an jedem Abend? So indessen der Leser will, schreib' ich noch einen Band, in welchem ich vernünftiger zu sein und alles wieder gut zu machen hoffe.

Lebet wohl, die ihr meiner Plauderei ein freundliches Herz geliehen habt! Lebe wohl, mein Büchlein! Trage deine Lieder froh und unbekümmert in die Welt hinein und grüße mir alle guten Menschen. Siehe, die Sonne ist im Aufgang begriffen und scheint auf deine Blätter. Klinge, wie die Memnonssäule! Töne mir noch einmal, nenne mir, ehe du von mir wegziehst in die große, kalte Welt, noch einmal den süßesten Namen!

Henriette.

Henriette, ich liebe dich, und du bist schön, wie die Sonne im Aufgang!

Zeichnung Hans A. Müller

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