Johann Peter Hebel
Schatzkästlein des Rheinischen Hausfreundes
Johann Peter Hebel

 << zurück weiter >> 

Tod vor Schrecken

Als einmal der Hausfreund mit dem Doktor von Brassenheim an dem Kirchhof vorbeiging, deutete der Doktor auf ein frisches Grab und sagte: »Selbiger ist mir auch entwischt. Den haben seine Kameraden geliefert.«

Im Wirtshaus, wo die Schreiber beisammen sassen bei einem lebhaften Disputat, schlug einer von ihnen auf den Tisch. »Und es gibt doch keine!« sagte er, – nämlich keine Gespenster und Erscheinungen. – »Und ein altes Weib«, fuhr er fort, »ist der, der sich erschrecken lässt.« Da nahm ihn ein anderer beim Wort und sagte: »Buchhalter, vermiss dich nicht; gilt's sechs Flaschen Burgunderwein, ich vergelstere dich und sag dir's noch vorher.« Der Buchhalter schlug ein: »Es gilt.«

Jetzt ging der andere Schreiber zum Wundarzt: »Herr Land-Chirurgus, wenn Ihr einmal einen Leichnam zum Verschneiden bekommt, von dem Ihr mir einen Vorderarm aus dem Ellenbogengelenk lösen könntet, so sagt mir's.« Nach einiger Zeit kam der Chirurgus: »Wir haben einen toten Selbstmörder bekommen, einen Siebmacher. Der Müller hat ihn aufgefangen am Rechen«, und brachte dem Schreiber den Vorderarm. »Gibt's noch keine Erscheinungen, Buchhalter?« – »Nein, es gibt noch keine.« Jetzt schlich der Schreiber heimlich in des Buchhalters Schlafkammer und legte sich unter das Bett, und als sich der Buchhalter gelegt hatte und eingeschlafen war, fuhr er ihm mit seiner eigenen warmen Hand über das Gesicht. Der Buchhalter fuhr auf und sagte, dann er wirklich ein besonnener und beherzter Man war: »Was sind das für Possen? Meinst du, ich merke nicht, dass du die Wette gewinnen willst?« Der Schreiber war mausstille. Als der Buchhalter wieder eingeschlafen war, fuhr er ihm noch einmal über das Gesicht. Der Buchhalter sagte: »Jetzt lass es genug sein, oder wenn ich dich erwische, so schaue zu, wie es dir geht.« Zum dritten Mal fuhr ihm der Schreiber langsam über das Gesicht; und als er schnell nach ihm haschte, und als er sagen wollte: »Hab' ich dich?« blieb ihm eine kalte, tote Hand und ein abgelöster Armstümmel in den Händen, und der kalte, tötende Schrecken fuhr ihm tief in das Herz und in das Leben hinein. Als er sich wieder erholt hatte, sagte er mit schwacher Stimme: »Ihr habt, Gott sei es geklagt, die Wette gewonnen.« Der Schreiber lachte und sagte: »Am Sonntag trinken wir den Burgunder.« Aber der Buchhalter erwiderte: »Ich trink ihn nimmer mit.« Kurz, den andern Morgen hatte er ein Fieber, und den siebenten Morgen war er eine Leiche. »Gestern früh«, sagte der Doktor zum Hausfreund, »hat man ihn auf den Kirchhof getragen; unter selbigem Grab liegt er, das ich Euch gezeigt habe.«

 


 


 << zurück weiter >>