Johann Peter Hebel
Schatzkästlein des Rheinischen Hausfreundes
Johann Peter Hebel

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Zwei Kriegsgefangene in Bobruisk

Wer viel merkwürdige Begebenheiten aus dem russischen Feldzug wissen will, der muss ihn entweder selbst mitgemacht haben oder aber, er muss mit vornehmen Kriegshauptleuten bekannt sein, die dabei waren. Der Kalendermann rühmt sich dessen, und wenn er mittags über den Paradeplatz geht zum Hofapotheker, grüssen sie ihn. Mitgemacht den Feldzug hat er nicht.

Folgendes ist ein seltener Beweis von Edelmut und Leichtsinn und noch einmal von Edelmut. Zwei polnische Offiziere wurden als Kriegsgefangene in einem russischen Dorf bis den andern Morgen einquartiert. Sonst sollen die Polen und die Russen auf den blossen Namen hin nicht immer die besten Freunde sein. Allein der russische Edelmann, der in demselben Dorf wohnt, dachte daran in seinem schönen Schloss und in seiner warmen Stube, wie er auch einmal in seiner Jugend Kriegsgefangener gewesen war in fremdem Lande ohne Geld, ohne Freund, ohne Trost, und wie er in dem Hause eines edlen Menschen eine freundliche Aufnahme gefunden hatte, und wie solches dem Herzen wohltut. Also suchte er sogleich die Gefangenen auf, nahm sie in sein Schloss, bewirtete sie wie Brüder oder Freunde und suchte sie durch Trost und teilnehmende Reden zu erheitern. Denn das ist ein schönes und heiliges Schuld- und Wechselrecht, das in dem Herzen aller gutgearteten Menschen aufgerichtet ist, dass, wer einmal unter fremden Leuten in der Not und Betrübnis eine Liebe oder Wohltat erfahren hat, sieht sie als ein empfangenes Darlehen an und zahlt sie, wenn er daheim ist, wieder an einen andern Fremdling heim, der in gleicher Not und Betrübnis zu ihm kommt, als eine Schuldigkeit, ob er gleich keine Handschrift darüber ausgestellt hat, und das nicht einmal, sondern zehnmal, wenn er kann, wie ein ausgestreutes Saatkorn nicht allein, sondern selbzehnt oder fünfzehnt aus der Erde zurückkehrt.

»Wisst ihr schon«, fragte die Gefangenen der Edelmann, »wo der Ort eures Aufenthaltes sein wird?« Die Gefangenen sagten, »in den kaukasischen Gebirgen.« – »Seid ihr denn auch mit etwas Reisegeld versehen auf einen so langen Weg?« Die Gefangenen zuckten die Achseln. Hierauf sprach der Edelmann ihnen mit heiterer Miene zu, zu essen und zu trinken und wohl bei ihm zu schlafen, und des andern Morgens, als der Transport weiterging und sie nun von ihrem Wohltäter Abschied nahmen, schenkte er ihnen fünfhundert Rubel russischen Geldes auf die Reise. Nein, er wollte nicht einmal den Namen haben, dass er es ihnen schenkte. »Ich will es euch leihen«, sagte er; »wenn euch einst Gott in euere Heimat und zu den Eurigen zurückführt, so könnt ihr mir's wieder schicken.«

Die Geschichte könnte hier aus sein. Sie wäre schon des Erzählens wert gewesen. Allein sie fängt jetzt erst recht an. Der nächste Tagmarsch der Kriegsgefangenen ging nach einer altrussischen Grenzfestung namens Bobruisk. Man muss schon ein fertiges Mundwerk haben, wenn man so einen russischen Namen mit Leichtigkeit will aussprechen können. Der Hausfreund kann's. In Bobruisk aber, wo die Gefangenen bei guter Tagszeit anlangten, gingen die zwei Polen noch ein wenig herum, die Stadt zu besehen, und als sie an ein schönes, grosses Wirtshaus kamen, dachten sie, »wollen wir nicht ein wenig hineingehen und unserm Wohltäter seine Gesundheit trinken?« In dem Wirtshaus aber sassen viele russische Herrn und Edelleute, die redeten oder tranken miteinander oder spielten Pharao. Pharao aber ist ein sehr gefährliches Spiel, in welchem man viel Geld verspielen kann, also, dass man es nicht Pharao nennen sollte, sondern das Rote Meer, weil viele, die hineingehen, drin ertrinken, ausgenommen die Kinder Israel.

Selbigen Tages aber kam auch der wohltätige russische Edelmann nach Bobruisk, um bei seinen guten Freunden daselbst einen vergnügten Abend zuzubringen, und indem er in das nämliche Wirtshaus hineintritt, was geschieht, wen sieht er mitten unter seinen reichen Freunden und Bekannten am Spieltische sitzen? Wen sieht er ein Dutzend Rubel nach dem andern setzen und verspielen? Seine leichtsinnigen Gäste, die zwei Polen. Die Polen hätten auch fast lieber einen Wolf als ihn gesehen und spielten nicht um das besser oder glücklicher, als er sich ebenfalls an den langen Spieltisch setzte und ein Dutzend Rubel nach dem andern gewann, wären gerne davongeschlichen, wenn sie nicht die gute Hälfte ihres Geldes hätten müssen im Stich lassen, das sie wieder zu gewinnen hofften. Als sie aber in kurzer Zeit ganz vom Samen waren und die letzte Kopeke dahin war und jetzt trostlos und verzweifelnd zur Tür hinausschlichen, ging ihnen der russische Edelmann nach, und mancher geneigte Leser, dem man nicht so kommen dürfte, freut sich schon, wie er Justiz machen und den russischen Stab wird walten lassen. Nichts nutz! Ein Kriegsgefangener ist ohne Schläge geschlagen genug, und Strafe erbittert nur, aber Grossmut kann beschämen und bessern. »Alleine Freunde«, sagte er zu ihnen sanft und gütig, »ihr müsst wohl besser bei Geld sein, als ich gestern geglaubt habe. Nehmt mir meine Voreiligkeit nicht übel auf. Ich danke euch, dass ihr mein gutgemeintes Anerbieten nicht beschämt habt.« Die Gefangenen aber waren nicht imstande, eine Silbe zu antworten, ausgenommen sie schlugen die Augen nieder, als wenn sie sagen wollten, dass er sich gestern nicht an ihnen versehen habe, aber jetzt. Da sprach er zu ihnen: »Ihr seid nunmehr gewitziget, und ich hoffe, meine Güte sei zum zweiten Mal besser an euch angewendet als zum erstenmal«; und als er ihnen mit einem guten Wechselbrief von fünfhundert Rubel ihren ganzen Verlust ersetzte, konnten sie noch weniger als vorher sprechen, sondern küssten ihm mit Tränen des Dankes und der Rührung die Hände. Hernach aber hat er nichts mehr von ihnen erfahren. Diese Erzählung ist unversehrt aus Russland herausgekommen und hat ihre Wahrheit.

 


 


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