Johann Peter Hebel
Schatzkästlein des Rheinischen Hausfreundes
Johann Peter Hebel

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Der Herr Graf

Eines Abends, da sassen wir in einem vornehmen Gasthause und vexierten einander mit allerlei. »Wisst Ihr noch, zum Beispiel«, fragte der Graf den Hausfreund, »wie Ihr einst mit einem fremden Herrn angegangen seid, an dem nämlichen Platz, wo Ihr jetzt sitzet, von wegen der Sternseherei, und wie Ihr von einem beschrien worden seid, als Ihr nachher auf dem linken Flügel wolltet abziehen? Man muss sich mit fremden Leuten in acht nehmen, die man nicht kennt«, sagte der Graf im Scherz, und erfuhr es bald nachher im Ernst. Denn mancher gibt eine gute Lehre und befolgt sie selber nicht.

Es kamen jetzt aus einer Chaise vier fremde Personen in die Stube und darunter zwei schöne weibliche Gestalten, wie sie der Graf gerne sieht, und freute sich schon der angenehmen Tischgesellschaft. Als wir aber näher zusammenrückten, damit die Fremden Platz hätten am Tisch, bestellten sie ihr Nachtessen in ein eigenes Gemach, denn sie seien müde von der Reise und reich. Als aber der Hausfreund hinwiederum den Grafen vexieren wollte: »denkt Ihr auch noch daran, wie Ihr einmal seid heimgeschickt worden, als der ungarische Major im Land war«, da war schon kein Graf mehr weit und breit zu sehen, sondern er war mit des Wirts Vorwissen und Gefälligkeit in eine Kammer gegangen und kleidete sich daselbst anderst an, als wenn er in die Wirtschaft gehörte. In solcher Gestalt ging er in die Stube, wo die Fremden waren, deckte den Tisch, brachte das Essen, wartete auf und erfreute sein Herz an der Schönheit der weiblichen Gestalten und an ihren süssen Reden. Auch musste er ihnen Neuigkeiten erzählen. Mehr Unglücksfälle sind in zehn Jahren nicht geschehen, als damals an einem Tag nach des Grafen Erzählung. Den andern Tag reisten die Fremden wieder weiter, wir meinten nach Basel. Am Mittwoch aber oder Donnerstags drauf wurden wir einig, in die lustige Badestadt zu gehen, wo unzählige Fremde aus allen Weltteilen der Gesundheit pflegen und sich der wunderschönen Landschaft erfreuen. Als wir aber dort um die Mittagszeit in einen Speisesaal traten, es waren schon viele Leute da, erblickten wir die nämlichen vier Personen wieder und sie uns; und wer uns kannte, bewillkommte uns laut mit Namen und tat uns unsre Ehre an. »Seid uns höchlich gegrüsst, Herr Graf! Guten Tag, Herr Hausfreund! Was führt Euch für ein Glücksstern zu uns, Herr Graf? Hausfreund, was bringt Ihr Neues von daheim?« Da schaute mit Schweisstropfen auf der Stirne der Graf den Hausfreund an: »Jetzt ist guter Rat teuer, wenn Ihr keinen wisst. Was Ihr aber tut, bringt's nicht in den Kalender.« »Herr Graf«, erwiderte der Hausfreund, »diesmal will ich Euch noch retten. Aber künftig befolgt die Lehren selbst, die Ihr andern gebt! In solche Verlegenheit kommt man mit Euch.« Also redete der Hausfreund mit dem Wirt, was er zu den fremden Personen sagen sollte. Der Wirt sagte: »Wenn das so ist, so muss man freilich aus der Not eine Tugend machen«, und redete mit den Fremden. »Wisst ihr«, sagte er, »wer die zwei Personen sind, die zuletzt da hereinkamen? Der eine ist eines Wirts Sohn nicht weit von hier, sonst ein wahrheitsliebender junger Mann, nur bisweilen, nachdem als der Mond steht, kommt es ihm in den Kopf, er sei der Graf Susse. Deswegen machen ihm die Leute, weil er gut ist, diesen Spass. Der andere ist der Rheinländische Hausfreund, dem im Jahr 1814 auf 1815 eine Eule aufgesessen ist, wie ihr im Morgenblatt könnt gelesen haben.« Da sprach die eine weibliche Gestalt halb seufzend: »Der arme Mensch!« – nämlich der Graf – »wir kennen ihn«, sagte sie. »Wir haben auch damals schon etwas an ihm gemerkt. Statt des Kaffee, den er uns auf den andern Morgen bestellen sollte, bestellte er uns eine Habermehlsuppe.« Also wurde die Sache noch glücklich vertuscht, und als sie hernach sahen, mit welcher Feinheit und Würde er sich gegen jedermann benahm, sagten sie: »Man sieht's ihm recht an, dass ihm der Graf von Herzen geht. Mit Vorsatz könnte sich einer nicht so verstellen.«

 


 


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