Johann Peter Hebel
Schatzkästlein des Rheinischen Hausfreundes
Johann Peter Hebel

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Die nasse Schlittenfahrt

Der Hausfreund hat viel gute Freunde am Rhein auf und ab, zwischen Friedlingen und Andernach, unter andern ein paar lose. Einer davon versteht sich gut darauf, Kissen und Säcke auszustopfen, um weich darauf zu sitzen, und man darf ihn rekommandieren. Zwei andere gute Freunde von ihm sagten zueinander an einem schönen, kalten Wintertag: »Wollen wir nicht auf dem Schlitten fahren?« – »Wohin?« – »Zum Theodor.« Sie nannten ihn nur mit dem Vornamen. Theodor heisst er mit dem Vornamen. Also spannten sie den Rappen an den Rennschlitten und legten einen Sack voll Spreu darauf, der Länge nach, um weicher zu sitzen. Als sie bei dem guten Freund angelangt waren, wurde lustig getrunken – der Wein lag ihm nie überzwerch im Fass –: Schliengener, Böllinger, Steinenstatter, Vierundachtziger, Achtziger, Vierundsiebenziger. Beim Vierundsiebenziger blieben sie sitzen, bis der Abendstern über dem Wasgau funkelte und die Bettglocken laut wurden in den Dörfern. Als die Bettglocken laut wurden, sagte einer von ihnen: »Jetzt will ich anspannen, unser Weg ist der weiteste.« Der Theodor sagte: »Wahrscheinlich auch der krümmste. Hüst um! Dort links ist die Stubentür.« Denn der Gast taumelte nach der Türe eines Milchschranks, in der Meinung, es sei die Stubentür. Als sie auf dem Schlitten noch eins genommen hatten zu St. Johannes' Segen und ungefähr an die Tannen gekommen waren, wurde es beiden nass zwischen den Beinen. Der vordere dachte: »Soll mir etwas passiert sein, oder ist mein Kamerad dahinten nicht wasserfest?« Der andere dachte: »Schmelzen die Spreu im Spreuersack, oder ist meinem Kameraden etwas passiert? –« »Gevatter«, stammelte endlich der vordere, »es scheint mir, Ihr habt's euch kommod gemacht. Ich hätt' Euch wohl ein paar Minuten lang das Leitseil halten mögen.« – »Gevatter«, erwiderte der andere, »mir kommt's vor, Ihr solltet nicht mehr saufen, als Ihr bei Euch behalten könnt.« Während sie aber so Wortwechsel treiben und jeder die Schuld auf den andern warf, wurden sie immer nässer, und der Sack unter ihnen gab immer mehr nach, bis sie auf dem harten Brette sassen. »Mordsapperment, Ihr schwemmt mich noch über den Schlitten hinunter«, fuhr der zweite fort. – »Oder Ihr mich«, erwiderte der erste. – »Wenn ich nicht dasässe wie einer, der zwischen den zwei Buckeln eines Trampeltieres reitet, ich läge schon lange auf dem Boden, und die Stiefel sind mir bereits mitsamt den Füssen angefroren am Schlittenkufen.« – »Drum eben«, erwiderte der erste. »Woher kommt's, dass Euch das Wasser an den Beinen herabläuft?« Als sie aber halbsteif nach Hause gekommen waren und die Spreu aus dem Sacke ausleeren wollten, schoss etwas ganz anderes als Spreu heraus. Da sagte der eine: »Ich glaube gar, der Schalk, der Theodor, hat uns den Sack mit Schnee angefüllt. Darum sind wir so nass geworden.« Der andere sagte: »Es kömmt mir auch so vor.« – Es war auch so.

 


 


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