Johann Peter Hebel
Schatzkästlein des Rheinischen Hausfreundes
Johann Peter Hebel

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Die Probe

In einer ziemlich grossen Stadt, wo nicht alle Leute einander kennen, auch nicht alle Hatschiere, ging ein neu angenommener Hatschier in ein verdächtiges Wirtshäuslein hinein und hatte einen braunen Überrock an. Denn er dachte: Weil ich noch nicht lange angenommen bin, so kennt mich niemand, und niemand nimmt sich vor mir in acht; vielleicht gibt's etwas zu fischen. Ein bejahrter Mann in bürgerlicher Kleidung folgt ihm nach und geht auch in das Wirtshäuslein. Der neue Hatschier fordert einen Schoppen, der betagte Mann setzt sich an den nämlichen Tisch und fordert auch einen Schoppen. Unter ihnen und ober ihnen und an andern Tischen sassen mehrere Leute und sprachen in Friede und Eintracht von allerlei, von dem Elefant, von dem grossen Diebstahl, von den Kriegsoperationen. Einer zog mit dem Finger einen Strich von Wein über den Tisch und sagte: »Zum Exempel, dies wäre die Donau.« Drauf legte er ein Stücklein Käsrinde daneben und sagte: »Jetzt, das wär' Ulm.« Ein anderer, als er Ulm nennen hörte, sagte zu dem betagten Mann: »Ich bin von Ulm und hätte Haus und Gewerb daselbst. Aber die alten Zeiten sind nicht mehr.« Der betagte Mann sagte: »Landsmann, Ulm ist überall, die guten Zeiten sind nirgends mehr«, und fing an zu hadern und sich zu vermessen über die Zeit und über die Abgaben und über die Obrigkeit, wie es sich nicht geziemt. Da wurde der Hatschier im braunen Überrock aufmerksam und stille und sagte endlich: »Guter Freund, ich warne Euch.« Der betagte Mann aber sagte: »Was habt Ihr mich zu warnen?« und trank ein Glas voll Wein nach dem andern aus und schimpfte über die Obrigkeit nur noch ärger. Der verkleidete Hatschier sagte: »Guter Freund, ich kenn' Euch nicht. Aber ich will Euch noch einmal gewarnt haben.« Der Betagte erwiderte: »Warnen hin und warnen her! Was wahr ist, muss man reden dürfen. Was bleibt einem noch übrig als die freie Rede?« und so und so. Da schlug der verkleidete Hatschier den braunen Überrock zurück und zeigte sich, wie er war, in einem hechtgrauen Rocke mit roten Aufschlägen und einem Bandelier. »Jetzt, guter Freund«, sagte er, »jetzt kommt mit mir!« Da stellte sich der Mann, als er an dem Rock den Hatschier erkannte, auf einmal wie umgewendet. »Guter Freund«, sagte er, »Ihr werdet doch meinen Spass nicht für Ernst angesehen haben und nicht erst heute auf die Welt gekommen sein. Ich sehe schon«, sagte er, »wir müssen eine Bouteille miteinander trinken, dass Ihr mich besser kennen lernt«, und forderte noch eine Bouteille und winkte der Wirtin: »Vom Guten.« Allein der Hatschier sagte: »Ich habe keinen Wein mit Euch zu trinken«, und fasste ihn wohl oben am Arm, und fort zur Türe hinaus. Unterwegs fuhr der Arrestant fort zu reden: »Ihr meint zum Beispiel, ich sei ein Feind von Abgaben, weil ich über die Abgaben geschimpft habe. Aber nein, ich will Euch das Gegenteil beweisen, denn Ihr seid auch eine obrigkeitliche Person, und ich habe vor Euersgleichen Respekt.« Also zog er einen Kronentaler aus der Tasche und wollte sich damit loskaufen. Aber der Hatschier sagte: »Ihr habt mir keine Abgaben zu bezahlen.« Eine Gasse weiter fuhr der Arrestant fort: »Was gilt's, Ihr seid noch nicht verheiratet und habt für keine Frau noch Kinder zu sorgen, weil Ihr keine Abgabe von mir braucht. Ich will Euch zu einem schönen Weibsbild führen.« Der Hatschier erwiderte: »Ihr habt mich zu keinem Weibsbild zu führen, aber ich Euch zu einem Mannsbild.« Als sie aber miteinander in den Polizeihof und vor den Herrn Stadtvogt gekommen waren, fing der Stadtvogt an laut zu lachen, dann er gar ein lustiger Mann ist, und sagte: »Welcher von Euch zweien bringt den andern?« Denn es ist jetzt Zeit, dem geneigten Leser zu sagen, dass der Arrestant selber ein alter Hatschier war, und hatte sich verkleidet und war dem neuen nachgegangen, nur um ihn zu prüfen, ob er seine Pflicht tut. Deswegen sagte der Stadtvogt: »Welcher von Euch zweien bringt den andern.« Der junge wollte anfangen, der alte aber, der vermeintliche Arrestant, schaute ihn gebieterisch an und sagte: »Es ist an mir zu reden, ich bin älter im Dienst. Ihro Gnaden, Herr Stadtvogt«, sagte er, »dieser junge Mann ist probat, und wir können uns verlassen auf ihn, denn er hat mich arretiert mit Manier und in der Art und hat sich nicht von mir bestechen oder breitschlagen lassen, noch mit Wein, noch mit Geld, noch mit Weibsleuten.« Da lächelte der Stadtvogt gar freundlich, dass ihm solches wohlgefalle, und schenkte jedem einen kleinen Taler.

Item, an einem solchen Ort mag es nicht gut sein, ein Spitzbube zu sein, wo ein Hatschier selber dem andern nicht trauen darf.

Dies Stücklein ist noch ein Vermächtnis von dem Adjunkt, der jetzt in Dresden ist. Hat er nicht dem Hausfreund einen schönen Pfeifenkopf von Dresden zum Andenken geschickt und ist ein geflügelter Knabe darauf und ein Mägdlein und machen etwas miteinander. Aber er kommt wieder, der Adjunkt.

 


 


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