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Achtundzwanzigstes Kapitel

Wie Jakob auf Bern kommt, und was er da erlebt

Diesmal ging Jakob zu Schiff die Seen hinunter und tat es ohne Furcht; es war jetzt etwas in ihm, welches ihn über die Furcht erhob, welches selbst über den Tod nicht erschrocken wäre. Es war nicht Verzweiflung, aber ein Ergeben in alles, was da kommen mag, ein Ergeben, welches eben kömmt, wenn der Mensch sich Gott ergibt, wenn er vergessen will, was dahinten ist, und sich strecken nach dem vorgesteckten Ziele. Als er vor nicht so viel Monaten am Rande des Thunersees hinaufging, wie war er nicht so keck und kühn, er hatte Geld, Erfahrungen, die Überzeugung, sein selbst sei der Mann, in seiner Hand liege sein Geschick! Wenig Monate waren verflossen, es war ihm ganz anders gegangen als er gedacht, er war ein ganz anderer geworden als er gewesen, und an dem allem hatte er nichts machen können, das war die geträumte Selbständigkeit und Selbstbestimmung. Und was ihm zukam, kam nicht aus Zufall, sondern aus väterlicher Hand, sollte zum Besten ihm dienen.

Wie stark und fest er damals auch schien, jetzt war er viel stärker, viel fester, er wollte etwas tun, wozu er vorher auch nicht die geringste Kraft in sich gehabt hatte, und wozu es allerdings sehr großer Selbstüberwindung bedurfte. Er wollte nach Bern gehen und Kathri heiraten. In der vergangenen guten Nacht, als das Weh der Verschmähung wie ein zermalmend Wagenrad langsam über sein Herz ging, da zuckte es ihm wie ein Blitz durch die Seele: »Das hast du an Kathri verdient!« Vor seiner Seele stand die arme Kathri, wie sie ihn geliebt, mit ganzer Seele an ihm gehangen, ihm alles geopfert, was sie hatte, wie sie gerade in diesem Opfern ihr Glück gefunden, und wie er diese Liebe nicht bloß nicht empfunden, sondern gemißhandelt und verhöhnt in der gemeinsten, schnödesten Selbstsucht. Jetzt erst, als er liebte und sein Leben für seine Liebe gegeben hätte, erst jetzt begriff er Kathri und was ihre Liebe wert war.

Aber auch erst jetzt dachte er daran, wie es in ihrem Herzen müsse gewesen sein, als er sich nicht kündete, wie das Hoffen auf Briefe in ihrer Seele gebrannt, zur glühenden Pein geworden sei, als Tag um Tag kam, aber kein Brief, ihr Zustand sichtlicher an den Tag trat, der Spott der andern und ihre höhnischen Nachfragen dazukamen und ihre weisen Zurechtweisungen: »Du hättest das doch sinnen sollen, ein Bursche wie der, und du so ein klein, wüst Ding! Du hättest doch denken sollen, der mache es dir so; wenn es ein rechter Bursche gewesen wäre, so hätte er bessere Kleider gehabt und einen Schatz gewählt, dem er Geschenke gegeben, und nicht einen, von dem er angenommen, zähle darauf, solchen ist nie zu trauen, das sind die allernichtsnutzigsten unter allen!« Wie Kathri dann geweint, sich gehärmt, ihr Herz sie auch gebrannt, als ob ein zermalmend Wagenrad langsam darüber hinfahre. Er mußte an alles, alles denken, fühlte wie ein brennend Eisen die Schuld in seinem Herzen. »Das habe ich an der Kathri verdient«, mußte er immer wieder sagen. Und wie mancher wohl noch so denken müsse im spätem Lebenslauf: »Das habe ich an dieser, an jener verdient«, das mußte er ebenfalls denken. Sehnen, Verlangen kam über ihn, es reifte der Entschluß, nach Bern zu gehen, Kathri zu suchen, gutzumachen, was er gesündigt, durch lebenslängliche Buße sie und Gott zu versöhnen.

Es gab eine Zeit, wo man wußte, was büßen ist, Buße bedeutet. Das war die Zeit, wo kühne Helden ihr Schwert wegwarfen, hohe Häupter ihre Kronen, in härenem Gewande und tiefster Erniedrigung gutzumachen suchten, was sie gesündigt, die Wahrheit ihrer Reue bezeugten, daß sie das Liebste opferten und dem sich unterzogen, was ihrer Liebe am entgegengesetztesten war. In unserer weichen Flaumzeit, in welcher man in heilloser Verblendung die Kinder kraft- und saftlos erzieht, weiß man nicht mehr, was büßen heißt, man verhöhnt die Bedeutung, man striche das Wort aus der Sprache, wenn man es vermöchte. Im Hegelischen Kauderwelsch, welches der Gaunersprache ähnlich ist wie eine Schwester der andern, steht es bereits nicht mehr. Nur wem der Sünde Weh wie ein zweischneidend Schwert durch die Seele dringt wie den Brüdern Josephs, als sie sagten: »Das haben wir an unserm Bruder Joseph verdient«, begreift, was Buße ist, und wie da eine Kraft in der Seele erwacht, welche nicht mit leichten Sühnungen tändelt, so wenig als der Held mit Dolchen und Messern, sondern nach dem Schwersten greift, die Kraft, welche das rechte Auge ausreißt, die rechte Hand abhaut, wenn Ärgernis von ihnen kommen, nur der wird es begreifen, wie Jakob den Entschluß zu fassen vermochte, von der schönen Eiseli weg, die seine ganze Seele füllte, hinzugehen und die häßliche Kathri zu heiraten, welcher er sich vor aller Welt schämen mußte, erwarten mußte, daß wenn er mit ihr heimkomme, die Kinder auf der Straße ihm nachlaufen, mit Fingern auf sie zeigen und rufen würden: »Sieh, wie der Jakob eine mitgebracht! Seine Großmutter hat nicht umsonst immer gesagt: ›Jakob, du bist ein Esel und bleibst ein Esel!‹« Er war sich dessen wohl bewußt, er dachte mit Schaudern an ihr ganzes Wesen, wie aus Lehm gebacken, doch nur halb, und doch wollte er, er, der Jakob, der sonst über die beste Ehe gespottet hatte, Kathri heiraten und wollte treu sein und ehrlich an der armen Kathri und nicht bloß bis einen Tag nach der Hochzeit, sondern so lange als Gott selbst das Band nicht löse. Dabei war ihm, als lächle ein klein Wesen ihn gar lieblich an, zapple mit Händen und Füßen gegen ihn hin. Wenn er das getan, die Buße vollbracht, dann, dachte er, wolle er Eiseli schreiben, es ihr erzählen und ihr danken, daß sie ihn nicht genommen, denn nun habe er sühnen können, was er gefehlt. Dann, dachte er, werde sie doch denken: »Der Jakob war kein Heuchler, ich tat ihm unrecht«, und vielleicht denke sie dann noch mehr, so dachte er.

Diesen Entschluß hatte er gefaßt, mit diesem fuhr er die Seen hinunter und achtete sich wenig dessen, was ihn umgab. So wie sich, wenn der Magen verdaut, das Blut zurückzieht und ein Frösteln den ganzen Körper rüttelt, so, wenn die Seele Schweres verwindet, erlahmt die Wahrnehmungsgabe, tot werden die Augen, sehen und sehen doch nicht. Bekannt ist, daß, wo man Gott eine Kirche baut, der Teufel eine Kapelle danebensetzt, und ebenso bekannt sollte sein, daß, wo einer einmal auf guten Wegen geht, der Teufel sich in Zaunstecken verwandelt und jeder Zaunstecken vom rechten Wege zu locken versucht.

Thun ist ein lustiges Städtchen, weltbekannt dafür, alles ist lustig dort bis an den Wein, welcher dort wächst, der ist verdammt sauer, und die Radikalen, die sind akkurat wie der Wein, sind von Natur sauer, und kriegt man viel davon, so macht es einem nicht bloß wunderlich, sondern kreuzübel und steinweh, Bauchweh zum aus der Haut fahren ist das wenigste. Nun, dort in dem lustigen Städtchen, wo man aber noch andern Wein hat als radikalen Suremus, da fand Jakob noch viele andere Bursche. Diese haben es umgekehrt wie die Schnepfen, Die Schnepfen weilen in Sommerszeit vereinzelt hier, dort, jede an dem Plätzchen, welches ihr am besten gefällt, und welches sie noch unbesetzt findet, treibt dort absonderliche Geschäfte, welche niemand zu wissen braucht. Wird es dann unheimlich in der Einsamkeit, weil rauhe Winde kommen, weiße Flocken flattern in der Luft, dann zieht es die Schnepfen zusammen, sie sammeln sich und streichen lustigerm Lande zu, ein lustig Leben zu führen, während man hierzulande friert und schauert. Die Bursche dagegen haben sich zu überwintern gesucht, wie sie konnten und mochten, wie die Mäuse ungefähr, an Orten, welche sie den Sommer über mit dem Rücken nicht ansehen, um geringen Lohn und spärlich Brot, nur um nicht wandern zu müssen in den kalten Tagen. Kömmt aber der Frühling, schmilzt der Schnee, kann man auch in halb guten Stiefeln kommen durch das Land, hui, wie sie da aufjucken, läufig werden, die Bündel schnüren, größere, bessere Plätze suchen, wo ein besserer Lohn, ein lustiger Leben ist!

Am Ostermontag wimmelte Thun von Handwerksburschen trotz dem besten Schnepfenbusche beim ersten Schnee von Schnepfen. Da ging es lustig her, die Winterabenteuer wurden berichtet, und die allfällig ersparten Batzen kursierten munter. Drei tüchtige Bursche und lustige Brüder machten sich an Jakob, boten alles auf, ihn zu bewegen, mit ihnen durch das Emmental gegen Luzern zu wandern und Bern beiseitezulassen. Sie konnten ihm diese Reise nicht genug herausstreichen, absonderlich für ihn, der schon in Bern gewesen und der großen, langweiligen Heerstraßen satt haben sollte, wie es sie dünkte. Zudem sei es nicht richtig, nach Bern zurückzukehren, es sei schon manchem fatal gegangen. Nach seinem Abgang sei gegen ihn geklagt worden, ein Mädchen habe ihn zum Sündenbock gewählt, sein Name sei angeschrieben; komme er wieder, greife die Polizei zu, und er könne zusehen, wie er sich loskriege. Das machte dem Jakob doch warm; wenn ihm so was passiert wäre von der Melanie zum Beispiel, so konnte er in Pech kommen ganz unschuldigerweise, und an der Melanie Buße tun, das mochte er doch nicht. Dazu schenkten die Gesellen tapfer ein, und wer weiß, was geschehen wäre, wenn nicht der Wirt gekommen und sie in die Betten gemustert hätte!

Wer weiß, was am Morgen geschehen wäre, wenn er nicht einen Traum gehabt hätte! Er wanderte mit den drei Gesellen ins Emmental hinein. Die Berge waren nicht hoch, aber schwarze Wälder lagen darauf, wilde Bäche sprudelten, finstere Klüfte mündeten sich in die Straße, ungeheure Räuberhöhlen, wie es Jakob schien. Die Sonne schien nur dürftig, aber ihre Lebern wurden durstig, ein Bettlermädchen zeigte ihnen den kürzesten Weg ins nächste Wirtshaus, durch eine dunkle Kluft in Felsen und Wälder hinein. Da kamen sie auf einen schmalen Steig, rechts gings steil waldauf, links tief unten rauschte der Waldbach, und er ging voran, denn er war der älteste. Da rissen sie ihn plötzlich zu Boden von hinten, raubten ihn aus, warfen ihn über die Wand hinaus in die schwarze Kluft. Er konnte sich nicht wehren, die Glieder waren ihm wie gebunden, er stürzte durch die Tannen, von oben hörte er der Gesellen höllisch Gelächter. Hart fiel er zu Boden, die Beine waren ihm gebrochen, an des Baches Rand lag er in tiefer Kluft, seine Füße lagen im Wasser, er hatte schrecklich kalt, aber er konnte sie nicht zurückziehen, von heißem Durste glühte die Zunge, aber zum Wasser, in dessen Pein die Beine lagen, konnte er nicht kommen. Da lag er in Glut und Frost, dachte ans Sterben und konnte nicht, ein schreckliches Verschmachten begann langsam ihn zu fassen, und er dachte: »Das hast du verdient; wärest du nach Bern gegangen, so lägest du nicht hier, könntest die Großmutter wiedersehen, daheim Meister sein, jetzt bist du der Füchse und der Raben Speise!« So dachte er lange, lange und immer wieder, da sah er über dem Bache zwei Amseln, die bauten ein Nestlein, sangen so fröhlich und schnäbelten so zärtlich, da mußte er denken an ihr Glück und sein Unglück, wie er da so alleine verschmachten müßte, und ob wohl niemand da wäre auf der weiten Welt, der, wenn er wüßte, wie er hier verschmachten müßte, sich aufmachte, ihn suchte, bis er ihn fände. Sowie er das dachte, wuchsen die Amseln über dem Bache, und auf einmal sah er dort die Großmutter und Kathri, Flügel hatten sie an den Schultern, kamen über den Bach, hoben ihn auf, flogen mit ihm in die Höhe. Aber noch waren sie nicht oben, so flogen beide davon und ließen ihn fallen. Er fiel so hart, daß er hoch auffuhr und die Augen aufriß, da sah er, daß er zu Thun im Bette saß und der Tag durch die Fenster dämmerte. Seine Glieder alle waren ganz, aber das Herz im Leibe zappelte noch in großer Angst. Jakob fuhr rasch in die Kleider, machte, daß er fortkam, und ruhig ward er erst, als er Thun im Rücken hatte, die Straße nach Bern unter den Füßen und hinter ihm die drei Gesellen nicht zu merken waren.

Von Thun nach Bern sind ungefähr fünf Stunden, eine schöne Promenade durch blühende Dörfer und Alleen von Obstbäumen, hie und da wie in einem großen Parke von einem Wäldchen unterbrochen, hie und da sieht man noch schöne Eichen in den Zäunen stehn, welche so prächtig in ihrem mächtigen Wüchse über die niedern Zäune und Bäume ragen, in ihrem dunkeln Blättergrün und knorrigen Geäste abstechen gegen den klaren, lichten Himmel. Da stehen auch schöne Wirtshäuser, berühmt bald durch gebackene Fische, bald durch guten Neuenburger, bald durch eine hoffärtige Wirtin oder eine schnippische Kellnerin, doch Jakob fragte nach dem einen und nach dem andern nicht, sah sie nicht, wanderte in tiefen Gedanken, bis es ihm auf einmal so bekannt und seltsam in die Ohren klang, und als er sich des nähern umsah, sah er, daß er diesseits des sogenannten Muriwäldchens sei, und daß in Bern am großen Münster die Stunde schlage. So weit also schon, fast vor den Toren der Stadt, so nahe also schon der guten Kathri! Ja, ja, man steht gar oft schon an der Schwelle einer großen Entscheidung und merkt es nicht, und in der nächsten Stunde sind die Würfel geworfen, und unser Lebenslos ist bestimmt, und wer weiß, ob nicht unser Sein in Ewigkeit!

Der Ostermontag war für Bern von je ein wichtiger Tag. Vor alten Zeiten hielten an selbigem Tage die Zünfte ihre großen Umzüge, die Räte zogen in die Kirche, dann aufs Rathaus, sollten in der Kirche einen heiligen Sinn fassen zu weltlichem Raten, ein ernstes Bedenken zu politischen Wahlen. Das Volk jubelte, und die Kinder vergaßen, solange sie lebten, die Ostermontage nicht. Jetzt ist alle Herrlichkeit vergangen, das poetische Leben des Volkes ist zum praktischen geworden, und in den Kirchen findet man keine Obrigkeit mehr, die schöpft ihre Weisheit anderswo, jetzt geht es auch in Bern ganz prosaisch zu, am Morgen ißt man Kuchen, Krautkuchen, wie der Berner sie nennt, Gemüsekuchen, wie der sie ungern essende Deutsche, der lieber was von Zucker hat als von Kraut, ihnen sagt, und Kümikuchen, ein ganz prächtig Berner Essen, welches man sonst nirgends findet in der ganzen Welt vom Nordpol bis zum Südpol. Hat man an solchen Kuchen etwas mehr als satt sich gegessen, so läuft, wer noch laufen mag, vor das obere Tor, dem Schwinget zuzusehen. Dort schwingen die Oberländer und Emmentaler gegeneinander und eifern um den höchsten Preis, fast gar und doch nicht ganz wie ehedem die Griechen bei den olympischen Spielen. Wo die Landeskraft am größten sei, darum wird gerungen, und es ist wirklich schön, mit welchem Ernste und in bestimmten Formen der feste Emmentaler und der flinke Oberländer um die Ehre ringen. Es geschieht zuweilen, daß sie nach uralter Weise ihren berühmtesten Kämpfer an Ketten bringen zum Zeichen, daß seine ungemessene, unbändige Kraft nur mit Ketten zu fesseln sei und, einmal losgelassen, sich vor ihr wahren solle, wer da könne und möge. So ein Schwinget wirkt auf Bern wie ein Zugpflaster auf den Körper, zieht die freien Beine sich nach wie das Pflaster die müßigen Säfte; oben aufgelegt, wird unten die Stadt leer.

Wenig Menschen traf Jakob auf der Straße zur Stadt, keinen einzigen, den er zur Rede stellen konnte. Als er oben auf den Muristalden kam, lag die Stadt vor ihm, die aarumflossene. Klein ist sie unter den Städten dieser Zeit, und doch barg sie in sich, als sie noch kleiner war, eine gewaltige Kraft. Der große Habsburger, der erste dieses erlauchten Stammes, holte sich vor ihr eine längere Nase, als er sie schon von Natur hatte, und vielfach ward sie mit Rom und Venedig in Vergleich gestellt und nicht zu ihrer Unehre. Und jetzt ist sie das Grab erloschener Kraft oder das Bett schlafender Kraft, die frisch erwacht, wenn ein junger Morgen an den Himmel tritt -- wer sagt es mir?

Unwillkürlich stand Jakob still, denn mag die angeborne Kraft schlafen oder wachen, so ist Bern in alle Wege ein Edelstein in wunderschöner Einfassung. »Nun, in Gottes Namen!« sagte endlich Jakob, stieg den Äußern Stalden hinab und lenkte gegen das sogenannte Klösterlein, ein Wirtshaus, dessen Namen und Treiben in klassischer mittelalterlicher Ironie zusammenstehn, ein. Er war dort bekannt, bedurfte der Stärkung und hoffte, vielleicht das Nötige zu erfahren. Als er die Wirtsstube öffnete, war niemand darin als die Kellnerin, diese kehrte ihm den Rücken. Als die Türe sich öffnete, drehte sie sich um, und vor Jakob stand Melanie! Stumm sahen sie sich an und betrachteten sich eine Weile und Jakob ziemlich erschrocken, denn er dachte an das, was die Gesellen gesagt. Beide machten ihre Betrachtungen. Jakob war stattlicher geworden und sah aus wie unter den Gesellen die allerbesten, Melanie hatte dafür ein Auge wie der allerbeste Ochsenhändler für die Ochsen, welche ihm zu Gesichte kommen. Melanie dagegen war sichtlich zurückgekommen an Leib und Kleidern, war zusammengeschrumpft wie eine Zwetschge, über welche ein Frost gekommen, und die Kleider waren abgegriffen, sollten hoffärtig sein und waren armütig.

Melanie, welcher solche Wiedersehen schon öfters zuhanden gekommen, sich daher einen gewissen Takt in der Feier derselben erworben hatte, so daß zum Beispiel, je besser die Kleider des Wiedergefundenen in die Augen stachen, in desto größerer Freude und Zärtlichkeit sie dieselben leuchten ließ, faßte sich alsbald. Wie viele Kindermägde immer ein Stück Zucker, so hatte sie allezeit ein großes Stück Zärtlichkeit bei der Hand und handhabte dieses flinker als gar manche Kellnerin die Mehlbürste. Es fehlte nicht viel, sie wäre dem Jakob schnurstracks in die Arme geflogen und an den Hals geplumpst. »Ei, mein Gott, mein Gott, du, Jakob, bist dus? Nein, du alle Güte, sehe ich dich noch einmal im Leben! Mußte alle Tage an dich denken, konnte dich nie aus dem Sinne bringen!« Vom feinen Preußen und von allen denen, die seither sich abgelöst, sagte sie kein Wörtchen. Der Jakob dagegen war verblüfft und je zärtlicher Melanie ward, um so verblüffter; der Kuckuck mochte wissen, was alles dahintersteckte. Die Melanie aber ließ sich dies nicht merken, fing nicht an zu zänkeln: »Ihr seid ein Böser, wie seid Ihr vor mir erschrocken, hättet mich lieber nicht mehr gesehen, wer ein böses Gewissen hat, dem geht es so«, und wie die Redensarten alle heißen, mit welchen ungewandte Mädchen das Wiedersehen Ungetreuer feiern und sich damit zumeist die beste Suppe versalzen. Sie blieb bei der reinen Freude, frug, womit sie aufwarten könne, zwang ihn, daß er etwas zu Mittag bestellte, dieweil er doch niemand in der Stadt antreffen würde, setzte sich dann zu ihm, und weil auch die Wirtin nicht daheim war, nahm sie nicht einmal das übliche Strickzeug zur Hand, sondern legte sich ordentlich aus zu einer flotten Herzensentleerung. Sie frug nach seinen Schicksalen, erzählte, wie Bericht gekommen, daß er umgekommen in Genf, und wie man dann wieder gesagt, er lebe noch, aber sturm im Kopf, erzählte von Kameraden, Meistern und allerlei Begebnissen, von denen sie glauben mochte, sie würden ihn im höchsten Grade interessieren. Sie hatte darin viel Ähnlichkeit mit der Eierwirtin im Oberlande. Von dem aber, was ihn einzig und allein interessierte, sagte sie kein Wörtlein, und wie er fragen sollte nach der Kathri, das wollte ihm nie passend in den Mund kommen.

So saß er schon lange, hatte fast abgegessen, hatte den letzten Bratwurstzipfel auf dem Teller, und die Melanie erzählte von einer herrlichen Partie, welche sie an einem schönen blauen Montag auf dem Breitenrain gehabt, und um die Zeit genauer zu bestimmen, setzte sie hinzu: »Es war am selben Tag, an welchem man das Kathri begraben hat; du erinnerst dich wohl, der dicke Strupf, welchen du auch einigemal poussiert hast?« Da flimmerte es Jakob vor den Augen, zog ihm die Muskeln des Halses zusammen, er war ganz verdrückt, und als Melanie längst bei was anderm war, brachte er die Frage hervor: »Also gestorben ist sie?« »Wer?« frug Melanie, denn sie hatte die Kathri längst vergessen. Da mußte Jakob sagen, und die Antwort war noch viel verdrückter: »Die Kathri.« »Ja, die ist tot, es war ein wüst Mensch, am besten ists, man rede nicht viel von ihr.« »Warum?« frug Jakob, und er mußte an das Lied denken: »Die Glocken hallen dumpf zusammen!«

»Warum?« sagte Melanie. »Darum! Denk, Jakob, das Mensch war schwanger! Nun, das wäre nichts anders gewesen, das Malheur kann dem honettesten Maitli begegnen, warum nicht? Wem Kot auf die Nase fallen soll, dem fällt er nicht auf die Füße. Man hat es freilich ungern, aber was ists, vor allem Unglück kann man nicht sein, es gibt deren viel zu viel in der Welt. Aber was macht nun die, die will besser sein als andere, leugnet wie der Henker, sagt, sie müßte es mit dem Löffel gegessen haben, kurz, verheimlicht die ganze Sache und hatte gewiß Böses im Sinne, das lasse ich mir nicht ausreden, so ein wüst, verdrückt Mensch ist alles imstande. Aber ihre Meisterfrau war eine, die nicht mehr glaubt als sie muß, wie es recht ist heutzutage, wo es so viele schlechte Leute gibt und Maitli noch dazu. Die läßt den Doktor holen, und Kathri muß endlich beichten, und die Sache ist, wie man geglaubt, und sie hat nichts sagen wollen, pfui Teufel! Nur etwa wegen der Schande war das nicht, das glaube der Henker! Aber denk nur, das Mensch will, wo die Sache am Tag ist, nicht sagen, wer der Vater ist, mit keiner Liebe brachte man mehr heraus als: es wisse es nicht. Es geschieht wohl auch, daß honette Mädchen dies nicht sagen wollen und sagen, das gehe niemand was an, das sei ihre Sache, aber dann sind sie honett bezahlt dafür und wissen, warum sie es tun. Aber Kathri hatte nichts, nicht einmal zwei gute Hemden und von Geld auch nichts, blutarm ist sie gewesen, und wenn es jemand gewesen wäre, den sie hätte nennen dürfen, sie hätte es getan allweg. Aber es wird jemand gewesen sein, dem sie nicht hat den Namen geben dürfen, sich hätte schämen müssen bis in Boden herab, das glaube ich. Ich habe so meine Gedanken für mich, noch keinem Menschen habe ich sie gesagt, Dir will ich es sagen. Der Teufel war es nicht, es hat mir ein Gelehrter, er hat sieben Jahre Schullehrer studiert, versichert, und dem habe ich glauben müssen, es gebe keinen Teufel mehr, sonst hätte ich geglaubt, das Kind wäre von ihm. Nun aber glaube ich nichts anders, als es sei ein Jesuit gewesen, pfui Teufel! Sie kommen oft von Freiburg, und das Mensch wohnte an der Brunngasse. Denk, Jakob, ein Jesuit, und so ein Jesuitli haben zu müssen! Darum wollte sie das Kind gewiß umbringen und die ganze Pastete verheimlichen. Aber dem ging es anders, wie es ihr auch recht geschehen.« »Wie?« frug Jakob, der Schweiß stand ihm auf der Stirne. »Begreiflich wollte sie die Frau nicht mehr haben«, berichtete Melanie, »der Doktor machte, daß sie in die Entbindungsanstalt kam, aber fast war es zu spät, kurz, die Sache ging und ging, bis Kathri tot war und das junge Untier auch, Gott behüt uns davor! Von Rechts wegen, und wenn noch Glaube wäre in der Stadt, hätte man es gar nicht auf dem Kirchhof begraben sollen. Ich sage es frank und frei, mir graute es, wenn ich einmal neben ihm liegen müßte auf dem gleichen Friedhofe, der Teufel könnte sich verschießen, Herr Jeses! Und vielleicht merkte es kein Mensch, bis es zu spät wäre, du mein Gott! Ich habe meinen Meisterleuten es schon manchmal gesagt, wenn ich sterben sollte, Gott behüt mich davor, während ich im Klösterli sei, so solle man mich ja nicht droben im Rosengarten (der untere Totenhof), wo das Klösterli hingehört, begraben, sonst käme ich ihnen wieder, sie sollten darauf zählen; ich wolle obenaus aufs Monbijou (der obere Totenhof).«

»Also dort oben im Rosengarten haben sie es begraben?« frug Jakob und fuhr über die Stirne. »Ja, dort, aber Du glaubst nicht, was das für Wetter gemacht hat, als sie mit ihm hinausfuhren, es war ein Wind, als ob er Roß und Wagen durch die Luft führen wolle, akkurat wie es winden soll, wie die Leute sagen, wenn der Teufel eine arme Seele nimmt und mit ihr davonreitet. Sobald es in der Erde war, war wieder das schönste Wetter, und wir hatten die scharmanteste Partie nachmittags, an der ich mein Lebtag war. Denk doch nur, wie es mir da erging!« und nun schnatterte Melanie eine lange Geschichte her, von welcher Jakob kein Wort hörte.

Es arbeitete in ihm wie in einem Schmelzofen, sein Herz schlug wie ein Hammer, aber Melanie hörte es nicht vor ihrem Geschnatter, wie man an einem Brunnen auch nichts hört als des Wassers Geplätscher. Endlich wußte er, was er wollte, und frug nach seiner Zeche. Melanie zog ihre liebenswürdigsten Künste aus dem Staube, um ihn zu versäumen und zu fesseln. Als alles nichts half, Jakob bezahlt hatte und sein Felleisen faßte, wollte sie ihm das nicht lassen. Sie wolle es ihm aufbewahren, sagte sie, es irre ihn ja nur, wenn er in die Stadt wolle, und damit herumlaufen könne er doch nicht. Er solle hier herbergen, bis er Arbeit habe, es sei besser als irgendwo in der Stadt, und billiger solle es auch sein, da sei sie ihm gut dafür.

Als aber der Jakob nicht wollte, das Felleisen auf die Schultern hing, als also alle Hoffnung dahin war, da ward Melanie böse, ließ ihre Krallen hervor. Nun, zwingen wolle sie ihn nicht, ihrethalben könne er gehen, wohin er wolle. Wenn man zuweilen auch glaube, einer sei um ein Haar besser als die andern, so sei es mit ihnen doch wie mit den Katzen des Nachts, da seien auch alle grau. Wer ein gutes Herz habe, dem tue nichts mehr weh, als wenn alle Liebe und Freundschaft immer vergessen würden. Indessen, was sei, das sei, und wenn es sein müsse, könne man sich auch daran gewöhnen, schnatterte Melanie. »Aber nicht wahr, Jakob, du zürnest nicht und kömmst bald wieder?« sagte Melanie und bot ihm die Hand. »Leb wohl«, sagte Jakob, »behüte dich Gott!« und ging zur obern Türe hinaus. »Warum da hinaus?« sagte Melanie, »weißt nicht mehr, daß du hier näher hast?« und ging gegen die untere Türe zu.

Während dieser Wendung war aber Jakob schon hinaus und Melanie rasch nach, vor sich brummend: »Er ist doch immer der gleiche Sturm!« Als sie hinauskam, sah sie ihn zu ihrem mächtigen Erstaunen nicht der Stadt zugehn, sondern von der Stadt weg den Stalden hinauf mit langen Schritten. »Jakob, Jakob«, rief Melanie, »wo aus? Dort unten ist ja das Tor!« Da Jakob sich nicht umdrehte, wollte sie der Stimme nach, da ward sie von hinten hart beim Arm gefaßt: »Donnerwetter, Mädi!« rief der rote Stallknecht, »hast aber keine Ohren, so eins wie du hab ich mein Lebtag nicht gesehen, hast ein Männerbein vor Augen, so hörst du nichts und riechst du nichts. Der Herr, welcher heute da gefrühstückt, will fort, was ist er schuldig? Das Pferd macht acht Batzen.« »Sag dreizehn Batzen!« rief Melanie und wollte den Stalden herauf. »Was Donner, ich soll es sagen? Für was hat man denn dich, als für die Zeche zu machen und den Herrschaften nachzuschwänzeln! Das käme sauber, wenn der Stallknecht die Kellnerin vorstellen sollte! Willst oder willst nicht?« »Du bist immer der gleiche Lümmel, Kalb, was du bist!« brummte Melanie und mußte doch gehn und Bescheid geben, was sie so kurz und hastig als möglich tat. Aber als sie wieder hinaufkam, war begreiflich der Jakob verschwunden; wohin, das wußte sie nicht und vernahm es bis auf diesen Tag nicht, obgleich sie alles ausfragte, aber sie konnte nichts vernehmen, die unbefriedigte Neugierde hätte ihr beinahe eine sehr gefährliche Krankheit zugezogen.

Jakob war hinaufgegangen in den Rosengarten, ein Totenacker, gelegen wie wenige, auf der Höhe über Bern mit freier Aussicht in die prachtvolle Natur. Das Grab der Kathri zeigen konnte der Totengräber nicht. Niemand hatte sich gefunden, der die Mühe genommen, dasselbe irgendwie zu bezeichnen, und wäre es auch nur mit einfachem, schwarz angestrichenem Stock und einem Täfelchen, auf welchem ihr Name stand, gewesen. Und doch hatte sie es verdient, die arme Kathri, denn solche Liebe und Treue findet sich selten mehr in Israel, hätte billiger als viele ein Denkmal verdient und zwar ein großes. Nun, wenn nur der Liebe Gott ihrer in großer Gnade gedacht hat, und das hat er, so ist es der armen Kathri wohlgegangen, reich ist sie im Himmel. Und wenn Gott für die Seligen Fensterchen in Himmel und Hölle hat, aus welchen die Gestorbenen auf die Ihrigen und ihr Tun und Treiben schauen können, was wir beides den Guten und Bösen gönnen möchten, so war der armen Kathri an diesem Tage große Freude bereitet, und ihrer Liebe, ihrer Treue ward reiche Vergeltung. Da sah sie Jakob ihr Grab suchen und sich setzen, wo so von ungefähr da herum der Totengräber es ihm andeutete, und da weinte er. Er fühlte es sich regen im Herzen wie das Regen des Wurmes, der nicht stirbt, er fühlte, was es eigentlich ist, in schnödem Eigennutz, in herzloser Gewissenlosigkeit ein armes Mädchen mißbrauchen, welches in aufrichtiger Treue liebt, den losen Worten glaubt, als wären sie ein Evangelium, und alles, alles opfert dem trügerischen, alles verzehrenden Moloch. Er fühlte, was es heißt, ein Herz brechen, und was dieses Herz alles leiden mußte, bis es brach. Er mußte denken, wie das arme Mädchen auf einen Brief wartete, und wie Tag um Tag verging und keiner kam, wie es ihm doch nicht zürnte, ihn nicht verriet, ihm alle Ungelegenheit ersparte und alles alleine trug, wie die rechte Liebe tut. Wie ihr Zustand sie in Angst versetzen mußte, wie sie rat- und trostlos gewesen, die bange Stunde näher und näher rückte und die Arme nicht wußte, wo aus und ein, endlich Schmach und Schande, Drohen und Schelten ertragen mußte, bis endlich das arme, treue Herz gebrochen war. Das mußte er denken, mußte Kathris Weh in seinem Herzen fühlen, mußte denken: »Alles bis dahin hab ich an Kathri verdient, und wenn mir keine frohe Stunde mehr wird, so habe ich das an der Kathri verdient und meine Schuld nicht abgebüßt. Wäre sie noch auf Erden, keine trübe Stunde sollte sie haben, mit der Liebe wollte ich sie lieben ihr Leben lang, mit welcher Liebe sie mich geliebet.«

Da trat der Totengräber zu ihm und sagte: »Es scheint, das Mönschli sei Euch etwas angegangen, und Ihr hättet doch noch an ihns gesinnet und hättet wollen sehen, was es mache, und es hielte Euch hart, daß Ihr es hier findet statt an einem andern Orte. Muß sagen, das ist noch brav von Euch und ist das erste Mal, daß es mir begegnet, es hätte doch mancher Ursache. Es liegt gar manch arm Tröpflein da herum, das angeschmiert ward so von einem fremden Halunk, der, als er hatte, was er wollte, die Nase wischte, sich davonmachte und das Mensch im Elend ließ. Es nahm mich schon manchmal wunder, wie es so einem Kerl sein mag ums Herz, wenn er einmal heimkömmt, ein Weib nimmt, Kinder kriegt, ob der nicht immer Angst haben muß, nicht daß ihm die Maitli, welche er verführt, mit ihren Kindern nachlaufen -- Himmelsapperment, da ginge es wie auf der Rheinbrücke zu Basel anno 1813, als während drei Tagen und drei Nächten hageldicht Russen und Östreicher nach Frankreich zogen -- sondern daß der da oben, der in der Schweiz und in Deutschland daheim ist und alles sieht, was jeder treibt, daß er ihm nachbringe alles Unglück, welches er angerichtet, es seinen Kindern anhänge, es ihm mitgebe ins Grab; denn das alte Wort gilt noch, daß die Sünden der Väter gestraft werden sollen an den Kindern bis in das dritte und vierte Geschlecht. Ja, da draußen werden sie oft nicht begreifen, warum es diesem, jenem so grundschlecht geht, alles Unglück über ihn kommt, nichts vorwärts will, und er doch fleißig und geschickt ist, und werden dann verflucht viel schreiben, wie der Handwerker nichts mehr sei, und wird dran alles schuld sein sollen von Kaiser und König weg bis zum Bettlerbub, der barfuß läuft und den Schuhmacher ums Brot betrügt, sie werden verflucht gelehrt lümmeln, daß einem die Haare zu Berge stehen, hab solch Zeug auch schon gelesen. Wenn die alles wüßten, was der Kerl in der Fremde getrieben hat, wo er gedacht hat, es vernehme es weder Vater noch Mutter, nicht einmal der gnädige Herr Bürgermeister, sie würden begreifen, wo es dem Kerl fehlt, und warum es nicht vorwärts mit ihm will. Unser Herrgott, der halt noch immer mehr ist als ein Bürgermeister, hat ihm seine Sünden nachgetragen, hat sie ihm abgeladen aufsein Haus. Da muß er sie nun haben, und kein Arzt hilft ihm davon, und alle Tage muß er denken: ›Das hab ich ob der oder jener verdient.‹ Möchte mal da ins Deutschland hinaus, wird aber nichts draus werden, und möchte den Häusern nachgehen, mich nimmts wunder, wie manches ich antreffen würde, wo ich sagen könnte: ›Seht, hier hat unser Herrgott auch ein Fuder abgeladen, welches er dem Kerl, der sich drausgemacht, nachgefahren hat!‹«

Als der Totengräber weiterging, mußte Jakob dessen Worten nachdenken. Ein Mann, der alle Tage Gräber gräbt, gräbt nicht bloß Steine und Knochen aus, sondern oft auch ein bedeutsam Wort. Ja, was man in der Fremde treibt, vernimmt zu Hause der Vater nicht, die Mutter nicht, der Bürgermeister nicht, der Schulze nicht, es sei denn, die Brandmale seien aufgedrückt auf den Körper, oder die Polizei mische sich gewichtiger Ursache willen drein, dieweil sie muß, denn was sie bloß soll, macht sie je länger je weniger, am liebsten gar nichts. Aber der, der da alles sieht, der ist allenthalben daheim, und zöge man bis wo die Morgenröte beginnt, die Abendröte endet, für den ist keine Fremde, und der bringt alles aus und an die Sonne, manchmal erst ins Gewissen und dann an die Sonne, und manchmal erst an die Sonne und dann ins Gewissen, und manchmal läßt ers im Gewissen sitzen, bis der Sünder verzappelt ist.

»Wenn doch jeglicher dran dächte«, dachte Jakob, »daß so, wie mit ihm die Sonne kömmt in alle Fremde, und so, wie der Mond nachläuft, man mag laufen, so weit man will, wo auf hundert Meilen weder Bürgermeister noch Schulze nachkäme, der Herrgott auch ist und alles mitansieht, und daß, wenn man heimgeht, er nachkömmt, man mag es merken oder nicht, und dann daheim es kündet auf irgendeine Weise, man mag wollen oder nicht!« Es war ihm, als ob aus hundert Gräbern Hände kämen und Klagen und Rachegeschrei, und als sollte er alles auf seine Schultern laden und mitnehmen und heimtragen und wandern von Haus zu Haus und jedem seine Last abladen vor sein Haus und rufen zum Fenster hinein: »Da hasts, daß Gott erbarm!« Angst und weh ward es ihm unter den Gräbern, und er fühlte es, wie es innen brennt, wenn der Mund bekennt: »Meine Schuld ist in den Himmel gewachsen, ist größer, als daß sie mir könnte vergeben werden.« Das Angstmeer wogte hoch auf in ihm, dessen Wellen brandeten betäubend an seines Bewußtseins Rand, begannen höher zu wogen, über das Gestade flog der Schaum, spritzten bereits die Häupter der Wellen, da fuhr er auf, wischte von der Stirne den Schweiß, besann sich, sah um sich, wo er sei.

Über der Stadt ging klar und golden die Sonne zur Ruhe, rötlich wie die Freude auf alternden Wangen schimmerten die Türme; zur Linken standen ruhig und groß die Bernerberge, und ihre Seiten begannen zu glühen wie die Wangen glücklicher Bräute am fröhlichen Hochzeitabend, wenn die Sonne an die Kammer der Ruhe mahnt. Sie standen aber auch da so in alter Ehrenfestigkeit und doch so schön und lieblich, als Zeugen, daß fest und fester noch als sie sei des Herrn Wort, als Zeugen von dessen Milde und Freundlichkeit, die in allen Herzen erglüht, in welche scheint das ewige Licht. In mildem, zartem Scheine schimmerte die ganze Gegend, es war ein milder, süßer Frühlingsabend, es war, als wehe über die ganze Natur der Lebenshauch aus einer andern Welt, der Geist der Liebe und Sühne über alle Herzen. Es ward Jakob mild und wohl, er sah mit feuchtem Auge die Zeugen von des Herren Treue und Milde, es fiel auf sein Herz der Tau von oben, die wunderbare, milde Kraft, welche die weichsten Herzen zum Ertragen und Vollbringen stählt, welche der wahre Heldenmut ist, im Kleinsten wie im Größten groß.


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