Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Dreiundzwanzigstes Kapitel

Im Hasletale schlägt Jakob Winterquartier auf, und wie es ihm da gefällt

Jakob war sehr ernst geworden, und hier oben gefiel es ihm sehr. Hier, so dachte er, wolle er abgeschlossen leben den Winter durch, um niemand sich weiter kümmern, dabei auf den Bergen sein, so viel im Winter möglich. Er fand Arbeit im Oberhasletale, doch mit Mühe, man liebte da oben mehr die zahlenden Fremden als die, welche bezahlt sein wollten. Sein Meister hatte unter Napoleon gedient, war in Rußland gewesen, namentlich auch bei der Beresina, und zur Not entronnen. Er fand, es sei im Hasletale doch noch etwas angenehmer als drinnen in Rußland oder im heißen Spanien, wo er auch gewesen war, nahm ein Weib und sein alt Handwerk zur Hand und war ein gescheuter Meister. Seine Frau war ein feines Weib, welches den Mann gerne regiert hätte, es aber doch nicht ganz konnte. Sie hatten guten Verdienst, aber brauchten ihn auch. Er konnte den Wein trinken wie eine alte Kriegsgurgel, und sie war ehedem hoffärtig gewesen, und jetzt, da sie es nicht mehr war, hängte sie diese Untugend, wie Mütter oft zu tun pflegen, ihren Töchtern an so viel möglich, sie hatte deren viere, und vier Mädchen gehörig in Salb zu behalten, das kostet was. Das jüngste Mädchen war noch nicht konfirmiert, ging aber in die Unterweisung; alle waren hübsch, heiter, rührig und konnten singen fast wie die wilde, schöne Küherstochter.

Da Jakob also den Vorsatz hatte, unberührt zu bleiben von den meisterlichen Verhältnissen und zu sorgen, daß er weiterkönne ohne Zorn, aber auch ohne Weh, so war er trocken und einsilbig. Wäre er ein Engländer gewesen oder sonst ein Baron, so hätte man gesagt, er befleißige sich einer vornehmen Kälte. Beinahe hätte er in derselben sich nicht lange geübt. Die Meisterfrau machte ihm gleich am zweiten Tage ein gar häßliches Gesicht, besonders am Tische, und schoß die Teller herum wie die Russen an der Beresina die Kanonenkugeln. Jakob merkte wohl, daß es ihn angehe, und konnte gar nicht begreifen, was er gefehlt. Wäre er noch, was die Studenten sagen, ein Fuchs gewesen, so ein Neuling und Hans obenaus und nirgendsan, so hätte er das Feuer erwidert, und das Ende wäre gewesen, daß er den Rückzug hätte unter die Füße nehmen müssen wie die Franzosen an der Beresina. Aber er war im Feuer gestählt worden und wußte sich zu fassen, und sein Meister war auch gewest und ließ mit sich vernünftig reden.

So frug Jakob, als sie allein waren, den Meister, was die Meisterin hätte, ob das ihr täglicher Gebrauch, oder ob er unwissentlich gegen sie gesündigt. Da lachte der Meister, er habe ihn eben auf etwas aufmerksam machen wollen, sagte er, es sei ihm lieb, daß er davon angefangen. Jakob komme aus dem Waadtlande, dort seien die gebornen Brotfresser zu Hause, und so ein rechter Waadtländer, besonders wenn er radikal sei, stoße Bissen Brot ins Maul, von denen die kleinsten pfündig seien. Hier im Oberland sei es anders, hier sei Brotessen eine Luxussache. Seine Mutter habe oft erzählt, zu ihrer Zeit habe des Sonntags eine Frau auf dem Kirchhofe Brot feilgeboten, und wer Kranke und Alte zu Hause gehabt, habe ihnen als Leckerbissen ein Brot heimgebracht, in der Woche wäre nirgends Brot zu kaufen gewesen im ganzen Tale. Hier baue man nicht Korn oder nur unbedeutend; Mehl oder Brot müßten von Thun her eingeführt werden und kosteten viel. Jetzt sei es freilich etwas anders, Brot sei die ganze Woche durch zu haben, doch wolle er nicht dafür stehen, daß wenn so ein recht weitmäuliger Waadtländer Patriot am Sonntag ins Tal käme, derselbe bis am Samstag alles Brot alleine essen möchte, was selbe Woche im Tal zu Winterszeit gebacken wird. »Der Oberländer hält sich hauptsächlich an das, was von der Kuh kömmt, an Milch, Käs, Zieger, und zum fetten Käs, wenn er ihn hat, ißt er als Brot magern Käs, hat nebenbei Ziegen- und anderes Fleisch und Kartoffel, mit denen er aber sparsam umgehen muß. Überhaupt essen wir hier oben eben nicht, daß die Kartoffel uns zur Haut aus gucken wie denen da unten. Darum sind wir aber auch nicht so dumm wie sie, so wie mit Blei und Lehm ausgestopft, sondern ein heiter, gescheut Völklein und balbieren über den Löffel zehnmal so einen dicken Erdäpfelbauch, ehe er es einmal merkt. Nun haben wir wohl Brot auf dem Tische, aber wir meinen nicht, daß wir allemal davon essen müssen; Ihr aber habt Stücke abgesprengt wie die Steinbrecher Stücke aus einer Fluh. Das hat meiner Frau das Haar zu Berge gestellt, es war ihr, als sprengtet Ihr Stücke von ihrem Herzen. Nun müßt Ihr Euch in den Landesbrauch schicken, das ist so schwer nicht. Unter Napoleon lernte ich in Spanien Zwiebeln und Schafkäse miteinander brauchen und in Rußland rohes Pferdefleisch. Es geht am Ende alles den Hals hinunter, wenn man hungrig ist. Und müßt Ihr Brot brauchen, so habt Euer eigen Brot, des zürnen wir nicht. Napoleon meinte auch nicht, daß alle über einen Leisten geschlagen sein müßten, er sagte manchmal, verflucht tapfer seien wir Schweizer, aber wunderliche Köpfe hätten wir, mit denen könne man nicht umgehen wie mit andern Köpfen. Ist Euere Arbeit darnach, so kann ich nachbessern mit dem Lohn.« Jakob fand die Rede des Meisters vernünftig und meinte, wenn einer gewest sei, so lasse sich viel vernünftiger mit ihm reden, als wenn er nicht gewest sei. Jakob gewöhnte sich ganz ordentlich an die landesüblichen Speisen, der Durst plagte ihn anfangs ein wenig, aber das gab sich nach und nach.

Am ersten Sonntage, als er oben war, wunderte es ihn sehr, daß fast die ganze Haushaltung sich rüstete, um zur Kirche zu gehen, sogar der Meister, der unter Napoleon gedient hatte. Man sah ihn verwundert an, daß er nicht mitging, sagte ihm aber nichts. Beim Mittagessen frug er halb spöttisch, ob der Pfarrer schön gepredigt hätte. Er hätte kommen sollen und hören, sagte eins der Mädchen, er hätte es dann erfahren. Dazu hätte er nicht Lust, sagte Jakob, es sei ihm zu kalt. Übrigens habe er schon mehr als einen Pfarrer predigen hören und könne sich vorstellen, wie der es mache. Denn am Ende sei doch alles das gleiche, und eine Predigt gleiche der andern wie ein Kreuzer dem andern. Wer ein gut Gedächtnis hätte, könne es mit einer Predigt zehn Jahre machen, nur die Leute mit schlechtem Gedächtnis, welche von einem Sonntag zum andern alles vergessen, müßten häufiger gehen. Selb zweifle er, sagte der Meister, er sei auch gewest und habe es anders gefunden. Ein stark Wort, wie ihr Pfarrer habe, habe er nie gehört, es prätsche einem an den Kopf wie Kartätschen an eine Wand, und wenn man schon lange aus der Kirche sei, surre es einem noch in den Ohren, daß man nicht wisse, sei es der Reichenbach, oder komme angeschwollen die Aare vom Kirchet her. So, meinte Jakob, wenn es wegen des Brüllens sei, daß das die Hauptsache an der Predigt sei, so könne man das haben, ohne in die Kirche zu gehen. Er sei schon lange nicht mehr in einer Kirche gewesen, aber schon oft dabei, daß gebrüllt worden als von hundert Ochsen, und er könne just nicht sagen, daß ihm dies immer am besten gefallen hätte, es hätte ihm das Waadtland ganz verleidet.

Da brannte die Mutter zornig auf und sagte, es müsse einer ein gottloser Sünder sein, eine Predigt mit dem Gebrüll von Ochsen zu vergleichen. Und sie hätte noch viel mehr gesagt, wenn der Meister nicht dazwischengeredet und gesagt, brüllen hätte er auf viele Arten gehört und nicht bloß hundert Ochsen, sondern hundert Kanonen, und die brüllten noch ganz anders als hundert Ochsen. Aber das Sausen und Surren im ganzen Kopf habe er beim Kanonengebrüll nicht gehabt wie oft nach einer Predigt, wo der Pfarrer den Kalk nicht ab den Wänden gesprengt habe mit seiner Stimme, sondern nur eben laut genug gesprochen, daß man ihn hätte verstehen können, und langsam ein Wort nach dem andern, aber das seien Worte gewesen, welche in die Seele gegangen wie Knutenhiebe ins Fleisch, hätten ab dem Herzen gesprengt Verstockung oder Selbstgerechtigkeit. Da sei doch dann einer töricht, wenn er sich solchen mörderischen Worten aussetze, da könne man eben auch sagen: »Weit vom Geschütz gibt alte Kriegsleut«, entgegnete Jakob. Das komme eben darauf an, was einer glaube, und was er mit seiner Seele im Sinne habe, antwortete der Meister und brach das Gespräch ab.

Jakob fühlte, er war da auf einem ihm unbekannten Boden. Es war ihm unheimlich dabei, er steifte sich sehr in seinem Isolierungssystem gegen alle Menschen und in seinen Vorsätzen, sich der Natur in die Arme zu werfen, die ihm gar absonderlich wohl gefallen hatte. Jakob dachte an zwei Dinge nicht, oder er kannte sie vielmehr noch nicht, weil er sie noch nicht erfahren. Jakob wußte nicht, daß ein Herz, welches Freude findet an der Natur, für ihre Eindrücke, welchen es früher verschlossen gewesen, empfänglich wird, am Auftauen ist, wie die Erde aufgetaut sein muß, wenn der Regen rinnen soll in ihren Schoß, wenn sie Samen empfangen soll von Pflanzen, die wachsen, blühen, Früchte tragen. Jakob wußte ferner nicht, daß die Natur selbst für ihre Liebhaber im Winter gar verdammt kalt ist. Freilich sind die Wasserfälle ganz prächtig im Winter, wenn ringsum alles mit Eis überzogen wird, Eis in allen Formen und Gestalten auf Eis sich häuft, die Sonne es beleuchtet, der Wasserfall eine Jungfrau scheint in demantenem Gewande, mit allen Edelsteinen der Welt besäet. Aber wie schön sie auch sind, sieht man sie zu lange an, so friert man an die Füße, was bekanntlich eine unangenehme Sache ist und selbst von den feurigsten Liebhabern nicht gerne lange empfunden wird. Die Sterne glänzen wirklich in einer Winternacht am schönsten, prächtig steht der Bär am Himmel, und der Orion funkelt so herrlich wie nie sonst. Aber wer sie zu lange ansieht, kriegt eine rote Nase, die Ohren brennen ihn, und wie himmlisch es ihm zumute sein möchte, es schlottert ihn doch erbärmlich, er muß, er mag wollen oder nicht, es empfinden, daß er ein armer Sterblicher ist, der im Winter wohler auf dem Ofen ist als draußen unter dem herrlichen Himmelszelte. Wir geben unbedingt zu, die Erde erschiene dem am herrlichsten, einer reinen, weißen, unbefleckten Jungfrau gleich, der an einem klaren, kalten Jennermorgen auf dem Gipfel der Jungfrau sitzen und von dort herab sie betrachten würde von Sonnenaufgang bis zu Sonnenniedergang. Aber wer zum Kuckuck will das Ding versuchen?

Jakob hatte gar nicht Lust dazu, er fror nicht gerne an die Füße, nur ein halber Mensch sei man, und Courage habe man gar keine, wenn man friere. Es seien einem Glieder und Knochen wie gläsern, und man lebe in beständiger Angst, sie zu zerbrechen, man dürfe kaum niedertreten auf den Boden aus Furcht, der Fuß gehe in Splitter; so sagte Jakob. Da war aber der Meister anderer Meinung, er war in Rußland gewesen und an der Beresina. Er war dabei gewesen, daß man vor Ermattung zu Boden sank, den Tod vor Augen hatte, der Ruf »Zu den Waffen, die Feinde!« wie ein elektrischer Strahl durch die erfrorenen Glieder fuhr, die wie eine zur Schlachtbank zottelnde Schafherde einhertrippelnden Franzosen umwandelte in die Franzosen von Austerlitz, die rasch sich gliederten und in entschlossener Haltung und mit kaltblütigem Mute den vielfach überlegenen Feind vom Leibe hielten. Dann erzählte er von Ney, dem berühmten Marschall, der, wie der Recke Roland von den Arabern, von den Russen gefürchtet worden sei, wie nie ein Feind vor ihm. bestanden, nie eine Kugel ihn getroffen, bis die verfluchten Franzosen ihn selbst erschossen. Dies war eine Tat, welche der Meister ihnen nicht verzeihen konnte, und weswegen er alle noch lebenden Franzosen haßte. Auf diesem Felde des Mutes mußte Jakob vor dem alten Napoleonisten sich ducken, denn der war dabei gewesen, hatte wirklich Pulver gerochen und zwar in der Nähe und nicht bloß so von weitem wie Jakob in Genf. Aber Jakob, der in andern Dingen sich dem Meister hoch überlegen glaubte, suchte auf anderm Felde eine überlegene Stellung zu gewinnen, ein Held zu sein auf anderm Gebiete.

Es kam ihm ganz kurios in diesem Hause vor. Er hatte anfangs von Religion gar nichts bemerkt, als daß man betete vor und nach Tische, an was er sich bereits hatte gewöhnen müssen und es recht anständig ertragen konnte. Dann kam also das Kirchengehen, welches sich zu seiner Verwunderung regelmäßig alle Sonntage wiederholte, und zwar fehlte auch der Meister selten. Daneben waren die Leute hell auf, und weder in ihren Reden noch in ihren Manieren merkte er die bezeichnenden pietistischen Merkmale. Er hielt also anfangs dafür, ihre Kirchlichkeit sei Gewohnheit, und ihre Religion bestehe eben im Kirchengehn, sie ließen dieselbe auch in der Kirche und brächten bloß die Gesangbücher heim, welche gestohlen werden könnten, während die Religion nichts riskiere. Auch sah er, daß sehr viele Leute zur Kirche gingen, daß es auffiel, wenn jemand nicht ging, so daß er annahm, es würden viele nicht gehen, wenn sie es nicht aus Furcht vor den Leuten täten, nicht schlechter scheinen möchten als die andern. Wenn sie wüßten, was Trumpf wäre in der Welt draußen, sie würden anders pfeifen, und dann würde man sehen, wie weit die Frömmigkeit dieser Menschen her sei. Und wenn die Mädchen sich nicht putzen könnten zum Kirchgehn und die Kirche nicht Vorwand wäre, ein neu Kopftuch oder eine neue Schürze zu kriegen, man würde sehen, wie viel sie der Kirche nachfragen. So sah er sich das Ding an, und hier wollte er dem Meister seine Überlegenheit zeigen, daß wenn er schon furchtsam sei, wenn er kalte Füße habe, er denn doch in den wichtigsten Dingen ein Held und ohne Furcht sei.

Der Meister frug ihn einmal wieder, ob er wohl mit zur Kirche kommen wolle, ihm, dem Meister, wäre es lieb, und ihm, dem Jakob, schadete es in alle Wege nichts. Da meinte Jakob, er für seine Person brauche sich nicht zu fürchten, wenn er nicht zur Kirche ginge, er sei nicht Katholik und brauche nicht Beichtzettel mitzubringen oder zu beichten, wenn er heimkomme. Indessen wenn der Meister zu fürchten habe, wenn der Geselle nicht zu Kirche gehe, so könne er ihm zulieb wohl einmal gehen hier, an einem andern Orte täte er es kaum. Da blitzte des Napoleonisten Auge auf fast wie eine Kanone, welche man mit der Lunte gedupft. »Jakob«, sagte er, »wir sind hier nicht in Spanien, und Glaubenszwang haben wir keinen, und hätten wir ihn, so ließe ich mich nicht zwingen. Ich habe mich an der Beresina nicht gefürchtet, bin nie vor Kanonen gelaufen aus Furcht, und aus Furcht laufe ich nicht in die Kirche, und aus Furcht jage ich niemand in die Kirche. Aber warum wolltet Ihr hier mir zulieb gehen, an einem andern Orte aber nicht? Das ist Furcht, und um der Menschen willen wolltet Ihr gehen, und um der Menschen willen wolltet Ihr nicht gehen? Ihr seid ein Hasenfuß und Bärenhäuter, Jakob.«

Das fuhr Jakob ins Fleisch, er sprach: »Aber Meister, mit Verlaub, wegen wem geht dann Ihr in die Kirche, wenn es nicht ist wegen der Furcht vor den Leuten, die allemal böse werden, wenn nicht jedermann ihre Narrheiten mitmachen will, oder aus Furcht vor den Kunden, sie möchten denken, Ihr seiet gescheuter als sie, oder aus Furcht vor dem Pfaffen, er möchte Euch Eure Mädchen nicht huldreich behandeln oder gar nicht konfirmieren.« »So«, sagte der Meister, »so, meint Ihr, und in Deutschland seid Ihr zu Haus? Ich war in Spanien, dort waren verfluchte Kerls und hatten Gottesfurcht, ich war in Rußland, und dort hatten die Kerls auch Gottesfurcht und waren verfluchte Kerls, und Ihr seid in Deutschland zu Haus und wißt nichts von Gottesfurcht, und daß man wegen der Gottesfurcht zur Kirche geht und nicht wegen der Menschenfurcht. Das muß sauber aussehen draußen, daß Ihr nichts wißt von Gottesfurcht!« »Ja«, sagte Jakob, »die Zeiten ändern«, und gleich dumm bleibe man nicht immer, und wenn man sich fürchten müsse, so sei es doch vernünftiger, sich vor etwas zu fürchten, das Fleisch und Bein hätte und einen auslachen könne und blamieren oder sonst schaden, als vor etwas, was kein Mensch gesehen und gehört, was einem weder kalt noch warm mache und eigentlich gar nirgends sei als in uns Selbsten. Er hätte wirklich geglaubt, der Meister, der unter dem Napoleon gedient, sei aufgeklärter, von wegen der Napoleon sei ein ganzer Kerl gewesen und hätte gewußt, wo Bartlome den Most hole.

Da sah ihn der Meister groß an, aber ganz ruhig. »So«, sagte er, »seid Ihr auch von den armen Teufeln einer, die jetzt zu Dutzenden herumlaufen ohne Glauben! Menschen ohne Glauben mahnen mich immer an Gespenster ohne Köpfe. Die armen Teufel gebärden sich, als wollten sie Fürsten und Könige fressen, und laufen davon vor jedem Hund, wollen nichts von Gott wissen, und jeder Schlingel jagt sie ins Bockshorn. Wird hundert Stunden von ihnen ein Pistol abgeschossen, kriegen sie das kalte Fieber. Napoleon glaubte an Gott, wußte, was der Glaube zu bedeuten hat, da waren wenige, welche nichts glaubten, das machte eben, daß man sich nicht fürchtete, zum Tode wie zum Tanze ging, man wußte, nach dem Tode gabs noch was Besseres als Kommisbrot und Schnaps.« »Ja, das hat man euch Soldaten weisgemacht«, sagte Jakob, »man hat mit der Gottesfurcht die Todesfurcht ausgetrieben, damit ihr desto williger Futter für das Pulver würdet. Die Höhern und Obern wußten es besser und lachten euer.« »Dummes Zeug!« sagte der Meister, »warum gingen sie dann voran in den Tod? Napoleon selbst glaubte mehr als andere, vielleicht mehr als gut war, denn kein Soldat in der Armee ließ sich wahrsagen und glaubte, was ihm gesagt wurde, wie er. Warum hätten die Höhern nicht auch glauben sollen? Ihr seid auch von denen einer, wie es scheint, welche meinen, der Unglaube sei vornehm, und weil Ihr gerne vornehm wäret, vorerst die vornehmen Laster annehmt und Euch damit brüstet wie ein Affe im Herrenrock. Das ist wahr, hätten wir keinen Glauben gehabt, so wären wir auch Hasenfüße gewesen, wie es sie jetzt gibt, und wären im heißen Spanien aus Angst erfroren.«

»Sei das, wie es wolle«, sagte Jakob, »so ists doch gescheuter, den Tod zu fürchten, von dem man weiß, daß er kömmt, und was er ist, als Gott, von dem man nichts weiß und stark zweifeln muß, ob er ist, und was er ist.« »Ja«, sagte der Meister, denn der Meister war tolerant und hatte es wie Napoleon, er ließ jedem seinen Glauben, »das macht mit Euch ab, aber dann tut Ihr jedenfalls besser, nicht unter die Soldaten zu gehen, lieber unter die Schneider oder unter die Schreiber, 's ist das gleiche.«

Jakob schwieg eine Zeit. Gegenüber dem napoleonischen Soldaten durfte er es nicht wagen, sich auf ihre Vergangenheit und die darin verübten Heldentaten zu berufen, machte dann eine Wendung, da er in der Fronte nicht bestand, und sagte: »Wenn auch ein Gott ist, so muß das ein wunderlicher sein, ein ganz kurioser, daß der seine Freude daran hat, daß man am Sonntage nichts tut, des Morgens in die Kirchen läuft und da schreit und betet und nachmittags in die Wirtshäuser und da schreit und flucht. Was trägt das ab im Leben? Es ändert an der Welt nichts, ändert am Menschen nichts, ob man in die Kirche geht oder nicht, es kömmt akkurat aufs gleiche. Es ist nichts als ein dummer alter Brauch, den man abschaffen sollte. Die Gebildeten haben ihn längst aufgegeben, und die großen Herrschaften in den Städten gehen gar nicht mehr in die Kirche, sie schicken nicht einmal mehr den Kammerdiener und die Kammerjungfer, sondern höchstens noch Küchenmägde und Stalljungen.«

»Jakob«, sagte darauf der Meister, »Ihr seid mir ein kurioser Kerl, Ihr verachtet und haßt alle Aristokraten und Vornehmen schrecklich, und alles soll ja gleich sein, und doch sind sie Euere Muster und Vorbilder. Ihr möchtet halt auch vornehm sein! Vornehm sein, das ist Euer Himmel, und wäret Ihr einmal vornehm, so wäret Ihr ein Aristokrat von den ärgsten und wäret gläubig aus dem ff, denn da möchtet Ihr ewig vornehm bleiben. Das ist der Handel, Jakob, und da liegt der Hase im Pfeffer. Was aber das andere betrifft von wegen dem Kirchengehen, daß es nichts nütze und abtrage, das, Jakob, ist eine andere Sache, das versteht Ihr nicht. Weil Ihr nicht zur Kirche geht, so müßt Ihr so reden, aber damit urteilt Ihr wie ein Blinder von den Farben. Habt Ihr es nie angetroffen, daß von zwei Eheleuten eins die Kirche besuchte, das andere nicht, und mit welchem war ein besser Leben?« Jakob dachte an seinen Waadtländer Patrioten und dessen Ehefrau, er sagte aber bloß, und wenn es schon einmal sich getroffen hätte, so könne die Sache einen ganz andern Grund gehabt haben, und eine Schwalbe mache noch keinen Frühling. »Nun«, sagte der Meister, »so seht unser Tal an und betrachtet Euch alle Leute! Auf welcher Seite habt Ihr den bessern Teil, auf der Seite, wo man Gottesfurcht hat und sie zeigt, oder auf der andern Seite, wo man keine Gottesfurcht hat und nichts zu fürchten und doch erbärmlich erschrickt, wenn ein Hund von weitem bellt? Geht von Haus zu Haus, und wo ein wackerer Hausvater ist, der seiner Familie wohl vorsteht, in Ehrbarkeit sein Haus regiert, in Zucht und Sitte Söhne und Töchter hält, so hat dieser Gottesfurcht und glaubt an das ewige Leben, und wo ein Hof lange in einer Familie bleibt, da hatte die Familie saubere Hände und fromme Herzen, und wenn Ihr jemand etwas sehr Wichtiges anzuvertrauen habt, so werdet Ihr sicher einen gottesfürchtigen Menschen wählen. Ein solcher sieht nicht auf den augenblicklichen Vorteil, er denkt an das ewige Leben. Wer den Glauben nicht hat, der macht was er kann, kümmert sich nicht darum, was nachkömmt. Je ungläubiger einer wird, desto kürzere Gedanken hat er, akkurat wie das Tier, das auch nicht an morgen denkt. Sucht die zusammen, welche keinen Glauben haben, spotten und lästern, stellt sie ein, laßt sie aufmarschieren zur Inspektion, seht, was Ihr für Kerls habt im Glied, zumeist lüderliche Menschen oder hochmütige, welche keinen Boden unter den Füßen haben, sich aber einbilden, sie hätten Flügel am Rücken, Leute, welche ihre Familie vernachlässigen, Schuldenmacher oder Unglücksmacher, welche durch alle Kniffe und Ränke Leute um ihre Sache zu bringen suchen, keinen Bibelspruch im Kopfe haben, aber alle Gesetzbücher und Gerichtssatzungen, Leute mit keiner Hausordnung und schlechter Kinderzucht, mit Läusen oder Prozessen behaftet, die nicht arbeiten, sondern durch irgendeinen Griff reich werden möchten, Spieler, welche nichts können als Karten mischen und Trumpf ausbrüllen, so laut sie mögen, und spielen würden um alles in der Welt, wenn sie es hätten!«

»Aber Meister«, sagte Jakob, »Ihr spielt ja auch und trinkt Euern Schoppen.« Da blitzte des Meisters Auge. »Und schaffe ich, oder schaffe ich nicht, und habe ich Ordnung im Hause oder nicht Ordnung?« frug er scharf. »Das wohl«, gab Jakob zu, »aber das alles könnte man, ohne in die Kirche zu gehen«, er sehe nicht, wie das zusammenhänge. Die ganze Woche durch merke er nichts Geistliches im Hause und nichts von dem allem, was sie in der Kirche gehört hätten. »Wenn Ihr ein Stück Speck esset, Jakob, laßt Ihr die Zipfel eine ganze Woche zum Maul heraushängen, oder wenn Ihr ein Glas Wein trinkt, laßt Ihr es über Kinn und Halstuch laufen, daß Ihr den ganzen Tag nach Wein stinkt? Bringt Ihr nicht beides säuberlich in den Leib? Wer nicht dumm ist, wird an Eurem Schaffen merken, ob Ihr was Schlechtes oder was Rechtes im Leibe habt oder gar nichts.« Da frug Jakob den Meister spitz, wie er mit seinem Schaffen zufrieden sei, und was er meine, daß er, Jakob, im Leibe habe. »Ungefähr dreiviertel Pfund Käs, magern und fetten zusammengenommen, ein Pfund Zieger, Milch, was es erleiden mochte, und wer so viel im Leibe hat, der mag das Schaffen ertragen und aushalten, daß man damit zufrieden sein kann«, sagte der Meister und ließ das Gespräch fallen. Wie gesagt, er redete von der Leber weg, aber zwang seine Meinung nicht auf, er war im großen napoleonischen Wirbel gläubig und tolerant geworden.

Jakob hatte dieses Gespräch sehr ärgerlich gemacht und seinen Widerspruchsgeist aufgeregt. Er hatte nicht daran gedacht, daß hier oben in den Bergen jemand mit einem Gefühl von Überlegenheit, so gleichsam von oben herab ihn behandeln werde und noch dazu ein alter Soldat ohne Bildung, ohne Kenntnis des Zeitgeistes. Der gute Jakob wußte nicht, welche gute Schule das Leben ist und wie eine ganz andere Schule als irgendeine, heiße sie Primär-, Sekundär-, Elementar- oder Hoch- oder Dorfschule. In einer Schule wird allerlei ausgesäet, aber was aus jedem Samenkorn wird, welch eine Pflanze, welch ein Baum, und welche Früchte Pflanze und Baum tragen, das lehrt das Leben, denn an den Früchten erkennt man den Baum. Du mein Gott, was für Schmach und Schande wird manche Schule erleben müssen, wenn im Leben ihre Früchte reifen! Man schreit, in den Schulen sollten die Kinder die Giftpflanzen kennen lernen, damit sie fürder nicht mehr in Tollkirschen beißen und den Tod essen, und stiftet doch eigentliche Giftschulen, wo die Kinder lauter tolles Zeug kriegen und daran am Leib und an der Seele verderben.

Wer im Leben des Samens Entfaltung, des Baumes Gestaltung, seiner Früchte Wirkung erlebt hat und sieht, wie Giftkörner den Kindern ausgeteilt, eingepflanzt werden, und schreit über die Gefahr, will Holla machen der tollen Wirtschaft, den lachen die Kinder der Schule aus, die da mit dem Samen spielen und ihn ausstreuen ohne Prüfung und Lebenserfahrung, den ersten besten, welcher ihnen in die Hände fällt, den sie von einem herumziehenden Samenhändler eingehandelt oder auf einem Markte von einem Marktschreier sich haben aufschreien lassen, spotten über den Kahlkopf, welcher den Unbärtigen Weisheit lehren will. Was soll man lernen aus der Schule des Lebens? Daß da gar nichts war bis dahin als was ganz Kreuzdummes und erst jetzt was wird, da Juristen und Schulmeister das Leben zur Hand genommen und nun daran machen ganz nach der allerneuesten Theorie und vollkommen im Geiste des Zeitgeistes? Die Schule, heiße sie Primar- oder Hochschule, ist ganz herrlich, aber bloß dann, wenn sorgfältig der auszusäende Same geputzt und geprüft wird und eben nicht bloß durch eine theoretische Brille, sondern durch im Leben gewonnene, erfahrne Weisheit.

Nun hatte Jakob Schulen durchgemacht, und manches Samenkorn hatte seine Seele empfangen. Was er in der Dorfschule empfangen hatte, davon war manches Samenkorn schimmlicht, viel Staub war darunter, und gar oft war der Boden gefroren oder sonst hart, das Beste blieb obenauf liegen und war vom Winde verweht, und was der Wind nicht verwehte, fraßen die Vögel. Die Schulen und Unterrichtsanstalten, welche er seither passiert hatte, die wohl hatten lebendigen Samen, und der Same fand offenen Boden, und das Zeug ging rasch auf, und was für Früchte das Zeug trage, hatte Jakob bereits erfahren, allein noch nicht begriffen. Wer nicht erfahrner Gärtner ist, ist durchaus nicht imstande, wenn auf einem Tische Obstkerne liegen und auf dem andern Tische Äpfel und Birnen, zu bestimmen, von welchen Kernen diese Äpfel, jene Birnen stammen, erst lange Erfahrung gibt ihm die Wissenschaft. Laßt ein Kind oder einen jungen Schulmeister, es kömmt in dieser Beziehung auf eins heraus, im Frühjahr in einen Baumgarten gehn, zeigt ihnen Bäume, nicht Kerne, und fragt sie nach den verschiedenen Sorten! Nur die Geschicktesten werden Birnen von Äpfelbäumen unterscheiden können, so wie mancher Sprach- von Religionslehre unterscheiden kann, aber wenige werden Bäume, welche saure Äpfel, von denen unterscheiden, welche süße tragen, und noch weniger die verschiedenen Sorten und ihre Brauchbarkeit angeben können, dazu braucht es Erfahrung und ein sicher gewordenes Auge.

Nun war es bei Jakob sehr merkwürdig, er hatte die verschiedenen Schulen im Leibe akkurat als wie ein Wurmpulver, und dieses Wurmpulver hatte bei ihm zu wirken angefangen, war lebendig geworden, hatte den Verstand gefangen genommen und war in ihm so gleichsam zum Baume der Erkenntnis des Guten und Bösen geraten, das heißt zum Maßstabe, an welchem er alles maß. Erfahrungen hatte er auch gemacht, aber diese Erfahrungen lagen eben wieder unverdaut und unbedacht durcheinander, und was er erkannte, und was seiner aufgepfropften Weisheit widersprach, nannte er ganz einfach eine seltene Ausnahme. Und doch hatten alle diese Erfahrungen Einfluß auf ihn, machten ihre Rechte geltend, wurmten ihn, stachen ihn, wollten Boden suchen, Wurzel fassen, aber seine Weisheit hob sich hoch auf wie Katze oder Schlange, wenn man ihren Schwanz beleidigt, sträubte sich und zischte greulich. Von einem alten Soldaten wollte Jakob sich nicht weisen lassen, wollte ihm beweisen, wie wenig an seinem Glauben sei, und wie das Kirchengehen am Sonntage nichts sei als dummes Zeug und Larifari. Er tat seine Augen und seinen Mund auf, und es war sehr merkwürdig, in welcher Beziehung sie sich zueinander stellten.

Erstlich sah Jakob schärfer ins Leben des Tales hinein, um seine Beweise gegen den Meister zu sammeln. Dieses ward ihm dadurch erleichtert, daß er sehr viel in den Häusern selbst arbeiten mußte, so daß das ganze Leben in den Häusern vor ihm offen war. Da sah er im Volksleben gar eigene Dinge, welche ihm, obgleich er mitten aus dem Volke herausgewachsen war, doch unsichtbar und unbekannt geblieben waren. Äußerlich schien das Leben fast überall ähnlich, heiter und behaglich, ruhiger hier, geräuschvoller dort, hier, als ob man was suche, dort, als hätte man es gefunden. In den Häusern jedoch war es anders, es war, als ob zwei verschiedene Menschenarten sich vermischt und in buntem Gemische sich hier angesiedelt hätten. In den einen Häusern, doch, wie es sich von selbst versteht, in größerem oder geringerem Grade, war Reinlichkeit, Einfachheit, in allem etwas Bestimmtes, Pünktliches, war Freundlichkeit und Friede, die Kinder bescheiden und gehorsam. Was diese Leute zu zahlen hatten, zahlten sie richtig, am Morgen waren sie früh auf, des Abends schloß sich zeitlich die Türe des Hauses, es sei denn noch jemand drinnen, der gekommen, Rat zu holen oder sonst ein vernünftig Wort zu vernehmen. Da war recht gut sein, da waren Vorräte. Hatte man was nötig, so wars bei der Hand, die Kinder sahen gerne zu, störten nicht, das Essen war gut, und wenn es Zeit war, war es da.

Dann war ein anderer Schlag Menschen. Diese hatten von außen mehr Glanz, stellten von weitem auch mehr vor, und wenn man nur so oberflächlich hinhörte, so schienen sie auch sehr gebildet, aufgeklärt und wußten von allem was und schienen sehr großen Anteil zu nehmen am Vaterland und sonst noch an allem, was etwa vorkam. Offenbar betrachteten sie sich als die Bessergebornen und Berechtigten und gaben selbiges auch deutlich zu verstehen. In ihren Häusern war auch Glanz, aber gewöhnlich Schmutz darauf, es war etwas Unordentliches, ein Durcheinander, fast wie ein Mögen und nicht Können, ein Wollen und nicht Wissen, so wie das Sprichwort sagt »Außen fix und innen nix«, so ein feines Vorhemdchen und einen Reis- oder Kaffeesack auf dem Leibe. Es war überall etwas Unstetes und Unzuverlässiges, keine Zeit wurde beachtet, am Orte, wo sie hingehörte, war selten eine Sache, was man forderte, war nicht da, am wenigsten Geld. Bei aller Freundlichkeit, solange man ihnen willig zuhörte und sich geneigt zeigte zu allem, was sie wollten, wurden sie doch, sobald man etwas von ihnen wollte oder anderer Meinung war und nicht tanzen wollte wie sie geigten, sackgrob. Untereinander waren sie in Friedenszeiten kurz angebunden, und es war immer, als ob eins dem andern im Wege wäre, und als ob man sich beständig in stillem Unfrieden ausweichen müsse; fingen sie aber zu zanken an, so konnten sie desselben kein Ende finden. Die Kinder lobten sie gewöhnlich sehr, waren stolz auf sie, ließen ihnen große Freiheit, und diese ward auch von den Kindern benutzt, sie arbeiteten höchstens, was sie mußten, gehorchten nicht, waren allenthalben überlästig, verschleppten, was sie konnten, waren unverschämt gegen die Eltern und begreiflich nicht besser gegen Fremde. Es war ein Kommen und Gehen, und nichts hatte seine Zeit, keine Zeit hatte Aufstehn und Niedergehn, und keine Zeit hatten Versprechen und Halten, und keine Dauer hatten die Ansichten. Sie hatten es wie die Blumen der Schlingpflanzen, welche meist nur einen Tag dauern, wo es alle Tage neue gibt.

Ihre Grundsätze hatten bloß eine Wurzel, diese ging durch die ganze Seele, war auf der andern Seite umgebogen, grundsätzlich vernietet, sie hieß: »Selber essen macht fett.« Ihre Gelehrsamkeit war sehr kurz, bestand höchstens aus den drei wurstischen Worten: einem Prädikat, einer Kopula und einem Subjekt. Manchmal war sie noch kürzer und außerordentlich bündig zusammengefaßt in die Worte Donner, Hagel, Schelm, Spitzbub, Jesuit. Sie war außerordentlich bündig und faßlich, diese aufgeklärte Gelehrsamkeit, und wer sich an ihr nicht hätte ersättigen wollen, mußte seinem eigenen Vorwitz es zuschreiben, wenn mit der Faust nachgeholfen wurde, bis er sich vollständig und wirklich gründlich ersättigt hatte. Auch änderten diese Leute ihre Handwerksleute häufig; ob der flüchtige Sinn oder das flüchtige Geld an dem häufigen Wechsel schuldig war, wissen wir nicht. Jedenfalls ists bekanntlich kommod, wenn man bei einem Handwerker ein unbezahltes Konto hat, dasselbe stabil zu erklären, sich mobil zu machen und bei einem andern ein neues anzufangen. Es ist viel besser so, als wenn man riskiert, ein Schneider sage einem, man solle erst das Alte bezahlen, ehe man das Neue abhole, und weil man das Alte nicht bezahlen kann, das Neue nicht abholt, der Schneider dann jedem Kunden den schönen schwarzen Frack zeigt und sagt: »Der und der Ratsherr oder Direktor oder Minister (man bedient sich bekanntermaßen seit einiger Zeit auch im Kanton Bern dieses Ausdrucks) hat sich den bestellt, aber weil er erst das Alte zahlen muß, ehe er das Neue kriegt, so hängt er schon seit acht Monaten da. Und den Hagel lasse ich hängen, bis er von selbst herunterfällt, er ist ganz am rechten Ort, der Hagel der; wenn nur der rechte Hagel auch drinnen war, er wäre auch am rechten Orte, der!«

Es war unheimlich in den Häusern dieser Leute, es war niemand recht daheim drin, am wenigsten die Bewohner selbst. In den Wirtshäusern dagegen und an andern Orten, da waren sie wohl und kurzweiliger und gar viel bedeutsamer und einflußreicher als die von der ersten Sorte. Das kam Jakob sonderbar vor, und auf den Grund dieser Verschiedenheit kam er nicht. Es war das erste Mal, daß er auf der Wanderschaft mit dem Volke zusammenkam so recht eigentlich, und da hätte er ja ein Hexenmeister sein müssen, wenn er gleich hätte alles begreifen wollen, ein Hexenmeister ungefähr wie ein Reisebeschreiber, deutscher oder englischer, Kohl oder Kabis, der alles so im Fluge aufschnappt wie eine Schwalbe die Mücken, welche sie dann rasch den Jungen bringt, welche unter dem Dache liegen, zwitschern und sich ohne langes Besehen in den Schnabel stecken lassen und getrost schlucken, was die Alten aufgeschnappt.

Das Haus seines Meisters und dessen Familie gehörte offenbar zu der ersten Sorte, wenn schon nicht zu den ersten der Sorte. Der Meister nahm freilich gerne einen guten Schluck vom Bessern, aber daneben hatte er ein festes Wort und hielt gute Ordnung. Er schwatzte wohl gerne, aber er bramarbasierte nicht. Wenn er von seinen Feldzügen anfing, so hörte er ungerne auf, aber über Dinge, welche er nicht verstand, sprach er nicht, so auf angelernte Redensarten, und klangen sie noch so donnernd und krachten so schön und waren noch so kommod, weil sie so kurz waren und man doch weiter nichts zu verstehen brauchte, hielt er gar nichts. Er war zu rechter Zeit daheim, hielt auf feste Einteilung der Zeit; was nötig war in Werkzeug und Haushaltung, war da, und ging was aus, so wurde alsbald anderes herbeigeschafft ohne viel Redens und jedenfalls ohne Keifen und Zanken. Die Frau war freilich etwas zu hoffärtig und putzte ihre schönen Mädchen gerne schön heraus, daneben war sie eine treue Hausfrau, pflanzte fleißig, kochte, daß man es essen konnte und zu rechter Zeit, blieb daheim, mied Klatschereien; sie wußte, daß ein klatschend Weib einem Handwerksmanne bei seiner Kundsame eben nicht großen Nutzen bringt. Die Mädchen waren keine Schlampen, waren heitere, fröhliche Dinger, aber fleißig und gehorsam. Wenn der Vater was sagte, so wußten sie, was sie zu tun hatten, er regierte sie mit militärischer Kürze, daneben hatte er sie sehr lieb und sie ihn auch. Die Mutter sparte die Worte weniger, sie mußte eine Sache zuweilen zwei-, dreimal befehlen und hielt über solche Unachtsamkeiten sehr lange Predigten. Aber je länger die Mutter über solche Dinge redete, desto mehr schienen die Mädchen zu vergessen; doch die Achtung gegen die Mutter vergaßen sie nicht, und wenn eine Spur sich davon zeigte, so vergaß die Mutter das Reden, und eine handliche Ohrfeige brachte alsbald den nötigen Respekt zurück, sie führte eine gute Hand, die Frau Meisterin. Die Familie stand, so weit Jakob merken konnte, in einem gewissen Ansehen. Die Mädchen wurden nicht als arme Mädchen behandelt, und mit dem Meister gingen die besten Talbewohner als mit ihresgleichen um. Andere haßten ihn freilich sehr, aber um der Politik willen, dieweil er ein tüchtiger Aristokrat sei und einer von den Roten (Soldat in französischen Diensten mit roter Uniform), welche um eine Speckschwarte das Vaterland verhandelten an die Aristokraten. Wenn man diese Leute hörte, wozu Jakob oft kam, so hätte man glauben sollen, der Meister sei die verachtetste aller Kreaturen und zu nichts tauglich als in Rauch aufgehangen, gedörrt und dann für Geld gezeigt zu werden als ein rar Stück eines Aristokraten und Herrnfreundes.


 << zurück weiter >>