Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Zehntes Kapitel

Jakob kriegt die Liebe, einen Brief und Verlegenheiten

Dem Jakob waren dagegen die Mädchen in den Kopf gestiegen. Die ganze Nacht tanzten sie vor ihm herum oder saßen um den Tisch herum, legten schöne Manieren an den Tag und zierliche Redensarten. Er hatte bis dahin wohl hie und da mit einem Mädchen getanzt, aber sein Sinn war nie auf die Weibsbilder gestellt gewesen, jetzt war es ihm wie angetan. Da es hier also mit den neuen Ideen nichts sei, so wollte er es mit was anderm Neuen probieren, um seine Zeit nicht zu verlieren. Er mochte nicht erwarten, bis der Sonntag kam, wo er zu einem Schatz zu kommen hoffte. Als er von den Menschen, welche aus dem Hintergrunde hervor die Glut unter den Gesellen anblasen und nähren, angestochen und gleichsam ins Examen genommen wurde, gab er ihnen uneinläßliche, halb verkehrte Antworten, benahm sich so kühl und kalt, daß er den Herren sehr verdächtig vorkam, so daß sie die andern zur Vorsicht mahnten, indem leicht in dem neuen Gesellen ein falscher Bruder stecken könne. Solche könnten in Bern einstweilen noch sehr gefährlich werden, meinten sie, besonders die, welche was zu verlieren hatten.

Endlich kam der gute Sonntag daher, schön und freundlich, als wolle er erst mit lieblichen Lichterstrahlen die Augen der Menschen öffnen, dann ihnen ein heller Spiegel sein, worin sie schauen könnten die Herrlichkeit Gottes. Aber ach, wie warm und lieblich der Sonntag auch strahlen mag, wie klar und doch so wunderbar zeigen Gottes Herrlichkeit, er öffnet so viele tausend Augen nicht, so viele tausend Menschen erwachen nicht zur Anschauung Gottes; der arme Sonntag wecket nichts bei diesen als die Augenlust, die Fleischeslust und die Hoffart des Lebens. Es geht ihm wie der lieben Sonne. Diese mag über ein wüst, wild Feld scheinen, wie sie will, mild und heiß, sie wecket nicht süße Früchte zum Leben, unter ihren schönsten Blicken sprossen nur Dornen und Disteln auf. Der arme Sonntag muß zur Handhabe werden, an welcher der Teufel fasset die Kinder der Welt, daß so recht sichtbar werde, wie denen, welche Gott lieben, alle Dinge, Hunger und Kummer, Krankheit und Tod, zur Seligkeit dienen müssen, denen aber, welche Gott nicht lieben, sondern nur die Welt, die herrlichsten Gaben, Gesundheit und Jugend, Reichtum und Kraft, die Pracht der Werke Gottes, ja Gottes heilig Wort und sein heiliger Tag, zum Fluche sich verkehren müssen.

Jakob hatte ein frischgewaschenes Hemd am Leibe und sonst das Beste, was er noch besaß, und wanderte mit den Kameraden gleich nach dem Mittagessen durch das Aarberger Tor ins Freie, der berühmten Enge zu. Vergeblich hatten die Kameraden gemahnt, noch eine gute Stunde zu warten, weil die meisten Herrschaften erst um ein Uhr zu Mittag speisten und die vornehmsten und schönsten Mägde erst lange nach zwei Uhr ihrer Sklaverei und ihren Tyrannen entrinnen könnten. Aber Jakob war nicht zu halten, sein Herz brannte ihm im Leibe; auch diesmal sah er die alte Stadt, den Edelstein im schönen Lande, kaum, die Stadt, welche so stolz auf ihrem Hügel steht, hinter sich die stolzen Berge in ihrer ganzen Pracht und Majestät. Er hörte das Läuten der Kühe nicht, die an der Engehalde weideten, sah die prächtigen Bäume nicht, welche mit ihren stolzen Kronen Schatten warfen auf den kleinen Wanderer freundliche Gaben der Hochgebornen, zugeworfen den im Staube Wandelnden -- er sah nur nach den schönen Schaubhütchen aus, dem schönen sommerlichten Kopfputz der Bernerinnen, und lauter » Merci!« und » Mon cher!« tönten ihm in den Ohren.

Nicht größere Freude kann der Jäger haben, wenn nach langem, vergeblichem Suchen und Harren plötzlich ein Rudel Rehe vor ihm stehet, als Jakob empfand, da eine ganze Reihe schnäbelnder und schnäderender Mädchen sichtbar ward, von weitem zu sehen und hören fast wie ein Zug Schneegänse. Jakobs Herz zappelte schrecklich und schrecklicher, je näher sie kamen, viel ärger als eine große Forelle an der Angel. Er mußte sich jedoch in Geduld fassen, schweigend die Mädchen vorbeilassen, dann ging es zwanzig Schritte hinterdrein, wie Wölfe einer Schafherde folgen oder ein Habicht einer Brut Rebhühner. Nicht Weiermanns Haus ging es diesmal zu, sondern einem ländlichen Vergnügungsorte, wo man nicht bloß tanzt, sondern auch allerlei Spiele im Freien macht, wobei die traulichern Bekanntschaften weit besser vermittelt werden als in den engen, schwülen Wirtsstuben; ob Tiefenau oder das Zehendermätteli oder Reichenbach der Ort ihrer Wahl war, wissen wir leider nicht mehr. Jedenfalls war es herrlich dort im grünen Grase, die Herzen gingen auf, und Jakobs Herz ging aus schrecklichem Zappeln in ein süßes Schmachten über. Wollten wir die Geschichte dieses Nachmittags erzählen, wie so süß geschwärmt wurde hinter handfestem Backwerk, wie die Jungfern so zart taten, kaum mit den Fingerspitzen die Gläser und Tassen zu berühren wagten, daß man ihnen wirklich nicht angesehen hätte, wie die meisten von ihnen die Woche durch die ganze Hand, manchmal auch den Arm bis an den Ellbogen hinaufgebraucht hatten, wie Jakob suchte und fand, wir hätten eine ganze Woche zu erzählen. Wir wollen daher in aller Kürze bloß oberflächlich dem Gang der Begebenheiten und Zug und Lauf der Herzen folgen. Daß Jakob als eine fremde Erscheinung Aufsehen erregte, ist begreiflich, denn nach dem Militärischen ist das weibliche Auge und wahrscheinlich auch das Herz für alles Fremde am meisten empfänglich. Hier, dort ward gewispert: »Was ist das für einer, wäre ein Schöner, von den Schönsten einer, sieht aber so sauer drein, ists etwa ein Welsch (Franzose oder Italiener)?«

Jakob machte allerdings ein ernst Gesicht, dieweil seine Liebe mit der Schüchternheit rang und zwar gewaltig, und wer gewaltig ringen muß, macht bekanntlich schrecklich ernsthafte, verbissene Gesichter. Übrigens wird Schüchternheit bei einem großen Bengel selten angenommen, wie häufig sie auch vorhanden ist, sondern wenn sie erscheint, beliebt man sie Stolz oder Unfreundlichkeit zu titulieren. Die um Auskunft über Jakob angesprochenen Kameraden machten ebenfalls ernsthafte Gesichter und sagten, er heiße Jakob und sei ein Mordskerl, ein halber Gelehrter, in Zürich draußen sei er angesehen gewesen wie ein Professor, und drinnen in der Stadt hätten, sobald er angekommen, die vornehmsten Gelehrten, die es mit ihnen hielten, Schmollis gemacht mit ihm und seien jetzt wie Duzbrüder. Das sei ein ganzer Kerl, von dem werde man einst was hören.

Das lief wie ein Lauffeuer durch die Damen, aber was jede dabei dachte, und welche Pläne jede machte, bleibt einstweilen Geheimnis. Aber als es Abend ward und man hinter die Küchli saß, saß eine süße Melanie, welche vor sieben Jahren Mädi auf ihrem Dorfe genannt worden war, neben Jakob, packte die allerfeinsten Manieren aus, redete nur halb Welsch, zog nur einen Handschuh aus, produzierte eine ganz passable Hand (wahrscheinlich hatte die Seife zum Bleichen der andern nicht ausgereicht), redete leise von ihrer vornehmen Herrschaft, wie sie dort trotz ihrer Verdienste bloß wie ein Unvernünftiges behandelt werde, nicht einmal alle Sonntage frei habe, sogar Wasser tragen müsse, man denke! Ach, darum sei ihr auch das Dienen so schrecklich verleidet, und wie sie sich sehne nach einer bessern Zeit, ach, man könne es sich nicht denken! Melanie hatte bereits mehr als einen Kurs durchgemacht, verstund sich auf deutsche und welsche Redensarten und war daneben ein hübsch Maitle, hatte glatte, glänzende Haare, das Schaubhütchen neigte sich kühn gegen das eine Ohr, schön rot und weiß waren die Wangen; daß bereits einige Zähne kaputt gegangen, wußte Melanie geschickt zu verbergen. Daneben war sie aufgeputzt, glänzend und prächtig, glitzerte hinten und vornen, daß Jakob, der Schein von Wirklichkeit noch nicht zu unterscheiden vermochte, ganz darob erstaunte.

Und als ihm die Augen aufgingen über diese Pracht, sah er erst, wie ganz vornehm seine Kameraden gekleidet waren, und wie er sich schlecht gegen sie ausnahm, akkurat als gehöre er nicht zu der honetten Gesellschaft. Er hatte früher viel auf Kleider gehalten, so lange nämlich als die Großmutter sie ihm anschaffte. Als er in die Fremde kam, dachte er lange nicht daran, daß die Kleider sich abtragen, endlich brechen, und er brauchte auch sein Geld sonst. Als die Zeit ihn endlich durch den Anschauungsunterricht eines andern belehrte, da war eben ein schön Stück Zeit vergangen, und der Zuschuß der Großmutter reichte nicht weit und hielt nicht lange aus. In Zürich dachte er weder an Kleider noch an Großmutter, die Träume nahmen sein Denken in Anspruch, und wenn ihn auch zuweilen ein Loch an die Vergänglichkeit aller Dinge mahnte, so dachte er, er wolle nicht ein Tor sein und sich Geld für Kleider am Munde abbrechen; gehe das Morgenrot auf, so habe er auch Kleider vollauf sonder Müh und Sorgen. Jetzt in der glänzenden Gesellschaft gingen ihm plötzlich die Augen auf über seine Schäbigkeit, und ein angeboren Gefühl sagte ihm, daß in solchen Dingen auf langes Warten die Mädchen nicht viel hielten, bei ihnen entscheide der Augenblick. Seine Kameraden waren ganz fein angezogen, hatten schöne Röcke, seidene Tücher, Brustnadeln, Uhrenketten, ob echt oder unecht, untersuchte er freilich nicht. Wie aber erst die Mädchen aufzogen, was das für eine Pracht war mit Glitzern, Glänzen, Rauschen, es ist unaussprechlich. Da saß er unter ihnen und noch dazu neben der schönen Melanie, gerade als ob er aus einem Aschenloche gekrochen wäre.

Er schämte sich wie ein Pudelhund und dankte Gott, als es dunkelte und die Finsternis Gleichheit schuf, dieweil des Nachts alle Katzen grau scheinen. Als man endlich aufbrach und er seine Melanie am Arme führte, wie es die allerfeinste Mode ist -- denn Bauernbursche führen ihre Dirnen an der Hand, und wer ein Flegel ist, schwänzelt nur so nebenher -- als er die Melanie am Arme führte, da fühlte er sich ein Gott, und Göttergespräche führten sie. Die Melanie erzählte, welche Anfechtungen ihre Tugend ausgestanden, und vom Heldenmut, mit welchem sie allemal den bösen Feind besiegt. Zwischendurch seufzte sie und drückte Jakobs Arm, daß der ganz Seligkeit war, weil er glaubte, es geschehe alles aus lauter Zärtlichkeit. Es fiel ihm nicht ein, daß das Seufzen von den engen Schuhen kam und das Drücken ein Zucken war, veranlaßt durch Hühneraugen, deren Melanie an ihren alternden Füßen eine ansehnliche Menge hatte. Während der liebe Gott sie auf einen großen Fuß gestellt hatte, befahl sie dem Schuhmacher, wenn er ihr das Maß für Schuhe nahm: »Nur ganz kleine, ganz kleine!« und krümmte die Zehen zusammen, so viel es ging. So geschah es denn, daß Melanies Füße und Schuhe in beständigem Zwiespalt lagen, die Schuhe drückten den Füßen Hühneraugen, und die Füße sprengten den Schuhen Nähte und Leder.

Auch Jakob erzählte, schwärmte im Feuer der ersten Liebe und seufzte ebenfalls zuweilen, und zwar in wirklichem Ernst und Zärtlichkeit. Junge, erste Liebe ist großartig, freigebig, schenkt nicht bloß das Herz aus dem Leibe, möchte der Geliebten den ganzen Erdball zu Füßen legen. So kams Jakob auch an auf dem langen Wege bis zur Stadt. Erst sann er, was er wohl seinem Schatz schenken könnte, Ring, Nadel, Uhr, Kette, kurz irgendwas Herrliches, dann fielen ihm seine geflickten Stiefel ein, seine gebrechlichen Hosen, sein mondscheiniger Rock, und daß er in solcher Gesellschaft sich von untenauf bis obenaus nagelneu aufdonnern müsse, was das alles koste, und woher nehmen und nicht stehlen und noch schenken dazu; er seufzte schwer auf, ward ganz fuchswild im Gemüte über die greulichen Aristokraten, welche so schöne Landhäuser hätten und so prächtig lebten, während er nichts hätte, um seinem Schatz zu schenken, oder nichts zu neuen Stiefeln, von den Hosen nicht einmal zu reden.

Der gute Jakob hatte das Sprüchwort der Alten »Spart man in der Zeit, so hat man in der Not« rein vergessen, er gehörte zur allerneusten Schule, welche bekanntlich den Sitz des Übels nie in sich, sondern außer sich setzt, die Schuld irgendeines Ungemachs nie bei sich, sondern bei andern sucht. Er kam bei diesen Gedanken ins Feuer, und seinen Lippen entströmten die himmelstürmenden Worte alle, welche er in Zürich gelernt; der Zukunft Tore erschloß er der Geliebten, und aus einem Ozean von Blut ließ er goldene Schlösser wachsen. Melanie zitterte nicht mehr bloß an seinem Arme, sie zappelte förmlich vor Erstaunen und wonniglichem Erschrecken, und ein »Herr Jeses, Herr Jeses, was Ihr nit säget!« nach dem anderen entrann aus den Breschen, welche die Zeit in ihre Zähne geschossen. Endlich konnte sie sich nicht mehr halten und sagte: »Hört, das muß ich Euch wahrhaftig fragen, nicht wahr, Ihr seid ein verkleideter Professor? Wie man sagt, sollen deren viele unter euch sein. Gewiß seid Ihr auch einer und einer von den ersten und aufgeklärtesten. Herr Jeses, wie muß ich mich schämen, mit Euch zu gehen! Herr Jeses, Ihr werdet doch denken, was ich für eines sei! Aber unsereinem hat keine Bildung genossen, mon dieu!« Ach, wie war es dem Jakob, als er von der Geliebten sich begriffen sah, als sie anerkannte seine hohe Bestimmung und Bedeutung, den Geist, der die Welt regiert, der, da bekanntlich Geister nicht schwitzen, berufen war, vom Schweiße niederer Geschöpfe zu leben. Ach, ein herrlich Wesen, die Melanie, welch eine Seele im Bauernkittel! Ach, Jakob war dahin, war rein weg, war nichts als ein mächtiger Klumpen Entzücken, sicher anderthalb Zentner schwer gut eidgenössisches Gewicht.

Es war aber auch wirkliche Liebe in Jakob, süße erste Liebe, das Gefühl, ein Wesen gefunden zu haben, das ihn verstand, ihm angehören, mit ihm das platonische Bekanntlich lehrte Plato, der hohe griechische Weise, daß Gott in seinem Zorn den Menschen voneinander gehauen und die voneinander gespaltenen Hälften habe in die Welt laufen lassen, hier müßten sie sich suchen, und fänden sie sich, so entstünde die Liebe, und das Getrennte einige sich wieder. Ganze ausmachen wolle. Und wie sie sich auch verbrämen, wie wunderlich sie sich gestalten mag, dem Wesen nach ist die erste Liebe in allen Herzen gleich, schwellt es auf in Freude, gaukelt wachend und schlafend süße Träume vor die Seele, zieht mit Allgewalt zum geliebten Gegenstande hin, duldet kein ander Sinnen und Denken als bei der Geliebten zu sein, die Geliebte zu lieben, die Geliebte zu beglücken, zu beschenken.

Beschenken, ach ja, daran dachte eben Jakob. Er hatte sein Mädi, genannt Melanie, so lieb, aber womit beschenken, wenn man kein Geld hat und von der Sohle bis zum Scheitel selbst so viel nötig? Wie die Liebe sinnig und sympathetisch ist, so fühlt sie, was in der Geliebten Herz sich reget und beweget. Es fühlte Jakob, daß Melanie sich sehne nach einem Andenken von ihm, daß sie nicht schlafen könne vor Erwartung, was der verkappte Herr Professor ihr kramen, welche Schätze er vor ihren Augen auspacken werde. Jakob traf es auch richtig. Melanie hatte schon so oft geliebt, daß die bloße, nackte Liebe sie nicht befriedigte, auch war sie nicht von der Gemeinnützigkeit besessen, die so um nichts und wieder nichts liebt, so bloß ums Vaterland; und wenn sie an den geheimen Professor dachte, so kamen ihr nicht seine Ideen und Grundsätze in Sinn, sondern es kam sie ein geheimes Rechnen an, wie viel mehr so einer geben, und im Fall was an ihrem wunderlichen Gerede sei, wie viel höher es so einer bringen könne als so ein ganz gemeiner Kerl von Gesell. Jakob erriet also Melanies Gedanken ganz, doch nicht in der Schmutzfarbe des irdischen, gemeinen Sinnes erschienen sie ihm, sondern im Rosenrot der Liebe. Um so wehlicher ward ihm zumute, wenn er rechnete, wie lange er schaffen müsse, um zu was zu kommen, und wie er dabei alle Sonntage wenigstens, wenn nicht noch des Montags, ein Erkleckliches aufgehen lassen müsse zu Lieb und Ehre der Melanie. Da fiel ein Lichtstrahl in seine Seele, der Gedanke an die Großmutter und ihren Geldseckel. In Zürich hatte er ihrer nicht gedacht. Was soll man mit einer Großmutter, wenn man die Welt umkehren will wie einen Handschuh? Aber wenns ans Lieben und Schenken geht, da ist, wenn auch nicht die Großmutter selbst, so doch ihr Geldseckel vollkommen an seinem Platze, ja recht eigentlich eine notwendige Person. Jakob entschloß sich alsbald im raschen Feuer der Liebe zu einem Briefe an die Großmutter. Er schrieb:

Liebe Großmutter!

Aus diesem Briefe werdet Ihr ersehen, daß ich noch nicht bis Parnis gekommen, sondern noch in der Schweiz bin, in Bern. Das ist eine kleine Stadt, von Stein gebaut, und darum herum läuft ein Fluß, welchen man die Aare heißt. Die Menschen darin sind schrecklich stolz, aber nur Geduld, es wird schon anders kommen. Ich bin noch nicht in Parnis, weil die Schweiz jetzt ein sehr lehrreich Land ist für uns arme Gesellen. Wir haben Vereine, wo man alle Zeitungen hat und sonst viel lernt, denn da kommen von die gelehrten Herren welche und gehen mit uns um, als ob sie Brüder wären, und setzen uns alles auseinander ganz klar, daß es ein Kind begreifen kann. Wer es kann, singt manchmal auch, aber wers nicht kann, kanns bleiben lassen. Ach Großmutter, was man da für schrecklich wichtige Dinge lernt, kann ich dem Papier nicht anvertrauen, ich will es Ihr dann mündlich sagen, wenn nicht schon, ehe ich heimkomme, die großen Tage kommen, wo die Mündigkeit der Völker anbrechen wird wie ein Morgenrot, das über die Berge kömmt. Aber jetzt muß ich auf etwas anders kommen, liebe Großmutter, ich habe in Zürich großes Malheur gehabt. Ich arbeitete lange bei einem Meister, der ganz liberal war, wir hielten ihn für einen ganzen Kerl, am Ende aber kam es raus, daß er auf dem Hund war, wie ein Hund hat er sich gegen mich betragen und mich betrogen um ein groß Stück Geld. So bin ich an Kleidern ganz abgerissen, und hier ist ein gar teuer Leben, woran die Aristokraten und Pfaffen schuld sind, welche mit schwerem Gelde das Beste vorwegkaufen. Wären die nicht, so wären die dummen Bauern froh, um gering Geld herzugeben, was sie haben, da könnte jeder sich das Beste auswählen für sich. Jetzt habe ich aber ein großes Glück gehabt in Bern, ich bin in die Liebe gekommen von wegen einem Mädchen. O Großmutter, was das für ein schönes Leben ist, wenn man Liebe gekriegt hat zu einem Mädchen! Sie heißt Melanie und ist ganz schön, hat ganz ausnehmend feine Manieren und spricht schrecklich schön Französisch wie ein Fräulein vom Adel, da kann ich mich perfektionieren in der Sprache für nach Parnis. Sie hat mich gleich auch schrecklich lieb gehabt, gesagt hat sie, daß sie gleich auf den ersten Blick eine ganz schreckliche Liebe zu mir gekriegt hätte, und daß sie lieber sterben wollte als von mir scheiden. Ach Großmutter, Liebe und Freiheit, Freiheit und Liebe, hört Ihr den Klang in diesen Worten?

Den Verlust in Zürich hätte ich verschmerzt, dieweil ich dort zu großer Bildung und Aufklärung kam, daß ich jetzt die ganze Welt fasse und begreife, Großmutter, darin werdet Ihr mich gar nicht mehr kennen, wenn ich heimkomme. Jetzt schmerzt mich der Verlust schrecklich, weil ich so schlechte Kleider habe, während die Kameraden angezogen sind wie Barone. Melanie sagt zwar, sie sehe nicht auf das Äußere, sondern auf das Herz, ach, 's ist ein Mädchen von der feinsten Bildung! Aber ich schäme mich doch in den geflickten Stiefeln, und wer ein Mädchen hat, einen Schatz, der muß ihm alleweil was schenken, so ists hier der Gebrauch. Darum, liebe Großmutter, schicke Sie mir Geld mit umgehender Post, wenn es möglich ist hundert Gulden, sonst wenigstens fünfzig! Ich brauche das Geld jetzt, und jeden Tag genießen und tun, was man kann, das ist die wahre Philosophie, über Nacht kann man sterben, und ist man gestorben, so ist man hernach tot, aus ists mit dem Liede, und was man nicht gehabt, das kriegt man jetzt erst nicht mehr. Bitte also, liebe Großmutter, um schleunige Übersendung. Schicket das Geld in Gold, das ist hier sehr rar. Lebt wohl, liebe Großmutter, und wann ich heimkomme, sollt Ihr sehen, was aus mir geworden ist!

Euer gehorsamer
Jakob.

In Erwartung eines günstigen Erfolges schaffte Jakob Kleider an, daß die Kameraden ganz neidisch wurden und Melanie sagte, er gleiche einem Baron wie ein Ei dem andern, und wenn er nicht ein heimlicher Professor sei, so sei er sicher vom Adel, wolle es bloß aus Bosheit nicht sagen. Nichts konnte ihn glücklicher und zärtlicher machen als eine solche Bemerkung Melanies, indessen immer nur auf kurze Zeit, denn alsbald mußte er gedenken der schrecklichen Ungerechtigkeit, daß er, ein geborner Baron, das heißt, wenn der Schneider eben seine Hand an ihm gehabt und seine Hosen mit Stegen versehen hatte, von seiner Hände Arbeit leben müsse und knapp noch dazu, während die Hundsfötter mit Spatzenbeinen und Rücken wie Rebstöcke in Palästen wohnten und alle Tage Braten hätten und delikaten Wein und spazierenfahren könnten mit Gemahlin und Töchtern, welche Gesichter hätten als wie aus Käsemilben gemacht, während seine schöne Melanie, welche ein Gesicht hätte wie das Morgenrot der Freiheit, durch Staub und Kot seufzen und trappen müsse und noch dazu mit schrecklichen Hühneraugen, welche der Hundekerl von Schuster aus Eifersucht der armen Melanie an die Füße geschustert habe.

Immer böser wurde Jakob, je weniger er mit seinem Verdienst reichen mochte. Allerdings für den, welcher einen Schatz hat, Sonntag Landpartien, den Montag blau macht, der Schatz die Geschenke liebt, für den ist das Leben in Bern teuer. Melanie hielt auf Geschenke scheinbar gar nicht viel, Jakob mußte allemal die größte Beredsamkeit anwenden, um Melanie zur Annahme zu bewegen. »Nein, aber gewiß nicht, absolument pas, wahrhaftig, ich schäme mich, nein, ich tue es nicht. Für wen hältst du mich denn? Wenn ich nicht fürchtete, du würdest böse, ich würfe es auf der Stelle in die Aare! Schäme dich doch, mon cher, mon bijou, so oft habe ich es dir schon gesagt, doch immer tust du nicht darnach und weißt doch, wie du mir wehetust, fi donc, du Abscheulicher! Sieh, wenns nicht dich wäre, ich würde es um kein Lieb nehmen, aber dir leider, dir kann ichs nicht abschlagen, aber versprich mir, daß es das letzte Mal sei!« Dann rühmte Melanie doch das Geschenk und wendete desto mehr an mit Zärtlichsein. Während sie eine so uneigennützige Liebe zeigte, eine Liebe, rein von aller Selbstsucht und Nebenabsichten, besaß sie große Stärke darin, Jakob zu Geschenken zu reizen. »Sieh mal dort die Elise (Eisi), was die wieder für ein schönes Halstüchchen hat, das ist gewiß vom Lindauer, der dumme Kerl fände doch gewiß eine Schönere, um ihr sein Geld anzuhängen! Nein, aber die Babett (Bäbi), nein, es wird mir fast übel! Siehst du die schöne Kette, welche sie umhängen hat, die ist gewiß vom Nassauer. Das ist das glücklichste Geschöpf von der Welt, ein so schöner Bursche, wie der Nassauer ist, und dann noch solche Geschenke! Nein, jetzt ist mir gar nicht mehr zu helfen, wie doch die Fanny (Vreni) daherkommt, und wie sie glänzt, welch prächtig Fürtuch trägt sie doch! Es ist gewiß vom Darmstädter, dem guten Jungen. Ach, wenn der wüßte, wie falsch und untreu ihm das Mensch, die Fanny, ist, er würde gewiß seine Geschenke einem ehrlichem Mädchen zuwenden, welches ihm treu wäre. Erst gestern habe ich die Fanny gesehen, wie zwischen Tag und Nacht ein Herr ihr nachstrich, wie sie ihm bekannte Augen machte, und zwei Stunden später, als ihre Herrschaft in Gesellschaft war, habe ich meine Fanny wieder angetroffen, wie sie der Metzgergasse zu mehr gesprungen ist als gegangen. Ich habe nicht Zeit gehabt, sonst hätte ich es schon erfahren wollen, wo sie hin ist. Aber dem Darmstädter sage ich es doch noch, der muß wissen, was er für ein Mensch an der Hand hat. Er sucht sich dann vielleicht eine Bessere, jedenfalls kann er sich in acht nehmen, ehe es zu spät ist.«

Daß solche Reden Eindruck auf Jakob machten, begreift jeder, der schon Liebe in Leib gekriegt hat, wie Jakob zu sagen pflegte. Warum sollte er, der das beste und feinste Mädchen hatte, die Melanie, minder geben als die andern, und welche Gefahr lief er nicht dabei? Und sagte ihm Melanie nicht, wenn er recht holdselig war, zuletzt immer, sie hasse nichts mehr als die Geschenke, aber sie freuten sie doch, nicht an sich, sondern bloß der Liebe wegen, welche sie anzeigten, sie begreiflich und so recht klar und faßlich machten. Ach Gott, die Liebe war Melanie die Hauptsache, und Nebensache alles, was daran hing, das heißt, die Liebe war Melanie, was dem Fischer die Angel, und je reichlicher der Fischer an der Angel angelt, desto lieber wird ihm die Angel.

Zur Verwunderung rasch kam Jakob die Antwort der Großmutter. Als er bloß für fünf Gulden die Post quittieren mußte, lachte er und dachte, die Großmutter sei doch immer die nämliche, sie werde ihm die hundert oder fünfzig Gulden in Gold senden, und um Porto zu ersparen, sich den Betrug gegen den Staat erlaubt haben. Als er aber den Brief öffnete, fand er nicht Gold, sondern wirklich fünf Gulden und dazu folgende Antwort:

Lieber Jakob!

Als ich deinen Brief gelesen hatte, habe ich bitterlich geweint, es kam mir vor, als wolle unser Herrgott nichts aus dir machen als einen recht großen Esel, der Welt zum Exempel, wie es dummen Jungen geht, wenn sie aller Leute Narr bleiben und gutem Rate nie folgen wollen. Schreibst mir einen langen Brief, den ich mit meinen blöden Augen fast nicht zu Ende kriege, und kein Wort vom Handwerke, auf dem du wandern sollst, welches dir einst Brot und Ehre geben soll. Was die Bildung, von der du rühmst, für eine Kreatur ist, weiß ich nicht, aber viel taugen muß sie nicht, alldieweil du keine Kleider mehr hast. Nach den Leuten habe ich gefragt, die da mit dir umgingen als wie Brüder, und habe, daß Gott erbarm, vernommen, daß das Demagogen seien, wie der Schulze sagt, schlechte Bursche und Beutelschneider, welche das Volk verführen und arme Teufel um ihr Geld bringen, aber ganz auf eine neue Mode. Deren sollen ganze Banden in Frankreich und in der Schweiz auf die armen Bursche lauern, wie in Böhmen Räuber und Mörderbanden ganz frisch wieder sein sollen. Darum gingen auch wenige hin nach der Schweiz und die allerbesten gar nicht mehr. Dieser Bande fielest du in Zürich in die Hände, kämest jedoch mit dem Leben davon, dafür habe ich Gott gepriesen und gelobt. Du aber, du dümmster Junge, statt klug zu werden und Gott zu danken, läufst nach Bern und in die Hände von Dirnen und schlechten Menschen und mußt am Sonntag in geflickten Stiefeln herumlaufen und alles bei gesundem Leibe. Schäme dich, Jakob, das hätte ich von dir nie erwartet, das hat keiner deiner Väter getan, an ein schlecht Mensch sich gehängt. Denn die, von der du schreibst, ist ein schlecht Mensch, sie hätte sich sonst nicht an einen geflickten Burschen gehängt und liefe mit ihm herum am Sonntag sogar. Wird ein sauber Mensch sein, das einen Liebhaber haben will und keinen ungeflickten findet! Wenn es noch eine ehrbare Meisterstochter wäre, so wäre noch was zu sagen, obgleich es gar nichts taugt, wenn ein Wanderbursche mit Liebschaften seine Zeit verderbt, aber an eine solche Dirne sich hängen und nicht merken, was sie für eine ist, und davon der Großmutter schreiben, das, Jakob, ist dümmer als dumm, und darum habe ich vor dem Herrgott geweint, daß er dich nicht für was Besseres haben will. Hier sende ich dir fünf Gulden für neue Stiefel, dieweil ich mich schämen müßte, wenn du in geflickten Stiefeln zur Kirche gehen müßtest, zum Spazieren mit dem Mensch wären geflickte gut genug. Oder gehst du etwa nicht mehr in die Kirche, hat die Bande etwa auch den Glauben dir geraubt? Es stehen verdächtige Worte in deinem Briefe, aus denen will ich nichts Böses machen, sondern denken, das sei etwas von deiner Bildung, wo du redst oder schreibst und nicht weißt was. Aber Jakob, Jakob, verlasse unsern alten lieben Gott nicht, damit er nicht auch dich verlasse, und wenn du die neuen Stiefel hast, so mach dich auf die Beine, ziehe aus dem Lande fort, wo eine Falle nach der andern den armen Burschen gelegt wird, darum die besten gar nicht mehr hingehen!

Ists in Frankreich auch so, so gehe nicht dorthin, aber als ein Stümper und Lump komm mir nicht heim! Der Nagel, wo dein Felleisen hängen soll, steckt in der Wand, und Spott und Hohn am Großkind, wenn es das Handwerk nicht kann, möchte ich nicht erleben. Jakob, Jakob, denk an deine Großmutter, sie hat dich lieber als das Mensch, welches sich an dich gehängt, darum laß von der Dirne, bete zu unserm Herrgott, laß dir neue Stiefel machen, und wenn du sie hast, so wandere weiter und denk an deine Großmutter, die nicht Spott und Schande an dir erleben will! Sie hat dich erzogen, muß droben bei Gott den Vätern über dich Rechenschaft geben. »Hanne«, werden sie fragen, »was macht der Jakob?« Was soll ich sagen, wenn du ein Lump und Taugenichts geworden? Daran denk, o Kind, derweilen bete ich für dich, du aber vergiß es auch nicht! Hättest du es fleißig getan, so hätte dich unser Herrgott vor Spitzbuben und vor dem Mensch bewahret.

Deine Großmutter.

Jakob ward über den Brief schrecklich böse. Daß eine alte, dumme Frau, welche von Zeit und Welt gar nichts kenne, ihn, den Jakob, als ein Kind behandle, als einen Esel, das wollte ihm weder in den Leib noch in die Seele, das ärgerte ihn fast mehr als die lumpichten fünf Gulden für neue Stiefel. Daß doch so eine alte, dumme Frau immer meine, sie sei weiser als andere Leute, und hatte doch gar keine Bildung nicht und vom Zeitgeiste keinen Verstand nicht. Sie meine, sie sei sein Vormund, und doch könne er mit seinem Gelde machen, was er wolle. Aber wenn er schon seinem Vormund schreibe, so kriege er doch kein Geld, das sei so ein Esel, der immer die Großmutter frage, was sie dazu sage, und was er machen solle. Verklagen hülfe nichts, da unten in Deutschland sei eine nichtswürdige Ordnung, da steckten allesamt unter einer Decke, und eine Krähe hacke der andern die Augen nicht aus. Aber warten solle man, bis er heimkomme, dann wolle er ihnen ein ander Licht anzünden, wolle ihnen sagen, was Trumpf sei, und was für eine Stunde geschlagen habe. Was nun das herzige Kind (beiläufig siebenundzwanzig Jahr alt), die Melanie, sagen werde, wenn er mit den fünf Gulden komme, habe sie sich doch gefreut für ihn, daß er eine ganze Hand voll Goldstücke kriegen werde. Vielleicht meine sie gar, er habe gelogen und gar kein Vermögen nicht zu Hause. Solche Gedanken wälzten sich in Jakobs heißem Gehirne.

Unser guter Jakob erfuhr jetzt die Folgen der Voreiligkeit, und was es heißt, wenn man, wie der Schweizer sagt, vorfrißt, das heißt, auf die Zukunft lebt, heute verzehrt, was man erst morgen zu erwerben oder zu erhalten hofft. Statt der Melanie Überraschung zu bereiten, vom Briefe und der zu erwartenden Geldsendung nichts zu sagen, hatte der Jakob wieder allerlei gestürmt und zwar viel ärger noch als in Basel. Daß Melanie von einem verkappten Professor gesprochen, gar einen Baron hatte durchschimmern lassen, war ihm nicht als unfruchtbarer Same aufs Herz gefallen. Er redete von seiner Großmutter, aber nicht als von einer ehrbaren Handwerkerwitwe, sie ward eine Art von mystischer Person, ein geheimnisvolles Dunkel hüllte sie ein, man wußte nicht recht, war sie die Witwe eines Staatsministers oder die Freundin eines Prinzen oder die Mutter eines hochberühmten, aber gevierteilten Professors und Hofrats, von welcher er bedeutende Wechsel erhalten werde, sobald er ihr seinen Aufenthalt bekannt machen könne.

So hatte er Melanie erzählt, diese aber dem Handel nicht recht getraut. Melanie hatte Erfahrungen, kannte aus Ursachen selbst etwas von Ton und Wesen der höhern Stände, sie hatte also bald raus, daß der Jakob nichts war als ein tüchtiger Bursche, aber ganz ordinär, nicht mehr, nicht weniger als ein Geselle. Da aber Melanie damals gerade nicht bessere Aussichten hatte, so hielt sie sich am Sprichwort, eine Laus im Kraut sei besser als gar kein Fleisch, nahm, was Jakob geben konnte, jedoch alles bloß der Liebe wegen und harrte zweifelnd auf den Wechsel der prinzeßlichen Großmutter. Wenn die gute Alte gewußt hätte, was Jakob so halb und halb aus ihr gemacht, sie wäre stehenden Fußes in die Schweiz gelaufen und hätte den dummen Jungen runtergemacht, daß kein guter Faden an ihm geblieben wäre. Melanie fragte von Zeit zu Zeit nach Nachricht von seiner Heimat, und es nähme sie doch wunder, wie seine Großmutter Briefe schreibe; wenn er einen erhalte, so sollte er denselben doch ja zeigen, und tue er es nicht, so habe sie ihn ihr Lebtag nie mehr lieb. Er hatte es ihr auch versprochen. Einen Brief, wie Jakob erhalten, steckt man aber nicht hinter den Spiegel, am allerwenigsten zeigt man ihn der Geliebten, er ist eben nicht geeignet, den armen Schelm von Geliebten in ein günstiges Licht zu stellen. Nun aber hatte Jakob die Unvorsichtigkeit gehabt, seinem Zorn über den Inhalt des Briefes vor seinen Kameraden den Lauf zu lassen, welche ihre Galgenfreude daran hatten.

Längst war von Jakob der Glanz der Neuheit abgestreift, er galt wieder für einen guten Jungen, den man hänseln konnte, jedoch vor seiner Faust sich in acht zu nehmen hätte; so galt er bei den Kameraden. Den politischen Brüdern war er gerade der Rechte, wenn sie auch in diesem Augenblicke sich eben nicht besonders mit ihm abgaben, denn akkurat solche Leute bedurften sie, Leute, welche alles glaubten, zu allem zu treiben waren in gegebenen Fällen, dieweil sie eine Schwäche hatten, an welcher sie zu leiten waren wie ein Schaf an einem seidenen Bande.


 << zurück weiter >>