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Zwölftes Kapitel

Wie Jakob innerlich und äußerlich zusammengefroren von Bern auf Freiburg kommt

Leicht war diesmal sein Felleisen und dünn seine Kleider, trotz Kathris Nachhülfe hatte er sich kaum oben erhalten, und ob er wirklich auch alles, was er schuldig gewesen, bei Heller und Pfennig bezahlt habe, möchten wir nicht verbürgen. Als er durch die kalte, öde Gegend ging, hatte er Zeit zum Nachdenken und zum Nachrechnen. In drei Städten hatte er geschafft, aus jeder ging er unzufrieden und leichter als er hineingekommen, trug wenig mit als großen Zorn über die Leute und großen Zorn über die Ordnung der Welt, namentlich der Schweiz. Das sei ein verflucht Land, dachte er, es wohnten lauter dumme Bauern drin, da sei kein Verdienst nicht und kein Verstand nicht, aber anders werde das noch kommen müssen, sie sollten nur Geduld haben, dann werde ein Geselle sozusagen auch noch ein Mensch werden.

Daß an der bestehenden Ordnung der Fehler lag, daß er so dünn angetan, auf so kalten Wegen wandern mußte, das war wahr, aber daß es nicht die Ordnung des Staates, die gesellschaftliche Ordnung war, an der die Schuld lag, sondern an der zerstörten Ordnung in seinem Inwendigen, dem revolutionären Zustande seiner Kräfte und Sinne gegen den obersten Grundsatz, daß die Tugend zum Heil führe und nur in Gott die Kreatur selig werden könne, dies begriff trotz seinem Kulturzustande und seinem sittlichen Halt Jakob nicht. Wo der Mensch selbst in der Revolution liegt, da ist kein Friede, kein Erbauen, da ist nichts als Elend und Zerstörung. Einem solchen Menschen sind aber seine Augen gehalten, daß er nichts sieht, und eben darin besteht das größte Elend, daß er die Ursache nie sucht, wo sie ist, daher das Übel, das täglich zunimmt, nicht los wird.

Oh, es ist wirklich eine harte, trübe Sache ums Wandern im Winter, wo alle Türen zugemacht sind, alle Herzen gefroren scheinen, wo die ganze Welt so kalt ist, vor allem aber eisig die Kammern und die Betten, in denen der halb erfrorene Bursche erwarmen möchte und es nicht kann, schlafen möchte und vor Kälte nicht kann, am Morgen halb erfroren aufstehen, in die kalten Kleidchen, die nassen Stiefelchen sich hineinzwingen muß, in der kalten Wirtsstube drunten keine Wärme findet, weil die Stubenmagd sich verschlafen, den Ofen noch nicht geheizt hat, eine halbe Stunde schlotternd in der kalten Stube auf- und niederhüpfen muß, bis das verschlafene Mensch endlich kömmt und ihm einen Schnaps gibt, und wieder eine andere halbe Stunde warten muß, bis der Ofentritt was Wärme kriegt, woran endlich die erstarrten Hände auftauen und der übrige Körper nach und nach aus dem Schlottern kömmt. Vermag der Beutel keinen warmen Kaffee, so wird, wenn endlich der Bursche zu sich selbst gekommen, auf den ersten Schnaps der zweite gesetzt, jeder für einen halben Batzen, dazu für einen halben Batzen Brot, wenns hoch kömmt noch um ebenso viel Käse. Ist das endlich abgetan, so muß der arme Kerl wieder hinaus, wo so wild es stürmt, so schneidend der Wind zieht, so eisig der Schnee ihm entgegenglitzert. Ihn schaudert wohl, aber er muß hinaus, ein Pilgrim und Fremdling ist er ja, keine bleibende Stätte hat er ja, kein Vaterhaus hier zu Lande, verschlossen sind alle Türen, gefroren alle Herzen, Vaterhaus hat er vielleicht gar keines mehr, weder hier zu Lande noch in einem andern Lande.

Er muß hinaus, wandert schaudernd und schlotternd weiter in die Fremde hinein mit wenig Brot und Branntewein im Leibe, und lang, schrecklich lang dehnt sich die Straße im unbekannten Lande. Rüstig sollte er wandern, mit raschen Schritten den Weg verkürzen, das Blut erwärmen, es rasch durch die Adern treiben, aber unwillkürlich kürzen die Schritte sich, langsamer heben sich die Beine. Der Körper hat nicht mehr die jugendliche Frische, die wenig müde wird oder in ein paar Stunden jede Müdigkeit verdämmert hat. Im kalten Bette hält es schwer, den Schlaf zu finden und gar das Müde zu verwinden; Branntewein und Brot reichen auch nicht aus, stärken auf die Dauer den Körper nicht. Je kälter es ihm wird, desto langsamer beginnt er zu gehen, ach, es wird ihm so wunderlich. Erst wallt sein Herz noch in vollem Zorn über die verfluchten Reichen, die in warmen Zimmern sitzen hinter verschlossenen Türen, aber es erlischt der Zorn, er weiß nicht wie, und gleichgiltig wird ihm alles in der weiten Welt; er hat kein Begehren, kein Verlangen mehr, bloß ein wunderbar Sehnen nach Ruhe, nach Stillesein ist wach in ihm, kömmt immer mächtiger über ihn, schlafengehen, schlafen einen Augenblick ist ihm ein Königreich, ist ihm das Himmelreich!

Da schickt unser Herrgott, der die armen Bursche wandern sieht, auch wenn sie sein nicht mehr gedenken, eine muntere Jagd dem Müden über den Weg. In weiten Sätzen springt Reh oder Hase vorüber, die Hunde heulen nach, die Jäger brechen durch den beschneiten Wald, stellen mit gespannten Büchsen hier, dort sich auf, es knallt, es heult, die Hörner blasen, schlafen kann der Bursche nicht, und draußen am Walde steht ein Wirtshäuslein, wie eine große Fahne steigt aus dem Schornsteine der Rauch, breitet sich aus und flattert im Winde einer Siegesfahne gleich, welche das siegende Heer sammeln will auf glorreichem Schlachtfelde. Dort will er schlafen, bis dorthin reichen seine Kräfte noch, dort findet er den Hafen, wo er sicher einläuft als ein vom Tode Erretteter. Aber wer ihn gerettet, denkt er nicht, dankt dem Retter nicht.

Da ists jetzt warm, da taut er auf, aber wie im Auftauen ihn so peinlich Hände und Füße schmerzen! Hier kann er was Warmes essen, sich ordentlich stärken auf den Rest des Tages. Aber reichen seine Kreuzer aus für eine gute Suppe, ein Glas Wein oder ein Stücklein Fleisch? Er zählt die wenigen Stücke Geld, aus denen sein Schatz besteht, fragt die Jungfer, was dies für eines sei und ob jenes gangbar, überschlägt, was er noch heute bedürfe, was morgen. Endlich entschließt er sich zu einer Suppe für einen Batzen, bessert, als sie kömmt, dieselbe noch mit einigen Stückchen Brot, welche er irgendwo erübrigt hat, aus und labet sich. Aber noch fühlt er einen großen, leeren Raum im Magen, und im Raume nagt und zerret es, als ob sieben Schlosser mit Zangen ihn kneipten und rissen. Da fragt er, ob sie nicht noch was von Fleisch hätten um drei Kreuzer oder höchstens einen Batzen. Die Magd antwortet, sie wisse es nicht, wolle aber lugen. Während sie lugt in allen Winkeln der Speisekammer, die Köchin von allen Tellern die Sauce schabt, das Gefundene und Erschabte zusammengerührt und einige Augenblicke ans Feuer gestellt wird, harrt drinnen der Handwerksbursche mit Bangen und Verlangen der Dinge, die da kommen werden. Vielleicht, während er harret auf dreikreuzerige Beine, denkt er auch der Tage, wo es üppig zuging und flott, wo er mit Talern um sich schlug und Bratenstücke an den Wänden herumwarf. Vielleicht aber denkt er auch nicht daran, sondern wie jetzt so manch schlechter Kerl von Aristokrat und Pfaff prassen und schmausen täten, während er zwischen Bangen und Verlangen harre auf seine Bestellung für drei Kreuzer, was von Fleisch betreffend. Endlich erscheint die Magd, es dampft ein Teller, den sie trägt. Ob Wohlgerüche, was von Trüffeln oder Estragon oder simplen Muskatnüssen, ach, darnach fragt unser Wanderbursche nicht, aber heftig fährt er mit der Gabel in den Teller hinein, versucht jedes Bein aufzuheben, stellt Betrachtungen an, ob wirklich für drei Kreuzer Fleisch an den Beinen und in der Sauce herumliegen möge, wenn man alles genau zusammenschlage und -nage. Und wenn ihm auch das Herz lacht vor Freude, alldieweil auch Fleisch an den Beinen ist und einige antediluvianische, das heißt vorsündflutliche Zwiebelstücke in der Brühe sichtbar werden, so macht er der Magd doch ein sauer Gesicht und fragt, ob sie meine, er sei ein Bettler oder ein Hund, daß sie ihm ein solch Hundefressen vorsetze. Für drei Kreuzer sollte es ganz was anders geben, schon was Delikates. Der dumme Teufel! Seinen Mißmut an Stubenmagd und Wirtsleuten auszulassen, statt einigermaßen diplomatisch zu verfahren, da zeigt der arme Teufel schon seine Unfähigkeit zur Weltherrschaft! Täte er holdselig und wehmütig, lobte er der Magd Gutherzigkeit, seufzte einigermaßen schwer über gehabt Unglück, über einen Schatz, den er hätte verlassen müssen, oder würde er nur ganz einfach freundliche, jedoch nur etwas wehmütige Worte geben, so kriegte er die Magd oder gar die Wirtin ins Mitgefühl, sie würden vielleicht noch nachträglich ein Stück Fleisch finden oder einen Kreuzer ihm nachlassen.

Aber das Bramarbasieren verträgt halt das Weibervolk im allgemeinen nicht und absonderlich von denen nicht, welche für drei Kreuzer abgehend Fleisch fordern. Begehret er nun so auf, so sagt ihm die Stubenmagd, er könne es ja sein lassen, wenn es ihm nicht anständig sei, es zu essen werde ihn niemand zwingen, nur solle er nicht zu viel darin herumschnürfeln, wenn er es nicht wolle.

Durchführen bei hungrigem Magen den Trotz ist ein schwer Ding, welchem selten ein Bursche gewachsen ist. Die Zwiebeln riechen so süß, und die Brühe dampft so duftig! Wenn die Knochen blank liegen, keine Spur der Brühe mehr zu erblicken ist, auch wenn der Herschel käme mit seinem allerlängsten Fernrohre, ach, da ist der arme Junge wohl dürftig gesättigt, aber nun ist er durstig geworden, und das Wasser ist so kalt, und diesen Morgen hatte er so schaurig die Kälte empfunden bis ins Mark des Herzens hinein, jetzt sollte er Wasser trinken, kalt, eisig Wasser, das Herz dreht sich rundum im Leibe bei dem bloßen Gedanken! »Jungfer«, spricht er endlich, »gebe sie mir mal für den Batzen einen halben Schoppen Wein, aber recht guten!« Die Jungfer wirft einen verächtlichen Blick auf den Batzen, der allerdings ein abscheulich rot Blech war und schon lange in des Inhabers Sack, und sagt: »Den kann ich nicht brauchen, es ist ein falscher.« Hätte der gute Junge ein freundlich Gesicht gemacht und manierliche Worte gebraucht, die Jungfer hätte den Batzen kaum so scharf angesehen, vielleicht gedacht: »Der geht zu den andern, für einen Weinwelsch ist er allweg gut: falscher Wein, falsche Batzen.« Freundlichkeit wäre zu vielen Dingen nutz, wers nur glaubte! »Wenn sie den nicht will, so kriegt sie keinen«, sagt man wohl im Sommer; im Winter aber, wo das Bedürfnis nach was Warmem im Leibe so stark ist, da muß nach einem andern Batzen gesucht werden in den weiten Taschen, bis man endlich den rechten hat. Und endlich kriegt man für den guten Batzen ein Getränk, sieht aus wie Wein, ists aber nicht, hätte vielleicht um einen schlechten Batzen guten Wein gekriegt, wenn er ordentlich getan hätte von Anbeginn. Indessen es tut doch wohl, die warme Speise hat inwendig gefüttert, Courage hat man in den Leib gekriegt, marschiert wieder hinaus, raucht wohl seine Pfeife, und es geht eine Weile recht ordentlich, bis der Tag sich neiget, bis es Abend werden will, die Kälte wieder in die Glieder schleicht, die Sehnsucht nach der Herberge kommt, diese aber nicht erscheinen will, und kommt sie endlich, nicht viel Gutes hat für den armen Wanderer: kalte Kammern, eisige Betten.

Wenn auch nicht ganz so elend, doch um nicht viel besser wanderte Jakob Murten zu. Dieses durch alte eidgenössische Tapferkeit berühmte Städtchen ist nicht sieben Stunden von Bern entfernt, doch in einem Tage erreichte Jakob es nicht. Er brachte es am ersten Tage bis Mittag auf Kappeln, nachmittags wanderte er durch eine lange, öde Ägerte, die gar kein Ende nehmen wollte, endlich an den berüchtigten Ort, welcher den bedeutungsvollen Namen Allelüfte trägt, wo, alten und neuen Sagen nach, die Bise so stark gehen soll, daß sie nicht bloß die Knöpfe von den Kleidern reißt, sondern, wenn sie in vollem Zorne ist, Schnäuze und Bärte so glatt von Kinn und Lippe weht, als hätte der beste Hofbarbier sie wegrasiert. Die Stelle wird daher von Handwerksburschen und jungen Offizieren mit jungen Schnäuzen außerordentlich gefürchtet. Doch Jakob überstand sie glücklich, er verband sich nämlich Mund und Kinn mit einem von den Tüchern, welche Kathri ihm geschenkt hatte. Aber allemal, wenn seine Augen einen Zipfel von dem roten Tuche sahen, ward ihm angst, das Gewissen schlug ihm, er sah hinter sich, ob nicht ein Landjäger hinter ihm drein gerannt käme, um ihn der Kathri wieder zuzuführen. Nicht seine Lüge und das Verlassen des armen Kindes machte ihm Angst im Gewissen, über eine solche Angst hinaus hatte er sich kultiviert, sondern bloß der Gedanke, Kathri möchte seine Absicht gemerkt oder vernommen haben und ihm nun nachsetzen lassen wie Joseph seinen Brüdern. Er suchte daher keine Nachtherberge, auch nicht zu Allelüfte, obgleich ihn erbärmlich fror, sondern machte sich noch den langen Berg hinunter bis Gümmenen, fand dort in kalter Kammer ein feuchtes Bett und hatte Zeit zum Nachdenken, welch groß Malheur das sei, in solcher Jahreszeit reisen zu müssen, und wie daran nichts schuld sei als die Hundegesetze, welche Aristokraten und Pfaffen gemacht hätten, das Volk zu knebeln, Fortschritt und freie Bewegung zu lähmen. Nicht einmal ein warm Bett sei zu haben in dem Hundeland, wo nichts als Wälder seien, welche doch ja nicht gewachsen sein werden bloß für die Reichen und Aristokraten, sondern doch wohl auch, für Leuten wie er Zimmer und Bett zu wärmen. Am Morgen wanderte er Murten zu, dem freundlichen Städtchen, am lieblichen See, der vom Städtchen den Namen trägt, gelegen.

An die große Schlacht, in welcher die Eidgenossen unter Waldmann, Hallwyl, Hertenstein und Bubenberg den kühnen Karl von Burgund mit kleiner Macht so vollständig besiegten, daß sein Heer sich nie wieder zusammenfand, er selbst aber ohne Aufenthalt, ohne Speise und Trank dahinritt, erst am Genfersee vor den nachjagenden Eidgenossen sich sicher hielt, dachte er nicht. Er fror wieder erbärmlich und schlug sich mit Hoffen und Bangen, ob er wohl Arbeit finden werde in dem Hundenest. Schön glänzte vor ihm der See, als er aus dem Murtenholze kam, er aber nahm nicht Notiz davon, sondern ärgerte sich bitterlich, daß das Städtchen nicht gleich am Fuße des Hügels lag, sondern eine gute Strecke weiter, welche er durchhumpeln mußte. In der Herberge vernahm er nichts von Arbeit, er mußte, nachdem er dürftig sich gewärmt, hingehen und welche suchen. Wie er hinauskam, fror ihn wieder. Wer friert, macht eine jämmerliche Figur, und habe er einen noch so langen Schnauz, und erbärmlich wird es ihm im Gemüte, wie er sich auch dagegen wehren mag, sich forsch machen will. Wenn Jakob in eine Werkstatt oder vor einen Meister kam, sah er, wie scharf alle Augen ihn musterten, auf allen Gesichtern sah er geschrieben: »Wie sieht der aus, was muß das für ein Lump sein, der um diese Zeit wandert!« Die Meister hatten keine Lust zu ihm, die Arbeit war nicht überflüssig, es hätte ihnen einer besonders in die Augen scheinen müssen, um ihn anzustellen. Wenn die Arbeit nicht in Masse vorhanden ist, so besinnt sich ein Meister wohl zweimal, ehe er einen Gesellen anstellt, dessen Äußeres wenig Gutes verspricht, aber Verdruß ahnen läßt, welcher durch ihn dem Meister zuwachsen könnte. Er erhielt das übliche Zehrgeld, das ihm lange nicht die Demütigungen bezahlte, welche er ertragen mußte durch die Art, wie er angesehen und abgefertigt wurde. Was träumte er in Zürich, und wie ging es ihm jetzt in Murten!

Eben darin bestellt die Pein der sogenannten Zerrissenheit, daß die Träume und das Leben immer weiter auseinandergehn, die Träume kühner, begehrlicher werden, das Leben lüderlicher, armseliger, die Kraft des Menschen sich aufs Träumen legt, aus dem Leben flieht. Der arme Wicht tobt gegen das Leben, welches sich nicht ändern will, seiner Ohnmacht spottet, denkt nicht daran, die Träume zu zähmen, auf festen Boden sie zu stellen, sie wohl dem Leben vorauflaufen zu lassen, doch so, daß das Leben mit den Träumen im Zusammenhang bleibt, ihnen folgen kann, zuerst wie die österreichische Landwehr muntern Husaren, später wie ein guter Wagen, von rüstigen, muntern Pferden gezogen.

Glücklicherweise war der Wistelacher Wein in selbem Jahre trinkbar und in Menge geraten, so daß er für einen Batzen einen recht guten Schoppen Wein kriegte, und die Zehrpfennige reichten hin zu einem warmen Bette, so daß er am Morgen etwas zufriedener mit der Welt erwachte und ohne Zank mit der Wirtschaft die Herberge verließ. Nicht einmal das Schloß zu Murten, die Zwingburg, erregte seinen Zorn, er ärgerte sich bloß über einige wohlbeleibte Meister, waren es Bäcker, waren es Metzger, wir wissen es nicht, welche in guten, warmen Röcken vor ihren Häusern ein behaglich Pfeifchen rauchten, vielleicht daß auch Küfer dabei waren oder Schmiede. Daß die da sein könnten, während er laufen müsse wie der ewige Jude, und warum? Bloß weil es den Herren nicht gefalle, ihm Arbeit zu geben! Das wollte er ihnen mal eintreiben, wenn die Zeit komme, wo die Arbeit billig verteilt sei und man jedem welche geben müsse, der sie fordere, man möge nun wollen oder nicht. Das wird eine sehr kommode Zeit namentlich für Metzger und Bäcker geben, wenn sie müssen arbeiten lassen, sie mögen wollen oder nicht. Wenn der Metzger muß arbeiten und schlachten lassen nach der Zahl der Knechte, welche er haben muß, und nicht nach der Zahl der Kunden, welche Fleisch haben wollen, dann kann er allweg froh sein, wenn die Knechte das Fleisch essen, die Bratwürste und sonstige Raritäten, sonst kriegten es ja die Würmer. Der Bäcker aber wird sich freuen, recht viel Mehl zu verbacken, um zuerst dem Landbau aufzuhelfen, zweitens um die Knechte schönes weißes Brot, Wecken und sonstiges Backwerk mit Appetit sich zu Gemüte führen zu sehen. Solche süße geistige Freuden sind dann die neuen herrlichen Bürgergenüsse im neuen himmlischen Reiche. Was Sinn hat für das Hohe und Feine, begreift, daß das viel edlere, hochsinnigere Genüsse sind als die Rechte an einer Gänsewiese, einige Klafter Holz oder gar Stücke Pflanzland, mit dem man kein vernünftig Wort zu reden weiß, auf dem man nichts pflanzen kann als ganz dummen Kohl, noch dümmern Kabis oder gar Rüben, welche immer die gleichen Schwänze haben, denen kein Fortschritt einzupauken ist, am allerwenigsten der entschiedene. Ach Gott, welch herrlichen Fortschritt dagegen bei Knechten, welche der Meister beschäftigen und füttern muß, so viele als kommen! Erst stopfen sie sich aus mit dem gröberen Fleisch, dann schreiten sie vor zu ordinärem Rindfleisch, wackerm Braten, dann kommen sie zu den Koteletts, den Rostbeefs usw., den feinen Pasteten und Preßköpfen, und haben sie endlich jegliches Fleisch vom Vieh, sei es in welcher Gestalt es wolle, satt, so fressen sie zum Dessert den Meister selbst mit Haut und Haar, als wäre er ein jung, zart Rettigchen.

Doch diesem Zorne hing er nicht lange nach, was anderes Banges, Bedenkliches vertrieb denselben. Jetzt nahte er dem Welschland, riskierte mit jedem Schritte, in dasselbe hineinzugeraten, in das seltsame Land, wo schon die Kinder, reiche und arme, wie sie auf den Straßen herumlaufen, Französisch sprechen. Schon in Murten witterte er das Französisch, doch sprach man es noch so, daß er es perfekt verstand, aber die Kellnerin hatte ihm gesagt, gleich hintendran komme es ganz anders. Die Sprache hier sei nur noch murtenwelsch, weiter hinten aber welsche man akkurat so wie in Paris. Doch gebe es überall deutsche Leute, mit diesen käme man vollkommen gut durch, bis man die Sprache gelernt, was in ein paar Wochen geschehen sei, besonders wenn man bereits einen guten Anfang habe. Diese Nachricht erleichterte Jakob bedeutend, und er dachte, es seien doch alle Dinge zu irgend etwas nütz, denn wenn Melanie ihn schon viel gekostet, so habe er doch viel Französisch von ihr abgekriegt: » Merci bien, bonjour, eh bien, toujours, fi donc, cochons, mon cher und ma chère« und noch mehr dergleichen. Alsobald packte er seinen Vorrat vor der Kellnerin aus, welche sich sehr darüber verwunderte und ihm den Trost gab, daß er bei solchen Vorkenntnissen die Sprache in Leib kriegen werde wie eine Prise Schnupftabak. Indessen trotz diesem Troste bangte ihm doch, als er Murten hinter sich hatte, und bei jedem Schritte dachte er, ob er nicht vielleicht ins große Land hineingeraten sei, welches bis Paris gehe, und wo alles Französisch spreche akkurat wie die alte Hofdame, welche bei ihm zu Hause auf dem Schlosse wohne.

Doch wie er aufpaßte, er merkte nichts. Gleich gut deutsch ging die Bisluft, und gleich kalt drang der Schnee durch seine Stiefel, verschlossen waren die Türen, und wie die Herzen waren, wußte er nicht, denn auf der Straße war niemand zu sehen als hie und da eine Krähe, welche traurig neben gestrigem Roßmist stand, der über Nacht zu hart gefroren war für ihren Schnabel. Endlich kam eine Person dahergetrippelt mit kleinen Schritten, halb im Trott, wie die Mädchen gerne laufen, wenn der Wind so recht kühl ihnen um die Knöchel bläst. Rasch rüstete Jakob ein Stück Welsch, repetierte es einige Male hintereinander; als endlich das Mädchen in Schußnähe war, feuerte er los. » Bonjour, mamselle!« sagte er. » Merci bien, monsieur!« antwortete rasch das Mädchen und trippelte fürbaß. »Aha also«, dachte Jakob, »also bin ich drinnen, also das ist Welschland, › merci bien, monsieur!‹ hat sie gesagt.« Er hätte gern noch was weiter gesagt oder gefragt, aber ehe er wieder aus seinem Vorrate ein Wort Welsch heraufgeschroten hatte, war das Mädchen ihm längst aus dem Gesichte. Indessen wußte er also, er war drinnen! Er faßte sich zusammen, mit Vorsicht und Bedacht schritt er weiter.

So kam er nach Wiflisburg, dem alten Aventicum, welches die römischen Soldaten das helvetische Kapernaum genannt hatten. Es war eine große helvetische Stadt gewesen, weit umher finden sich noch die Trümmer ehemaliger Größe, jetzt ists ein freundlich Landstädtchen. Um das Vergangene kümmerte Jakob sich nicht, wie wir gesehen haben, er haßte vielmehr die Vergangenheit, er hatte sagen gelernt, es komme nicht gut, bis das Vergangene rein vergessen, rein ab bis auf den Boden gehauen und ausgerottet worden, dann erst werde die schöne Zukunft kommen und zwar von selbst, wie ja auch die Welt von selbst entstanden sei. Doch so hatte Jakob bei Gelegenheiten geredet, heute verstieg er sich nicht in die Theorien, das Praktische lag ihm zu schwer ob, das Arbeitsuchen, das Laufen von Meister zu Meister, das Stehen im Kreuzfeuer verächtlicher, spöttischer Blicke und um nichts und wieder nichts, denn als er vom sauern Gang zurückkam, hatte er einige Batzen Zehrgeld, aber keinen Meister. Das Herz voll Fluchens kam er ins Wirtshaus zurück, fand dort einen Leidensgefährten, dem es gleich gegangen war.

Derselbe kam von Neuenburg, sah ebensowenig aus wie ein Gentleman als Jakob. » Mamselle, einen Schoppen!« herrschte Jakob unwirsch, als er ins Gastzimmer zurückkam. » Plaît-il?« antwortete die Mamsell gelassen, die Hände in den Taschen der Schürze. Wahrscheinlich konnte sie so gut Deutsch, wenigstens Murtendeutsch, als Jakob, mais le ton fait la musique, das heißt, auf den Ton kömmt es an, wie es tönet. Da stand Jakob still und schrotete an seinem Vorrat, aber raufkommen wollte nichts, er machte ein verblüfft Gesicht. Da trat der Anwesende ins Mittel, dolmetschte, und als er fertig war, schwieg er wieder, trank in aller Stille an seinem Schoppen und nagte an einem Bein. Jakob war überwältigt von des andern Überlegenheit, er setzte sich gegenüber und frug: »Mit Verlaub, wo naus gehts?« »Weiß nicht«, antwortete der andere. »Woher?« frug Jakob. »Von Neufchatel«, antwortete der andere und brach wieder ab. Nun hatte Jakob Kameraden gehabt in Bern, welche nach Neuenburg oder, wie vorzugsweise die Deutschen sagen, nach Neffchatell gegangen waren, nach diesen frug er. Der andere antwortete aber immer kurz und abgebrochen, und je kürzer er war, desto mehr Zutrauen gewann Jakob, desto demütiger oder gutmütiger ward er und schmiegte sich ihm an, konnte der andere doch noch dazu Französisch. Es war Jakob doch unwillkürlich eng geworden in fremdem, welschem Lande, wo er nur ganz kurze Anfänge hatte von der fremden Sprache, und ein Kamerad mit der Sprache im Leibe und einem ganz gemachten, festen Wesen war ein Fund an den Grenzen. Jakob schwatzte daher nach Herzenslust auf den andern los und erzählte, wie es ihm von Anbeginn der Welt bis dato ergangen sei. Es ging ihm hier auf welschem Boden bei unbekannter Sprache wie einem tapfern Grenadier, der martialisch auftritt zu Fuß, daß der Erdboden zittert und Respekt kriegt, aber, zu Roß gesetzt, schlottert und zottelt zum Erbarmen, ein ganz schwachmütig Herz kriegt, sich am Zügel hält, jeden Strohhalm als Retter und Helfer ansieht und das darum, weil er auf dem neuen Boden weder Halt noch Courage hat, keinen sittlichen Halt kriegen kann. Der ist ein ganzer Mann, der auf jedem Boden den gleichen Schritt geht, in allen Sätteln festsitzt, in allen Lagen und Ländern das gleiche Herz hat. Zwischen Meinen und Sein ist oft ein gar großer Unterschied. Mancher wird enttäuscht, kömmt endlich durch schweres Prüfen und vieles Leid zu dem, was er vor Jahren schon meinte bereits zu sein; manchem gehen die Augen erst auf, wenn er über den Rand des Abgrundes fällt, der ihn verschlingen wird. Die Ratschläge Gottes sind unerforschlich, die Lenkung der Menschen bleibt ein Rätsel.

Der neue Kamerad, der Welsch konnte, war nicht mehr jung, hatte ein verwettertes Gesicht, eine gewisse Gleichgültigkeit, Resignation oder erhabene Ruhe, nenne man es, wie man wolle, in seinem Wesen, welche auf gewisse Leute Eindruck machte. Man sah es ihm an, er konnte übrig haben und Mangel leiden unbeschwert. Doch es war dies nicht so, wie der Apostel Paulus es meinte, aus innerm Gottvertrauen, sondern ein stilles, bitteres Verzweifeln am guten Ende, in welchem Zustande man noch nimmt und genießt, was möglich ist, und das Elend hinnimmt als des unausweichbaren Ausgangs Anfang. So einer saß also bei Jakob zu Wiflisburg, ließ Jakob schwatzen, rückte nur langsam nach und nach mit seinen Worten raus und nahm es stillschweigend hin, als Jakob ihm einschenkte. Da hier keine Arbeit war, so mußte vom Aufbruch die Rede sein, und Jakob meinte, gradaus auf Geneff zu wäre das Beste. Der andere, der jedes Dorf zu kennen schien, war anderer Meinung. Auf dem Wege, auf welchem sie seien, wären lauter Lumpennester, von Arbeit keine Rede, sondern eine große Wildnis, wo man leicht totfrieren oder von den Wölfen könnte gefressen werden. Am besten wäre es, sie gingen auf Freiburg, vielleicht kriege man dort Arbeit, jedenfalls einen erklecklichen Zehrpfennig. Von da komme man an den Genfersee und könne auf dem Dampfschiff fahren, wenn derweilen das Wetter milder geworden sei, und um klein Geld komme man viele Stunden weit.

Nach Freiburg gehe er nicht, sagte Jakob, da seien die Jesuiten, die das Volk verführten und dumm machen täten. Da sei der Teufel sicher, es wüßte kein Mensch, was sie mit ihm anfangen würden, wenn er in ihr Nest hineinkäme. »Narr, gar nichts würden sie mit dir anfangen, kannst hinein- und hinauspassieren, siehst vielleicht keinen Jesuiten«, antwortete der andere. »Ja, und wenn wir Arbeit kriegen oder krank werden sollten und liegen bleiben müßten, da käme man doch in ihre Klauen und müßte katholisch werden, wenn man nicht vergiftet werden wollte oder sonst ums Leben gebracht.« »Na, da wird man ja katholisch, was ist das anders, oder sagt, man sei es schon«, entgegnete der Ältere kaltblütig und nahm einen braven Schluck zu sich. »Ja hör, Bruder«, sagte Jakob, »ich will dir was sagen; ich denke, wir verstehen uns und seien von der gleichen Brüderschaft. Ich habe gar keinen Glauben nicht, ich bin auch von der neuen Kultur und Aufklärung, der Pfaffentrug liegt hinter mir, und die Märlein vom Herrgott habe ich in die Rumpelkammer getan, bin jetzt frei im Geist und bin mein eigener Gott, meines Schicksals Schmied. Wenns nur nicht so verflucht kalt wäre in der Stube, es friert einem ja das Blut im Leibe zusammen«, rief Jakob unwillkürlich aus. Der andere aber sagte, das letzte nicht beachtend: »Eben das ist ja das Kommodeste von allem, wenn man keinen Glauben nicht hat und sein eigener Gott ist, da braucht man ja gar keinen Glauben zu verleugnen, kann machen, was man will, was einem kommod ist. Wo es mir kommod ist, sage ich, ich sei katholisch, oder trägts mir viel ein, so lasse ich mich katholisch machen, und hab ich sGeld, so streich ich mich, lache die Jesuiten aus, im Grunde sind es doch nur dumme Kerls. Im Welschland, da werde ich Momier, mache ein verflucht pietistisch Gesicht, plärre mit in den Versammlungen und kriege dabei, was ich will. Komme ich nach Genf, so passe ich auf, was eben Trumpf ist, und je nachdem bin ich Separatist oder Atheist oder Katholik, und was das Kommodste ist, die Stadt ist groß, und wer es anzustellen weiß, kann alle drei Dinge zugleich sein, an drei Eutern saugen und ein Herrenleben führen.«

Jakob hatte bereits viel gehört, doch eine solche praktische Anwendung des Unglaubens nicht, darum sperrte er erst Nase und Maul auf, dann sagte er: »Ja, das ist aber nicht recht, oder, wenn du lieber willst, seine Grundsätze verleugnen und zu einem Glauben schwören, den man nicht gekriegt hat?« »Du bist ein dummer Kerl«, sagte der andere, »einer von denen, die noch im Vorhofe stehen. ›Darf man?‹ fragst du. Du darfst ja, was du willst, nur sorge dafür, daß es nicht was Dummes sei, das dir Schaden bringt, und schwören kannst du ja, was du willst, Schwüre sind Worte wie andere, und wenn ja kein Herrgott ist, was ist dann ein Schwur, nichts als eine bequeme Sache für uns gegenüber dem dummen, abergläubischen Volk, das noch einen Glauben hat. Begreifst du jetzt das Ding?«

»Ja«, sagte Jakob, »so wird es sein, so muß es sein, aber sonderbar kömmts mir vor, daran habe ich noch gar nicht gedacht. Da könnte man ja auch ein Jude werden, wenn man wollte?« »Versteht sich«, sagte der andere, »wenn es was eintrüge, aber da ist nichts zu erobern, mit dem Glauben verdient man kein Geld bei den Juden.« »Na, Jude möchte ich doch nicht werden«, sagte Jakob. »Nun, so laß es bleiben!« sagte der andere, »kannst ja eben machen, was du willst. Mir wärs schon recht, aber es wäre dumm, nicht drei Kreuzer kriegte man dafür. Die Juden spekulieren im Gelde, nicht im Glauben, sind gescheute Leute, die Juden! Aber wenn es mal losgeht, so wollen wir ihre Beutel schütteln, dann können sie barfuß nach Jerusalem wandern.«

Auf diese Weise getröstet, ließ Jakob sich bewegen, sie wurden rätig, am folgenden Morgen nach Freiburg zu wandern. Doch der Billigkeit wegen dürfen wir nicht verhehlen, daß Jakob diese Behandlung des Glaubens, als ob er eine Marktware sei, Indienne, Schwefelholz, Farbholz, Trödlerware, wunderlich blieb, sogar im Traume vorkam. Diese Lehre wurmte ihn so recht eigentlich im Leibe, seine ursprüngliche Natur wand und krümmte sich dagegen, aber unser Jakob widerstand, wie bekannt, keiner Sache, sobald er meinte, er werde durch ihre Annahme groß oder klein und verlacht durch ihr Abstoßen und Verneinen. Er mißhandelte sich selbst, um andern willfährig zu sein und ebenbürtig zu erscheinen in Ideen, Kulturen, Bildungen, Aufklärungen und Grundsätzen; er hätte nicht ein kleinerer Gott sein mögen und ein dümmerer als die andern.

Am folgenden Morgen wanderten sie zusammen Freiburg zu, der alten zähringischen Stadt, der Zwillingsschwester Berns, doch selten in Liebe mit ihr eins. Die beiden Städte hatten es zusammen wie zwei leibliche Zwillingsschwestern, die, wie ähnlich sie sich auch sehen, sich doch schon kratzen an der Mutter Brust und ihr Lebtag sich dieses Kratzen nicht vergessen können, wie einig sie zuweilen auch scheinen.

Sie wanderten des andern Morgens ziemlich schweigsam ihre Straße. Erstlich macht die Kälte nicht beredt, zweitens sprach Johann, so hieß der Ältere, spärlich des Morgens, erst wenn es dunkelte, ward er beredt, er war eins von den Geschöpfen, auf welche erst die Finsternis belebend wirkt, drittens war es Jakob doch etwas seltsam zumut, nicht bloß weil er gegen die Jesuiten anrückte, mit jedem Schritte ihnen näher kam, näher der unheimlichen Macht, die ist wie der Wind, von der man nicht weiß, woher sie kömmt, wohin sie fährt, die aber mächtig ist, und deren erkaltend Wehen erstarrend durch alle Glieder fährt, sondern weil ihm die Ungewißheit, was er morgen sein werde, Katholik, Pietist, Separatist oder gar ein Jude, im Fall der Kurs des Glaubens steigen sollte, doch gar so unheimlich vorkam. Der Gedanke war seiner ehrlichen deutschen Natur gar zu neu und fremd, daß er jeden Augenblick zu einem ganz andern geraten könnte, daß der Mensch eigentlich nichts sei als ein Schauspieler, der immer die Rolle spiele, bei welcher das meiste und beste Brot sei, und diese Rollen ohne alle Bedenklichkeit und Gewissensbisse jeden Augenblick wechseln könne, nur nie dumm, das heißt ohne Vorteil. Das Ding, obgleich er dem Johann vollkommen recht gab und »Ja, ja« sagte, so streng er konnte, daß der Mensch nichts Festes, keinen Kern in sich habe, nichts Bleibendes, die Oberfläche eigentlich die Hauptsache sei und von der Stellung dieser Oberfläche zur Welt es abhänge, welchen Schein der Mensch von sich werfe, heute einen katholischen, morgen einen jüdischen, übermorgen einen nagelneu katholischen, daß der Mensch eigentlich nichts als ein gläsern Prisma sei, das in allen Farben schillere, je nachdem es sich drehe oder gedreht werde, das wollte dem guten Jakob nicht ins Mark hinein. Freilich drückte er die Sache nicht so aus, und recht klar ins Bewußtsein trat sie ihm ebenfalls nicht, aber unheimlich ward es ihm, und unheimlich muß es wirklich jedem Menschen werden, der nach etwas Bleibendem und Festem trachtet und meint, daß man sich hierfür vorbilden solle, wenn er hört und glauben soll, das Leben sei nichts als eine Schauspielerei, das Höchste im Menschenleben die Kunst, in allen Regenbogenfarben zu schillern und jedesmal in derjenigen, welche am meisten Mode ist, am teuersten bezahlt wird, der Kern im Menschen sei nicht der Glaube an den großen Gott und unsere ewige Natur, sondern ein hohler Unglaube oder der Glaube an ein ewiges Nichts, an ein flüchtiges Erscheinen, das Leugnen alles wahren Seins.


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